True Detective 1x08

True Detective 1x08

True Detective verabschiedet sich in seinem Finale von dem Mythos des Yellow King, von Carcosa und dem Narbengesicht. Gleichzeitig wirft die Serie neue Fragen auf: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es ein Leben außerhalb der physischen Existenz?

Bei diesen Bildern könnte man glauben, Zeit sei wirklich ein flacher Kreis. / (c) HBO
Bei diesen Bildern könnte man glauben, Zeit sei wirklich ein flacher Kreis. / (c) HBO

Ganz am Ende von Form and Void, dem Finale der ersten Staffel von True Detective, da reduziert Rust Cohle (Matthew McConaughey) seine Philosophie auf eine einfache Erkenntnis: „It's just one story. The oldest. (...) Light versus dark.“ Und Cohle, der gerade einen Messerstich mitten im Magen überlebt hat, offenbart eine große persönliche Entwicklung in den letzten Worten, die wir jemals von diesem Charakter hören werden: „Once there was only dark. If you ask me, the light's winning.

Now, take off your mask

Diese Worte bilden ein überraschendes Ende. Ein Ende, mit dem kaum jemand gerechnet hat. Während das Internet zuvor also mit seinem ungezügelten Spekulationseifer einige treffende Vorhersagen gemacht hat (etwa die Identität des „Yellow King“), gelang es Serienschöpfer Nic Pizzolatto, sämtliche Prophezeiungen zu übertrumpfen. Das Ende und der vorangestellte Epilog sind zutiefst zufriedenstellend und machen eine erste Hälfte der Episode wett, die den „Pulp“-Kern der Serie allzu freudig umarmte.

Form and Void beginnt mit einer Kamerafahrt des völlig verwahrlosten und verramschten Anwesens der Familie Childress. Hier wohnen Errol (Glenn Fleshler) und seine Liebhaberin (und Halbschwester!) Betty (Ann Dowd). Das Haus ist vollgestopft mit Puppen, stinkenden Laken (in denen wohl die verschleppten Mädchen nächtigen mussten) und allerlei Abfall. In einer mit bekannten Zeichnungen bemalten Hütte ist Errols Vater aufgebahrt. Wenn Betty von Errol berührt werden will, fragt sie ihn: „You want to make flowers today?

Er gibt dann in bester Rust-Cohle-Manier zurück: „I have very important work today. My ascension removes me from the disc in the loop. I'm near final stage. Some mornings, I can see the infernal plane.“ Der Unterschied zwischen ihm und Rust Cohle - und das erkennen wir erst am Ende der Episode: Er ist im Loop gefangen, für ihn ist Zeit tatsächlich ein flacher Kreis. Illustriert wird dies durch eine Szene, in der Errol die Wand eines Schulgebäudes streicht und es kaum schafft, seinen Blick von den im Pausenhof spielenden Kindern abzuwenden.

Errol (Glenn Fleshler; r.); der Yellow King; und seine Mätresse Betty (Ann Dowd). © HBO
Errol (Glenn Fleshler; r.); der Yellow King; und seine Mätresse Betty (Ann Dowd). © HBO

Der uninteressanteste Teil der Episode ist die Spurensuche der beiden ehemaligen Ermittler Cohle und Hart (Woody Harrelson) - in Analogie zur sechsten Episode, Haunted Houses, sind dies die schwächsten Momente der Serie. Ihre Geisel Steve Geraci (Michael Harney) stellt sich als keine große Hilfe heraus. True Detective evoziert hier in sehr amüsanter Weise das Serienfinale von Breaking Bad. Rust Cohle ist jedoch ein größerer bad ass als Walter White: Er lässt seinen Kumpel mit echten Kugeln schießen.

