True Detective 1x05

True Detective 1x05

Es wird kompliziert: Verschiedene Zeitebenen, unzuverlÀssige ErzÀhler und neue Hinweise und Verdachtsmomente machen aus True Detective ein dramaturgisches Labyrinth. Darin wimmelt es vor metaphysischem Diskurs, Mythenbildung und philosophischer UnschÀrfe.

Rust Cohle (Matthew McConaughey) an der „Tommy Gun“: „True Detective“ schaltet noch einen Gang hoch. / (c) HBO
Rust Cohle (Matthew McConaughey) an der „Tommy Gun“: „True Detective“ schaltet noch einen Gang hoch. / (c) HBO

The Secret Fate of All Life: Der Titel der neuen Episode der HBO-Dramaserie (oder gar Mysteryserie?) True Detective ist einer der vielen kruden Ansprachen des ehemaligen Mordermittlers Rust Cohle (Matthew McConaughey) aus dem Jahre 2012 entnommen. Darin bekrĂ€ftigt er erneut das Bild des vom eigenen Nihilismus Zerfressenen und sorgt gleichzeitig fĂŒr eine Repetition der wiederkehrenden Symboliken der Serie: „This is a world where nothing is solved. Where someone once told me time is a flat circle.

Everything outside of our dimension is eternity

Das Bild des sich selbst reproduzierenden Kreises wurde in der Serie selbst bereits zahllos reproduziert. Trotzdem lĂ€sst es sich Cohle - stellvertretend fĂŒr Autor Nic Pizzolatto - nicht nehmen, den aus seiner Sicht unausweichlichen Kreislauf menschlicher Existenz auseinanderzupflĂŒcken: „In eternity, where there is no time, nothing can grow, nothing can become. Nothing changes.“ FĂŒr ihn ist das Leben nichts anderes als ein immerwĂ€hrender Albtraum, wie er im folgenden Satz meisterhaft beschreibt: „You can't remember your lives. You can't change your lives. And that is the terrible and the secret fate of all life. You're trapped. In a nightmare you keep waking up into.

Nach seiner Auslegung ist das Leben ein einziger Traum, in den man jeden Tag aufs Neue durch das Aufwachen geworfen wird. Aber was sind nach seiner Diktion dann TrĂ€ume? Und der Schlaf? Sind dies die einzigen RĂŒckzugsrĂ€ume, die dem Mensch bleiben, um seiner kĂŒmmerlichen Existenz zu entfliehen? Schafft es Cohle deshalb, den Tag nur zu ĂŒberstehen, wenn er sich kurz nach der Auslieferung an dieses wiederkehrende Traum-Leben dem Rausch hingibt?

Das Traurige an Cohles nihilistischer Weltsicht ist indes, dass sie innerhalb der Seriendramaturgie ihre Entsprechung findet. Im Jahre 2012 finden die Ermittler eine Leiche, die Ă€hnlich drapiert und mit den gleichen Symbolen ausgestattet ist wie die von Dora Lange. Die Mordserie reproduziert sich selbst, der Lauf von Leben und Sterben wiederholt sich. Ob der wahre Mörder nun weiterhin auf freiem Fuß ist oder ob sich nur ein Trittbrettfahrer der Ledoux'schen Mordtechnik ermĂ€chtigt hat - wir wissen es nicht. Und selbst wenn wir es wĂŒssten: HĂ€tte es irgendeine Auswirkung auf den Lauf der Welt, auf den inhumanen Konstruktionsfehler der Menschheit?

