True Detective 1x06

True Detective 1x06

In Haunted Houses lässt True Detective seine transzendenten Ausflüge vorerst hinter sich und widmet sich der Aufarbeitung diverser dramaturgischer Eckpunkte. Die Episode endet mit einem wenig spektakulären, dafür jedoch beinahe unerträglichen Cliffhanger.

Gilbough (Michael Potts, l.) und Papania (Tory Kittles) befragen Maggie (Michelle Monaghan) zu den Ereignissen von 2002. / (c) HBO
Gilbough (Michael Potts, l.) und Papania (Tory Kittles) befragen Maggie (Michelle Monaghan) zu den Ereignissen von 2002. / (c) HBO

Nachdem in The Secret Fate of All Life das Tor zum Übernatürlichen weit aufgestoßen wurde, nimmt sich Haunted Houses plötzlich wieder zurück und fungiert als Verbindungsstück der offenen Erzählstränge. Wir Zuschauer konnten uns vieles schon zusammenreimen, was in dieser Episode von True Detective gezeigt wurde, deswegen fühlte sie sich weniger bombastisch an als die letzten beiden. Trotzdem sorgte sie wieder einmal für emotional aufwühlende Momente, düstere Brutalität und die Erkenntnis, dass der Serie eine echte weibliche Hauptfigur guttun würde.

I can't live with it

Maggie Hart (Michelle Monaghan) bekommt zwar eine größere Rolle zugestanden, zum echten Charakter kann sie jedoch auch in Haunted Houses nicht avancieren. Vielmehr dient ihre Figur als weitere Möglichkeit für Woody Harrelson und Matthew McConaughey, ihr Ausnahmetalent unter Beweis zu stellen. Sowohl die Szenen zwischen Cohle (McConaughey) und Maggie als auch die zwischen den Eheleuten nach der Konfrontation über die erneute Untreue Martys sind brillant gespielt.

In einschlägigen Foren und Nachrichtenseiten wird derweil leidenschaftlich darüber gestritten, ob True Detective einen misogynen Ansatz verfolgt - oder ob die Serie in der ersten Staffel ganz einfach eine Geschichte von zwei männlichen Ermittlern ist, die nach (sehr wahrscheinlich) männlichen Mördern suchen. Ob die Abwesenheit einer starken weiblichen Hauptfigur nun Absicht war oder ein Nebenprodukt von Autor Nic Pizzolattos solipsistischer Weltsicht: Wir werden es wohl erst erfahren, wenn wir in einer neuen Staffel neue (weibliche) Figuren präsentiert bekommen.

Die Tatsache, dass Charaktere von True Detective, die nicht Hart oder Cohle heißen, wenig bis keine ausreichende Figurenzeichnung erhalten, lässt erahnen, dass hier bei vollem Bewusstsein eine Geschichte um zwei Charaktere gebaut wurde, die alleine genug Faszination entwickeln, um das Interesse der Zuschauer hochzuhalten. Im Übrigen glaube ich nicht, dass True Detective eine Serie „von Männern für Männer“ ist - sie ist vielmehr eine Studie zweier enorm interessanter Charaktere, die zwar in den Sümpfen Louisianas spielt, über die menschliche Konstitution jedoch ubiquitär gültige Aussagen trifft.

Cohle (Matthew McConaughey) bedankt sich auf seine Weise für die gemeinsame Arbeit mit Hart... © HBO
Cohle (Matthew McConaughey) bedankt sich auf seine Weise für die gemeinsame Arbeit mit Hart... © HBO

Die diversen Sexszenen erscheinen jedoch so, als seien sie nachträglich für zusätzlichen Schockwert ins Drehbuch geschrieben worden. Sie dienen keinem narrativen Zweck - außer einer Bestätigung für die beiden Hauptfiguren über ihre intakte Virilität. Marty Hart treibt seine Ehe in den Ruin, weil er den Avancen der früheren Prostituierten Beth (Lili Simmons) nicht widerstehen kann, vor allem, als sie ihn bittet, „to fuck me in my ass.“ Die vorherige Sexszene zwischen ihr und Marty sowie diejenige zwischen Cohle und Maggie wandeln haarscharf an der Grenze zur Exploitation.

The only nearness: Silence

Weil Maggie nach Martys neuerlichem Seitensprung Angst davor hat, dass sie den Mut verlieren und von Marty erneut zum Vergessen und Verzeihen überredet werden könnte, dreht sie den Spieß einfach um und lässt Marty gar keine Chance, als die Trennung selbst zu forcieren. Als sie 2012 zu Gilbough (Michael Potts) und Papania (Tory Kittles) gebeten wird, offenbart sie eine ähnlich düstere Weltsicht wie der ehemalige Partner ihres Exmanns: „(...) there is no such thing as forgiveness. (...) people just have short memories.“ Über Rust hat sie denn auch Besseres zu sagen als über Marty: „Rust was an intense man, but he had integrity. He was responsible. Not a lot of responsible people in the world.