Everybody has a choice

Das Staffelfinale enthält auffällig viele warme, humorvolle Szenen. Marty und Rust unterhalten sich im Wagen über vergangene Ereignisse. Sie sprechen über ihren wilden Faustkampf, über Rust und Maggie (Michelle Monaghan), über die menschliche Konstitution im Allgemeinen. Im Krankenhaus besucht Marty den erst kürzlich aus dem Koma erwachten Rust, der sogleich wieder in seine Rolle als arrogantes Arschloch findet: „Were you watching me sleep?“ Nach einem kurzen, nichtssagenden Austausch verabschiedet sich Marty, beide zeigen sich den Mittelfinger - wie in der Szene in Haunted Houses, in der Rust seinen Job hinschmeißt. Marty meint es daraufhin nur halb ironisch, wenn er sagt: „Don't ever change, man.

Doch vielmehr als damals ist hier klar, dass die beiden Freunde sind. Schließlich schweißt ein Erlebnis, wie die beiden es zusammen in Carcosa hatten, lebenslang zusammen. Als die beiden am verwilderten Anwesen der Familie Childress ankommen, merkt Rust sofort, dass sie in der postapokalyptischen Einöde, dem Exil des Yellow King, angekommen sind: „Marty. This is the place.“ Ohne Verstärkung machen sie sich auf die Suche nach dem grünohrigen Narbengesicht Errol, der in einem riesigen, burgartigen Labyrinth Zuflucht sucht.

Weil sich Marty um das Haus und Betty kümmert (und dort nur wenig zufriedenstellende Antworten erhält: „All around us. Before you were born. And after you die.“), wagt sich Rust alleine in das mit den bekannten Vogelfallen verzierte Gemäuer. Darin erwartet ihn ein Verlies des Horrors: Überall mysteriöse Astkonstruktionen, lebensgroße Puppen (oder gar mumifizierte Kinderleichen?), Berge von Mädchenkleidern. Er hört die Stimme von Errol, der ihm verkündet, dass er sich nun in Carcosa befinde: „You know what they did to me? What I will do to all the sons and daughters of man.

Marty Hart (Woody Harrelson) schafft es am Ende; sein eigenes Ich zu überwinden. © HBO
Marty Hart (Woody Harrelson) schafft es am Ende; sein eigenes Ich zu überwinden. © HBO

Als Rust eine Art Silo erreicht und einen Thron aus Ästen und Geweihen entdeckt, setzen seine altbekannten Halluzinationen ein (oder war gar Errols Stimme schon eine solche?). Errol nutzt Cohles kurzzeitige Verwirrung zum Angriff und rammt ihm ein Messer in den Bauch. Marty befindet sich da schon in den Fluren des Labyrinths und eilt zur Rettung, die ersten beiden Schüsse in Errols Rücken halten diesen jedoch nicht auf. Kurze Zeit später hat Marty einen Hammer in der Brust stecken und scheint überwältigt. Mit letzter Kraft erledigt Rust den Yellow King jedoch mit einem Kopfschuss.

Come die with me, little prince

Ich habe in den Reviews zu vergangenen Episoden die optische Umsetzung von True Detective bereits ausführlich belobigt. Das Setdesign dieser letzten Episode sprengt jedoch alle Lobeskategorien und katapultiert die Serie in eine ganz eigene Liga. Allein durch die furchteinflößenden Artefakte, Memorabilia und Konstruktionen wird hier eine zutiefst düstere und unvergleichlich dichte Atmosphäre der Angst erschaffen. Nicht einmal in meinen dunkelsten Vorstellungen habe ich mir Carcosa als einen solch entsetzlichen Ort vorgestellt. Während der Yellow King und seine Mätresse etwas zu sehr ins Karikaturenhafte abgleiten, wirkt die Konstruktion dieses mythenumwobenen Ortes sehr organisch.

Nach dem Eintreffen der Polizei werden wir vorerst im Ungewissen gelassen, ob Cohle den Messerangriff überlebt hat. Papania (Tory Kittles) und Gilbough (Michael Potts) stehen an Martys Krankenbett und wollen ihn über den weiteren Verlauf der Nachforschungen rund um das Childress-Anwesen aufklären, doch er wiegelt nur ab. Ihn interessiert vielmehr, wie es dem im Koma liegenden Rust geht. Vor allem aber freut er sich über alle Maßen darüber, dass seine Familie zu Besuch kommt.

