Torchwood 4x06

Torchwood 4x06

Mehr denn je stellt sich in Torchwood die Frage, wer hinter dem Miracle Day steckt, denn die üblichen Verdächtigen entpuppen sich bei genauerem Hinsehen nur als The Middle Men, die selbst nicht wissen, was es mit dem Segen auf sich hat.

Wichtiges Hilfsmittel in „Torchwood“: Die Video-Kontaktlinsen. / (c) BBC
Wichtiges Hilfsmittel in „Torchwood“: Die Video-Kontaktlinsen. / (c) BBC

Jack (John Barrowman) macht sich die mangelnde eheliche Treue eines hochrangigen PhiCorp-Managers (Ernie Hudson) zu Nutzen, um über ihn herauszufinden, was hinter dem Miracle Day steckt. Doch da wendet er sich an die falsche Adresse: Denn das PhiCorp-Management weiß das selber nicht. Sie profitieren zwar von dem Wunder, sind aber nicht die Drahtzieher im Hintergrund. Der einzige Hinweis, den Jack erhält, ist das Wort Segen.

Gwen (Eve Myles) und Esther (Alexa Havins) sind derweil in Wales und San Pedro mit Rettungsmissionen in den jeweiligen Overflow Camps beschäftigt. Gwen will ihren Vater herausholen. Und Esther muss Rex (Mekhi Phifer) befreien, dessen erster Fluchtversuch aus dem Lager gescheitert ist...

Was an „Miracle Day“ mittlerweile eklatant auffällt, ist das Ausmaß, in dem die Qualität der einzelnen Folgen von dem jeweils individuellen Autor abhängt. In einem Interview mit dem britischen Branchenblatt Broadcast hatte Torchwood-Erfinder Russell T Davies davon berichtet, dass manche der US-Autoren - die harte Hand eines alles kontrollierenden Showrunners gewohnt - regelrecht irritiert darauf reagiert hätten, als er ihnen - dem britischen Modell folgend - sehr viel größere Freiräume gegeben hat. Vielleicht hätte er das lieber nicht tun sollen...

Immerhin: John Shiban, der Autor von Miracle Day: The Middle Men, scheint von allen US-Autoren bislang noch am besten verstanden zu haben, wie Torchwood funktioniert. So ist es ihm zu verdanken, dass Jack aus der Versenkung auftaucht, in der ihn die letzte Folge hatte verschwinden lassen. Und mehr noch: Jack ist derjenige, der in Miracle Day: The Middle Men den interessantesten (wiewohl - leider - immer noch nicht zeitlich umfangreichsten) Handlungsstrang bekommt: Sehr geschickt, wenngleich nicht gerade sonderlich zimperlich im Umgang mit den Gefühlen der beteiligten Damen, gelingt es ihm, sich die Aufmerksamkeit des PhiCorp-Chefs zu sichern.

Nicht gänzlich unerwartet, aber trotzdem schön ist in diesem Zusammenhang die Volte, dass es nicht der große böse Konzern ist, der hinter allem steckt. Der Konzern ist zwar groß und böse, allerdings hat er durch Tochterfirmen, Outsourcing usw. mittlerweile Dimensionen angenommen, dass selbst diejenigen an der Spitze nicht mehr überblicken, was eigentlich passiert, wodurch das System für eine über Jahre hinweg geplante Subversion anfällig geworden ist. Zu den Höhepunkten der Folge zählt dabei die Teaser-Sequenz, in der Ernie Hudson einen Agenten in Shanghai mit Ermittlungen beauftragt. Diese führen jedoch offenbar zu einer Entdeckung, die den besagten Agenten lieber dem 45 Club beitreten lassen, als nur ein Wort darüber zu verlieren.

Vollkommen abwesend sind in Miracle Day: The Middle Men Bill Pullman und Lauren Ambrose - eine Tatsache, die zumindest dem Rezensenten erst im Nachhinein aufgefallen ist. Wirklich vermisst hat er sie nicht.

