The Good Wife 6x12

The Good Wife 6x12

Das entscheidende TV-Duell zwischen Alicia und Frank steht an. Überschattet wird die Debatte jedoch von einem Gerichtsurteil, welches zu Rassenunruhen mitten in Chicago führen könnte. Parallelen zur US-Gegenwart sind unverkennbar.

Küchenschlacht einmal anders: Alicia (Julianna Margulies) und Frank (David Hyde Pierce) bei ihrem improvisierten Duell. / (c) CBS
Küchenschlacht einmal anders: Alicia (Julianna Margulies) und Frank (David Hyde Pierce) bei ihrem improvisierten Duell. / (c) CBS

Das passiert in der The Good Wife-Folge The Debate:

Alicia (Julianna Margulies) ist wenige Minuten von dem alles entscheidenden TV-Duell mit ihrem Gegenkandidaten Frank Prady (David Hyde Pierce) entfernt. Ihr Team - Eli (Alan Cumming), Melissa (Sarah Steele), Josh (David Krumholtz) und Johnny (Steven Pasquale) - wuselt um sie herum und versucht, ihr letzte Instruktionen zu geben. Was alle äußerst nervös macht, ist ein schwebendes Gerichtsverfahren: Zwei - weiße - Polizisten haben einen afro-amerikanischen Mann getötet. Alicias Team fürchtet, dass das Thema auch im TV-Duell angesprochen werden könnte. Seit Ferguson sind Polizeigewalt und Rassismus landesweit wieder stark in der Diskussion. Alicia darf sich dabei jedoch, so ihre Berater, keinesfalls so positionieren, dass sie irgendeine Wählergruppe verschreckt.

Schließlich tritt jedoch das Worst Case Scenario ein: Mitten in die TV-Debatte platzt die Nachricht, dass die Jury die beiden Polizisten für nicht schuldig erklärt hat. Chicago steht vor Massenprotesten und möglichen Unruhen - ganz ähnlich wie in Ferguson. Der Bürgermeister - vertreten durch seine Stabschefin Franny Zissis (Rachael Harris) - will die Nationalgarde einsetzen, um mit einer Demonstration der Stärke jede mögliche Gewalt im Keim zu ersticken. Peter (Chris Noth) hält das für gar keine gute Idee. Er will die Lage deeskalieren - und trifft sich dazu unter anderem mit dem schwarzen Pastor Jeremiash Easton (Frankie Faison).

Die Kanzlei Florrick, Agos und Lockhart heißt unterdessen Cary (Matt Czuchry) wieder in ihren Reihen willkommen. Gleich an seinem ersten Tag zurück stehen er und Diane (Christine Baranski) jedoch vor einem ziemlich großen Problem: Ausgerechnet in den Scheidungsverhandlungen zwischen ihrem wichtigsten Klienten, Chumhum-Gründer Neil Gross (John Benjamin Hickey), und dessen Frau (Megan Ketch) ist einem der Anwälte von Florrick Agos ein fataler Fehler unterlaufen, welcher der Kanzlei teuer zu stehen kommen könnte...

Am Puls des Zeitgeschehens

Gerade, als man nach Hail Mary glaubte, dass The Good Wife kaum noch besser werden könnte, da haut die Serie mit The Debate eine Folge heraus, die sich auf demselben Niveau bewegt, oder sogar noch ein Stückchen drüber. Die Episode ist kaum minder rasant erzählt, dabei aber gleichzeitig von völlig anderer Art als Hail Mary.

Hail Mary war ein atemloser Thriller, der sich fast ausschließlich um Carys bevorstehende Haftstrafe drehte. The Debate ist dagegen ein breit angelegtes Polit-Drama, welches so dicht und aktuell am Puls des Zeitgeschehens in den USA dran ist, dass sich die Produzenten sogar genötigt sahen, am Anfang einen Text einzublenden, in dem sie darauf hinweisen, dass die Folge tatsächlich vor den Jury-Entscheidungen in Ferguson und Staten Island geschrieben und gedreht worden ist.

