The Newsroom 2x05

Nach etwa einem Drittel der neuen Episode von The Newsroom fragt man sich ungläubig, ob das wirklich die Serie ist, von der man bislang vier Folgen aus der zweiten Staffel gesehen hat. In News Night With Will McAvoy fehlen die üblichen Endlosdialoge, in denen sich die Charaktere ständig zu übertrumpfen suchen. Außerdem sucht man vergebens nach der sonst so gern eingesetzten, pathosbeladenen musikalischen Untermalung oder den moralisierenden Standpauken eines oberlehrerhaften Will McAvoy (Jeff Daniels).
Ein gelungenes „The Newsroom“-Reboot
Über den Verlauf der gesamten Episode verlässt der Nachrichtensprecher von „News Night“ nicht ein einziges Mal seinen Schreibtisch. Die Handlung setzt einige Monate nach dem Ende der letzten Episode ein, im März 2012. Aktuelle politische Themen sind die Kontroverse um den gewaltsamen Tod des schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin, der in Florida von George Zimmerman, einem weißen Mitglied der örtlichen Bürgerwehr, erschossen wurde, und der Bürgerkrieg in Syrien. Dazu gesellen sich als fiktionale Erzählstränge die Verwicklungen rund um die Recherchen zu „Operation Genoa“, Maggies (Alison Pill) Verarbeitung ihrer Afrikaerlebnisse, ein aufziehender Twitter-„Shitstorm“ und eine Nacktbildkontroverse um Sloan Sabbith (Olivia Munn).

Sorkin schafft es zum ersten Mal in der neuen Staffel, eine ausgewogene Mischung zwischen den beiden Erzählgebilden herzustellen. Dass sich die gesamte Handlung innerhalb einer Stunde oder gar weniger abspielt, sorgt für ungewöhnlich hohe atmosphärische Dichte. Dem Drehbuchautor gelingt dies mit einem einfachen Kniff. Er führt einen kleinen neuen Handlungsstrang ein, bei dem einer der Protagonisten gar nicht zu sehen ist, der jedoch große Auswirkungen auf die Hauptfigur hat. Will McAvoy bekommt zu Beginn einen Anruf seines Vaters, er kann ihn jedoch nicht entgegennehmen, weil seine Moderation unmittelbar bevorsteht.
Zur Erinnerung: In der ersten Staffel verriet McAvoy seinem Therapeuten, dass sein Vater ihn geschlagen und misshandelt habe. Er hat also ein durchaus schlechtes Verhältnis zu seinem Vater, zumal der weit weg auf dem Land wohnt und sich dort in hohem Alter noch um seine Farm kümmert. Will erfährt später, dass sein Vater mit einem leichten Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Daraufhin wird er von seiner Produzentin und guten Freundin/Lebenshelferin MacKenzie (Emily Mortimer) nachdrücklich dazu aufgefordert, sich bei seinem Vater zu melden, auch wenn er nur eine kurze Mailboxnachricht hinterlasse. Will tut sich sichtlich schwer damit, seinem Vater selbst im Angesicht dessen Todes auch nur einen Schritt entgegenzukommen.
Lange weigert er sich, MacKenzies Rat zu folgen. Immer wieder lässt er sich von Neal Sampat (Dev Patel) unterbrechen, der sich mit den Nachrichten über einen anscheinend bald stattfindenden Twitter-„Shitstorm“ zu langweilen scheint. Zum Ende der Episode beantwortet er MacKenzies unnachgiebiges Drängen damit, dass er versucht habe, seinen Vater anzurufen. Seine Schwester habe das Telefon abgenommen und ihm die Nachricht vom Tod seines Vaters übermittelt. Als Will dann die folgenden Beiträge anmoderieren soll, fällt er in eine kurze Schockstarre. Das Produktionsteam sucht verzweifelt nach Alternativen, als sich Will plötzlich wieder fängt: „Well, I guess it's just us now.“
Ein Tod abseits der Kameras
Was genau meint er damit? Fehlt ihm etwa schon der ewige Antagonist, der jetzt plötzlich verschwunden ist? Will hat sich sein Leben lang daran aufgerieben, nie genug Liebe von seinem Vater erhalten zu haben. Jetzt, da diese Frage für immer ungeklärt bleibt, spürt er da Erleichterung oder Frustration? Im Angesicht dieser persönlichen Tragödie rücken jedenfalls die Nachrichten, über die Will berichtet, in den Hintergrund. Sie werden vom unsichtbaren Schatten der übergroßen Vaterfigur überlagert, trotzdem sollen sie hier kurze Erwähnung finden, da sie teilweise von hochaktueller Relevanz sind.

