The Newsroom 2x02

The Newsroom 2x02

Ob die Vorschusslorbeeren für die zweite Staffel von The Newsroom nach der Auftaktepisode verfrüht waren? In der neuen Folge driftet die Dramaserie wieder ins seichte Fach ab, außerdem fängt die Selbstgerechtigkeit der Journalistenporträts langsam an zu nerven.

Charlie Skinner (Sam Waterston) und Don Keefer (Thomas Sadoski) ganz lässig bei der Arbeit. / Foto (c) HBO
Charlie Skinner (Sam Waterston) und Don Keefer (Thomas Sadoski) ganz lässig bei der Arbeit. / Foto (c) HBO

You were always on my mind.“ Will McAvoy (Jeff Daniels) weiß die Willie-Nelson-Version dieses Evergreens besonders zu schätzen, wenngleich er ihn fälschlicherweise als Original klassifiziert. Unbestritten ist dies ein Song für die Ewigkeit, jedoch verpasst er den darunterliegenden Szenen genau die Portion Bedeutungsschwere, die diese eigentlich nicht brauchen und von der sich The Newsroom schnellstmöglich verabschieden sollte. Denn was in der Auftaktepisode der zweiten Staffel noch belobigt wurde, hat sich in der neuen Folge The Genoa Tip ins Gegenteil verkehrt.

How long do you guys give people shit in New York?

Die Episode trieft nahezu vor Schmalz und selbstgerechter Lobhudelei der ach so aufrichtigen Journalistenkaste. Viel zu viel Zeit wird darauf verwendet, die pubertären Anwandlungen des Liebes-Quintetts zwischen Maggie (Alison Pill), Don (Thomas Sadoski), Jim (John Gallagher, Jr.), Sloan (Olivia Munn) und Lisa (Kelen Coleman) auszubreiten. Dazu gesellen sich die immerwährend schmachtenden Blicke von Mackenzie (Emily Mortimer) und Will. Könnte man ja alles halbwegs aushalten, wenn da nicht diese musikalische Untermalung wäre, die förmlich herausschreit: „Uns geht es allen furchtbar schlecht!“

Mentorenprogramm I: Maggie (Alison Pill) wendet sich an die nicht weniger verwirrte Kollegin Sloan Sabbith (Olivia Munn). Foto © HBO
Mentorenprogramm I: Maggie (Alison Pill) wendet sich an die nicht weniger verwirrte Kollegin Sloan Sabbith (Olivia Munn). Foto © HBO

Drehbuchautor Aaron Sorkin war nie für seine Subtilität bekannt, wie er in der aktuellen Episode jedoch mit dem Dampfhammer eine Lanze für den Journalismus zu brechen versucht, das grenzt schon an dailysoapeskem Storytelling. Zwei Techniknerds dürfen sich mit wässrigen Augen Wills allererste Moderation - zuvor war er lediglich Gerichtskorrespondent - anschauen und - oh Wunder - diese war natürlich eine ganztätige Marathonsession an - ja, wirklich! - Nine-Eleven. McAvoy moderierte damals schon mit soviel Pathos, Selbstreflexion und Routine, dass man glauben könnte, er sei nur zu diesem einen Zweck auf die Erde geschickt worden. Er moderiert, als hänge ihm die ganze Nation an den Lippen, dabei haben wir erst in der letzten Episode gelernt, dass die absolute Rekordeinschaltquote bei ACN bei gerade einmal 5,5 Millionen Zuschauern lag - und dies nicht einmal am 11. September 2001.

Wo kommt eigentlich der ganze Selbsthass her, den McAvoy ständig gegenüber allem und jedem verarbeiten muss? Sein Zynismus ist kaum noch auszuhalten, ebenso wie seine Selbstgerechtigkeit und seine dauernde Betonung, er sei doch Republikaner mit vollem Herzen. Welch mutige Selbstgeißelung in einem mutmaßlich größtenteils linksliberal eingestellten Arbeitsumfeld! Mackenzie findet - ausnahmsweise - die richtigen Worte: „Sometimes I don't know if Will is just a douchebag.“ Manchmal ist er das wirklich, was dramaturgisch nicht unbedingt hinderlich wäre, wäre er nicht als das genaue Gegenteil angelegt. Sorkin hat seinen Hauptcharakter sicher nicht so vorgezeichnet, in den Augen der Zuschauer wird er jedoch immer mehr zum eitlen Pfau.

Die Episode ist frei von Rückblenden, was in der Nachschau unbedingt positiv zu bewerten ist, denn die Flashbacks der ersten Episode hatten zu viel des weiteren Geschichtsverlaufs verraten. So wissen wir nun bereits, dass Maggie von ihrem Uganda-Trip mit einem massiven posttraumatischen Stresserlebnis zurückkommen wird. Des Weiteren wurde dem staffelübergreifenden Erzählstrang um die Geheimoperation „Genoa“ frühzeitig der Wind aus den Segeln genommen, indem die Geschichte bereits als Ente entlarvt wurde.

