The Strain 1x06

Die neue Vampirserie The Strain fiel bisher größtenteils durch ihr merkwürdiges Erzähltempo auf, das so gar nicht zu einer Horrorserie passen will. Die Autoren ließen sich ganze fünf Episoden Zeit, bis sie den Vampirvirus endlich auf New York City losließen und das eintrat, worauf wir Zuschauer schon seit der ersten Minute der ersten Episode warten. Nun endlich ist es so weit - und trotzdem habe ich das Gefühl, dass der Expositionsteil der Serie immer noch nicht abgeschlossen ist.
We never leave
Schließlich hat die Gruppe der Vampirbekämpfer, die das Schicksal der gesamten Menschheit in ihren Händen hält, immer noch nicht ganz zusammengefunden. Am Ende von Occultation haben sich immerhin schon Eph Goodweather (Corey Stoll), Abraham Setrakian (David Bradley) und Nora Martinez (Mia Maestro) verbündet - bleibt die Hoffnung, dass es nicht noch weitere sechs Episoden dauert, bis Gus (Miguel Gomez) und Vasiliy Fet (Kevin Durand) dazustoßen.
In The Strain wird es sicher eines Tages darum gehen, dass eine Gruppe Überlebender gemeinsam gegen eine Übermacht aus Vampiren kämpft. Das ist die Prämisse der Serie - und trotzdem ist die Geschichte immer noch nicht bei ihrer eigenen Prämisse angekommen. Das Format hat seine Stärken in den Actionsequenzen und dem überaus grusligen Vampirdesign. Warum machen solche Szenen also nur einen kleinen Teil der bisherigen Episoden aus? Warum bekommen wir Hintergrundgeschichten für Charaktere, deren Motivationen - zumindest mir - ein einziges Rätsel sind?
Bestes Beispiel aus dieser Episode: Vasiliy Fet. Nachdem er am Ende von Runaways entdeckt hatte, dass der New Yorker Untergrund von Vampiren überlaufen ist, begnügt er sich zu Beginn der neuen Folge damit, Zeichnungen der Kreaturen in seinem Terminkalender anzufertigen. Dann verwandeln sich zwei seiner Kollegen in Vampire, was ihn dazu veranlasst, seine entfremdeten Eltern zur Flucht aus der Stadt zu animieren - ohne Erfolg. Dabei erfahren wir, dass Vasiliy ein Architekturstipendium an einer renommierten Universität ausgeschlagen hat, um sich fortan als Rattenfänger zu betätigen. Warum? Keine Ahnung.

Seine Eltern haben deshalb den Kontakt zu ihm abgebrochen und… schnarch. Warum soll uns diese Hintergrundgeschichte interessieren? Wie wird sie in die Handlung spielen? Die Serie schafft es nicht mal, glaubwürdig die Sorge darzustellen, die sich Vasiliy um seine Eltern macht. Nach seinem halbherzigen Überzeugungsversuch zieht er wieder von dannen und überlässt seine Eltern ihrem Schicksal.
I'm your salvation or your downfall
Ein größeres Ärgernis als das langsame Erzähltempo ist die völlig unausgereifte Charakterzeichnung. Sämtliche Protagonisten begeben sich ständig willentlich in höchste Gefahr. Beispiele aus dieser Episode gefällig? Setrakian alleine im Vampirkeller, Vasiliy in der stockdunklen Abstellkammer, Matt Sayles (Drew Nelson) bei der Arbeit. Letztgenannter kümmert sich um seinen schwer verletzten Kollegen. Das Erste, was ihm dabei einfällt: Sofort auf zwei dunkle Gestalten zulaufen, die diesen gerade angegriffen haben. Wer würde so reagieren? Doch wohl kein angsterfüllter Mensch, der keine Ahnung hat, was ihn erwartet.
Warum flüchtet Vasiliy nicht, als ein Vampir seine monströse Zunge nach ihm ausfährt? Warum nähert er sich seiner röchelnden Kollegin, die sich scheinbar in dieselbe Kreatur verwandelt hat? Wieso braucht Palmers allmächtiger Erfüllungsgehilfe Eichhorst (Richard Sammel) die Hilfe des Möchtegerngangsters Gus? Wieso bedient er sich nicht einfach des riesigen Pools von potentiellen Kleinkriminellen in New York? Wieso ist es ihm überhaupt wichtig, dass die Leiche eines Vampirs entsorgt wird? Kann ihm das nicht völlig egal sein angesichts der Tatsache, dass New York gleichzeitig von Vampiren überrannt wird? Warum sind Cops immer doofe, ignorante Arschlöcher?
Warum schickt Kelly Goodweather (Natalie Brown) ihren Sohn Zach (Ben Hyland) in die Schule, nachdem ihr Exehemann sie eindringlich gewarnt hat, genau dies nicht zu tun? Warum schiebt sie die Arbeit vor, statt ihm wenige Minuten zuzugestehen, um sein Plädoyer zu halten? All diese Familiengeschichten - der Goodweathers, von Nora und Vasiliy - fühlen sich stets wie Füllmaterial an. Zu keinem Zeitpunkt können die Figuren bei mir genuines Interesse wecken.

