The Strain 1x07

Die neue FX-Vampirserie The Strain hat sich lange Zeit gelassen, bis sie sich traute, die eigenen Monster von der Leine zu lassen. Die neue Episode, For Services Rendered, erfĂŒllt erstmals beinahe vollstĂ€ndig die Erwartungen, die wohl die meisten Zuschauer an dieses Format hatten. Die Vampirszenen gehörten auch vorher schon zum Besten, was die Serie zu bieten hatte - auch hier sind sie wieder wunderbar gruselig umgesetzt. UnterstĂŒtzt wird das durch die ungewöhnlich ambitionierte Regie und ein tolles Sounddesign.
I understand this. You do not.
Der Episode gelingt es, die interessantesten Aspekte der Serie zu bĂŒndeln. Wir bekommen kaum langweilige, weil völlig ideenlose Familienszenarien aufgetischt, die Konzentration wird auf die BekĂ€mpfung der Vampirepidemie gelegt. Die RĂŒckblenden in die gemeinsame Vergangenheit der Erzfeinde Thomas Eichhorst (Richard Sammel) und Abraham Setrakian (David Bradley) passt sich bestens in das over the top-Konzept der Serie ein, eben weil Eichhorst darin die bösartigste Karikatur eines „SS-StandartenfĂŒhrers“ spielt, die man sich nur vorstellen kann. Der tolle Richard Sammel, der schon vorher zu den Höhepunkten der Serie gezĂ€hlt werden musste, liefert hier eine grandios widerliche Performance ab, die durchaus an die oscarprĂ€mierte Darstellung von Christoph Waltz in „Inglorious Basterds“ erinnert.
Zu Beginn bekommt die infizierte AnwĂ€ltin Joan Luss (Leslie Hope in groĂartiger Maske) endlich neues Futter. Ausgerechnet ihr Ehemann Roger (Aaron Douglas) fĂ€llt ihr zum Opfer - obwohl er einer der wenigen Charaktere dieser Serie ist, die im Angesicht der Gefahr nachvollziehbar handeln - eine wohltuende Abwechslung. Als ihm vor seinem Haus der Nachbarvampir Trip (Darrin Baker) auflauert, erkennt er sogleich die Gefahr und rettet sich ins Taxi. Leider gehört der Fahrer aber zu der Spezies, die erst denkt und dann handelt.
FĂŒr Roger eigentlich eine gute Nachricht, kann er sich doch ins Haus retten und dort - die nĂ€chste nachvollziehbare Reaktion - die Polizei alarmieren. Doch selbst, wenn er diese erreicht hĂ€tte (was er nicht tut - Handynetz ausgefallen), wĂ€re es zu spĂ€t fĂŒr ihn gewesen. Im gemeinsamen Heim wartet nĂ€mlich schon die hungrige Joan auf ihn. Bevor er angefallen wird, setzen die Anfangscredits ein - gute Arbeit am Schneidetisch.
Die Kinder des Ehepaares wurden bereits in der letzten Episode von der aufmerksamen HaushĂ€lterin Neeva (Kim Roberts) in Sicherheit gebracht. Ihre Tochter Sebastiane (Shailene Garnett) hĂ€lt es jedoch fĂŒr eine gute Idee, die Kids gleich am nĂ€chsten Morgen zurĂŒckzubringen - trotz der eindringlichen Warnungen der eigenen Mutter. Aber keine Sorge: Sie ist ja Krankenschwester. Dort angekommen finden sie Rogers aufgebahrte Leiche. Wieder will die Ă€ngstliche Neeva die Flucht ergreifen, doch da steht ihnen schon die höchstmöglich gruselige Joan im Weg - auf der Suche nach frischem Blut. Viel SpaĂ ĂŒbrigens an Audrey (Chloe O'Malley) und ihren Bruder in der lebenslangen Traumatherapie.

