The Walking Dead 3x15

Das vielleicht größte Mysterium der zweiten Hälfte der dritten Staffel von The Walking Dead ist die Frage, ob man Merle Dixon (Michael Rooker) und seinem Überlaufen zur Gefängnisgruppe um Rick (Andrew Lincoln) und seinen Bruder Daryl (Norman Reedus) über den Weg trauen kann. Man hätte allen Grund, es nicht zu tun.
In der ersten Staffel wurde Merle bekanntlich von Rick mit Handschellen auf dem Dach eines Hauses gefesselt - eigentlich mit der Intention, ihn später wieder mitzunehmen. Doch ein Walker-Angriff verhinderte das, und Merle schnitt sich die eigene Hand ab, um zu überleben. In Staffel drei taucht er dann an der Seite des Governors wieder auf, immer noch auf der Suche nach seinem kleinen Bruder. Mit brutalen Mitteln versucht er in Erfahrung zu bringen, wo Daryl sich befindet, darunter leiden schließlich Glenn (Steven Yeun), Maggie (Lauren Cohan) und Michonne (Danai Gurira). Ricks Befreiungsaktion bringt die Brüder zunächst wieder zusammen, und die Rache des Governors macht schließlich die Brüder - trotz einiger Bedenken der durch Merle Geschädigten - zum Teil der Gefängnisgruppe.
In jeder Szene, die Merle im Gefängnis zeigte, schwang stets die Frage mit, ob er vielleicht noch eine geheime Agenda verfolgt - etwa als Doppelagent des Governor oder einfach nur aus sadistischen Motiven. Geschickt haben die Autoren mit der Erwartungshaltung des Publikums gespielt. Merle ist dabei immer ein ehrlicher Informationslieferant, der unverblümt die unangenehmen Wahrheiten ausspricht - egal ob zum Thema Michonne oder zur Denkweise des Governors.
In der Episode The Sorrowful Life schlägt nun seine Sternstunde und man kann Zeuge seiner bisher größten Bewährungsprobe werden. Anders als der Governor in der Episode Prey stellt Rick seine Gefährten nicht auf Krieg ein. Zumindest nicht zu Beginn. Vielmehr reflektiert er das „Angebot“ des Governors: Wenn er Michonne ausliefere, bliebe das Gefängnis verschont. Aber Rick kann dem Governor nicht trauen. Mit seinem inneren Kreis, also Daryl und Hershel (Scott Wilson), bespricht Rick die Option der Auslieferung. Daryl würde das tun, was Rick für das Beste hält, und Hershel hat seine Meinung schon zuvor kund getan: Lieber würde er sein Glück an einem neuen Ort versuchen und das Gefängnis aufgeben. Entschließt sich die Gruppe jedoch zu kämpfen, wäre er dabei. Niemand der drei scheint sich sicher zu sein, dass das Bauernopfer durch Michonne der Schlüssel zum Erfolg ist, aber dennoch wird diese Option gezogen und die Hebel dafür in Bewegung gesetzt.
In dem Fall hat der Hebel einen konkreten Namen: Merle soll dabei helfen, die stille Schwertschwingerin zu überwältigen. Doch schon nach dem Gespräch mit Merle kommen Rick Zweifel. Ist es das wert, ihr Leben gegen das womöglich leere Versprechen eines Wahnsinnigen zu tauschen? Rick wackelt noch mehr, als er Michonne in der Interaktion mit der Gruppe beobachtet. Sie leistet ihren Teil und ist ein effizienter Zombie-Köpfer. Doch es ist bereits zu spät. Unter einem Vorwand - nämlich der Sicherung eines Gefängnistrakts - lockt Merle Michonne fort und nutzt den Angriff einiger Walker, um sie auszuknocken, sie zu fesseln und aus dem Gefängnis zu schaffen, unbemerkt vom Rest der Gruppe. Rich erkennt nun, dass er einen Fehler begangen hat, und Daryl nimmt die Verfolgung auf...
M & M
Man hätte wahrscheinlich am Anfang der dritten Staffel von The Walking Dead nicht geglaubt, dass Michonne und Merle zu so etwas wie verwandten Seelen werden. Doch ihr Ausflug in Richtung Woodbury beweist dies und zeigt viele Parallelen. Sie sind beide so etwas wie Fremdkörper in Ricks Gruppe, die durch ihren Außenseiterstatus anecken und über viele Geheimnisse einer dunklen Vergangenheiten verfügen. Beide sind hervorragend mit ihren Klingen und beide sind sehr effiziente Zombiekiller.
Diesmal ist es eine Freude, auf die Nuancen im Schauspiel zu achten, die Gurira und Rooker abliefern. Michonne unternimmt keine hastigen Schritte oder Fluchtversuche, und dennoch kann man in ihrem Gesicht lesen, dass sie sich trotzdem noch überlegen fühlt. Merle möchte sich derweil wohl selbst beweisen. Er hat einen Plan, den er in die Tat umsetzen will, doch vorher würde er noch gerne einmal über die Strenge schlagen, mit ein wenig Alkohol oder Drogen. Fündig wird er allerdings zunächst nicht.
