The Walking Dead 10x13

© zenenfoto aus der The-Walking-Dead-Folge What We Become (c) AMC
Seit der dritten Staffel von The Walking Dead ist Michonne (Danai Gurira) ein festes Castmitglied der US-Serie und sicherlich auch ein Fanliebling. Sie hat sich von der einzelgängerischen, schwertschwingenden Person zu einer Anführerpersönlichkeit und Mutter gewandelt. In der zehnten Staffel haben wir sie bisher selten gesehen. Zuletzt hatte sie die Hoffnung, dass sie auf der Insel des jüngst aus dem Nichts in Oceanside aufgetauchtem Überlebenden Virgil (Kevin Caroll) Waffen findet, die im Kampf gegen die Whisperers eingesetzt werden könnten. Die Episode What We Become bringt dahingehend nun Licht ins Dunkel.
Doch zunächst werden die Zuschauer mit einer alternative Version ihres Lebens konfrontiert: Wir sehen nämlich, wie Michonne mit ihren kiefer- und armlosen Untoten unterwegs ist, sie aus der Ferne Andrea (Laurie Holden) beobachtet, die von den Beißern flankiert wird und sich eben nicht zum Helfen entscheidet. Ihr Leben verläuft deswegen in völlig anderen Bahnen, was wir später noch einmal genauer erforschen.
Virgils Insel

Die Folge ist eigentlich ausschließlich Michonne gewidmet und wurde auch im Vorfeld als einer ihrer letzten Auftritte angepriesen. Als Zuschauer kann man sich also sicher sein, dass etwas Bahnbrechendes passiert. Auf der Insel angekommen, löst Michonne die Handschellen ihres Begleiters und ist dabei zunächst die ganze Zeit über sehr vorsichtig und ungeduldig. Doch Virgil scheint die Ruhe in Person zu sein, schindet Zeit beim Blumenpflücken und redet um den heißen Brei herum, was seine Familie angeht. Michonne schaut sich die Umgebung genau an und riecht relativ schnell, dass hier etwas nicht stimmen kann, weswegen sie ihn auch mit dem gezogenen Katana konfrontiert. Er zeigt ihr mehrere Gräber, die er für seine Familienmitglieder ausgehoben hat und verweist auf ein Gebäude, in dem seine (tote) Familie sein soll. Natürlich fragt sich Michonne, die keinerlei Geduld für Bullshit hat, warum er das nicht früher erzählt hat. Doch er meint, dass er kein Kämpfer sei und deswegen Hilfe brauchte. Als Zuschauer ahnen wir relativ schnell, dass Virgils Wort nicht unbedingt viel Wert hat und dass noch mehr dahintersteckt. Zusammen schleicht man sich also durch ein Gebäude und entledigt sich der Beißer, ehe man seine Familie findet und diese beisetzen kann. Virgil ist dabei tollpatschiger, als er sein müsste und insgesamt ist die Chemie zwischen den beiden nicht die passendste. Und auch mir als Zuschauer geht Virgils Art recht schnell auf die Nerven. Gleichzeitig fragt man sich aber auch, warum Michonne sich auf die ganze Nummer überhaupt eingelassen hat.
Als Michonne ihm dabei geholfen hat, was er wollte, wird es noch merkwürdiger. Denn er beharrt darauf, dass sie die Nacht über auf der Insel bleiben soll. Die versprochenen Waffen oder Vorräte kann er nicht liefern und er sucht weiter Ausflüchte. Also nimmt Michonne die Region allein etwas genauer unter die Lupe.
Welches falsche Spiel spielt Virgil?
Nur mit einer Taschenlampe und ihrem Schwert bewaffnet, schleicht Michonne in der Nacht also auf der Insel herum und sieht dabei einige Merkwürdigkeiten. Als sie dann auch Stimmen hört, ist Virgil nicht weit und sperrt sie in eine Zelle ein. Er behauptet zwar, dass er sie gewarnt habe, dass es nicht sicher sei, aber er wirkt stellenweise auch nicht wirklich zurechnungsfähig.
Die Stimmen stammen von einer Gruppe von ebenfalls Gefangenen, die Virgils Launen schon kennen und offenbar zusammen mit ihm hier geforscht hatten. Sie warnen, dass es vor Fallen nur so wimmelt, Virgil für seine Stimmungsschwankungen bekannt ist und sie deswegen ihre Kräfte schonen soll. Wie so oft in der Zombie-Apokalypse handelt es sich bei diesem Ort in dessen aktueller Form um eine gescheiterte Zuflucht. Nach einem Vorfall gab es einen Kampf und Virgil sperrte die Angreifer ein, ohne zu wissen, dass auch seine Familie gefangen wurde, wodurch er sie wohl zum Tode verdammt hatte und daher anschließend durchdrehte. Immerhin versorgt er seine Gefangenen mit Essen, was laut ihrer Erfahrung auch okay sei. Doch bei Michonne hat er dafür gesorgt, dass sie ein kleines halluzinogenes Geschenk aus dem Garten der Frau erhält und plötzlich einen albtraumhaften Trip durchmacht.
