Treme 4x05

Treme 4x05

In der kurzen Abschlussstaffel von Treme wollen die Autoren um Serienschöpfer David Simon keine neuen Wunden aufreißen, sondern die Serie zu einem versöhnlichen Ende führen. Leider verliert das HBO-Drama dadurch an Schwung und Dramatik.

Davis McAlary (Steve Zahn) und Janette Desautel (Kim Dickens) stoßen auf ihre gemeinsame Zukunft an. / (c) HBO
Davis McAlary (Steve Zahn) und Janette Desautel (Kim Dickens) stoßen auf ihre gemeinsame Zukunft an. / (c) HBO

David Simon wird für immer untrennbar mit der vielleicht besten Serie aller Zeiten, The Wire, verbunden bleiben. Für das Epos über die verfallende amerikanische Großstadt Baltimore wählte Simon ein äußerst düsteres Ende. In Treme entscheidet er sich hingegen für eine gänzlich andere Herangehensweise. Geradezu beschwingt findet die Serie über Menschen und Kultur eines Stadtviertels in New Orleans seinen Abschluss - nach nur fünf Episoden der vierten Staffel.

Won't bow down, don't know how

Noch mehr als in den vorherigen Staffeln wird Treme in seinen letzten Folgen zu einer Betrachtung der reichen Traditionen dieses soziokulturellen Schmelztiegels im Süden der Vereinigten Staaten. Mit Hingabe filmen Autoren und Produzenten das Essen, die Musik und die bunten Brauchtümer der Menschen dieser gebeutelten Stadt. In beinahe jeder Einstellung kann man ihre Zuneigung zu jeglicher „echter“ Kultur beobachten, bekommt dabei sogleich Lust, die Rituale von „Mardi-“ oder „Lundi-Gras“ selbst mitzuerleben, fragt sich aber gleichzeitig, ob man als Tourist jemals Zugang zu den Milieus hätte, die in dieser Serie so eingehend porträtiert werden.

Ein letztes Mal darf Antoine Batiste (Wendell Pierce) sein Posaunentalent zum Besten geben. © HBO
Ein letztes Mal darf Antoine Batiste (Wendell Pierce) sein Posaunentalent zum Besten geben. © HBO

Angesichts der stark reduzierten Episodenzahl (die übrigen Staffeln kamen jeweils auf zehn Episoden) hatten die Produzenten von Treme offensichtlich eine schwere Entscheidung zu fällen. Schnell dürfte klar gewesen sein: Eine ähnlich sozial- und institutionskritische Geschichte wie bei The Wire würde sich in der Kürze der Zeit nicht erzählen lassen. Immerhin hatte es dazu in den vorherigen Staffeln durchaus Bestrebungen gegeben, denken wir nur an die Erzählstränge rund um Toni Bernette (Melissa Leo), ihren verstorbenen Ehemann Creighton (John Goodman), den jungen Investigativjournalisten L. P. Everett (Chris Coy) oder den an der Korruption in der Polizeibehörde verzweifelnden Terry Colson (David Morse).

Solche Geschichten kommen zwar noch am Rande vor, jedoch werden sie beiläufig erzählt. Treme wird in seiner letzten Staffel eher zum beobachtenden denn zum kommentierenden Gesellschaftspanorama. Da dies der Anspruch von David Simon und Konsorten war, kann man das der Serie auch gar nicht vorwerfen. Trotzdem verliert sie dadurch an Drastik, an Relevanz, an dramaturgischer Intensität. Die Serie endet am Mardi Gras Day, was wir Zuschauer in bisher jeder Staffel erleben durften. Wir hören dieselben Lieder und sehen dieselben Rituale. Gleichzeitig rücken die Charaktere und ihre Handlungsbögen in den Hintergrund und hervortritt die Feier einer unvergleichlich reichen Kultur. So farbenprächtig, mitreißend und begeisternd diese Bilder auch sind, so schade ist es, dass die Autoren auf beinahe jeglichen sozialkritischen Kommentar verzichten.

Treme endet mit der Simon-typischen Montage. Anders als bei The Wire hier jedoch auf einer zutiefst hoffnungsvollen Note: Schwerenöter Antoine Batiste (Wendell Pierce) darf seine Schulband weiter leiten, dank der Hilfe einer nichtstaatlichen Organisation. Delmond Lambreaux (Rob Brown) freut sich über eigenen Nachwuchs und Nelson Hidalgo (Jon Seda) geht weiter seinen zwielichtigen Geschäften nach, kümmert sich jedoch gleichzeitig um die Belange seiner Freunde.

Do You Know What It Means...

Zu den Nutznießern dieser Generosität zählt Janette Desautel (Kim Dickens), die endlich ihr neues Restaurant unter eigenem Namen führen darf, nachdem ihr dies zuvor wegen Vertragsstreitigkeiten mit ihrem ehemaligen Geschäftspartner Tim Feeny (Sam Robards) untersagt wurde. Auch in Liebesdingen läuft es gut für Janette. Mit ihrer Langzeitaffäre Davis McAlary (Steve Zahn) scheint sie eine neue Beziehungsebene zu erreichen. Er erfährt indes angesichts seines 40. Geburtstags erstmals die Anflüge einer Midlife Crisis und lebt dies in einer wahrlich komischen Anthropologienummer an Mardi Gras aus.

