The Leftovers 3x03

The Leftovers 3x03

Nicht ganz auf Coon'schem Niveau, aber doch brillant genug, um eine ganze Episode auszufüllen, bewegt sich Scott Glenn durch das Crazy Whitefella Thinking im eigenen Kopf. The Leftovers verlegt seine Handlung dafür nach Australien - und bleibt so merkwürdig wie eh und je.

Australien kann so schön sein. / (c) HBO
Australien kann so schön sein. / (c) HBO
© ustralien kann so schön sein. / (c) HBO

Schneller, als man es als The Leftovers-Zuschauer hätte erwarten können, liefert die Serie Erklärungen auf manche, aber nicht alle merkwürdigen Vorkommnisse, die sich in den ersten beiden Auftaktepisoden der dritten und letzten Staffel ereignet haben. Crazy Whitefella Thinking spielt ausschließlich in Australien und handelt nur von einem Protagonisten, den wir, mit Ausnahme eines kurzen Auftritts in der zweiten Staffel, seit dem Ende der ersten nicht mehr zu Gesicht bekamen: Kevin Garvey senior (Scott Glenn).

Part of my story

Zu Beginn der Episode werden weitere Rätsel aufgetürmt. Kevin ist in der australischen Wüste unterwegs, wo er mittels Parabolantenne versucht, die Gesänge der einheimischen Aborigines aufzunehmen. Diese Aufnahmen nutzt er, um im Schutze der Nacht ebenjene Gesänge und Rituale einzustudieren. Warum er das alles macht, erfahren wir erst später. Vorerst wird er dabei von der Polizei erwischt, die ihm deutlich zu verstehen gibt, dass er diese Tätigkeiten entlang der Songline ab sofort zu unterlassen habe. Da hilft es auch nichts, dass er behauptet, ein hehres Ziel zu verfolgen: „Preventing the apocalypse.

Von den deutlichen Worten des Polizeibeamten lässt sich Kevin nicht abbringen, schließlich befindet er sich auf einer Mission. Diese führt ihn auf die Spur von Christopher Sunday (David Gulpilil), dem letzten Cleverman, dessen Song er braucht, um alle Lieder der Songline auswendig lernen zu können. Bevor es jedoch so weit kommen kann, legen die Drehbuchautoren Damon Lindelof und Tom Spezialy die dramaturgische Grundlage für die später folgende Erklärung für die Ereignisse am Ende von Don't Be Ridiculous.

Kevin steht nämlich mit Matt (Christopher Eccleston) in Verbindung, der ihm eine Kopie des Book of Kevin hat zukommen lassen. Die Lektüre erzürnt Kevin jedoch, war er doch davon ausgegangen, dass er auch darin vorkommt. Weil dem nicht so ist, steckt er nur das mitgelieferte Geld und ein paar Seiten in die berühmte Ausgabe des National Geographic-Magazins, das bereits in der ersten Staffel für allerlei Spekulationen gesorgt hatte, und das später von Grace Playford (Lindsay Duncan) bei ihm gefunden werden wird. Der Rest wandert in den Müll.

Ladies and Gentlemen: Mimi Leder!
Ladies and Gentlemen: Mimi Leder! - © HBO

Dank des Anrufs an Matt erfahren wir, dass die Handlung dieser Episode vor den Ereignissen der Auftaktfolge spielt, weil Kevin junior (Justin Theroux) noch nichts von seinem Glück weiß, für den neuen Jesus gehalten zu werden. Davon ist selbst sein Vater nicht überzeugt, glaubt er doch an sein eigenes Schicksal, das ihn als Erbauer einer neuen Arche vorsieht, um die Welt am siebten Jahrestag der Departure vor einer neuen Flut zu retten. Bezeichnenderweise fängt es genau in dem Moment heftig zu regnen an, in dem sich Matt am anderen Ende der Welt über diese Idee lustig macht.

Would you kill a baby if it would cure cancer?

Matts moralische Unterstützung wäre Kevin sicherlich genehm gewesen, jedoch verfolgt er seinen Plan auch ohne dessen Segen unbeirrt weiter. Da weiß er noch nicht, dass er auf einem Fahndungsplakat abgebildet ist, das alle, die mit Aborigine-Angelegenheiten zu haben, vor ihm warnt. Davon lässt er sich aber nicht abhalten, sich Zugang zu Christopher Sunday zu verschaffen, dem er sich zunächst in dessen indigener Sprache vorzustellen versucht, bevor er es auf Englisch macht: „I am Kevin, totem of the bush snake.“ Was folgt, ist eine abgefahrene Geschichte, von der er glaubt, sie würde ihm Tür und Tor öffnen, die ihn aber nur als so wahnsinnig wie eh und je auszeichnet.

