True Detective 1x04

UngefĂ€hr nach der HĂ€lfte der neuen Episode von True Detective wird Rust Cohle (Matthew McConaughey) im Jahre 2012 von seinen Befragern erneut nach dem VerhĂ€ltnis zu seinem Vater ausgehorcht. Er erzĂ€hlt abermals davon, dass sein Vater in Vietnam gewesen sei, nach seiner RĂŒckkehr mit dem zweijĂ€hrigen Rust von der Mutter sitzengelassen wurde und dann nach Alaska gegangen sei: „He was a survivalist, I guess you call it. Had some really fucking strange ideas.“
Sechs Minuten Stille
Unweigerlich kommen am Ende von Who Goes There Assoziationen zum Vietnamkrieg auf. Da liefern Regisseur Fukunaga und Kameramann Adam Arkapaw (der schon fĂŒr die atemberaubende Kinematografie von Top of the Lake zustĂ€ndig war) ihr bisheriges MeisterstĂŒck ab. Dieses besteht aus einem knapp sechsminĂŒtigen tracking shot. Die Kamera bleibt ĂŒber die gesamte Zeit dicht bei Cohle, ĂŒbernimmt zeitweise seine Perspektive und sorgt so fĂŒr atemberaubende Spannung. Die Szene wird nicht durch einen einzigen Schnitt unterbrochen.
Und selbst wenn Chris Carter in der The X-Files-Episode Triangle einen noch lĂ€ngeren one shot prĂ€sentierte, so fĂ€llt es doch schwer, in der Fernsehgeschichte eine visuell Ă€hnlich beeindruckende Szene zu finden. DafĂŒr muss man schon Vergleiche zum Film heranziehen. Mir fĂ€llt dabei die legendĂ€re Szene aus „Children of Men“ ein, in der Regisseur Alfonso Cuaron seinen Helden Clive Owen mitten in den urbanen Guerillakampf schickt und dabei nicht von seiner Seite weicht. Die besagte Szene in True Detective evoziert also Parallelen zum Vietnamkrieg: Eine scheinbar ĂŒbermĂ€chtige Armee (die Polizei) greift - mit Hubschraubern - ihre Feinde (die Gangmitglieder) auf unbekanntem Terrain an. Die Kombination von Bild und Ton suggeriert einen regelrechten Kleinkrieg auf den StraĂen der texanischen Stadt Beaumont.
Dabei macht die erste HĂ€lfte der neuen Episode zu keinem Zeitpunkt den Anschein, dass sie in solch einer Eskalation enden könnte. SpĂ€testens, als Cohle jedoch die Idee einer illegalen verdeckten Ermittlung aufbringt, können wir erahnen, dass der Ausgang der Episode mit ihrem gemĂ€chlichen Anfangsteil wenig gemein haben dĂŒrfte. Manchen Zuschauern mag das ErzĂ€hltempo der Serie bis zu diesem Zeitpunkt zu langsam sein, mit dem atemberaubenden tracking shot holt Fukunaga jedoch alles auf, was bisher vermeintlich versĂ€umt wurde.

Am Anfang von Who Goes There steht die ĂŒbliche Mischung aus Charakterzeichnung, gewöhnlicher Ermittlungsarbeit und familiĂ€ren ZerwĂŒrfnissen. Cohle und Hart (Woody Harrelson) befragen noch einmal den Exehemann des Mordopfers Dora Lang, Charlie (Brad Carter), in dessen spĂ€rlicher GefĂ€ngniszelle. Der beteuert abermals glaubhaft, nichts mit dem Mord zu tun zu haben. Trotzdem spricht Cohle ihm eine Mitschuld zu: „You probably had something to do with it.“ In seiner gemeinsamen Haftzeit mit dem gesuchten Reggie Ledoux hatte Charlie seinem Zellenkollegen Bilder von seiner Ehefrau gezeigt.
This is what you get
SpĂ€ter will Marty seinem Partner klarmachen, dass es dieser fĂŒr Charlie niederschmetternden Wahrheit nicht bedurft hĂ€tte. Cohle antwortet ihm eiskalt: „You funny, Marty. Shit you get soft about.“ Die Beziehung der beiden Ermittler wird in der neuen Episode auf eine neue Stufe gehoben, ohne dass wir Zuschauer ein klareres VerstĂ€ndnis davon bekommen. Marty zieht spĂ€ter bei Cohle ein, weil Maggie (Michelle Monaghan) ihn aus dem gemeinsamen Haus geworfen hat. Zuvor hat sie einen Besuch von Lisa (Alexandra Daddario) erhalten, in der letztgenannte die AffĂ€re der beiden ausgebreitet hat.
Hier wird eine eigentlich sehr gewöhnliche Familiengeschichte erzĂ€hlt. Durch die verschiedenen Zeitebenen und die merkwĂŒrdige Dynamik zwischen den beiden Hauptcharakteren und Maggie bekommt dieser Handlungsbogen jedoch ein faszinierendes Element der Ungewissheit. Immerhin wird die Beziehung zwischen Hart und Cohle in der neuen Episode etwas besser ausgeleuchtet. Wir wissen nun, dass die beiden dennoch trotz einiger Vorbehalte gegenĂŒber dem jeweils anderen durch ein tiefergehendes VerstĂ€ndnis fĂŒreinander verbunden sind.
Verdeutlicht wird dies in drei Szenen: Zum einen holt Rust seinen Partner aus dem Krankenhaus ab, wo Maggie arbeitet, um ihn davon abzuhalten, der sowieso schon gescheiterten Beziehung zu seiner Ehefrau noch gröĂeren Schaden zuzufĂŒgen. Zum anderen trifft sich Cohle kurze Zeit nach der Trennung des Ehepaars Hart mit Maggie. Zuerst vermutete ich, dass es nun zu einer weiteren AnnĂ€herung zwischen den beiden kommen wĂŒrde. Dann springt Rust seinem Partner jedoch zur Seite und hinterlĂ€sst eine verblĂŒffte Maggie: „Kids are the only thing that matter, Maggie.“

