True Detective 1x07

Die neue HBO-Dramaserie True Detective hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie zwei Figuren in den Mittelpunkt ihrer Handlung stellt. Dies führte dazu, dass wir dank der Besetzung dieser beiden Protagonisten mit den Ausnahmeschauspielern Woody Harrelson und Matthew McConaughey einige der besten Darstellungen erleben durften, die in den letzten Jahren im Fernsehen dargeboten wurden - es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, McConaughey habe seiner Rolle als Rust Cohle den diesjährigen Oscargewinn zu verdanken.
Go to work, go home
Weiterhin zog die starke Fokussierung auf diese beiden dominanten Figuren eine Diskussion nach sich, die in den unendlichen Weiten des Internet immer noch tobt. Zollt die Serie ihren weiblichen Figuren genügend Aufmerksamkeit und Respekt? Oder werden diese hier nur als Opfer und berechnende Schlampen porträtiert? Jeder Zuschauer sollte sich dazu eine eigene Meinung bilden, zu diesem Zeitpunkt kann jedoch festgehalten werden, dass der Vorwurf der Misogynie ein reichlich übertriebener ist. Bestätigung erhalten wir dafür beispielsweise in der neuen Episode After You've Gone.
Darin werden einige Annahmen revidiert, zu denen wir als Zuschauer mit unvollständiger Information veranlasst wurden. Zum einen wird das Bild von Marty Hart korrigiert, nach welchem er als gefühlskaltes Arschloch porträtiert wurde, das es nicht schafft, für seine eigene Familie Empathie aufzubringen. Nachdem er zugestimmt hat, seinem ehemaligen Partner Rust Cohle auf der Suche nach dem wahren Yellow King und seinen Anhängern behilflich zu sein, besucht er zum ersten Mal nach zwei Jahren seine Exfrau Maggie (Michelle Monaghan).
Er erkundigt sich nach seinen Töchtern, zu denen er keinen Kontakt zu haben scheint. Den beiden gehe es gut, auch wenn Audrey, die ältere, regelmäßig Psychopharmaka einnehmen müsse. Er erzählt Maggie, dass Rust wieder aufgetaucht sei und um seine Hilfe gebeten habe. Dabei bedankt er sich mehrmals bei Maggie dafür, dass sie die gemeinsamen Kinder so gut erzogen habe. Es ist seine Art des Abschieds und Maggie spürt das gleich. Doch auf ihr Nachfragen wiederholt Marty nur noch einmal seine Danksagung. Die Szene ist von beiden Darstellern herausragend gespielt. Nun, da sich die Rollen von McConaughey und Harrelson angenähert haben, bleibt endlich auch mehr Raum, um die fantastischen Darstellungen der übrigen Schauspieler hervorzuheben.

In After You've Gone wird weiterhin deutlich, dass Cohle in der Vernehmung mit Gilbough (Michael Potts) und Papania (Tory Kittles) die Rolle des am eigenen Weltschmerz zerbrochenen Nihilisten nur gespielt hat. Außerhalb des Verhörzimmers funktioniert Rust außergewöhnlich gut, sein Verstand ist auch nach einer knappen Dekade massiven Alkoholismus noch so messerscharf wie zuvor. Diese Enthüllung wirft jedoch auch ein Problem auf, das die neue Episode offenbart: Ohne die philosophischen Ausflüge seiner Protagonisten wird hier eine recht gewöhnliche Kriminalgeschichte erzählt.
A man remembers his debts
Das wird vor allem auch ersichtlich, als am Ende der vermeintliche Yellow King enthüllt wird. Noch wissen wir nicht sicher, ob der geistesschwache (auch nur eine Rolle?) Gärtner Errol (Glenn Fleshler) wirklich das „Spaghetti Monster“ aka „Tall Man“ aka Mann mit Narben ist - die letzte Einstellung der Episode war jedoch mehr als eindeutig. Nun erwarte ich von der Auflösung des Falles um das kriminelle Netzwerk der Kindesentführer, -vergewaltiger und -mörder eine Enttäuschung, eben weil die volle Konzentration der Serie den beiden Protagonisten galt. Und da nun klar ist, dass die ausschweifenden Reden von Rust Cohle eher der Verzerrung der Wirklichkeit denn zu deren Abbildung dienten, entzaubert dies den restlichen Verlauf der Geschichte weiter.
Die Serienmacher könnten natürlich eine völlig überraschende Wendung aus der Drehbuchtrickkiste zaubern, was für mich jedoch einer noch größeren Enttäuschung gleichkäme. Je länger ich darüber nachdenke, desto eher wünsche ich mir ein offenes Ende. Vielleicht eines, in dem die kriminellen Verwicklungen und Verschwörungen innerhalb diverser staatlicher Organisationen aufgedeckt würden, der Mythos um Carcosa und den „König in Gelb“ jedoch weiterhin intakt bliebe. Was der Serie indes überragend gelingt, ist die Aufrechterhaltung der Spannung bis zur Finalepisode. HBO-Serien sind ja durchaus dafür bekannt, in der vorletzten Episode das meiste Pulver zu verschießen (I'm looking at you, Game of Thrones!). Weil True Detective jedoch als Anthologieserie angelegt ist, kann sich Autor Nic Pizzolatto das Sahnestück bis zum Ende aufbewahren.
Wie die vorherige Episode, Haunted Houses, dient auch After You've Gone der Verbindung einiger wichtiger Wegmarken, die bisher keine Erwähnung fanden. Außerdem stellen Rust Cohle und Marty Hart fest, dass sie gar nicht so ungleich sind, wie sie in den vergangenen 17 Jahren angenommen hatten. Cohle hätte ein durchaus ähnliches Leben führen können wie Marty, wären ihm nicht schon früh diverse Schicksalsschläge zuteil geworden. Er selbst glaubt von sich, dass er einen guten Historiker oder Maler hätte abgeben können. Nach dem Verlust seiner Familie und seinem Abschied von der Polizei (nachdem er eine Babyleiche in einer Mikrowelle begutachten musste) kann indes auch Marty nicht behaupten, dass er ein erfülltes Leben führt. Seine private Sicherheitsfirma läuft mittelmäßig, zu Hause wartet Tiefkühlkost zum Abendessen und mit den Frauen läuft es auch nicht mehr so rund (eine Szene zeigt ihn sogar dabei, wie er sich Onlinedatingprofile ansieht).

