The Newsroom 2x03

Nachdem die letzte Episode der zweiten Staffel von The Newsroom doch recht stark in Richtung Rührstück abdriftete, findet auch Willie Pete nicht die richtige Balance zwischen Humor und Drama. Dies geht soweit, dass man die Serie - zumindest in dieser Episode - eher als Dramedy denn als reines Drama einstufen müsste. Dafür jedoch ist das Sujet viel zu ernst.
Did you have any friends in school?
Thematisiert werden das in den USA auf unsäglichem Diskussionsniveau angekommene Dauerstreitthema „Homosexuelle im Militär“, der verstärkte Einsatz von Drohnen, das quasi nicht existente „Reformprogramm“ des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney, die Entstehung von Occupy Wall Street, die unfassbar dreiste Berichterstattung des rechten Nachrichtensenders Fox News und schließlich, als einzig erfundene Geschichte, die sogenannte „Operation Genoa“. Man sollte meinen, solch eine Fülle an politisch brisanten Themen reiche aus, um daraus eine Stunde mitreißendes Fernsehen zu produzieren.

Für Serienschöpfer Aaron Sorkin und seine Drehbuchkollegen war dies offensichtlich nicht der Fall. Was in vergangenen Episoden zu leichtem Schmunzeln anregte und der kurzfristigen Ablenkung von allzu ernster Thematik diente, wird nun zum Ärgernis. Will McAvoys (Jeff Daniels) ernst gemeintes Pathos als Nachrichtensprecher will nicht so recht mit seiner stets jovialen, zynischen, fast schon nihilistischen Art zusammenpassen, persönliche Probleme zu handhaben. Dies gilt überdies für die ganze Serie. The Newsroom kann sich offensichtlich nicht entscheiden, ob es lockeres Amüsierfernsehen oder doch seriöse Dramaproduktion sein will.
Der Grund für diese Diskrepanz liegt in den deutlich zu häufig eingestreuten Slapstickeinlagen und den allzu bemüht-witzigen Dialogpassagen. Wenn Charlie Skinner (Sam Waterston) sich gemeinsam mit McAvoy aufmacht, um den Chef des Medienunternehmens AWM, Reese Lansing (Chris Messina), zu erpressen, muss er dabei nicht noch triumphal die Faust recken. Für einen seriösen Journalisten sollte eine solche Methode das letzte einzusetzende Mittel sein, nicht erste Wahl. Später in der Episode lehnt MacKenzie McHale (Emily Mortimer) mit folgenden Worten die Story des hungrigen und gar nicht zynischen Neal Sampat (Dev Patel) über die Anfänge von Occupy Wall Street (OWS) ab: „They make the Tea Party look good. They made themselves the punchline.“
Genau dies trifft auch auf einige Charaktere von The Newsroom zu. Dadurch, dass die Comedyelemente so stark in den Vordergrund rücken, werden einzelne Figuren zu Karikaturen ihrer selbst - zumindest in dieser Episode. Warum Don Keefer (Thomas Sadoski) unbedingt dreimal hintereinander vom Stuhl fallen muss, ist genauso wenig ersichtlich wie das Dauergeplänkel zwischen Will, Charlie und Reese. Dass Don sich selbst als handwerklich begabt bezeichnet und dann doch auf einem viel zu kleinen Stuhl sitzt, ist doch schon witzig genug.
Have you ever seen any of these movies?
Durch die maximale Ausreizung des immer gleichen Witzes beziehungsweise der immer gleichen Verhaltensweisen erreichen die Autoren lediglich, dass sich der Zuschauer auf einer Zeitreise zurück in die 90er Jahre wähnt. Auch bei Formaten wie Ally McBeal wurden ewig dieselben Zoten gezündet. So droht das HBO-Drama, immer weiter ins leichte Fach abzudriften, obwohl die harten, realen und wirklich interessanten Themen doch verarbeitungsbereit daliegen. The Newsroom kann dies ja auch, wie in der Episode mehrfach bewiesen wird. Und auch die hier teilweise kritisierten Sprachsalven zwischen Antagonisten und Protagonisten können durchaus gelingen. Bestes Beispiel dafür: Das vor Filmreferenzen beinahe platzende Wortgefecht zwischen Charlie und Will zu Beginn der Episode.