Während die beiden zunächst zu Fuß aufbrechen, möchte Merle eigentlich lieber einen fahrbaren Untersatz haben. Nach einem längeren Fußmarsch findet er ein passendes Gefährt. Die Tür knackt er noch mit Leichtigkeit, aber die Zündung bringt er nicht zum Laufen, ohne die Alarmanlage aufheulen zu lassen, was natürlich die geräuschempfindlichen Walker anlockt. Damit bringt er sich und Michonne zwischenzeitlich in Todesgefahr. Denn die gefesselte Michonne wird an einer Säule abgestellt und bietet somit ein Ziel für die herannahende Untoten. Zum Glück weiß sich Michonne auch ohne Schwert und Hände zu wehren. Mit ihren Fesseln gelingt es etwa, den Kopf eines Walkers abzutrennen. (Man wird doch immer wieder überrascht durch kreative und martialische Zombiekills.) Doch die Situation ist reichlich knapp, bis Merle ihre Fesseln löst und die beiden von dannen fahren.
Was einen nicht umbringt, macht einen stark. In diesem Fall bringt die Nahtoderfahrung die beiden Einzelkämpfer ein Stück näher zusammen. Es dauert nicht lange, dann weiht Merle Michonne über das Gespräch von Rick und dem Governor ein. Michonne scheint sehr gefasst zu sein. Die Rache das Governor wäre fürchterlich, aber letztlich tödlich. Merle aber müsste mit seinem Alleingang und seinen Taten weiterleben. Michonne versucht durch Worte auf Merle einzuwirken. Mit einer Mischung aus Komplimenten, Verhöhnungen und Verständnis trägt sie ihre Argumente vor. Zwischendrin kommt zur Sprache, dass Merle inzwischen 16 Menschen getötet hat. Doch die interessante Tatsache ist, dass diese Morde erst passiert sind, nachdem er sich dem Governor angeschlossen hat. Dieser hat zwar sein Leben gerettet, ihm Unterschlupf gewährt und ihn mit einer Beschäftigung versorgt, gleichzeitig aber auch korumpiert. Auch wenn er zuvor schon viel auf dem Kerbholz hatte, illustriert das weiter, dass der Anführer Woodburys es schafft, das Schlechteste aus den Menschen um ihn herauszuholen. Während Merle am Anfang der Episode noch seinem kleinen Bruder Daryl vorwirft, ein Schaf ohne „Eier in der Hose“ zu sein, macht Michonne während der Autofahrt deutlich, dass Merle im Prinzip auch nur mit sich hat spielen lassen. Eine schöne Analyse aus Michonnes Mund ist auch, dass das Gewissen von schlechten Männern rein ist beziehungsweise ihre Taten sie nicht belasten, gute Männer ihre schlechten Taten allerdings bereuen und daran schwer zu tragen haben. Für sie ist Merle insgeheim einer der Guten, wenn auch einer der Fehlgeleiteten.
Überraschenderweise befreit Merle Michonne von ihren Fesseln und fordert sie auf, das Fahrzeug zu verlassen. Auch ihr Schwert, das sich Merle in einigen Situation in der Episode „geliehen“ hat, erhält sie wieder. Merle hat seine eigenen Pläne, die edler sind, als man vermuten könnte. Vielleicht hat sich der ältere Dixon auch ausgemalt, dass Rick es nicht über das Herz bringen würde, Michonne zu opfern und dieser Exkurs sollte etwas Zeit für eine vernünftigere Strategie verschaffen.
Merles Kamikaze-Einsatz
Merle findet nicht nur endlich den geliebten Alkohol, sondern darf auch noch einmal auf voller Lautstärke Motorhead aus dem Autoradio erschallen lassen, was eine Horde von Walker anlockt, die er als Ablenkung für seinen eigentlichen Plan braucht. Die Zombies dienen als Begrüßungskommando, um die Wachen Woodburys zu beschäftigen und abzulenken, während er sich im nahegelegenden Lagerraum verschanzt und von dort aus mit einem Präzisionsgewehr Teile der Artillerie des Governors ausschalten kann. Man muss schon sagen, dass das ein verdammt feiner Schachzug von Merle ist, der eigentlich nur von Vorteil für seinen Bruder und den Rest der Gruppe sein kann. Indem man einige der stärksten Schützen ausschaltet, bleiben am Ende nur die ungeübten Normalos über. Gleichzeitig ist das allerdings auch das reinste Selbstmordkommando.