Hier zeigt Marty vielleicht zum ersten Mal in der Serie wahre Emotionen. Log er früher sowohl seine Familie als auch die beiden befragenden Ermittler an, schafft er es nun nicht mehr, seine Gefühle unter Verschluss zu halten. Er behauptet gegenüber den Menschen, die er wohl am meisten liebt, dass es ihm gut gehe. Doch dies ist nur eine weitere Lüge, die sofort danach enttarnt wird, weil Marty in Tränen ausbricht. Rust Cohle ist nicht der einzige, der sich im Laufe von 17 Jahren verändert hat - auch Marty ist zu einem reiferen Mann geworden.

Rust Cohle (Matthew McConaughey) in Carcosa © HBO
Rust Cohle (Matthew McConaughey) in Carcosa © HBO

Nachdem eine Nachrichtensendung ihre Zuschauer darüber aufgeklärt hat, dass ein Pädophilenring ausgehoben und der Verdacht gegen die Familie des Gouverneurs Tuttle fallengelassen wurde, fährt die Kamera des begnadeten Kinematografen Adam Arkapaw ein letztes Mal die Tatorte ab: Carcosa, das Anwesen von Reggie Ledoux und DeWall, die Fundorte weiterer Mädchenleichen und schließlich der Baum, unter dem die Leiche von Dora Lange aufgebahrt war.

We didn't get them all

Die Serie kehrt wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück, sie bemüht sogar die gleichen Bilder. Und trotzdem findet Rust Cohles These von der Zeit als flacher Kreis keine Bestätigung - zumindest, was die beiden Protagonisten betrifft. Nach den Kamerafahrten entlässt uns True Detective nämlich nicht in den Abspann, sondern widmet sich noch einmal den beiden Freunden. Marty besucht Rust im Krankenhaus, er bringt ihm eine Packung seiner liebsten Zigarettenmarke mit - in Geschenkpapier und Schleife verpackt. Rust wundert sich: „Are we getting engaged?

Dann wird er jedoch todernst und trägt einen emotionalen Monolog vor, der von Pizzolatto so fantastisch geschrieben ist, dass ich ihn hier in (fast) voller Länge zitieren will: „I shouldn't even be here. (...) There was a vague awareness in the dark. I could feel my definitions fading. And beneath that darkness there was another kind. It was a deeper form, like a substance. I could feel, man. And I knew. I knew my daughter waited for me there. So clear. I could feel her. (...) I was part of everything that I ever loved. And we were all - the three of us - just fading out. And all I had to do was let go. And I did. I said: ,Darkness? Yeah.' And I disappeared. But I could still feel her love there. Even more than before. Nothing but that love. Then I woke up.

Rust Cohle ist also nicht (mehr) der gefühllose Atheist, als der er sich stets ausgab. Er offeriert ein zutiefst menschliches Verständnis der menschlichen Natur, der Philosophie des Menschen, seiner immerwährenden Hoffnung auf ein Leben, welches das Verständnis und die Aufnahmefähigkeit seines Denkens und Fühlens transzendiert. Gleichzeitig offenbart die ganze Serie, dass sie nicht nur intelligent sein und gut aussehen kann. In ihr pocht auch ein großes, blutendes Herz. True Detective findet so zu seinem bestmöglichen Ende. Wohin Marty Hart und Rust Cohle jetzt gehen? Wir wissen es nicht. Und das ist auch gut so.

Once there was only dark. If you ask me, the light's winning.

HBO-Video zum Ende der 1. Staffel von ,True Detective'

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 10. März 2014

True Detective 1x08 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 8
(True Detective 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Form und Leere
Titel der Episode im Original
Form and Void
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 9. März 2014 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 5. Juni 2014
Autoren
Nic Pizzolatto, Nic Pizzolatto
Regisseur
Cary Fukunaga

Schauspieler in der Episode True Detective 1x08

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