Was nun die übrigen Figuren angeht: Rex ist von Veras Tod sichtlich gezeichnet. Dies geht sogar so weit, dass er sich zum ersten Mal zu Torchwood bekennt (ein Umstand, der ihn gleich um ein Vielfaches sympathischer macht). Völlig unbegreiflich ist allerdings, mit welcher Naivität er Maloney (Marc Venn, CSI: Crime Scene Investigation), dem Leiter des Overflow Camps, begegnet. Rex müsste eigentlich wissen (denn Esther hat es ihm in Miracle Day: The Categories of Life gesagt), dass Vera mit Maloney im Lager unterwegs gewesen ist. Ausgerechnet ihm gegenüber verhält sich der sonst so skeptische Rex jedoch wie der vertrauensseligste Mensch auf Erden. Klar, es bringt Maloney natürlich in eine herrliche Bredouille. Wie oft wird man schließlich gefragt, bei der Aufklärung eines Mordes zu helfen, den man selbst begangen hat? Das Problem dabei: Auf Kosten eines regulars wird hier eine Gastfigur in Szene gesetzt.

Esther ist so unbeholfen wie immer. Warum sich auf dem Weg zu Maloney eine Ausrede einfallen lassen, wenn man sich genau so gut vor ihn hinstellen kann, um dann so verdächtig und unglaubwürdig wie nur eben möglich etwas vor sich her zu stottern? Ihr einzig guter Moment ist der Kampf mit Maloney, in dem sie sich so verhält, wie man dies wirklich in einem Kampf auf Leben und Kategorie Eins erwarten würde: Sie kratzt, sie beißt, sie sticht ihm in die Augen. Das ist ein Kampf, in dem die Verzweiflung (beider Figuren) wirklich spürbar ist.

Auch Gwen kommt in dieser Folge nicht sonderlich gut weg. Das liegt hauptsächlich an zwei Gründen: Erstens, der KZ-Vergleich, der ihrer moralisch entrüsteten Ansprache der Ärztin gegenüber zu Grunde liegt, passt einfach nicht. Natürlich ist es schlimm, dass menschliche Körper verbrannt werden. Aber so, wie „Miracle Day“ dies bislang inszeniert und geschildert hat, ist dies das Resultat einer Notlage. Das medizinische System droht zu kollabieren, was man dadurch zu verhindern sucht, dass man diejenigen, die ohne das Wunder ohnehin tot wären, de facto tötet. Das ist furchtbar. Aber man kann es schwerlich mit einem rassistisch motivierten Genozid gleichsetzen.

Anders sähe es aus, wenn „Miracle Day“ dazu eine viable Alternative aufgezeigt hätte: Wie wäre es zum Beispiel, wenn man das medizinische System dadurch entlastet, dass man die Alten und Pflegebedürftigen nicht in den anonymen Massenbetrieb abschiebt, sondern daheim im Kreise der Familie pflegt? Dazu wäre natürlich eine grundlegende Neuorganisation von Arbeits- und Lebenswelt erforderlich. Aber es wäre eine Alternative zu „Ab in den Ofen“. Gegen eine Gesellschaft, die zu diesem alternativen Herangehen nicht bereit ist, wäre moralische Entrüstung sicher gerechtfertigt. So aber wirkt sie leider etwas aufgesetzt.

Zweiter Schwachpunkt in diesem Plot ist die Sprengung der Öfen. Einmal ganz abgesehen von der Frage, für wie glaubwürdig man es halten soll, dass Gwen einfach mal so zufällig über etwas Sprengstoff stolpert, ist es gelinde gesagt rätselhaft, wie eine Videoaufnahme von der Sprengung der Öfen (und nicht etwa vom Betrieb derselben) zu einem öffentlichen Aufruhr führen soll.

Ausgesprochen gelungen ist dagegen der Cliffhanger der Folge. Auch wenn sich Torchwood damit seeeehr weit in 24-Territorium begibt, ist die Alternative, vor der Gwen jetzt steht (ihre Familie oder Jack?), endlich genau die Art von spannendem Konflikt, die man in den letzten Folgen vermisst hat.

Fazit

Trotz einiger Schwächen in puncto Glaubwürdigkeit ist Miracle Day: The Middle Men doch in mancherlei Hinsicht eine Steigerung gegenüber der Vorwoche - und endet auf jeden Fall mit einem sehr vielversprechenden Cliffhanger.

Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 14. August 2011
Episode
Staffel 4, Episode 6
(Torchwood 4x06)
Deutscher Titel der Episode
Befreiungsaktion
Titel der Episode im Original
Miracle Day: The Middle Men
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Donnerstag, 18. August 2011 (BBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 18. August 2012
Autor
John Shiban
Regisseur
Guy Ferland

Schauspieler in der Episode Torchwood 4x06

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?