Mein Interesse an The Strain wird momentan nur von den Actionszenen hochgehalten, in denen die Vampire ihrem Blutdurst freien Lauf lassen dürfen. Wenngleich dies noch viel zu selten passiert, macht es Spaß, dabei zuzusehen. In Occultation war vor allem der im Sonnenlicht verbrennende Vampir ein echter Hingucker (wenngleich ich mich fragte, warum er sich nicht einfach aus dem Sonnenlicht bewegte, wie es die anderen Vampire auch ständig tun). Ich könnte Setrakian stundenlang dabei zusehen, wie er Vampire mit seinem Gehstockschwert enthauptet. Seine Silbernagelpistole scheint hingegen keine besonders nützliche Waffe zu sein.
I have a new plan
Statt ausgreifende Familiengeschichten von Charakteren zu erzählen, die in jedem Moment einem Vampirangriff zum Opfer fallen könnten, sollte sich die Serie vielleicht darauf konzentrieren, den Vampirmythos auszubauen. So ist bisher nicht klar, wieso sich Eichhorst als völlig normaler Mensch tarnen kann, während sich die anderen Opfer nach einem Angriff in röchelnde Monster verwandeln.
Die Darstellungen mancher Schauspieler sind weitere Gründe dafür, dass ich bisher von The Strain enttäuscht bin. Mit Ausnahme von Sammel und Stoll wirken diese meist lust- und kraftlos. Besonders negativ sticht dabei der Gus-Darsteller Miguel Gomez heraus, der nur über einen einzigen Gesichtsausdruck zu verfügen scheint. Noch ist nicht ganz klar, ob seine schwache Performance eher dem Drehbuch oder doch seinem limitierten Spiel zuzuschreiben ist. Bislang versprüht seine Figur jedoch den Enthusiasmus eines Pappkartons.
Mit Ausnahme der action set pieces und Vampirszenen bleiben auch Regie und Sounddesign viel zu brav. Da gibt es keine technische Spielerei, kein musikalisches Highlight. Bisweilen wirkt The Strain, als würden sich die Produktionsverantwortlichen damit zufriedengeben, den Zuschauern eine vollkommen durchschnittliche Horrorserie zu präsentieren. Da ist nichts Besonderes, kein neuer Hook, kein spannender angle. Stattdessen massives Product-Placement, weswegen mehrmals der Times Square eingeblendet werden muss. Hoffentlich findet die Langeweile in den folgenden Episoden ein Ende - nun, da die Vampire endlich freigelassen wurden.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 18. August 2014(The Strain 1x06)
Schauspieler in der Episode The Strain 1x06
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