Der Spaßvogel in seinem Element: Davis McAlary (Steve Zahn) bei seiner Selbsttaufe © HBO
Der Spaßvogel in seinem Element: Davis McAlary (Steve Zahn) bei seiner Selbsttaufe © HBO

Davis war schon immer für die größten Lacher zuständig, in ... To Miss New Orleans wird ihm nun endgültig ein Denkmal als witzig-melancholischer Anker der ganzen Serie gesetzt. Wie viele andere Charaktere steht seine Figur symbolisch für die dramaturgische Ausrichtung von Treme: Charaktere und Traditionen entwickeln sich, bleiben jedoch in ihrer kulturellen Prägung verhaftet. Als weiteres Beispiel dafür kann auch Annie (Lucia Micarelli) herangezogen werden. Wir lernten sie zu Beginn als schüchterne und ehrgeizlose Straßenmusikantin kennen, die sich von ihrem drogenabhängigen Freund Sonny (Michiel Huisman) unterdrücken ließ. Als gereifte und aufstrebende Bandleaderin hat sie nun sogar genug Selbstvertrauen, um ihrem Manager Marvin (Michael Cerveris) die Leviten zu lesen - während Sonny das Eheleben genießt.

Auch die Patchworkfamilie Batiste mit Antoine, LaDonna (Khandi Alexander) und den beiden Söhnen Randall (Sean-Michael Bruno) und Alcide (Renwick D. Scott) kann nach einem kurzen schockierenden Zwischenfall an Mardi Gras beruhigt in eine verheißungsvolle Zukunft blicken. Gleiches gilt für den in den Vorruhestand getretenen Terry Colson, der sich schweren Herzens von Toni Bernette verabschiedet hat, um mehr Zeit mit seinen Söhnen verbringen zu können.

Toni wiederum macht, was sie am besten kann: Für die Rechte von Minderheiten und sozial Marginalisierten und gegen Korruption, Vetternwirtschaft und Verschleierung innerhalb der Institutionen von New Orleans kämpfen („Come on, honey. I sue everybody, you know that“). Einen tatkräftigen Partner findet sie dabei in L. P. Everett, der angesichts des allseits grassierenden Gleichmuts nicht aufgibt und weiter an der Aufarbeitung der wahren Hintergründe diverser ungeklärter Fälle von Polizeigewalt während der Hurrikankatastrophe arbeitet.

... To Miss New Orleans?

Bedauerlich ist es, dass Everett erst in den beiden letzten Episoden für jeweils sehr kurze Szenen in die Handlung wiedereingeführt wurde. Ich empfand ihn als einen der spannendsten Gastdarsteller der dritten Staffel, da in seiner Figur so viel kulminierte, was auf politisch-institutioneller Ebene in New Orleans schieflief. Doch dies sollte eindeutig nicht die Ausrichtung der abschließenden Staffel werden, wozu wohl auch beitrug, dass HBO seinem Kreativteam lediglich fünf Episoden zugestanden hatte.

Sofia (India Ennega; l.) und Toni Bernette (Melissa Leo) freuen sich auf gemeinsame Mardi-Gras-Stunden. © HBO
Sofia (India Ennega; l.) und Toni Bernette (Melissa Leo) freuen sich auf gemeinsame Mardi-Gras-Stunden. © HBO

Wo uns The Wire den düsteren Ausblick offerierte, wonach niemand wirklich seine soziokulturellen Fesseln sprengen könne und sowieso alles immer gleich bliebe, erzählt Treme eine ähnliche Geschichte mit einem anderen Spin: Hier bleiben die Traditionen die gleichen, jedoch werden sie immer wieder von neuen Protagonisten mit neuem Leben ausgefüllt. Die Figuren von Treme entwickeln sich, behalten jedoch einzelne Charakteristika, anhand derer wir Zuschauer sie kennengelernt haben.

Sowieso endet Treme mit einem vielfach positiveren Abschied. Außer dem natürlichen Tod des Indianerhäuptlings Albert Lambreaux (Clarke Peters) gab es in der vierten Staffel keine weiteren Verluste zu beklagen. Das Serienfinale geriet mir so auch zu versöhnlich. Der durchweg positive Abschluss droht, die gesamte Serie in ein kitschiges Postkarten-New-Orleans verkommen zu lassen, das in touristischen Bildbänden zu sehen sein könnte. Da dies jedoch nur für die letzten beiden Episoden gilt und die ersten drei Staffeln wahrlich grandios waren, bleibt auch mir nichts anderes übrig, als mich bei David Simon, Eric Overmyer und allen anderen Beteiligten für das Porträt dieser einzigartig reichen Kultur zu bedanken - „with gratitude to the musical and cultural community of New Orleans.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 30. Dezember 2013
Episode
Staffel 4, Episode 5
(Treme 4x05)
Titel der Episode im Original
... To Miss New Orleans
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 29. Dezember 2013 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 15. April 2014
Autoren
David Simon, Eric Ellis Overmyer
Regisseur
Agnieszka Holland

Schauspieler in der Episode Treme 4x05

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