True Detective 2x01

Der HBO-Überraschungshit des letzten Jahres, True Detective, war von Beginn an als Anthologieserie angelegt. Anders hätten wohl auch nicht solch große Namen wie Matthew McConaughey und Woody Harrelson als Hauptdarsteller gewonnen werden können. Dank ihrer grandiosen Leistung und dem herausragenden Erfolg der Serie dürfte die Bewerberliste für die zweite Staffel sehr lang gewesen sein. Den Zuschlag erhielten schließlich vier bekannte Gesichter: Colin Farrell, Vince Vaughn, Rachel McAdams und Taylor Kitsch.
Final age of man
So überschwänglich die ersten vier Episoden der ersten Staffel auch aufgenommen wurden, so heftig war die Kritik an den abschließenden vier. Vor allem das Finale konnte nicht die Erwartungen erfüllen, die Drehbuchautor Nic Pizzolatto mit seiner Mischung aus Charakterdrama, Kapitalismuskritik, Südstaatenästhetik und Mystik heraufbeschworen hatte. Die Auftaktepisode der neuen Staffel, The Western Book of the Dead, offenbart nun sehr zügig, welche Schlüsse Pizzolatto aus dieser Kritik gezogen hat. Manche Aspekte sind auffallend unterschiedlich ausgearbeitet, andere lassen sofort erkennen, dass es sich hier um True Detective handelt.
Die langen Kamerafahrten aus der Vogelperspektive, die zuvor die Sumpflandschaften Louisianas abgefilmt hatten, bringen uns nun Los Angeles von oben näher. Die Atmosphäre ist ähnlich düster, die Charaktere ebenso zerbrochen - vielleicht sogar noch etwas kaputter als Marty Hart und Rust Cohle. Die laute Kritik am Portrait weiblicher Figuren hat sich Pizzolatto hingegen offensichtlich zu Herzen genommen. Zum einen steht mit Ani Bezzerides (McAdams) eine Frau im Zentrum der Geschichte, zum anderen sucht man in der Auftaktepisode vergeblich nach nackter Haut, die uns nur um ihrer selbst willen ins Gesicht geschleudert wird.
Überdies sind die Dialoge nicht mehr so verschnörkelt und von philosophisch-existentialistischer Gravitas durchzogen. Sie waren ein zentrales Qualitätsmerkmal der ersten Staffel (jedenfalls für diejenigen Zuschauer, die sie nicht als aufgesetzt und prätentiös empfanden), trugen aber auch dazu bei, dass Erwartungen aufgebaut wurden, die kaum zu erfüllen waren. Pizzolattos Ambitionen scheinen zwar sofort auch in der zweiten Staffel durch, kommen aber deutlich eingehegt daher. Vielleicht liegt es auch daran, dass manche Figurenzeichnung am Rande ihrer eigenen Karikatur wandelt.

Eines steht schnell fest: Ray Velcoro (Farrell) hinkt Rust Cohle in Sachen Nihilismus in nichts nach. Er ist ein korrupter Bulle in der fiktiven kalifornischen Kleinstadt Vinci, der sich vor Jahren auf einen dunklen Pfad begeben hat und seitdem immer tiefer im Morast aus Korruption, Depression und Alkohol versinkt. Mit einer Anwältin kämpft er um mehr Besuchszeiten seines Sohnes, der vielleicht gar nicht sein Sohn ist. Seine Exfrau wurde nämlich neun Monate vor dessen Geburt vergewaltigt. Gegen einen Vaterschaftstest wehrt sich Ray: „My son is my son.“
I welcome judgment
Weil die Polizei den Täter nicht ausfindig machen konnte, wandte sich Ray damals an Frank Semyon (Vince Vaughn), einen zu dem Zeitpunkt noch kleineren, heute aber mächtigen Gangsterboss. Er lieferte ihm den Vergewaltiger aus, seitdem hat er Ray in der Tasche. Mit der verstümmelten Leiche, die am Ende der Auftaktepisode gefunden wird, könnte sich das Blatt aber wenden. Frank wird wohl zum ersten Mal von Ray verlangen, dass dieser einen Mordfall löst - und die Ermittlungen nicht etwa verschleppt und verzögert.
Semyon beabsichtigt, der Illegalität den Rücken zu kehren. Dazu hat er einen milliardenschweren Deal eingefädelt, der ihn zu einem anerkannten Immobilien- und Infrastrukturinvestor machen soll. Die Regierung Kaliforniens steht kurz vor der Verabschiedung eines Gesetzes zum Bau einer neuen Hochgeschwindigkeitszugstrecke. Diese würde neue Entwicklungsprojekte nach Vinci bringen, was wiederum mehrere hundert Millionen an staatlichen Fördergeldern in die Hände der Investoren spülen würde. Also lobbyiert Frank bei Bürgermeister Austin Chessani (Vinicius Machado) und seinem potentiellen Investitionspartner Osip Agronov (Timothy V. Murphy).
Sein größtes Problem: Stadtplanungsleiter Ben Caspere, bei dem alle Projektfäden zusammenlaufen, ist seit zwei Tagen nicht aufzufinden. Erst am Ende der Episode wird zur Gewissheit, was wir bis dahin nur erahnen können. Die in einem Cadillac durch die Außenbezirke von Los Angeles kutschierte Leiche ist die von Caspere. Entdeckt hat sie Paul Woodrugh (Kitsch), ein Verkehrspolizist, der soeben suspendiert wurde, weil er sich auf einen Sexdeal mit einem unter Hausarrest stehenden Starlet eingelassen hatte. Außerdem sorgt seine Vergangenheit als Mitglied einer Söldnertruppe namens Black Mountain für Unmut bei Kollegen und Vorgesetzten.