I'm not who I used to be right now

Die Dramatik dieser beiden ist also schon vorherbestimmt. Bemerkenswert ist dabei, dass dies die bisher einzigen beiden Geschichten sind, die aus den Federn der Autoren stammen. Es sind wohl auch die beiden einzigen staffellangen Handlungsstränge. Für höheres Erzähltempo und größere atmosphärische Dichte sorgen in der aktuellen Episode dann schon die Handlungsbögen von Don Keefer und Neal Sampat (Dev Patel). Erstgenannter engagiert sich stark für einen Nachrichtenbeitrag über die bevorstehende Hinrichtung von Troy Davis. Dieser war Ende September 2011 im Bundesstaat Georgia trotz starken Protests von Menschenrechtsgruppen und einer Großzahl an prominenten Figuren, inklusive des Papstes, hingerichtet worden.

Mentorenprogramm II: Auch Mackenzie (Emily Mortimer; li.) hat stets ein offenes Ohr für die Belange ihrer Angestellten. Foto © HBO
Mentorenprogramm II: Auch Mackenzie (Emily Mortimer; li.) hat stets ein offenes Ohr für die Belange ihrer Angestellten. Foto © HBO

Dons Engagement in allen Ehren: Seine Motivation wird zu keinem Zeitpunkt ersichtlich. Dies wiederum drängt den Verdacht auf, er könnte sich nur so stark ins Zeug werfen, um über seine Trennung von Maggie hinwegzukommen. Bei Will und auch Charlie Skinner (Sam Waterston) stößt er jedenfalls auf taube Ohren und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als gegen Ende der Episode die Nachricht von Troy Davis' Exekution hinzunehmen. Auch dabei stellt sich wiederum die Frage, wieso diese Nachricht für ihn überraschend kam. Hätte er nicht über die letzten Protestzüge informiert sein beziehungsweise diese live mitverfolgen müssen?

Währenddessen darf sich Neal von der Polizei bei einer schnell aus dem Ruder laufenden Veranstaltung von Occupy Wall Street von übereifrigen Polizisten verhaften und anschließend von Will McAvoy mittels Tobsuchtsanfall und Anwaltsjargon aus dem Gefängnis holen lassen. Zuvor gab es eine Runde Auslachen in der Redaktionssitzung, danach eine Runde Heldengeschichte beim After-Work-Drink: „Prison really changes a man. I got a lot of thinking done. It's slow time in there.“ Er saß genau eine Stunde ein. Immerhin ein abwechslungsreicher comic relief.

Auch das Drohnenthema wird wieder aufgegriffen. Hier kann die Episode ihren stärksten Moment feiern. Der erstmalige Abschuss eines amerikanischen Staatsbürgers - des mutmaßlichen Terroristenführers Anwar al-Awlaki - wird zum heißdiskutierten Streitthema zwischen Will, Charlie, Jerry (Hamish Linklater) und Mackenzie. Wie meistens bei solchen Diskussionen stehen sich „Sicherheits“- und „Menschenrechts“-Fraktion gegenüber. Will ist es schlicht egal, ob die Rechte eines amerikanischen Staatsbürgers missachtet wurden, er zitiert John Dillinger oder sonst irgendwen, der ihm passend erscheint. Als die Auseinandersetzung jedoch gerade spannend wird, platzt eine Mitarbeiterin mit der Neuigkeit über Neals Verhaftung herein. Schade.

Fazit

Tja, das passiert, wenn man sich als Kritiker zu weit aus dem Fenster lehnt und nach nur einer Episode die gesamte kommende Staffel lobt. Geändert scheint sich nichts zu haben, Sorkin und sein Team stoßen scheinbar noch stärker in die immergleiche Richtung, wollen noch mehr Pathos auftragen, den Zuschauer noch weniger selbst denken lassen.

Der Kunstgriff, den Handlungsverlauf der zweiten Staffel auf verschiedenen Zeitebenen ablaufen zu lassen, hat sich als Fehlgriff erwiesen. Nicht nur fehlt den einzelnen Handlungsbögen die Spannung, sie konnten in der neuen Episode aus sich selbst heraus noch kein genuines Interesse wecken.

Hinzu kommt, dass die romantischen Verwicklungen innerhalb der News Night-Redaktion viel zu großen Raum einnehmen. Immerhin besteht Hoffnung, dass, nachdem nun auch der letzte - Jim - das vermaledeite YouTube-Video gesehen hat, das Thema endlich zu den Akten gelegt werden kann. Dass er mit der jungen Journalistenkonkurrentin Hallie Shea (Grace Gummer) gleich das nächste love interest vor den Latz geknallt bekommt, konterkariert diese Hoffnung allerdings schon wieder (OMG, bloß kein „Will-they-won't-they“ zwischen den beiden. Bitte!).

Positiv hervorzuheben ist die Hinwendung zu kontroversen Themen wie dem amerikanischen Drohneneinsatz oder die Hinrichtung vermeintlich Unschuldiger. Leider werden diese Diskurse von der allzu selbstgerechten Darstellung der Journalisten überschattet. Mit dieser Episode haben sich die Macher von The Newsroom wahrlich keinen Gefallen getan.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 23. Juli 2013
Episode
Staffel 2, Episode 2
(The Newsroom 2x02)
Deutscher Titel der Episode
Operation Genua
Titel der Episode im Original
The Genoa Tip
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 21. Juli 2013 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 22. September 2013
Regisseur
Jeremy Podeswa

Schauspieler in der Episode The Newsroom 2x02

Darsteller
Rolle
Emily Mortimer
John Gallagher, Jr.
Thomas Sadoski
Dev Patel
Sam Waterston
Chris Chalk

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?