Sein Ziel ist natürlich der Governor selbst, auch wenn Ben, der Sohn von Allen und somit Teil von Tyreese' Gruppe, ihm vorher zum Opfer fällt. Es kommt, wie es kommen muss: Eine einzelne Walker-Attacke kann er noch abwehren, doch dann wird Merle von Martinez (Jose Pablo Cantillo) und weiteren Männern des Governors brutal zusammengeschlagen, ehe der Governor selbst darauf besteht, ihm den letzten Rest zu geben. Dabei verliert Merle nicht nur zwei Finger, sondern auch schnell die Oberhand. Der stolze Merle weigert sich, klein bei zu geben und will auch nicht um die Vergebung betteln, also erschießt der Governor ihn. Trotzdem hat er Woodbury einen empfindlichen Schlag versetzt.
Nichts ist trauriger, als ein trauriger Daryl
Zu Zeiten von Lost gab es in Fankreisen Einigkeit darüber, dass kaum etwas so traurig ist, wie das Weinen der Figur Hugo (Jorge Garcia). Bei The Walking Dead könnte man dies nun analog zu Daryl Dixon behaupten. Denn natürlich gelingt es dem Hillbilly-Hawkeye, die Spuren seines Bruder bis zum Ort des Kampfes zu verfolgen. Doch was er dort ansehen muss, ist nicht schön. Neben den Leichen einiger Woodburyaner und vereinzelten Walkern, muss er eine bekannte, aber doch so fremde Gestalt in Augenschein nehmen. Merle ist zum Untoten geworden und frisst an Bens Eingeweiden. Der Governor hat ihn zwar getötet, aber nicht sichergestellt, dass er nicht als Untoter zurückkehrt.
Dies sorgt für einen der traurigsten Momente der bisherigen The Walking Dead-Historie: dem weinenden Daryl, den das Schicksal seines Bruders sichtlich mitnimmt. Ungläubig schubst er den Zombie-Merle ein paar Mal von sich, als wolle er nicht wahrhaben, dass er seinen Bruder nun endgültig verloren hat. Dann weicht die Trauer der Wut und der jüngere Dixon schaltet Merle ein für alle Mal mit einem Messer aus, bis kaum noch etwas von seinem Gehirn übrig bleibt. Ein Kompliment muss hier auch an die Maskenbildern gemacht werden. Zombie-Merle ist sehr gut gelungen und darf durch ein paar schöne emotionale Nahaufnahme glänzen, ehe er für immer ins Nirvana geschickt wird. Spätestens jetzt hat auch Daryl einen triftigen und persönlichen Grund, den Governor ein für alle Mal den Garaus zu machen.
Währenddessen im Gefängnis...
Im Gefängnis möchte Glenn die Gelegenheit nutzen, um um die Hand von Maggie anzuhalten. Er weiß, dass es aktuell nicht rosig um das Überlebenspotenzial der Gruppe steht. Deswegen bittet er Hershel (dessen Chancen sicherlich von allen am allerschlechtesten stehen) um seinen Segen, den er auch prompt erhält. Hershel ist sichtlich froh darüber, dass Glenn zu seinem Schwiegersohn wird und dass er ihn explizit gefragt hat. Einen weiblichen Zombie missbraucht Glenn später als Quelle für einen Verlobungsring (wie romantisch!) und natürlich willigt Maggie ein. Etwas Hoffnung vor dem großen Blutvergießen muss man sich ja auch leisten können.

We are the greater good!
Rick bringt seine Truppen letztendlich doch in Stellung. Er rückt mit der Wahrheit heraus und bringt seiner Gruppe bei, dass Michonne als Opfer vom Governor gefordert wurde. Doch Rick hat sich anders entschieden und seine Meinung geändert. Er rückt ab von dem von ihm geforderten „Ricktatorship“ und appelliert an Teamwork, gemeinsame Entscheidungen und distanziert sich vehement vom Governor. Er lässt der Gruppe die Wahl: bleiben und kämpfen oder gehen. Groß ist seine Gruppe nicht. Zählt man Michonne und Daryl mit, sind es neun Leute. Mit Andrea und Milton elf, mit Tyreese, der das Zünglein an der Waage spielen könnte, im besten Fall vierzehn. Nicht zu vergessen sollte man die Tatsache, dass Woodbury durch Merle geschwächt wurde. Wie wird sich die Gruppe also entscheiden? So wie man die Serie kennt, sollte man im Staffelfinale mit dem Schlimmsten rechnen.
Fazit
Nach zwei leichten Durchhängern ist This Sorrowful Life endlich wieder eine stärkere Episode, dank des unkonventionellen Duos aus Michonne und Merle und einem Episodenabschluss, der emotional einiges drauf hat. Deutlich weniger vorherzusehen als die letzte Episode also und von der inhaltlichen Ebene her eine gute Vorlage für das Staffelfinale. Was man sich im Vorfeld nur fragen kann: Wer wird am Ende überleben? Und wo geht es danach hin?
Videovorschau auf die Episode Welcome to the Tombs der US-Serie The Walking Dead: Verfasser: Adam Arndt am Montag, 25. März 2013(The Walking Dead 3x15)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 3x15
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?