True Detective 2x02

True Detective 2x02

Mit Night Finds You findet True Detective beinahe wieder zu alter Stärke zurück. Pizzolattos Dialoge sind ausgefeilter als noch in der Auftaktepisode, die Darsteller fühlen sich damit sichtlich wohler. Die Verstrickungen im Korruptionssumpf Vinci werden offensichtlicher.

Ray Velcoro (Colin Farrell) allein auf weiter Flur / (c) HBO
Ray Velcoro (Colin Farrell) allein auf weiter Flur / (c) HBO

Was in The Western Book of the Dead, dem Auftakt der zweiten Staffel von True Detective, bisweilen noch zu aufgesetzt und gewollt mysteriös daherkam, funktioniert in der neuen Episode Night Finds You besser. Es bleibt offensichtlich, dass Serienschöpfer Nic Pizzolatto keinen philosophisch-mythologisch angehauchten Überbau mehr haben will. Dies ist eine größtenteils geradlinig erzählte Kriminalgeschichte. Die Virtuosität des Dialogs aber bleibt.

Remain unfettered

In der ersten Episode wirkte dieser manchmal hölzern, etwa, wenn Frank Semyon (Vince Vaughn) einem Untergebenen den folgenden Rat gab: „Never do anything out of hunger. Not even eating.“ Oder wenn der korrupte Cop Ray Velcoro (Colin Farrell) über sich selbst sagte: „I welcome judgment.“ Die zweite Episode ist nun nicht völlig frei von solch prätentiös anmutenden Dialogzeilen („I had a right, by any natural law.“), wirkt aber trotzdem weniger bedeutungsschwanger, weil die Figuren, die sie aussprechen, besser ausgeleuchtet werden.

Zu Beginn gibt Frank beispielsweise seiner Ehefrau Jordan (Kelly Reilly) einen seltenen Einblick in sein Seelenleben und die Gründe, warum dieses so gequält ist. Er erzählt eine Geschichte aus seiner Kindheit, als er von seinem alkoholabhängigen Vater tagelang im Keller eingesperrt und sogar von Ratten angenagt wurde. Er kommt überhaupt erst darauf, weil er sich Gedanken über sein Erbe macht, schließlich müsse es ja irgendetwas geben, wofür er das alles mache: „Something's telling me to wake up. Like I'm not real. Like I'm only dreaming.

Bevor sich Frank aber weiter metaphysischen Fragen widmen und seine Figur ausarbeiten kann, muss er sich ganz praktischen Problemen stellen. Er findet nämlich heraus, dass der brutal ermordete Stadtmanager Caspere einen von ihm erteilten Auftrag nicht weisungsgemäß ausgeführt hat. Nun steht er vor dem finanziellen Ruin. Für den Deal, der ihn in die Legitimität katapultieren sollte, hat er Caspere sein gesamtes Vermögen anvertraut. Er muss es also wiederfinden - und sieht sich zum ersten Mal in einer Position, in der er den Strafverfolgungsbehörden gerne die Arbeit erleichtern würde.

Gleichzeitig muss er seine fortlaufenden Abhängigkeiten mit alten Seilschaften begleichen. Im Rathaus von Vinci scheint die Korruption so alltäglich zu sein, dass Semyon mit einem Geldumschlag einfach zur Eingangstür reinspazieren kann, ohne dass sich jemand darüber wundert. Von Bürgermeister Chessani (Vinicius Machado) wird er deshalb zwar halbherzig ermahnt, im nächsten Atemzug jedoch gewarnt, ja nicht wieder mit weniger als der vereinbarten Bestechungssumme aufzutauchen.

Innuendo is nobody's friend

Der Weg zum rechtschaffenen Geschäftsmann führt für Frank nun einerseits zurück zu alten Gewohnheiten, andererseits versucht er, seinen Handlanger Ray zur Erledigung dessen eigentlichen Jobs zu überreden. Plötzlich braucht er einen polizeilichen Ermittlungserfolg. Ray hat sich indes noch nicht wirklich entschieden, ob er Teil der Austrocknung des Korruptionssumpfes in Vinci sein oder doch lieber weiter im Strudel aus Selbstmitleid und -hass versinken will. Ein starker Anreiz für ersteres könnte die Ankündigung seiner Exfrau (gespielt von der famosen Abigail Spencer aus Rectify) sein, das alleinige Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn (der vielleicht gar nicht seiner ist) zu beantragen.

