The Strain 2x04

The Strain 2x04

Schafft man es, sich nicht zu sehr über die himmelschreiende Ungereimtheit in The Strain aufzuregen, kann man mit The Silver Angel Spaß haben. Die Episode führt einen neuen Charakter ein und bringt einen anderen in höchste Gefahr.

Der „Silver Angel“ (l.) in seiner Paraderolle / (c) FX
Der „Silver Angel“ (l.) in seiner Paraderolle / (c) FX

In den meisten Episoden von The Strain treten die stadtweiten Auswirkungen des Vampirvirusausbruchs - oder deren Abwesenheit - nicht so deutlich zutage, dass man sich darüber aufregen müsste. Von Beginn der Serie war klar, dass hier mit zweierlei Maß gemessen werden würde: Wenn der Plot einer Massenpanik bedurfte, wurde diese geschürt. Wenn die Geschichte aber nach einer intakten Infrastruktur verlangte, wurde auch das bedient - ungeachtet der Tatsache, dass sich diese beiden Dinge ausschließen.

You failed

Die Episode The Silver Angel treibt diesen Widerspruch jedoch auf den Höhepunkt, weswegen es mir nicht länger möglich erscheint, diese ausufernde Diskrepanz zu ignorieren. Einerseits wird ein gesamter Stadtteil von der Retterin Feraldo (Samantha Mathis) unter Quarantäne gestellt, damit sie dort die gleichen Säuberungsmaßnahmen durchführen kann, die ihr schon in Staten Island Ruhm und Anerkennung einbrachten. Das alles geschieht völlig zu Recht und ist überaus nachvollziehbar.

Andererseits wird jedoch eine neue Figur - die von Buchkennern sicherlich freudig erwartet wurde - äußerst unglücklich eingeführt. Der ehemalige mexikanische B-Movie-Star Angel „The Silver Angel“ Guzman Hurtado (Joaquin Cosio) fristet ein trauriges Dasein als Tellerwäscher in einem indischen Restaurant, in dem er sich in den Mittagspausen seine besten Filme auf Videokassette anschaut. Schon da fängt das größte Problem an: Es gibt eigentlich kein Szenario, in dem sich noch nicht bis zum allerletzten Einwohner New Yorks herumgesprochen hätte, dass die Stadt von vampirhaften Menschensaugern heimgesucht wird.

Wie kann es also sein, dass ein Restaurant den ganz normalen Betrieb aufnimmt - so, als wäre nie etwas geschehen? Man hört innerhalb des Restaurants sogar Sirenengeräusche und Hilfeschreie - und trotzdem haben die Inhaber und ihr Tellerwäscher nichts Besseres zu tun, als sich mit einem zahlenden Gast anzulegen. Völlig unvorsichtig geht Angel sogar nach Einbruch der Dunkelheit vor die Tür, um den Müll wegzuwerfen. Natürlich existieren all diese Szenen nur, um Angel und Gus (Miguel Gomez) zusammenzubringen. Dass das Autorenteam von The Strain aber überaus nachlässig mit den Zuständen in der Stadt und der Alarmbereitschaft ihrer Bewohner umgeht, äußert sich auch in einer weiteren Szene.

Eldritch Palmer (Jonathan Hyde) schwört darin die New Yorker Finanzelite auf die Öffnung der Märkte am nächsten Tag ein und versichert allen Anwesenden, dass sie bald wieder ihren geregelten Geschäften nachgehen könnten. Dieses Meeting findet aber nicht tagsüber statt, sondern abends. Anschließend ist eine Reporterin völlig verwundert, ja sogar entsetzt, darüber, dass die Manager von Vampiren angegriffen werden. Selbst, wenn sich die bisherigen Handlungen dieser Serie innerhalb weniger Tage abgespielt hätten (was sie nicht getan haben), wäre ein solches Szenario absolut unglaubwürdig.

There will always be evil in this world

Es ist unmöglich, dass es bei intakter (medialer) Infrastruktur noch Menschen in der Stadt gibt, die nichts von diesen Kreaturen wissen. The Strain aber versucht uns weiszumachen, dass selbst Reporterinnen von solchen Übergriffen noch überrascht werden können. Wer mit diesem offensichtlichen Mittelfinger der Autoren an das eigene Publikum leben kann, dem sei der Spaß gegönnt. Ich kann meinen Ärger darüber jedenfalls nicht so einfach abschütteln.