Nachdem Sebastiane von Joans Schlabberzunge leicht verletzt wurde, gelingt der Gruppe die Flucht in eine kleine Glaskammer. Dazwischen setzt Regisseurin Charlotte Sieling auf einen tollen optischen Effekt: Als Joan an einer verspiegelten Wand vorbeilĂ€uft, wird ihr Spiegelbild optisch verzerrt, es vibriert regelrecht - ein schöner Verweis auf die schwammigen Regeln fĂŒr Vampirspiegelbilder. In der Szene kommt es ĂŒberdies zu einer weiteren Erkenntnis: Vampire haben nĂ€mlich offensichtlich die FĂ€higkeit zur Evolution. Joans Versuche, zu ihren potentiellen Opfern vorzudringen, bleiben zunĂ€chst ohne Erfolg. Ihr unbekannter Vampirbegleiter nutzt jedoch einen BaseballschlĂ€ger, um die Glasfassade einzuschlagen. Bisher wurde lediglich Thomas Eichhorst als entwickelter Vampir dargestellt, nun wissen wir, dass wohl sĂ€mtliche Infizierte diese FĂ€higkeit besitzen.
Be quiet. Do not touch her. She is corrupted.
In ihrer misslichen Lage bleibt Neeva und ihren Schutzbefohlenen einzig, Gott um Hilfe zu bitten. Und tatsĂ€chlich - wenige Sekunden spĂ€ter taucht ein echter Deus ex Machina auf. FĂŒr mich war dies die beste Szene der gesamten Serie. Nicht, weil dieses Auftauchen irgendwie logisch erklĂ€rt werden könnte. Nicht, weil diese Charaktere wichtig fĂŒr die Story und deshalb unbedingt zu retten wĂ€ren. Nein, ganz einfach deshalb, weil dies zeigt, dass die Autoren willens sind, das Pulpherz der Serie voller Inbrunst zu umarmen. Sie offenbaren dabei ein tiefgreifendes VerstĂ€ndnis fĂŒr diese Art von Unterhaltungsformat. Wichtig sind nicht die ausgeleierten Hintergrundgeschichten einzelner Charaktere - wichtig ist, was aus den Vampiren und ihren Gegenspielern gemacht wird.
Es gibt nun also neue, mĂ€chtige Gegenspieler fĂŒr Eichhorst und den Master. Diese scheinen ebenso weit entwickelt zu sein wie Eichhorst (auch wenn sie vielleicht nicht all seine FĂ€higkeiten besitzen). Bei deren Design und Ausstattung ist den Produzenten ein echter Coup gelungen. Ihre Uniformen könnten cooler kaum sein, das Sounddesign fĂŒr die Sprache des AnfĂŒhrers ist gleichzeitig furchteinflöĂend und beruhigend. Wenn es das ist, auf was Comicleser die ganze Zeit gewartet haben, kann ich ihre Geduld fĂŒr die Serie verstehen. Aber was sind diese Kreaturen? Sind sie auch Vampire? Woher kommen sie? Wie haben sie sich zu Wesen entwickelt, die der Menschheit freundlich gesinnt sind?
Indem The Strain solche Fragen aufwirft, gelingt dem Format erstmals die Distinktion zu anderen, weniger ambitionierten und simpleren Mystery-/Fantasyserien. Die Killervampire sind nicht nur gedankenlose Massenmörder - sie haben die FĂ€higkeit zur Weiterentwicklung. Auf der Gegenseite steht eine Bande von RĂ€chern, die ebenso monströs aussehen, jedoch edlere Ziele verfolgen - zumindest sieht es momentan danach aus. In diesem einen Moment hat die Serie ein Versprechen eingelöst, sie hat einen neuen angle eingefĂŒhrt, es gibt nun ein Alleinstellungsmerkmal, ein originĂ€res, interessegenerierendes Moment.
Neben dem Auftauchen der VampirjĂ€ger gibt es ein zweites groĂes set piece in For Services Rendered. Der ErzĂ€hlstrang um Eph (Corey Stoll), Nora (Mia Maestro), Jim Kent (Sean Astin) und Abraham Setrakian wird durch mehrere RĂŒckblenden in Setrakians KZ-Vergangenheit untergliedert. Wir finden heraus, dass Setrakian als begabter Tischler von Lagerkommandeur Eichhorst einst die Anweisung bekam, den Sarg des Masters zu dekorieren. (Bevor die Diskussion aufkommt: Nein, deswegen trifft Setrakian keine Schuld am Ausbruch der Virenepidemie.)

