The Walking Dead 9x16

© zenenfoto aus der The Walking Dead-Folge „The Storm“ (c) AMC
Mit einer allerersten frostigen Episode schließt The Walking Dead die neunte Staffel und somit die erste der Showrunner-Ära unter Angela Kang ab - und ich kann für mich sagen, dass es die beste Staffel seit langer Zeit ist. Vielleicht sogar seit der Spannung um Terminus. Und warum ist sie besser, aber nicht perfekt? Hauptsächlich geht es um die Rückbesinnung auf Charakterarbeit, ein Zurückschrauben der Testosteronkeule rund um Negan (Jeffrey Dean Morgan), Rick (Andrew Lincoln) und auch Daryl (Norman Reedus) und auch ein schönes Back-to-the-Survival-Horror-Roots mit einer ordentlichen Portion Community-Porn (im Podcast nennen wir es auch bisweilen Hanse-Porn). Kang hat zwar eine zu große 180-Grad-Wendung im Fall von Michonne (Danai Gurira) durchgezogen, die aber zumindest in einer starken und mitnehmenden Flashback-Episode erklärt wurde, auch wenn dabei eine Figur aus dem Hut gezaubert wurde, zu der wir keinen wirklichen Bezug hatten.
Nach dem Schocker aus The Calm Before, der gleich zehn Figuren ins Nirwana geschickt hat, ist der Staffelabschluss The Storm nun eine zurückgenommene, fast schon intime Affäre im eisigen Schnee, die mir alles abverlangt, um nicht dauernd „Frozen“-Anspielungen einzubringen. Aber, wer soll mich aufhalten?
Let it go
Das Kingdom ist den knallharten Wetterbedingungen nicht gewachsen und hat mit Henry (Matt Lintz) außerdem den Hausmeister der Leitungen verloren. Offenbar wurde er nie durch jemanden ersetzt und so sind die Leitungen dort dem Untergang geweiht oder, wie Ezekiel (Khary Payton) es schön dramatisch ausdrückt: „The Kingdom has fallen“. Also muss ein neues Zuhause für die Bewohner der Theater- und LARP-Oase gefunden werden und in Hilltop gibt es einige freie Plätze sowie ein Anführervakuum. Nur ist die Reise dorthin im Schneesturm eine echte Herausforderung und wegen der Drohung durch die Whisperers außerdem ein potentiell tödliches Unterfangen. Darum gibt es Begleitschutz für das Königspaar durch Daryl, Michonne, aber auch Yumiko (Eleanor Matsuura), Magna (Nadia Hilker), Aaron (Ross Marquand) und einige andere. Ebenfalls dabei ist Lydia (Cassady McClincy), die unter Daryls Schutz steht und sich Anfeindungen ausgesetzt sieht, beispielsweise durch den früheren Savior Alden (Callan McAuliffe), der seine Partnerin Enid (Katelyn Nacon) durch die Flüsterer verloren hat. Trotz der Aufgabe des Kingdom ist Ezekiel in seiner Ansprache am Anfang der Folge zuversichtlich, dass sein Volk ein neues Zuhause findet, denn: Wer Mut und Tapferkeit an den Tag legt, wird auch die Belohnung ernten. Man könnte sich fragen, warum das Kingdom so klein ist, aber ich nehme an, dass man den Großteil der Bevölkerung schon vorher evakuiert hat und die Regentschaft erst als Letztes geht, was auch zum Verschließen des Tores passt.
Nebenbei erfahren wir, dass Yumiko inzwischen Teil des Rats in Alexandria zu sein scheint und Michonne über einige Neuigkeiten informiert. Maggie (Lauren Cohan) hat sich beispielsweise noch nicht auf die Briefe gemeldet, vielleicht sollte man da die Hoffnung aber noch nicht aufgeben. Der Briefweg dauert eben...
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Do you wanna build a snow walker?

Daryl ergreift in der Folge immer wieder Partei für Lydia. Beispielsweise auch im Gespräch mit Carol, die der Verlust von Henry natürlich stark mitnimmt. Allerdings war es Henry Wunsch, dass sie bei ihnen ist und wie häufig muss eine Figur eigentlich daran erinnert werden, dass man sich ändern kann, wenn man auf die richtigen Mitmenschen trifft? Der Daryl aus der ersten Staffel ist Lydia wahrscheinlich gar nicht so unähnlich.