Die Impromptu-Debatte

Vom Anschauen allein wäre man nicht darauf gekommen. Die Autoren Robert und Michelle King haben den Ausgang der Jury-Beratungen in ihrem Drehbuch treffend vorweggenommen - und stricken daraus eine Geschichte, welche das Thema Rassismus in all seiner Vielschichtigkeit behandelt. Angefangen bei der wunderbaren Unterhaltung zwischen Eli und seiner afro-amerikanischen Assistentin Nora (Nicole Roderick), welche die kleinen alltagsrassistischen Denkmuster offenlegt. Bis hin zum Herzstück der Episode: der Impromptu-Debatte zwischen Alicia und Frank in der Hotelküche.

The Good Wife war und ist immer dann am besten, wenn die Serie ein vermeintlich vertrautes Prozedere nimmt - und damit spielt. Das stellt a) die Figuren vor neue Herausforderungen (denken wir zum Beispiel an die französischsprachige Sportgerichts-Verhandlung in Je Ne Sais What?) und bricht b) mit den Erwartungen des Publikums. Wir alle kennen die Muster, nach denen Gerichtsverhandlungen in US-Serien ablaufen. The Good Wife versucht immer wieder, ungewohnte Perspektiven auf diese Abläufe zu finden.

Genau das erleben wir in The Debate auch mit einem Prozedere, welches uns aus der politischen Arena nur all zu vertraut ist: das Kandidaten-Duell. Zu Beginn der Folge erleben wir dieses Ritual der Mediendemokratie in all seiner Verkrustung. Mit Regeln, welche weder eine vernünftige Diskussion aufkommen lassen, noch überhaupt die Artikulation eines sinnvollen Gedankens zulassen. Übrig bleiben nur kurze Schlagwörter und Phrasen.

Klebestreifen

Ein sehr schönes Detail vom hektischen Anfang der Episode ist der Moment, in dem Alicia den ganzen Duell-Wahnsinn um sich herum bewusst/unbewusst (?) auszublenden scheint und ihre ganze Konzentration darauf richtet, ein Stück altes Klebeband von ihrem Redepult abzuknibbeln versucht. Diese Szene ist nicht zuletzt deshalb so großartig, weil sie zeigt, wie tief die Autoren in Alicias Kopf drinstecken. Es ist genau das, was Alicia in diesem Augenblick tun würde! Und es ist natürlich etwas, das gerade in seiner banalen Alltäglichkeit, der unwirklichen Medienszenerie mit all den Kameras und Scheinwerfern ringsum ein Gefühl von Authentizität, von Lebensechtheit gibt.

Gänsehaut

Aber zurück zum Spiel mit dem Prozedere: Wegen der aktuellen Nachrichtenlage wird das Duell unterbrochen - und Alicia und Frank zieht es beide in die Hotelküche, wo sie sich etwas aus dem Kühlschrank stibitzen. Frank schlägt vor, dass sie die Debatte untereinander weiterführen. Und plötzlich erleben wir ein Duell, das diesen Namen auch verdient: einen offenen, argumentativen Schlagabtausch; eine lebendige Diskussion darüber, wie den Problemen der Stadt im Bereich Kriminalität und Strafverfolgung am besten begegnet werden kann.

Wirklich spannend wird das Gespräch jedoch erst, als auf einmal mehrere Hotelangestellte dazukommen: Schwarze. Latinos. Menschen aus genau den Stadtvierteln, die von den Problemen (und Lösungsvorschlägen) am meisten betroffen sind. Und sie sind nicht nur als Zuschauer da, sie schalten sich ins Gespräch ein („You're saying we need more black people in office. And that's why we need two more white people running.“). Das, was diesen Moment so außergewöhnlich macht: Es gibt keine Regeln, keinen Moderator. Die politischen Berater sind außen vor (und wissen selbst nicht so genau, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen). Es ist kein Townhall Meeting, dafür ist es zu spontan, zu ehrlich, zu unkontrolliert. Es ist ein Augenblick, in dem ganz Oben und ganz Unten zusammenkommen und eine offene Diskussion miteinander und untereinander führen.

Es ist eine Sequenz mit Gänsehaut-Faktor: Weil man sich sehr gut vorstellen kann, dass die alten Griechen möglichweise so etwas Ähnliches im Sinn gehabt hatten, als sie sich die Sache mit der Demokratie überlegt haben.

The Debate ist eine Folge, die es durchau wert wäre, im Politik- beziehungsweise Sozialkundeunterricht gezeigt zu werden!