Jerry Dantana (Hamish Linklater) und MacKenzie streiten sich derweil weiter über die richtige Vorgehensweise in der potentiell hochexplosiven „Genoa“-Geschichte. Während Jerry auf eine schnelle Verifizierung der Informationen mit anschließender Veröffentlichung drängt, bleibt MacKenzie skeptisch. Während des ersten Treffens mit whistleblower Eric Sweeney (Roderick Hill) fängt ihre Front jedoch an zu bröckeln und sie bekommt echtes Interesse an dem Fall. Sie beauftragt Jerry mit weiterer, tiefgreifender Recherche. Einer Zusammenarbeit von Neal und der hochgradig neurotischen Maggie (Alison Pill) haben sie schließlich einen Augenzeugenbericht über den bei „Operation Genoa“ angeblich eingesetzten weißen Phosphor (WP=„Willie Pete“) beziehungsweise das Saringas zu verdanken.
Beide Kampfstoffe hätten nach einem Abkommen der CWC (Chemical Weapons Convention) aus dem Jahre 1997 aus den Waffenarsenalen der 165 unterzeichnenden Nationen getilgt werden sollen. De facto sind jedoch bis zu diesem Jahr nur 78 Prozent der weltweiten gemeldeten Reserven vernichtet worden. Es liegt also durchaus im Rahmen des Möglichen, dass auch das amerikanische Militär noch über Vorräte an chemischen Waffen verfügt.
Ein großes Thema mit realem Bezug ist der Kampf von Jim Harper (John Gallagher, Jr.) gegen die Nichtinformationspolitik der Romney-Wahlkampfkampagne. Im amerikanischen politischen Diskurs gibt es einen schönen Begriff für die Botschaften, die sich die konkurrierenden Lager zurechtlegen: rhetoric. Er bezeichnet eine Art vorgezeichneten Pfad, der von allen Antragstellern stets einzuhalten und niemals zu verlassen ist. Seit Barack Obamas Wahlsieg im Jahre 2008 sind diese Vorgaben jedoch so undurchlässig und kompromisslos geworden, dass sie die gesamte politische Kultur der USA zu vergiften drohen. Warum dies so ist, wird in der aktuellen Episode von The Newsroom sehr schön herausgearbeitet.
Fazit
Wenngleich in ihm vordergründig nicht wirklich viel passiert, so ist doch Jims Handlungsbogen der interessanteste, eben weil er nicht - wie der andere starke Erzählstrang, die „Genoa“-Story - erfunden ist, sondern auf wahren Tatsachen basiert. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Republikaner im Vorwahlkampf und im Präsidentschaftswahlkampf jedes demokratische Störfeuer einfach niederzuschreien versuchten.
Welch weitreichende Folgen eine solche Vergiftung des politischen Klimas haben kann, lässt sich sehr schön an der derzeitigen Lage der beiden Kammern des amerikanischen Parlaments beobachten. Die kompromisslose Blockadehaltung der Republikaner mit dem schamlos ausgesprochenen Ziel, die Reformbemühungen der Regierung Obama zum Stillstand zu bringen, kann zu großen Teilen dafür verantwortlich gemacht werden, dass es kaum gelingt, ein Gesetz - und sei es noch so sinnvoll - zu verabschieden. Folgerichtig liegen die Zustimmungsraten von Kongress und Senat seit Jahren auf historischen Tiefstwerten.
Selbst mit seinem eindeutig prodemokratischen und linksliberalen Einschlag schafft es The Newsroom, diese Schieflage offenzulegen, inklusive Seitenhieb auf die offensichtlich parteiische „Berichterstattung“ des „Nachrichtensenders“ Fox News. Traurigerweise ist dieser Sender auch noch derjenige mit den höchsten Einschaltquoten unter den reinen Nachrichtenkanälen. Zustände, die an das Italien unter Silvio Berlusconi erinnern.
Solche Missstände aufzudecken ist wichtig und für ein fiktives Unterhaltungsformat eine Löwenaufgabe. The Newsroom gelingt dies teilweise. Würden die Autoren es schaffen, ihren Hang zu Pathos und Slapstick abzulegen, käme die Botschaft noch überzeugender rüber.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 29. Juli 2013(The Newsroom 2x03)
Schauspieler in der Episode The Newsroom 2x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?