Weil der gewaltige Sturm im Anmarsch ist, wäre es eine gute Idee, irgendwo unterzukommen und Carol und Daryl kümmern sich immer wieder um Untote auf dem Weg, die teilweise wegen der Vereisung wegplatzen. Dabei hat man im Hinterkopf immer wieder Alphas (Samantha Morton) Drohung bezüglich des Überquerens der Gebietsgrenzen. Etwas untypisch für Ezekiel wendet er sich an Daryl und nimmt sein Angebot wieder zurück, dass er bei ihnen willkommen ist, denn die letzte Zeit war für das Königspaar sehr schwierig. Für das Wohl der Beziehung wünscht er sich deswegen etwas Distanz und erhofft sich einen Neustart in Hilltop, auch wenn er weiß, dass er mit seiner Bitte wie der Böse dastehen könnte. Daryl holt dazu später subtil auch Carols Seite der Story ein und fragt nach ihren Wünschen.
Lydia fühlt sich schuldig und verschwindet immer wieder. In einer Situation findet sie einen im Wasser oder Schnee eingefrorenen Walker, der instinktiv nur zubeißen kann. Sie hält ihm dann ihre Pulsschlagader hin... Allerdings holt Carol sie aus dieser suizidalen Episode heraus und beginnt wohl zu verstehen, was in ihr vorgeht. Michonne fällt derweil der perfekte Ort für eine Rast ein: das Sanctuary.
For the first time in forever!

Es tut mir leid, aber die Frozen-Songtitel passen einfach zu gut in viele der gezeigten Situationen. So exemplarisch auch im Fall Negan, der zum ersten Mal seit Ewigkeiten aus seiner Zelle darf, weil er sonst erfrieren würde. Denn auch in Alexandria machen die Notreserven schlapp und es müssen sich viele Bewohner ein warmes Haus teilen. Natürlich stellt sich, wenn man etwas weiterdenkt die Frage, ob in den letzten etwa acht Jahren noch nie Winter in Virginia war, aber das schlucken wir einfach mal, denn jetzt gibt es gleich den härtesten Winter aller Zeiten. Schaut man einmal auf die echten Durchschnittstemperaturen, dann sieht man, dass es durchaus immer wieder Minusgrade im Bundesstaat gibt.
Immerhin gibt das die Chance auf das neue Stand-up-Programm von Negan, an dem er jahrelang arbeiten konnte, das außer ihm aber kaum einer amüsant findet. Manche Zuschauer dafür umso mehr. Denn die Situation um das Liebesviereck rund um Dr. Babydaddy Siddiq (Avi Nash), Not-the-Father-Gabriel (Seth Gilliam), Eugene (Josh McDermitt) und Rosita (Christian Serratos) ist schon auf groteske Art und Weise witzig.
Judith (Cailey Fleming) macht sich Sorgen um Dog, der nirgends zu sehen ist. Da hat Connie (Lauren Ridloff) wohl ihre Pflichten vernachlässigt... Gleichzeitig scheint etwas ganz gehörig zu stinken und es ist nicht die Liebesgeschichte, sondern der Kamin, den Eugene in letzter Sekunde als Gefahrenquelle ausmachen kann, was dazu führt, dass man in Aarons Haus übersiedeln muss - und Negan muss wohl oder übel mit.
In dieser Situation hört Judith das Bellen des Hundes und ignoriert alles um sich herum, während Negans Herz nur für Judith schlägt, der er nachläuft. Bald findet er die völlig unterkühlte kleine Dame und legt ihr seine Jacke um. Dabei besteht sie darauf, dass er auch den Vierbeiner mitnimmt. Alles andere hätte ihn auch Daryls Zorn garantiert...