Eine Szene; die bis ins Mark geht: Hart und Cohle bergen ein lebendes MĂ€dchen und eine Jungenleiche. © HBO
Eine Szene; die bis ins Mark geht: Hart und Cohle bergen ein lebendes MĂ€dchen und eine Jungenleiche. © HBO

Im aktuellen ErzĂ€hlstrang schaffen die beiden Ermittler Gilbough (Michael Potts) und Papania (Tory Kittles) es nicht mehr lĂ€nger, ihre Fassade aufrechtzuerhalten. Sowohl gegenĂŒber Rust als auch gegenĂŒber Martin Hart (Woody Harrelson) geben sie zu, dass Cohle in den Mittelpunkt ihrer Ermittlungen zum Ritualmord an Stephanie Kordish gerĂŒckt ist. Sie glauben allen Ernstes, dass sĂ€mtliche Morde auf sein Konto gehen. Ihre Beweislage ist indes so dĂŒrftig, dass sie Cohle nicht verhaften können. Doch die Serie von toten Zeugen und verstorbenen Beteiligten hat sie misstrauisch werden lassen - vor allem, weil die meisten Morde und TodesfĂ€lle zeitlich mit der Ankunft Cohles in Louisiana koinzidieren.

Why should I live in history?

Dazu gehören die Namen des ermordeten MĂ€dchens Reanne Olivier und des im Jahre 2010 an einer MedikamentenĂŒberdosis gestorbenen Predigers Billy Tuttle. Sie fungierten in den vergangenen Episoden lediglich als Wegepunkte auf der Suche nach Dora Langes Mörder und Reggie Ledoux. Nun tauchen sie jedoch im Zusammenhang mit dem Verdacht gegen Rust Cohle wieder auf. Als Zuschauer, der mehr weiß als die befragenden Ermittler Gilbough und Papania, halte ich es fĂŒr beinahe ausgeschlossen, dass Cohle etwas mit den Morden zu tun haben könnte. Doch er selbst streut in der atemlosen Auftaktsequenz dieser Episode berechtigte Zweifel, dass seinem Wort stets Glauben geschenkt werden sollte.

Begibt man sich nĂ€mlich einmal auf den Pfad der Vertuschung und Verheimlichung, so ist es schwer, diesen Weg in Zukunft nicht wieder zu gehen - gemĂ€ĂŸ Cohles eigener Theorie ist der Mensch ja prĂ€destiniert, die eigenen Fehler und Verhaltensweisen bis in alle Ewigkeit zu reproduzieren. Am Beginn von The Secret Fate of All Life heften sich Cohle und Hart an die Spuren von DeWall, dem GeschĂ€ftspartner von Reggie Ledoux (Charles Halford). Diese fĂŒhren sie zu einem mit diversen Fallen beschĂŒtzten GelĂ€nde, wo Ledoux und DeWall Methamphetamin kochen.

Nachdem es gelingt, Ledoux zu verhaften, findet Hart in einem Verlies die Leiche eines Jungen und ein lebendes MĂ€dchen. Von dieser Entdeckung ĂŒberwĂ€ltigt, macht er kurzen Prozess und ermordet Reggie Ledoux an Ort und Stelle. DeWall versucht zu flĂŒchten, wobei ihm eine der selbstgebastelten Sprengfallen zum VerhĂ€ngnis wird. Eine atemlose Sequenz, die nicht nur uns Zuschauer ins Mark trifft, sondern auch Hart mit der eigenen EmotionalitĂ€t ĂŒberrumpelt. Cohle löst ihn aus seiner Schockstarre und handelt geistesgegenwĂ€rtig: Mit Ledoux' Maschinenpistole verwandelt er das Areal in ein Schlachtfeld, um spĂ€ter vor einem Ausschuss den Mord an Ledoux rechtfertigen zu können. Die nachfolgende Szene mit Cohle und Hart, in der sie die beiden Kinder aus der Gefahrenzone bringen, hat mich sprachlos zurĂŒckgelassen.

Im Jahre 2002 kehrt Rust Cohle (Matthew McConaughey) mit neuen Indizien zu alten Tatorten zurĂŒck. © HBO
Im Jahre 2002 kehrt Rust Cohle (Matthew McConaughey) mit neuen Indizien zu alten Tatorten zurĂŒck. © HBO

Diese Auftaktsequenz ist eine Meisterleistung des Schnitts: Darin werden die tatsĂ€chlichen Ereignisse mit den Falschaussagen von Cohle und Hart vermengt. Die Technik bildet die Grundlage dafĂŒr, dass dem Zuschauer trotz der eigentlich offensichtlichen Unschuld der beiden weiterhin ein Körnchen des Zweifels im Gehirn bleibt. Nach der Rettung des MĂ€dchens und der Ergreifung von Ledoux und DeWall werden die beiden Polizisten von ihren Kollegen als Helden gefeiert, auch die Presse lĂ€sst sie hochleben.