Das VerhĂ€ltnis von Sklaventreiber und Sklave verwandelt sich in ein merkwĂŒrdiges, umgekehrtes Stockholm-Syndrom. Eichhorst verspĂŒrt mehrmals den Drang, den jungen Setrakian (Jim Watson) nicht nur sadistisch zu peinigen, sondern sucht auch irgendeine perverse Form der Anerkennung von ihm. Es kommt zu einem verstörenden Dialog zwischen den beiden, in dem Eichhorst auf besonders perfide - und stumpfe - Weise seine Theorien mit denen Hitlers und Platos vermischt und versucht, Abraham seine krude Weltsicht aufzuzwĂ€ngen. Er fordert ihn gar zum Duell heraus, was Abraham jedoch ablehnt - wohl wissend, dass seine einzige Chance absoluter Gehorsam sein kann.
You follow a false messiah
Sammel spielt seine Figur in diesen Szenen monströs widerlich, ĂŒbertritt dabei aber nie die Grenzen des guten Geschmacks, des kĂŒnstlerisch Erlaubten. Auch hier werden neue Fragen aufgeworfen: War Eichhorst damals schon ein Vampir? War er dem Master schon hörig? Wie ist er in Kontakt mit dem Master gekommen? Und warum ist im KZ nicht schon lĂ€ngst eine Vampirepidemie ausgebrochen? Etwa, weil die infizierten Angegriffenen vergast und verbrannt wurden?
So stimmig der Handlungsstrang im KZ umgesetzt ist, so holprig bleibt der Handlungsbogen um Eph und seine Mitstreiter. ZunĂ€chst verabschiedet sich Jim Kent von seiner todkranken Ehefrau, die er alleine durch den New Yorker Verkehr schickt - wohl wissend, dass die StraĂen spĂ€testens bei Einbruch der Dunkelheit von Vampiren ĂŒberlaufen sein werden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er stets behauptet, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um seiner Frau zu helfen. Nun gilt diese Parole plötzlich nicht mehr. Aber warum eigentlich? WofĂŒr braucht die Gruppe ihn? Hat er irgendwelche speziellen FĂ€higkeiten, von denen wir noch nichts wissen? Hier offenbart The Strain, dass es sich immer noch nicht ganz von seiner wackligen Figurenzeichnung verabschiedet hat - ganz nach dem Motto „Was interessiert mich mein GeschwĂ€tz von gestern?“
Der Plan, den sich die Gruppe zur ĂberwĂ€ltigung Eichhorsts einfallen lĂ€sst, ist denn auch kaum ausgereift. Setrakian mĂŒsste doch am besten wissen, dass es nicht gelingen dĂŒrfte, den stellvertretenden Obervampir ganz alleine zu besiegen. Trotz dieses leichten Makels kommt es aber zu einem sehenswerten Showdown auf einem U-Bahnsteig. Eichhorst liefert dazu den passenden Kommentar: „Fitting that we would end our journey where it began: on a train platform.“ („Es passt sehr gut, dass unsere Reise dort enden wird, wo sie begann: auf einem Bahnsteig.“)
Trotz mancher fortbestehender Kinderkrankheiten gelingt es The Strain mit For Services Rendered, sich endlich den saftigen StĂŒcken seiner ErzĂ€hlung zuzuwenden. Sollte es in diesem ErzĂ€hltempo bis zum Ende der ersten Staffel weitergehen, ist mitreiĂende, ĂŒberraschende Unterhaltung garantiert. Da wĂŒrde es dann auch leichtfallen, die ersten sechs Episoden zu vergessen. Zum ersten Mal bin ich hooked.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 26. August 2014(The Strain 1x07)
Schauspieler in der Episode The Strain 1x07
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