Marty zahlt es ihm im Jahre 2012 zurĂŒck, indem er seinen Partner nicht gegenĂŒber den befragenden Ermittlern Gilbough (Michael Potts) und Papania (Tory Kittles) verrĂ€t. Sie haben eine leise Ahnung davon, dass Cohle eine illegale Operation ins Leben rief, um auf die Spur von Reggie Ledoux zu kommen, können jedoch nichts beweisen. Hart könnte ihnen weiterhelfen, lĂ€sst sie jedoch eiskalt abblitzen: „Is that it?“
You back me on this, I back you
Cohles Undercoveraktion bildet auch das dramaturgische Herz dieser Episode. Von Charlie Lang bekommen die Ermittler einen neuen Namen: Tyrone Weems. Der Besuch eines Stripclubs (inklusive Cameoauftritt von Serienschöpfer Nic Pizzolatto als schmieriger Barkeeper) und die Befragung von Weems' Exfreundin fĂŒhren Hart schlieĂlich zu einem Undergroundtechnorave, wo er Weems (Todd Giebenhain aus Raising Hope) findet und unter Waffengewalt zwingt, weitere Informationen herauszurĂŒcken.
Schnell gibt Weems nach und eröffnet Hart, dass Reggie Ledoux exklusiv fĂŒr eine Bikergang namens „Iron Crusaders“ Methylamphetamin herstelle. Hier kommt schlieĂlich Cohles Vergangenheit als verdeckter Ermittler in Texas ins Spiel. Er war selbst einmal Mitglied der Gang, hat aus dieser Zeit noch die Kutte sowie ein ganzes Arsenal an Kleinwaffen. Gemeinsam mit Hart begibt sich Cohle fortan auf eine Reise in die dunkle Seele der eigenen Vergangenheit, inklusive Alkoholkonsum, exzessivem Drogengebrauch und einem Episodenfinale, das auch uns Zuschauer in einen wahren Rausch versetzt.
Die visuelle Umsetzung der besagten Szene verdient wahrlich alle Preise, die man in dieser Kategorie nur gewinnen kann. Positiv hervorzuheben ist an dieser Episode weiterhin die musikalische Untermalung, die es stets schafft, nicht nur den Zuschauer aufzuwĂŒhlen, sondern auch thematisch die passende UnterfĂŒtterung zu bieten. Zudem gibt es eine wunderbar atypische Montage, in der Cohle Drogen aus der Asservatenkammer entwendet, um diese im Deal mit den Bikern als Tauschwert vorzuschlagen. Am Ende der Montage schafft es die Serie sogar einmal, den allzeit dĂŒsteren Unterton mit Humor zu durchbrechen: „They really should have a better system for this.“
Neben einigen weiteren kurzen humorvollen Einlagen ist in Who Goes There auch das erhöhte ErzĂ€hltempo eine angenehme Neuerung. Die Atempausen auf dem Weg von Charlie Langs GefĂ€ngniszelle ĂŒber den Stripclub, die Technoparty, die Trennung des Ehepaars Cohle, die GrĂŒndung der Ermittler-WG bis hin zu Cohles UndercovertĂ€tigkeit sind kurz und spĂ€rlich. Zum Höhepunkt serviert uns das Kreativteam dann diese Szene, die wohl auf schnellstem Wege Eingang in die Seriengeschichte finden wird. „Shit just got real!“
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 10. Februar 2014(True Detective 1x04)
Schauspieler in der Episode True Detective 1x04
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