Im Jahre 2002 konfrontiert Maggie ihren Ehemann damit, dass sie mit seinem Partner geschlafen habe. Die Erkenntnis führt zu einer wilden Prügelei und der ultimativen Entfremdung zwischen Hart und Cohle. Umso kraftvoller ist die letzte Szene der Episode, als Cohle im Jahre 2012 seinen ehemaligen Partner einholt und ihn zum Gespräch bittet. Die Kamera von Kinematograph Adam Arkapaw ist auf Cohles Pick-Up-Truck montiert, genau so, dass wir das kaputte Rücklicht sehen, das zehn Jahre zuvor von Marty zerstört wurde. Ich wäre beinahe vom Stuhl gefallen vor Aufregung, als die Szene in einen schwarzen Bildschirm überblendete und die Episode zu Ende war - meisterlich komponiert zu den Klängen von „Sign of the Judgement“ von Cassandra Wilson.

Haunted Houses ist also ein neuerlicher Stilbruch in dieser an solchen nicht armen neuen Serie. Außer kurzen Ausflügen ins Metaphysische („Without me, there is no you.“) widmet sich die Episode vor allem der stringenten Aufarbeitung bisher offener Plotelemente. Cohle kann im Jahre 2002 einfach nicht von seinem Anfangsverdacht gegen den Prediger Billy Lee Tuttle (Jay O. Sanders) lassen, dessen kirchlicher Organisation und dem damit verbundenen Wellspring Program, das eine Alternative anbot zum üblichen Curriculum öffentlicher Schulen.

...wofür sich Hart (Woody Harrelson) angemessen bedankt. © HBO
...wofür sich Hart (Woody Harrelson) angemessen bedankt. © HBO

Seine tiefe Verwicklung in den Fall löst bei Cohle altbekannte Probleme aus. Er greift wieder zur Flasche, entwickelt manische Obsessionen gegen die von ihm Verfolgten und schafft es nicht, berufliche Distanz zu wahren. Einer des Mordes an ihren Kindern Verdächtigten schlägt er vor: „If you could see the opportunity, you should kill yourself.“ Das passt natürlich sehr schön zu seiner Aussage, wonach es keine wirkliche Vergebung geben könne, sondern am Ende nur das Vergessen stehe. Cohle selbst scheint jedoch nicht fähig zum Vergessen - und schon gar nicht bereit für Vergebung: „Rust knew exactly who he was“, erzählt Maggie den beiden befragenden Ermittlern.

And human tampon here heard me

Entgegen den Anweisungen seines neuen Vorgesetzten Salter (Paul Ben-Victor) ermittelt Rust nun also alleine weiter. Er sucht Hinterbliebene von jungen Entführungs- oder Mordopfern auf, wobei ihm diese nicht wirklich wohlgesonnen sind. Wahrscheinlich wollen sie sich all die schmerzlichen Erinnerungen ersparen, die sie mit dem Verschwinden ihres Kindes verbinden. Auch stattet Cohle dem Mädchen einen Besuch ab, das er und Hart 1995 aus den Fängen von Reggie Ledoux und DeWall befreit haben. Kelly fristet seitdem ein tristes Dasein in der Psychiatrie. Als Rust sie zum Sprechen bringt, sind ihre Pflegerinnen ganz erstaunt: „The man with the scars was the worst. (...) The giant. He made me watch what he did to Billy.

Einen ersten belastbaren Hinweis bekommt Cohle indes vom ehemaligen Zeltprediger Joel Theriot (Shea Whigham). Der deutet den Ermittler wieder in Richtung der Kirchenorganisation von Billy Tuttle und dessen möglicher Verbindung zu Kinderpornographie und Kindesmissbrauch. Die mächtigen Verbündeten von Tuttle üben jedoch schnell entsprechenden politischen Druck auf Salter aus, wonach Cohle resigniert aufgibt: „Fuck this. Fuck this world, man.

Nun wissen wir, wie es zum Bruch zwischen den zentralen Protagonisten kam. Und trotzdem scheinen alle drei (inklusive Maggie) durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden zu sein. Als Hart seinen ehemaligen Partner belasten soll, weigert er sich strikt und bricht die Unterredung ab. Auch Maggie fungiert 2012 als unzuverlässige Erzählerin und versucht mit ihren Aussagen, Cohle und Hart zu decken. Ein wahrer Hoffnungsschimmer in dieser trostlosen Menschheitsstudie ist das erste Aufeinandertreffen von Hart und Cohle nach zehn Jahren. Bei der Unterredung blitzt sofort wieder die alte, kaum zu umschreibende gegenseitige Zuneigung auf, wenige - mit leichtem ironischen Unterton versehene - Worte genügen, um das alte Zusammenspiel zu reanimieren.

Eine der eher schwächeren Episoden von True Detective endet also mit dem bisher größten Cliffhanger der Serie: In den Erzählsträngen der Jahre 1995 und 2002 konnten wir uns jeweils schnell ausmalen, wie die Geschichte weitererzählt werden würde, schließlich kannten wir Cohle und Hart im Jahre 2012. Nun jedoch betreten die beiden gemeinsam neues erzählerisches Terrain. Die Spannung steigt!

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 24. Februar 2014
Episode
Staffel 1, Episode 6
(True Detective 1x06)
Deutscher Titel der Episode
Die Geister, die ich rief
Titel der Episode im Original
Haunted Houses
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 23. Februar 2014 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 22. Mai 2014
Autoren
Nic Pizzolatto, Nic Pizzolatto
Regisseur
Cary Fukunaga

Schauspieler in der Episode True Detective 1x06

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