Everybody's guilty

Bevor die Handlung einen Sprung ins Jahr 2002 macht, wird kurz angedeutet, dass es sowohl fĂŒr Hart als auch fĂŒr Cohle beruflich und privat aufwĂ€rts geht. Marty und Maggie (Michelle Monaghan) versöhnen sich und Cohle lĂ€sst sich auf eine Frau ein. Beide befinden sich an einem guten Platz in ihrem Leben, doch weiß der Marty aus dem Jahre 2012, was er damals nicht zu schĂ€tzen wusste: „You know the good years when you're in 'em?“ Zu spĂ€t erkennt er, was sein grĂ¶ĂŸter Fehler war: „My true failure was inattention.“ 2012 ist Marty also nicht mehr mit seiner Familie zusammen, vielleicht hat er sogar gar keinen Kontakt mehr zu ihr: „This feeling like life has slipped through your fingers.

Die Probleme beginnen mit der PubertĂ€t seiner Ă€lteren Tochter Audrey. Wir wissen nicht genau, warum sie sich auf einen solchen selbstzerstörerischen Pfad begeben hat, doch die Reaktion ihres Vaters - inklusive körperlicher Gewalt - dĂŒrfte den Kreislauf nicht durchbrochen haben. Wieder einmal fĂ€llt der Abstieg von Hart mit dem von Cohle zeitlich zusammen. Der bekommt von einem Insassen, der wegen zweifachen Mordes verdĂ€chtigt wird und von Cohle befragt werden soll (er hat die beste Interviewtechnik: „You want a confession: See if State Detective Cohle is around.“), die Information, dass Ledoux nicht der Mörder von Dora Lange gewesen sei. Cohle glaubt ihm nicht, bis der VerdĂ€chtige den SchlĂŒsselsatz ausspricht: „I'll tell you about the Yellow King.

Das Mysterium um den Yellow King und seine mystische Stadt Carcosa (beides entnommen aus der Kurzgeschichtensammlung The King in Yellow von Robert W. Chambers aus dem Jahre 1895) scheinen das dunkle Herz dieser Geschichte zu bilden. Schwarze Sterne, eine geheimnisvolle Stadt und ein gelber König: Das Copdrama True Detective bekommt immer stĂ€rkere ZĂŒge einer Mysterygeschichte. Wir finden eindeutige Referenzen an Twin Peaks, wenngleich True Detective einen stĂ€rkeren Anker in der RealitĂ€t hat.

Die Serie schafft in The Secret Fate of All Life ein KunststĂŒck, das nicht vielen Serien gelingt: Sie lĂ€sst auf eine visuell bombastische Episode eine dramaturgisch ĂŒberragende folgen. Es wird schwer sein, bald etwas Besseres im Fernsehen zu Gesicht zu bekommen.

P.S.: Der Rahmen eines Episodenreviews wĂŒrde gesprengt werden, wenn ich mich eingehend mit dem zentralen Mysterium, dem Yellow King, befassen wĂŒrde. Dazu folgt demnĂ€chst - eventuell nach dem Ende der ersten Staffel - ein Sonderartikel.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 17. Februar 2014
Episode
Staffel 1, Episode 5
(True Detective 1x05)
Deutscher Titel der Episode
Das geheime Schicksal allen Lebens
Titel der Episode im Original
The Secret Fate of All Life
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 16. Februar 2014 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 15. Mai 2014
Autoren
Nic Pizzolatto, Nic Pizzolatto
Regisseur
Cary Fukunaga

Schauspieler in der Episode True Detective 1x05

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?