Michonne im Wunderland

Plötzlich sieht sie nicht nur den kürzlich verstorbenen Siddiq (Avi Nash), der ihr schwere Vorwürfe macht, weil sie als Anführerin und Familienoberhaupt versagt habe, sondern wir kehren auch zur alternativen eigenen Geschichte zurück und sehen, was passiert wäre, hätte Michonne nicht gemeinsame Sache mit Andrea gemacht. Sie trifft in der Vision auf Daryl (Norman Reedus), der nicht für sie angehalten hatte, und bald dann auch auf Negan (Jeffrey Dean Morgan), der von ihrem Kampfgeist so begeistert ist, dass er sie zu seiner rechten Hand werden lässt. Hinzu kommen Bilder von dem Anschlag der Rick-Gruppe auf die Savior-Satellitenstation, die in den Augen vieler der Point of no Return für die Überlebenden war, weil sie dort Gegner im Schlag ermordeten. Hier bemerkt Michonne, was Sache ist, übt Gegenwehr aus und verdient sich auch in der berüchtigten „Eeny, meeny, miny, moe“-Szene von Negan die Ehre, sich an seiner statt ein Opfer auszuwählen. Wir sehen zwar nicht direkt, wen sie wählt, können aber Daryl und Rick (Andrew Lincoln) ausschließen, denn einige Zeit später ist es Daryl, der sie mit einem Bolzen erwischt und Rick, der ihr in dieser Vision die Lichter endgültig ausknipst.
Es ist eine durchaus interessante Idee, der Figur für ihren anstehenden Abschied noch einmal so den Spiegel vorzuhalten, mit einem komplett anderen Verlauf ihrer eigenen Geschichte zu konfrontieren und die alten Szenen werden hier auch recht geschickt mit neuem Material vermischt, so dass es kaum auffällt, dass auf Archivmaterial zurückgegriffen wird. Tatsächlich wäre Michonne bei den Saviors sicherlich eine nicht zu verachtende Verstärkung gewesen. Gleichzeitig ist aber auch interessant, dass die Zeit beim Governor, die sie wohl auch sehr prägte, ausgespart wurde. Aber irgendwo muss man zeitlich sicherlich auch Abstriche machen, zumal die Folge ohnehin rund fünf Minuten Überlänge aufweist.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer
Trotz des kleinen Höllenritts nach der Droge kann Michonne zurückschlagen und Virgil mit dem Besteck verletzen, die anderen Gefangenen befreien und ihren Peiniger zur Rede stellen. Der hat zwar schon das Boot in Flammen gesetzt und verstrickt sich in weitere Lügenkonstrukte, aber Michonne sieht ein, dass das Töten aus Rache ihnen nicht die Genugtuung oder den Seelenfrieden bringt, wie sie es in dem Moment vermuten. Stattdessen knockt man ihn aus und will sein Wissen über den Ort nutzen, um einen alternativen Ausweg zu finden. Michonne prüft derweil alles auf Bedrohungen und auch Waffen, Munition oder andere nützliche Dinge, doch sie findet kaum etwas. Während Virgil in seinen Visionen noch einmal positive Erinnerungen an seine Familie haben konnte, war es bei Michonne eher die Hölle auf auf Erden. Michonne hat genug von seinen leeren Versprechungen, will ihre Habseligkeiten zurück und einfach nur nach Hause. Beim Stöbern durch eine Vorratskammer sieht sie jedoch etwas Unerwartetes: die charakteristischen Stiefel von Rick. Sie kann es kaum glauben und vertieft die Suche, wobei sie ausgerechnet ein Smartphone findet, auf dem jemand ein Bild von ihr und Carl (Chandler Riggs) (oder doch Judith?) eingeritzt hat, sowie Schriftzeichen. Es müsste eigentlich Carl sein, weil so viel Zeit zwischen Ricks Verschwinden vergangen ist, dass er die ältere Judith (Cailey Fleming) kaum so zeichnen könnte, aber wer weiß. Vielleicht war es auch Jadis (Pollyanna McIntosh), die ja bekanntermaßen eine künstlerische Ader hat und einst mit ihm fortgeflogen war. Natürlich möchte sie verzweifelt mehr über Rick und seinen vermeintlichen Aufenthaltsort wissen, doch Virgil scheint im Dunkeln zu tappen und erinnert sich nicht zwangsweise an Details zu Menschen, die hier vielleicht mal aufgetaucht sein können. Es reicht jedoch, um Michonne neue Hoffnung für die Suche nach ihrem Partner zu geben.