Während dieser Konfrontation bekommen wir Gewissheit darüber, dass Ray tatsächlich den Vergewaltiger seiner Exfrau (der vielleicht auch der Vater von Chad ist) getötet und mit Semyons Hilfe verscharrt hat. Hieraus ergeben sich mehrere Abhängigkeiten: Frank könnte über Rays Schuld auspacken, während Ray von seiner Exfrau immer noch Dankbarkeit für den Racheakt einfordert. Wie man es auch dreht und wendet - am Ende ist Ray der Verlierer. So fällt es denn auch nicht schwer, zu verstehen, warum er bei der Aufklärung des Mordfalls keine große Eile verspürt.

Einen Hinweis bekommen wir indes darauf, dass er es mit der Ermittlungsarbeit doch ernst meinen könnte. Gegenüber seiner neuen Partnerin Ani Bezzerides (Rachel McAdams) lässt er anklingen, dass eine lupenreine Aufklärung nicht im Interesse der städtischen Entscheidungsträger ist. Sie zieht daraus sogleich die richtigen Schlüsse: „How compromised are you?

Überhaupt hat mir das Zusammenspiel der beiden ausgesprochen gut gefallen. Ihre Unterhaltungen im Auto erhellen nicht nur Stadtgeschichte und sozioökonomische Realitäten von Vinci, sondern referenzieren auch die vielen hervorragenden Autoszenen zwischen Rust Cohle und Marty Hart aus der ersten Staffel. Ein amüsanter Unterschied dabei: Ani raucht E-Zigarette, was Ray gutheißt, obwohl er es selbst nicht in Erwägung ziehen würde: „Maybe it's just a little too close to sucking a robot's dick.

Das ist witzig und deutet zudem an, dass Pizzolatto nicht nur düster, ernst und verschwörerisch kann. Aber keine Sorge: Fans dieses speziellen Markenzeichens kommen auch in Night Finds You voll auf ihre Kosten. Wir erfahren mehr darüber, wieso Ani beziehungsunfähig ist und - wie beinahe jede Figur - ein Alkoholproblem hat. Sie ist in einer Kommune namens „The Good People“ aufgewachsen, die von ihrem Vater geleitet wurde. Heute ist sie das einzige der Kinder, das ein halbwegs vernünftiges Leben führt beziehungsweise überhaupt noch am Leben ist.

Who the fuck am I supposed to be?

Auch über die psychische Konstitution von Paul Woodrugh (Taylor Kitsch) erfahren wir mehr. Zu seiner Mutter pflegt er eine ungesunde Beziehung, was sich unübersehbar auf sein eigenes Beziehungsleben auswirkt. Seine Freundin Emily (Adria Arjona) sieht schließlich keine Möglichkeit, mit ihm zusammenzubleiben, weil er sie einfach nicht an seinem aufgewühlten Seelenleben teilhaben lassen will. Dann ist er wieder alleine. Vielleicht bevorzugt er das ja - alleine sein und Motorrad fahren.

Die Episode endet mit einem überraschenden Knall. Ray durchsucht alleine das Zweithaus von Caspere. Er findet eine Blutlache, Sexspielzeug und Aufnahmeausrüstung. Bevor er sich einen Reim darauf machen kann, tritt jedoch ein im Rabenkostüm bekleideter Unbekannter aus dem Schatten und schießt mit einer Pumpgun auf ihn. Um sicherzugehen, dass Ray nicht überlebt, schießt er ihm noch einmal in den Bauch (um ganz sicherzugehen, hätte er ihm wohl in den Kopf schießen müssen).

Kann das sein? Kann eine Hauptfigur nach nur zwei Episoden wirklich sterben? Ich kann es mir kaum vorstellen. Es wäre jedenfalls eine faustdicke Überraschung. Und es wäre sehr schade, denn, wo der Charakter anfänglich noch in einer monochromatischen Figurenzeichnung feststeckte, entwickelten sich hier erste feinere Nuancen. Das gilt übrigens auch für Bezzerides und Semyon, die sich ebenfalls aus der Holzschnittartigkeit befreien können. Die Dialoge werden dadurch fast automatisch besser, die filmische Umsetzung befindet sich schon auf dem Niveau der ersten Staffel. So kann es gerne weitergehen - nach einem etwas holprigen Start findet True Detective zurück in die Spur.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 29. Juni 2015

True Detective 2x02 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 2
(True Detective 2x02)
Deutscher Titel der Episode
Die Nacht findet dich
Titel der Episode im Original
Night Finds You
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 28. Juni 2015 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 12. September 2015
Autor
Nic Pizzolatto
Regisseur
Justin Lin

Schauspieler in der Episode True Detective 2x02

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?