Privatleben

Zu den vielen herausragenden Momenten der Episode gehört natürlich auch Alicias Konfrontation mit dem Reporter (Michael Berresse), der hinter das Geheimnis von Peters und Ramonas (Connie Nielsen) Affäre gekommen ist. Alicia dreht auf geniale Weise den Spieß um - und macht die von ihrem Privatleben besessenen Medien (buchstäblich) zum Buhmann.

Peter betreibt unterdessen - mit Hilfe seines früheren Pastors Isaiah (Gbenga Akinnagbe) - etwas Gewissensforschung und macht - im Lichte der neuen Enthüllungen - endgültig, wie es scheint, mit Ramona Schluss.

Schluss macht auch Alicia, ohne überhaupt erst richtig angefangen zu haben. Wie einige Leser nach Hail Mary schon vermutet hatten, war ihr Kuss mit Johnny nur einem spontanen Freudenausbruch über Carys Freispruch geschuldet. Sie hat keinerlei Gefühle für ihn. Was sie ihm auch sagt. Wieder und wieder. Bis sie merkt - und dieser Ausdruck auf ihrem Gesicht ist nur eine der vielen Glanzleistungen von Julianna Margulies -, dass er aber offenbar etwas für sie empfindet. Ups.

David Lee

Der Fall-der-Woche mit der Scheidung von Neil Gross dient derweil vor allem nur einem Zweck: zu zeigen, dass Alicia nicht da ist, sich nicht um ihren wichtigsten Klienten kümmern kann. Und als dieser am Ende weg ist, treffen Cary und Diane im Alleingang die Entscheidung, David Lee (Zach Grenier) von Canning abzuwerben. Wenn es etwas gibt, was man an The Debate auszusetzen haben könnte, dann ist es, dass die angebliche Unzufriedenheit David Lees mit der Arbeit bei Canning so ein bisschen aus dem Hut gezaubert wirkt. Ähnlich wie der plötzliche (und nach wie vor nicht wirklich zufriedenstellend aufgelöste) Ausstieg von James Castro aus dem Wahlkampf.

Nun gut: The Good Wife hat nur knapp 45 Minuten pro Woche. Und das bedeutet, dass bei einem so großen Tableau an Haupt- und Nebenfiguren nicht alle Entwicklungen gleichermaßen perfekt vorbereitet werden können (von etwaigen Problemen etwa hinsichtlich der Verfügbarkeit von Schauspielern ganz zu schweigen).

Anwältin oder Staatsanwältin?

Alicia befindet sich am Ende in der misslichen Position, dass ihr die Kontrolle über die Kanzlei entgleitet. Diane konfrontiert sie damit, dass der ursprüngliche Grund (jedenfalls der, den Alicia offenbar ihren Kanzleikollegen gegenüber angegeben hat) für ihre Kandidatur entfallen ist: Castro kandidiert nicht mehr und Cary ist frei. Damit stellt sich die Frage: Warum kandidiert Alicia überhaupt noch? Und was bedeutet das für die Zukunft der Kanzlei?

Alicia kommt diese Frage sexistisch vor. Einem Mann würde man damit nicht kommen. Hmm. Ich bin ein Mann, deshalb ist mein Urteil in dieser Frage möglicherweise getrübt. Mein Eindruck ist, dass der Sexismus-Vorwurf von Alicia nur vorgeschoben wird, weil sie sich mit dem zugrundeliegenden Problem (dass sie nämlich zwei einander ausschließende Karrieren verfolgt: als Partnerin einer Anwaltskanzlei und als Kandidatin für den Posten des Bezirksstaatsanwalts) nicht auseinandersetzen will. Ich bin aber gerne bereit, mich hier von unseren Leserinnen eines Besseren belehren zu lassen.

Fazit

Dass The Good Wife bei den Golden Globes nicht zumindest eine Auszeichnung einheimsen konnte, ist überaus bedauerlich. Mit The Debate hat die Serie einmal mehr ihre Exzellenz unter Beweis gestellt.

Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 13. Januar 2015
Episode
Staffel 6, Episode 12
(The Good Wife 6x12)
Deutscher Titel der Episode
Das TV-Duell
Titel der Episode im Original
The Debate
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 11. Januar 2015 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 23. Februar 2016
Autoren
Robert King, Michelle King
Regisseur
Brooke Kennedy

Schauspieler in der Episode The Good Wife 6x12

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