Das Gerichtsverfahren gegen den Todesschützen George Zimmerman aus Florida ging nämlich erst kürzlich mit einem Freispruch für den Angeklagten zu Ende. Daraufhin waren überall in den USA Demonstrationen und Protestaktionen organisiert worden, die Debatte um den immer noch schwelenden Rassismus spaltet das Land politisch und gesellschaftlich noch weiter, als es das ohnehin schon ist.
Auch der Handlungsstrang um Charlie Skinner (Sam Waterston) und seinen Besuch vom Marinegeheimdienst ONI („Office of Naval Intelligence“), Shep Pressman (Frank Wood), birgt äußerst aktuelle Relevanz. In ihrem Gespräch greifen die beiden sowohl einen fiktionalen als auch einen Erzählbogen mit realem Hintergrund auf. Zunächst diskutieren sie das neue Utah Data Center, das von der NSA (National Security Agency) in der Wüste errichtet wurde, um dort circa ein Yottabyte an Daten speichern zu können. Ohne die Enthüllungen Edward Snowdens wäre wohl darüber nie eine größere Debatte entflammt. Nun jedoch steht das Data Center im Mittelpunkt der öffentlichen Empörung.
Pressman schanzt Charlie jedoch auch neue Informationen über „Operation Genoa“ zu, die angeblich beweisen, dass dabei tatsächlich chemische Waffen eingesetzt wurden. Er spricht dies nicht offen aus, sondern übergibt lediglich einen Zettel. Offensichtlich glaubt er, die Büros von ACN könnten überwacht werden. Keine Überraschung, dass Geheimdienstleute etwas vorsichtiger sind. Hier erlaubt sich Sorkin einen eindeutigen Seitenhieb gegen Prism und all die anderen staatlichen Spähprogramme. Die Arbeiten am Drehbuch zur aktuellen Episode müssen dementsprechend frisch abgeschlossen worden sein, ebenso wie die Dreharbeiten.
Die Expartner Maggie und Don (Thomas Sadoski) verarbeiten derweil auf unterschiedliche Weise die Erlebnisse der vergangenen Monate. Maggie stürzt sich in Alkohol und wahllosen Sex, was der ins Büro zurückgekehrte Jim (John Gallagher, Jr.) natürlich argwöhnisch beobachtet. Don hilft Sloan, einigermaßen unbeschadet aus ihrem Nacktbildskandälchen herauszukommen und löscht gleich noch einen eigens gesetzten Brand. Auch hier wieder ein Seitenhieb, dieses Mal gegen die - real existierende - Webseite WND.com (vormals WorldNetDaily). Schließlich gibt er Sloans angeknacktem Selbstbewusstsein einen schönen Ruck: „You're impressive“.
Fazit
So beeindruckend, wie Don Sloan findet, ist auch das „Inner-Staffel-Reboot“ von The Newsroom gelungen. Ob dieses jemals als solches angedacht war, darf durchaus bezweifelt werden. Vielleicht hat sich Serienvater Sorkin aber doch dazu entschlossen, seine Geschichten fortan etwas weniger prätentiös zu erzählen.
Die Charaktere verlieren sich in News Night with Will McAvoy kaum noch in endlosen, selbstverliebten Dialogen, sondern kommen recht zügig zum Punkt. Arbeits- und Funktionsweise einer TV-Nachrichtenorganisation werden wunderbar detailliert dargestellt, mit allen dazugehörigen Fehlern, Korrekturen und Menschlichkeiten.
Auch die Nachrichten der Vergangenheit werden von Sorkin im Nachhinein nicht mehr besserwisserisch und moralisierend kommentiert, sondern dem Zuschauer zur eigenen Meinungsbildung überlassen. So gern man als politisch Gleichgesinnter diverse Spitzen gegen die Opposition auch hört, das bessere Fernsehen entsteht im Diskurs. Der brillante Autor Sorkin kann auch das. Er hat es soeben bewiesen.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 14. August 2013(The Newsroom 2x05)
Schauspieler in der Episode The Newsroom 2x05
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