Dabei bekommen wir auch eine Erklärung dafür, wieso er ständig alte Aufnahmen seines Sohnes hört, aus einer Zeit, als der noch davon träumte, Nachrichtensprecher zu werden. In seinem Kopf ergibt sich daraus folgendes Missionsziel in Bezug auf die vermeintlich nahende Flut: „I have to sing to make it stop.“ Der Zwischenplan, Christopher Sunday die dafür benötigten letzten Textzeilen zu entlocken, scheitert jedoch auf grandios groteske Weise: Kevin stürzt vom Dach, das er eigentlich reparieren wollte, um im Tausch den Songtext zu bekommen - und bringt Sunday dabei um.

Abermals findet er sich daraufhin als einsamer Wanderer in der sengenden Hitze der australischen Wüste wieder, auf Krücken, ohne Wasser. Ihm begegnet ein Verzweifelter, der es scheinbar auch sieben Jahre nach der Departure noch nicht verwunden hat, dass er nicht mitgenommen wurde, und deshalb vor Kevins Augen sich und seinen VW Käfer anzündet. In der darauffolgenden Nacht regnet es wieder wie auf Bestellung, was Kevins Glaube, ein irgendwie Auserwählter zu sein, weiter bestärken dürfte.

Eine Arche, um die Welt zu retten.
Eine Arche, um die Welt zu retten. - © HBO

Auch die folgenden Ereignisse sind von geläufiger religiöser Symbolik durchtränkt. Die Schlange, der er begegnet, und die er eigentlich verspeisen will, beißt Kevin im Todeskampf, was vielleicht seinen Körper schwächt, nicht aber seinen Überlebenswillen. Zu den Klängen einer Choralversion des Queen-Klassikers „We Will Rock You“ - Max Richter und Liza Richardson, wir lieben Euch! - schleppt er sich an ein plötzlich aufgetauchtes Kreuz. Eine Gelegenheit, die sich Regisseurin Mimi Leder natürlich nicht entgehen lässt.

Help

Überhaupt muss man sagen, dass die visuelle Grandezza, die Australien zu bieten hat, von Leder in Crazy Whitefella Thinking bestmöglich ausgenutzt wird. Den irren Hirnwindungen von Garvey senior setzt sie so einen sehr klares, sehr farbenfrohes Gegenbild. Oftmals wirkt er darin klein, beinahe unbedeutend. Wer anhand der Geschichte noch nicht darauf kommt, dass es sich hier um die Irrungen eines wahrscheinlich Wahnsinnigen handelt, der auf seine inneren Stimmen hört, der wird durch die Inszenierung darauf gestoßen. Die Erde bleibt die Erde, ob mit oder ohne Menschen. Ob mit oder ohne göttliche Intervention.

Um sich vom Schlangenbiss zu rehabilitieren, braucht Kevin drei Wochen. Für ihn dürfte es ein Segen sein, dass er in die Hände Gleichgesinnter gefallen ist. Ganz sicher ist es für ihn die Bestätigung, dass seine zusammengesponnene Vorsehung weiterhin Gültigkeit hat. Davon lässt er sich auch nicht von Grace abbringen, obwohl die ihm gerade ihre bewegende Familiengeschichte erzählt hat, die eigentlich Beweis genug dafür ist, nicht an göttliche Ereignisse zu glauben, sondern an die Dinge, die man sehen und verstehen kann.

Aber nein, ihrer Erkenntnis, wonach sowohl Bibel als auch Book of Kevinjust a story“ seien, setzt er entgegen, dass sie lediglich den falschen Kevin umgebracht habe. Sein begleitendes Grinsen ist uneindeutig: Hält er sich oder seinen Sohn für den „richtigen“ Kevin? So überzeugt, wie er zu Beginn gegenüber Matt war, kann er eigentlich nur sich selbst meinen. Wie dem auch sei: Diese Episode kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Sämtlichen Spekulationen um Zeitreise oder ähnliches ist damit zunächst Einhalt geboten - zumindest was den Handlungsbogen von Kevin senior angeht. Wie die stark gealterte Nora nach Australien gekommen ist, und warum sie dort unter „Sarah“ firmiert, wissen wir nämlich noch nicht.

Mir wäre es recht, würde darüber nicht allzu viel Aufhebens gemacht werden. So wunderbar inszeniert diese Episode auch war, so expositionslastig sind Teile von ihr. Ich fand Kevins Ausführungen zwar interessant - und Graces sehr mitreißend -, aber wenn das die letzte Geschichte ist, die ich von einem Huhn namens Tony höre, ist das sehr okay.

Trailer zu Episode 3x04: 'G'Day Melbourne'

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 1. Mai 2017

The Leftovers 3x03 Trailer

Episode
Staffel 3, Episode 3
(The Leftovers 3x03)
Deutscher Titel der Episode
Die Große Singflut
Titel der Episode im Original
Crazy Whitefella Thinking
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 30. April 2017 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 31. Juli 2017
Autoren
Damon Lindelof, Tom Spezialy
Regisseur
Mimi Leder

Schauspieler in der Episode The Leftovers 3x03

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