The cold never bothered me anyway

Was Kang hier macht, ist etwas, was ich mir in der Vergangenheit öfter schon gewünscht habe. Ein Reflektieren der Trauer und das Miteinanderreden, statt es in sich hineinzufressen. Vor allem Carol hat hart zu knabbern und befürchtet, sich wieder zu verlieren und in alte Muster zu rutschen. Ezekiel war in den letzten Jahren ihr kauziger Fels in der Brandung, der Mann, dem sie sich nach ihrer Ehe wieder vollends öffnen konnte und bei dem sie sich getraut hat, ihr Haar wachsen zu lassen. Daryl bietet ihr deswegen an, mit Lydia fortzugehen, wenn es das ist, was sie möchte. Auch wenn Daryl ganz offen sagt, dass er nicht unbedingt weg möchte. Könnte es nach all den Jahren doch eine Chance auf die beiden geben oder bleibt es doch bei einer der besten platonischen Beziehungen in der „TWD“-Geschichte? Andeutungen lassen sich jedenfalls in der Folge einige finden.
Währenddessen reden auch Michonne und Ezekiel mehr miteinander. Auch hier ein kleines Easter Egg für die Comicleser, weil die beiden in der Vorlage durchaus näher miteinander vertraut sind als in der TV-Serie. Michonne sieht ein, dass die Entfremdung der Gruppen erst dazu führen konnte, dass Alpha sich getarnt unter das Volk mischen konnte und, statt Alexandria zu stärken, eine Gefahr für alle ausgelöst hat. Das Kingdom ist aber noch längst nicht gefallen, denn das Volk ist noch da (erinnert das nur mich als Marvel Cinematic Universe-Freund an „Thor: Tag der Entscheidung“?)
Spät rächt sich nun auch die Tatsache, dass Ricks Brückenprojekt nie umgesetzt werden konnte, denn das würde die Reise sehr viel schneller machen. Michonne schlägt die riskanteste Lösung vor, welche durch das Whisperers-Gebiet führt. Dazu darf man nur nicht gesehen werden - bei den Wetterbedingungen könnte ihnen das sogar gelingen.
Man holt das Maximale aus dem Wintersetting raus und Regisseur Greg Nicotero baut wie gewohnt mannigfaltige visuelle Ideen ein. Etwa, dass durch den Sturm die Sicht stark begrenzt ist und man fast schneeblind wird - auch als Zuschauer. Dazu kommt die Whisperers-Paranoia, die mit schemenhaften, eingefrorenen Zombies unterstrichen wird, die in der Gegend herumstehen. Auch die Grenze wird zum neuen visuellen Marker für etwas Schreckliches, das die Gruppe verändert, aber nicht ihren Überlebenswillen zerstört hat. Insgesamt stellt sich die Gruppe größtenteils schlau an, wobei bei Panik verständlicherweise dann der Überblick etwas verloren geht, zumal dann auch der Selbsterhaltungstrieb der weniger kampferprobten einsetzt, etwa, als die Untoten sich zu erkennen geben, die unter dicken Schneeschichten begraben liegen, als wäre es feiner Sand. Gerade bei diesem Angriff möchte ich fragen, wo jetzt die Zwillenexperten stecken. Aber vielleicht ist es nicht die beste Idee, bei eingeschränkter Sicht um sich zu schießen. Außerdem möchte ich eines feststellen: Jerrys Familie ist einfach putzig!
Love is an open door

Als Lydia erneut wegläuft, ist es wieder Carol, die sie findet und fragt, was in ihr vorgeht. Der Teen glaubt, für das Chaos und die Verluste verantwortlich zu sein und sieht als einzigen Ausweg ihren Tod, damit alles wieder für den Rest normal verlaufen kann. Lydia glaubt, dass Carol die richtige Person dafür ist und schlägt vor, es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Außerdem fühlt sie sich schwach, was Carols Stichwort ist, sie zu akzeptieren und sich erst recht um sie zu kümmern. Statt ihrem Wunsch nachzukommen, schaltet Carol einen Walker aus und nimmt Lydia mit, weil sie sich in ihr wiedererkennen dürfte. Denn so weit voneinander sind Alpha und Carols Ex Ed wohl gar nicht entfernt...