Die beiden eint die Erkenntnis, dass sie einander brauchen, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu verleihen - oder, im Falle Cohles, um ein offenes Kapitel abzuschließen. Dafür ist er sogar bereit, den ultimativen Preis zu zahlen: „My life's been a circle of violence and degradation, as long as I can remember. I'm ready to tie it off.“ Er schafft es erst, Marty zu überzeugen, als er ihm das Video zeigt, das er beim Einbruch in eines der Häuser des Predigers Billy Tuttle gefunden hat. Darauf ist die junge Marie Fontenot zu sehen, in einem weißen Kleid, mit verbundenen Augen und einem Hirschgeweih auf dem Kopf. Sie wird von mehreren Männern mit Masken auf eine Bahre geschnallt und dann vermutlich von ihnen vergewaltigt (was wir nicht explizit sehen).
Death is not the end
Regisseur Cary Fukunaga setzt in diesen und anderen Szenen auf das bewährte Stilmittel, nur die Reaktionen der Protagonisten zu zeigen. Harrelson spielt auch hier herausragend. Marty Hart verschreibt sich fortan der Suche nach den wahren Mördern und Entführern von so vielen unschuldigen Opfern. Schließlich war er es, der mit seiner emotionalen Überreaktion und dem Mord an Reggie Ledoux weitere Ermittlungen verhindert hatte. Seine Verbindungen zu den alten Kollegen, die ihm immer noch wohlgesonnen sind, bringen ihn und Cohle wieder zurück auf die Spur der Entführer (und wohl auch Mörder) von Marie Fontenot.
Diese führt über mehrere Umwege zu ihrem ehemaligen Kollegen Steve Geraci (Michael Harney). Cohle geht von einer Verschwörung aus, die bis in die höchsten Reihen der Lokal- und Regionalpolitik und der Strafverfolgungsbehörden reicht. Deshalb müssen er und Hart zu rabiaten Methoden greifen, um diese aufzudecken und handfeste Beweise zu sammeln. Sie überwältigen Geraci auf Harts Boot und planen, notfalls mit Foltermethoden die Wahrheit über die Ritualmorde, Carcosa und den König in Gelb herauszufinden.
After You've Gone bereitet also den Boden für ein spannendes Finale der ersten Staffel, von dem ich absolut nicht weiß, was passieren könnte. Möglich ist indes vieles: Beide Protagonisten könnten sterben, es könnte eine überraschende Wendung geben, das Ende könnte offen bleiben. Zu diesem Zeitpunkt kann ich nicht mal sicher bestimmen, welches Ende mir am liebsten wäre. Ich hoffe nur inständig darauf, dass es nicht so geradlinig erzählt wird wie die vergangenen beiden Episoden, sondern zur philosophisch-verschwurbelten Erzählform der ersten fünf zurückkehrt. Dann findet eine herausragende erste Staffel ihren würdigen Abschluss.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 3. März 2014True Detective 1x07 Trailer
(True Detective 1x07)
Schauspieler in der Episode True Detective 1x07
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