Im Lichte dieser dramaturgischen Fehlgriffe wird es noch interessanter sein, zu sehen, wie sich das The Walking Dead-Spin-off Fear the Walking Dead bei AMC mit den Themenkomplexen Massenpanik und Seuchenausbruch auseinandersetzen wird. Müsste ich eine Vermutung abgeben, würde ich mit ziemlicher Sicherheit tippen, dass dort mehrere Wochen nach dem Auftauchen von Killervampiren (oder in dem Falle: Zombies) niemand mehr seelenruhig in ein Restaurant zum Essen geht. Hier greifen die Autoren aber einfach ein beliebiges Element aus dem Drehbuchzauberhut und achten nicht darauf, ob es mit den vorherigen Elementen zusammenpasst.

Bis auf das Auftauchen des „Silver Angel“ gibt es denn auch keinen Handlungsbogen, der all diese Ärgernisse ausgleichen könnte. Im Gegenteil: Es kommt zu noch mehr Ungereimtheiten. Eph (Corey Stoll) und Nora (Mia Maestro) finden heraus, dass ihr Antivampirvirus funktioniert, müssen aber gleichzeitig feststellen, dass der Master die infizierten Vampire zum Selbstmord auffordert. Also stürzen die sich von einem Hochhaus. Aber müssen den Nachtwandlern nicht die Köpfe abgeschlagen werden, damit sie endgültig tot sind? Oder darf das nun auch wieder missachtet werden, weil es das Drehbuch so vorsieht?

Nach erfolgreicher Testreihe will Nora noch warten, bevor sie das Kampfmittel publikmacht. Aber wieso nur? Gibt es einen vernünftigen Grund, dass nicht sofort alles Menschenmögliche getan werden sollte, um diese Vampirplage zu besiegen? Wie kann es sein, dass nicht sämtliche Figuren dieser Serie in ständiger Alarmbereitschaft sind? Sie werden von Mensch-Fabelwesen-Hybriden mit ausfahrbaren Zungen angegriffen - und gönnen sich nach erfolgreicher Testphase erst mal eine heiße Dusche? In welcher Welt würde so etwas passieren?

Who goes on one? What happened to going on three?

Das Autorenteam lacht uns Zuschauern schließlich offen ins Gesicht, wenn Curtis (Kevin Hanchard), der Bruder von Palmers ehemaligem Handlanger Fitzwilliam (Roger R. Cross), den Ausbruch einer Panik vorhersagen darf. Ach so, in dieser Stadt, wo sich tausende Menschen in blutrünstige Monster verwandelt haben, könnte also bald eine Panik ausbrechen? Ist ja interessant, auf die Idee wäre ich wahrlich nicht gekommen. Wie dem auch sei - „Fitz“ lässt sich von Setrakian (David Bradley) und Dutch (Ruta Gedmintas) vorerst trotzdem nicht zur Kooperation überreden.

Der narrative Stillstand in diesem Handlungsbogen wird vom narrativen Stillstand in der Rückblende begleitet. Gibt es das Occido Lumen nun noch oder nicht? Wirklich interessant finde ich die Antwort auf diese Frage derzeit nicht. Viel interessanter - weil nicht so bierernst - ist da schon der Handlungsbogen um Fet (Kevin Durand), der sich einmal mehr auf eigene Faust losmacht, um dem ewigen Lamento zwischen Eph und Nora zu entkommen. Doch auch der Roadrunner-Enthusiast verhält sich in dieser Episode nicht besonders klug: Statt vor einer Feraldo-Miliz abzuhauen, lässt er sich von ihr gefangen nehmen.

Vielleicht steckt ja Kalkül dahinter, immerhin war es bisher Fet, der für ihre Säuberungsaktionen am meisten übrig hatte. Wollte er das wirklich, gäbe es aber sicher einfachere Möglichkeiten, mit ihr in Kontakt zu treten. Ein gefangen genommener Fet, die Erkenntnis, dass schon Fitzwilliams' Vater für Palmer arbeitete und der erste Auftritt des Titelcharakters - viel mehr ist in The Silver Angel nicht passiert. Die Kindervampirarmee von Kelly Goodweather (Natalie Brown) ist übrigens immer noch auf der Suche nach Zach (Max Charles) - ich hoffe inständig darauf, dass diese coolen neuen Figuren nicht so schnell verbraten werden wie die Elitevampirkiller der ancients.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 4. August 2015
Episode
Staffel 2, Episode 4
(The Strain 2x04)
Deutscher Titel der Episode
Der silberne Engel
Titel der Episode im Original
The Silver Angel
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 2. August 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 8. Oktober 2015
Regisseur
J. Miles Dale

Schauspieler in der Episode The Strain 2x04

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