Daryl hat zwischenzeitlich mit einem Untoten zu tun, den er mit einem Eiszapfen auf ewiges Eis legen darf. Das wirft für mich eine andere Frage auf und eine Überlegung, der man wohl nicht zu weit nachgehen darf. Denn, als man kurz vor Alexandria ist, zerstört Daryl einen weiteren vereisten Walker. Wäre jetzt also nicht DIE Gelegenheit, um möglichst viele Untote auszumerzen oder ist der Winter nur eine temporäre Erscheinung? Würde die Horde überhaupt vereisen oder funktioniert das nicht, wenn sie ständig in Bewegung bleibt? Was meint Ihr? Schreibt uns Eure Gedanken dazu in die Kommentare. Ich erfreue mich währenddessen an den harmonischen Bildern der Schneeballschlacht in Alexandria...
Insgesamt bin ich etwas erstaunt, wie viele Vermutungen, die letzte Woche im Podcast geäußert wurden, in dieser Folge wahrgeworden sind. Dabei geht es nicht um Comicwissen, bei dem ich mich ohnehin zurückhalte, zumal diese Winterepisode so gar nicht in den Comics vorkommt. Aber es ist auch ein Lob in Richtung Kang und Co, weil es einfach simple und doch effektive Entwicklungen sind, die sich seit dem Zeitsprung immer wieder angedeutet haben und die behutsam aufgebaut wurden. Und selbst ein Adam'scher Versprecher wie „Kingtop" wird durch Jerry zum Kanon.
Lydia findet es nett in Alexandria, nun da sie es einmal etwas länger als für einen kurzen Zwischenstopp sehen kann. Warum Daryl überhaupt je gegangen ist, will er ihr ein anderes Mal erzählen... Vielleicht. Michonne freut sich, Judith und RJ wiederzusehen und hört, dass Negan sein Leben für Judith riskiert hat. Sie kann inzwischen selbst bestätigen, dass das Sanctuary ein Drecksloch ist und berichtet, dass man es gewagt hat, in das Flüsterer-Gebiet vorzudringen. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass man Negan wieder versucht einzugliedern und gerade als Taktiker gegen Alpha, Beta (Ryan Hurst) und die Whisperers sollte man sich die Option offenhalten. Schlimmstenfalls wird man eine Altlast los. Alpha lässt sich derweil vorbereitend auf das, was da kommen mag, von Beta auspeitschen und verzieht dabei kaum eine Miene. In ihrem Camp scheint sie der Winter nicht zu tangieren, jedenfalls sieht man hier keine Schneespuren.
Das Königspaar Ezekiel und Carol ist zwar heil im Kingdom oder, wie man es ab jetzt nennen könnte, Kingtop angekommen, aber ihre Beziehung hat es vorerst nicht überstanden. Carol nimmt den Ring ab und braucht wohl etwas Zeit für sich. Ezekiel hält derweil den Kontakt mit Alexandria und Judith aufrecht. Und, als er den Raum verlässt, hört man eine andere weibliche Stimme, die den Kontakt sucht. Maggie? Oder jemand gänzlich anderes? Das wird wohl erst in der zehnten Staffel geklärt. Comicleser wissen wieder, wohin das gehen könnte...
Haben die beiden jetzt eigentlich automatisch das Sagen über Hilltop? Spätestens die nächste Wahl dürfte das wohl bestimmen.
Fazit
The Strom ist der versöhnliche Abschluss einer wirklich guten Staffel von The Walking Dead, die durch die Besinnung auf Kernkompetenzen und neue Ideen glänzen kann. Da ist es fast schon schade, dass durch die Negan-Storyline so viele Zuschauer abgesprungen zu sein scheinen. Das war dann aber auch ein hausgemachtes Problem, durch die vielen leider oft unsinnigen Konflikte und sich wiederholenden Kämpfe.
Der Schnee-Exkurs hat mir ebenfalls wahnsinnig zugesagt und uns nach so vielen Jahren endlich einmal eine Winterfolge beschert, die auch noch zur vorherigen Handlung passt, obwohl ein paar kleine Logiklöcher wie immer nicht zu vermeiden sind. Man kann gespannt sein, ob der gute Kurs auch in der nächsten Staffel, die wieder im Oktober starten dürfte, gehalten werden kann.
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 1. April 2019The Walking Dead 9x16 Trailer
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