Am Leichenfundort treffen mit Ausnahme von Frank Semyon schließlich sämtliche Hauptfiguren aufeinander. Ani Bezzerides wird in ihrer Funktion als Sheriff hinzugezogen. Sie blickt auf eine schwierige Familiengeschichte zurück, die ihren Vater zum Anführer eines ominösen Kults (des „Panticapaeum-Instituts“) und ihre Schwester Athena (Leven Rambin) zur Prostituierten gemacht hat. Sie selbst verbringt ihre Abende mit Alkohol und Glücksspiel, statt sich auf eine Beziehung mit ihrem Kollegen Steve (Riley Smith) einzulassen.
Never do anything out of hunger
Allein an der Beschreibung der Hauptfiguren lässt sich ablesen, dass auch diese neue Welt vor gebrochenen Gestalten nur so wimmelt. Velcoro will eigentlich mehr Zeit mit seinem Jungen verbringen, was man ihm auch glaubt, bis er sein etwas dickliches Kind als „fat pussy“ bezeichnet und körperlich angreift. Es ist wahrlich schwierig, eine Beziehung zu einem solch verabscheuungswürdigen Charakter aufzubauen, was einem durch manche seiner Dialogzeilen nicht unbedingt einfacher gemacht wird. Den Vater des Jungen, der seinen Sohn hänselt, schlägt er schließlich mit einem Schlagring krankenhausreif - vor den Augen des Jungen. Als wäre das noch nicht genug, raunt er ihm mit wahnsinnigem Blick zu: „I'll come back and buttfuck your father with your mom's headless corpse on this lawn.“
Kaum vorstellbar, mit einer solchen Figur jemals warm zu werden. Ähnlich verhält es sich in der Auftaktepisode mit Paul Woodrugh, der nicht viel mehr macht, als sich selbst zu betrauern. Seine Freundin versucht, ihn irgendwie einzufangen, scheitert damit aber vorerst: „I need to do something, I need to work.“ Den meisten Zugang bieten derzeit Ani Bezzerides und tatsächlich Frank Semyon, den Vaughn als ehrlich an der Überwindung seiner dunklen Vergangenheit Interessierten spielt.
Allzu groß ist das cineastische Werk von Serienschöpfer Nic Pizzolatto noch nicht, eines lässt sich aber jetzt schon festhalten: Subtilität gehört nicht zu seinem Modus Operandi. Hier lässt er doch tatsächlich eine Sängerin in der von Ray frequentierten Bar folgende Textzeile vortragen: „This is my least favourite life.“ Das mag etwas plump erscheinen, trägt aber viel zur Schaffung dieser ganz besonderen Stimmung dieser ganz besonderen Serie bei. Die Geschichte der neuen Staffel kündigt sich im Auftakt geradliniger an, weniger mysterienbehangen. Pizzolatto lässt sich sogar zu einem selbstreferentiellen Gag hinreißen. Semyon erfährt von einem achtteiligen Zeitungsartikel über institutionelle Korruption in Vinci. Seine Reaktion: „What the fuck? An eight-part series?“
Dank der hinreißenden audiovisuellen Umsetzung (der Abschlusssong ist von Nick Cave und heißt „All the Gold in California“) wissen wir ab der ersten Sekunde des tollen neuen Vorspanns, dass wir uns im True Detective-Universum befinden. The Western Book of the Dead ist eine sehr ordentliche Auftaktepisode.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 22. Juni 2015True Detective 2x01 Trailer
(True Detective 2x01)
Schauspieler in der Episode True Detective 2x01
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