Torchwood 4x01

Vor ziemlich genau zwei Jahren, im Sommer 2009, ging in Großbritannien die dritte Staffel von Torchwood auf Sendung - und wurde bei Publikum wie Kritikern ein Riesenerfolg. Erst kürzlich schrieb das englische Branchenblatt Broadcast noch einmal, dass der Doctor Who-Ableger ja eigentlich erst mit „Children of Earth“ wirklich zu sich gefunden hätte. Dem ist kaum etwas hinzuzufügen: Mit „Children of Earth“ schuf Russell T Davies ein schlicht und ergreifend atemberaubendes Sozial- und Charakterdrama im Gewand eines actiongeladenen SciFi-Mehrteilers.
Die Messlatte für „Miracle Day“, die zehnteilige vierte Staffel von Torchwood, könnte also kaum höher liegen. Nach den ersten 60 Minuten spricht jedoch Vieles dafür, dass die neuen Folgen diese Hürde nehmen werden.
Ähnlich wie „Children of Earth“ ist „Miracle Day“ um eine ebenso einfache wie kühne Idee herum aufgebaut, die in ihren komplexen persönlichen wie gesellschaftlichen Konsequenzen beleuchtet wird: Was wäre, wenn eines Tages die Menschen auf dem Planeten Erde aufhören würden zu sterben?
Miracle Day: The New World verwendet viel Zeit und Geschick darauf, dieses Szenario zu etablieren. In der Eröffnungssequenz der Folge machen wir die Bekanntschaft mit Oswald Danes (Bill Pullman), einem pädophilen Kindsmörder, gegen dessen Hinrichtung noch nicht einmal Gegner der Todesstrafe protestieren. Von der ersten Minute an lässt das Drehbuch keinen Zweifel daran, dass wir es in Gestalt von Danes mit dem schlimmsten Menschen auf Erden zu tun haben.
Und ausgerechnet er ist der erste Mensch, der nicht stirbt. Die Hinrichtung wird fehlerfrei vollzogen, doch Danes ist einfach nicht tot zu kriegen. Tatsächlich nutzt er diesen Umstand sogar auf diabolische Weise, um schließlich - unter Berufung auf das uns aus so vielen Anwaltsserien bekannte Prinzip des double jeopardy - seine Freilassung zu erwirken. Die Strafe, so argumentiert Danes völlig überzeugend, ist vollstreckt worden. Und dass sich zwischenzeitlich die Gesetze von Leben und Tod verändert haben, kann man kaum ihm zum Vorwurf machen.
Bill Pullman hat in der ersten Folge zwar insgesamt nur wenig screen time; diese versteht er jedoch aufs Vorzüglichste zu nutzen, um sich als das clevere Monster vorzustellen. Gleichzeitig wird damit bereits eine gravierende soziale Konsequenz, die sich aus dem „Wunder“ ergibt, auf plastische Weise vor Augen geführt.
Überhaupt ist die Tiefe und der Detailreichtum, mit dem Davies die High-Concept-Idee der allgemeinen Unsterblichkeit ausfüllt, eine der großen Stärken von Miracle Day: The New World. Egal ob die mediale Berichterstattung in TV und Internet, die überfüllte Intensivstation im Krankenhaus oder die aufkommenden religiösen Anwandlungen - die Veränderung der Welt durch den „Miracle Day“ wird nicht einfach nur behauptet, sie wird uns gezeigt. Auch die Fragen, die sich die Figuren stellen (Was ist mit den Tieren? Was ist, wenn man den Kopf eines Menschen abtrennt? usw.), sind genau die Fragen, die wir uns wohl stellen würden, wenn das „Miracle Day“-Szenario wirklich eintreten würde.
Dieses set up kostet etwas Zeit - und geht damit, wie manche Kritiker sicherlich anmerken werden, ein wenig zu Lasten der Spannung. Davies wählt meines Erachtens nach in Miracle Day: The New World jedoch den absolut richtigen Weg, sein Hauptaugenmerk zunächst darauf zu legen, in die Welt und die neuen Figuren einzuführen. Wo, wenn nicht in der ersten Folge der Staffel, sollte er dies schließlich auch tun?
Der erhöhte Anteil an Exposition geht natürlich auch darauf zurück, dass Torchwood jetzt von dem US-Bezahlsender Starz koproduziert wird - und die Folge damit letztlich wie eine Art Pilot dem amerikanischen Publikum auch noch einmal die uns bereits bekannten Figuren und Zusammenhänge (Was ist Torchwood?) vorstellen muss. Alles in allem löst Davies dieses Problem allerdings sehr schön, indem er beispielsweise das Gespräch zwischen Captain Jack (John Barrowman) und der CIA-Analystin Esther Drummond (Alexa Havins) als Hommage an seine Begegnung mit Gwen (Eve Myles) im UK-Piloten von Torchwood (Everything Changes) anlegt.
Und auch sonst wimmelt es in der Folge nur so vor versteckten Anspielungen (die 456, Owen Harper,...), welche dem US-Zuschauer, der von der Serie noch nie zuvor etwas gesehen hat, gar nicht auffallen werden, dem eingeweihten Publikum jedoch ein starkes Gefühl der Kontinuität mit der bisherigen Serie geben.
Natürlich gibt es eine gewisse „Amerikanisierung“ der Serie. Allein dadurch, dass sie nunmehr zum Teil in den USA spielt. Abgesehen davon kann man jedoch kaum den Eindruck gewinnen, dass die Serie „entbritisiert“ wurde. Im Gegenteil: Kai Owen walisert hart an der Grenze der Verständlichkeit - weit mehr als in den Staffeln davor. Das neue Torchwood gibt sich global, ohne dabei jedoch seine Wurzeln zu verleugnen.
Apropos Wales: Der Vergleich mit New Jersey dürfte wohl Europäer und Amerikaner gleichermaßen zum Lachen bringen.
Zu kritisieren ist an der Auftaktfolge von „Miracle Day“ allenfalls die ausgeprägte Paranoia, der Gwen und Rhys unterliegen. Besitzen sie nicht mehr die Aufnahmen des Kabinetts aus „Children of Earth“? Man sollte meinen, dass diese eine sehr gute Lebensversicherung abgeben. Jedenfalls erschließt sich nicht so ganz, warum die beiden sich genötigt sehen, gemeinsam mit ihrem Baby unterzutauchen.
An dieser Stelle liegt möglicherweise tatsächlich ein Zugeständnis an Hollywood-Konventionen vor: Denn auf diese Weise kann Davies mit Gwen das Erzählmuster der unwilligen Heldin aufrufen, welche sich erst in dem Augenblick entschließt, ins Abenteuer zu ziehen, als ein Hubschrauber sie und ihre Familie über den Strand jagt (eine Szene, die eindrucksvoll zeigt, wo das Geld geblieben ist, welches die BBC und Starz gemeinsam in die Serie investiert haben).
Fazit
Eine gelungene Auftaktfolge, die sich die Zeit nimmt, sorgfältig in das faszinierende Szenario, die neuen Figuren und die Fragen der kommenden Wochen (Was hat es mit dem Wunder auf sich? Welche Verbindung gibt es zu Torchwood? Und wieso ist Jack auf einmal sterblich?) einzuführen, dabei jedoch auch Spannung und Action nicht zu kurz kommen lässt.
Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 10. Juli 2011Torchwood 4x01 Trailer
(Torchwood 4x01)
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