Tatsächlich gibt es vor Ort ein Schiff, das sich mit der Hilfe der anderen seetüchtig machen lässt und Michonne und die Befreiten lassen Virgil die Wahl, ob er mit ihnen segeln möchte oder auf der Insel sich selbst überlassen wird. Weil er seiner Frau jedoch jeden Tag frische Blumen versprochen hat, bleibt er auf der nun wohl einsamen Insel zurück.
Michonne funkt derweil Tochter Judith an und kann sich ein Update von ihr einholen. Beispielsweise darüber, dass sie in Sicherheit sind, Alpha (Samantha Morton) momentan keine Gefahr mehr darstellt und auch RJ (Antony Azor) darf kurz mit der Mutti sprechen. Schlauerweise hat man sich auch Codenamen überlegt, falls jemand Feindseliges zuhören sollte, was man aber in der Hitze des Gefechts nicht immer durchhält. Michonne weiht Judith über ihre Spur ein und der Grimes-Nachwuchs ist davon überzeugt, dass sie ihr Nachgehen sollte, wenn der brave man noch am Leben sein sollte. Michonne wirft zwar kurz ein, dass sie das nicht kann - wegen der Situation in Alexandria -, aber es braucht eigentlich nur wenige Worte von Judith, um sie doch umzustimmen. Und genau hier liegt eine große Schwäche bei The Walking Dead, die aber schon seit Jahren existiert: Denn, ob nun Rick, Maggie (Lauren Cohan), Michonne oder andere Eltern - immer wieder scheint man hier seine jungen Kinder bereitwillig in der Obhut anderer zu lassen. Natürlich spricht das für das Vertrauen in die Gefährten und die Wahlfamilie, aber es ist auch gleichzeitig für den Ottonormal-Zuschauer schwer zu schlucken, dass man sich nach wenigen Minuten zu so einer fundamentalen Entscheidung durchringen kann. Immerhin gibt es im Fall von Michonne noch das Versprechen, dass sie sich täglich über Walkie-Talkie meldet, sofern das noch möglich ist. Aber trotzdem: Judith mag schon auf sich aufpassen können, aber RJ? Da fragt man sich manchmal, wozu die Autoren die Figuren eingeführt haben, wenn das die Folge beziehungsweise der langfristige Plan ist. Also Judith, schön auf Onkel Daryl hören, er weiß schon, was zu tun ist.
Head north

Ich kann nicht abstreiten, dass der (vorläufige?) Abschied von Michonne einige nette Momente bietet. Zunächst kehrt sie zu den Schoß-Walkern an der Kette zurück und droht damit fast, wieder ein wenig in alte Muster zurückzufallen. Doch dann begegnet sie einem verletzten Duo, das wohl vom Rest seiner gewaltigen Gruppe getrennt wurde. Denn mit dem Schiff hat Michonne irgendwo abgelegt, wo sie nur die Spur von Rick verfolgen kann und nun findet sie eine große Völkerwanderung vor. Also entledigt sie sich wieder ihrer untoten Begleiter und entscheidet sich für die Lebenden und dazu, weiterhin die hilfsbereite Michonne zu sein, die die Zivilisation aufbauen möchte und einst eine Charta verfasst hatte.
Fazit
Die Autoren von The Walking Dead bemühen sich, mit der Folge What We Become einen passenden Abschied für Michonne zu liefern, was erwartungsgemäß recht schwierig ist. Es handelt sich zwar um eine schöne Würdigung ihrer Figur, die auch in eine ganz andere Richtung hätte abschweifen können, wenn sie auf andere Charaktere statt Andrea, Rick und Co getroffen wäre, gleichzeitig war die gesamte Handlung um die Insel im Endeffekt teilweise eine etwas mühselige Geduldsprobe, ein großer Haufen konstruierter Zufälle und einer überstürzten Entscheidung gegen ihre Kinder. So sehr ich Charakterabschiede ohne einen endgültigen Serientod mag, wenn sich der Kreis schließt oder man mit neuer Hoffnung in die Zukunft blickt, so sehr gibt es hier jedoch auch Ungereimtheiten. Andererseits kann man sich nun zudem ziemlich sicher sein, dass wir Michonne wohl auch in den Kinofilmen oder anderswo noch einmal sehen werden, was für Fans der Figur sicherlich nicht die schlechteste Lösung ist...
Folgend noch ein kurzer Hinweis zur deutschen Ausstrahlung beim FOX Channel und VoD:
„Aufgrund der aktuellen Situation können die Folgen 14, 15 und 16 von Staffel 10B bei Ausstrahlung vorerst nur in der Originalversion zur Verfügung gestellt werden. Wir bitten um Entschuldigung.“
Hier abschließend noch der Serientrailer zur Episode Look at the Flowers der US-Serie The Walking Dead (10x14):
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 23. März 2020The Walking Dead 10x13 Trailer
(The Walking Dead 10x13)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 10x13
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?