The Good Wife 6x11

Das passiert in der The Good Wife-Folge Hail Mary:
Cary (Matt Czuchry) muss nach dem Schuldspruch mit vier Jahren Gefängnis rechnen. Um sich auf die Zeit hinter Gittern vorzubereiten, nimmt er die Hilfe eines Knast-Trainers (mit Domenick Lombardozzi aus Breakout Kings kongenial besetzt!) in Anspruch. Dieser empfiehlt ihm, sich als erstes einen Freund und Beschützer zu suchen. Kalinda (Archie Panjabi) versucht ihm dabei zu helfen - und wendet sich an Lemond Bishop (Mike Colter). Dieser ist auch bereit, ihr diesen Gefallen zu tun, wenn sie ihm einen Gefallen tut.
Bevor es jedoch so weit kommt, macht Kalinda eine aufregende Entdeckung: der Drogen-Deal, für den Cary verurteilt worden ist, ist völlig anders abgelaufen als bislang angenommen. Die Drogen wurden nicht nach Chicago importiert, sondern nach Kanada exportiert - und sind schon zwei Wochen lang in der Stadt gewesen, bevor Cary die Leute aus Bishops Crew angeblich bei der Einfuhr der Drogen beraten haben soll.
Vor Gericht nützt Diane (Christine Baranski) diese neue Erkenntnis jedoch wenig. Der Richter (David Paymer, der inzwischen verdientermaßen als Special Guest Star geführt wird) ist nicht bereit, das Urteil aufzuheben. Cary hat sich schuldig bekannt. Um den Fall neu aufzurollen, muss Diane zeigen können, dass der Staatsanwaltschaft der wahre Sachverhalt bekannt gewesen ist. Der Kanzlei Florrick Agos und Lockhart bleiben fünf Stunden bis zur offiziellen Strafmaßverkündung und Carys Inhaftierung, um diesen Beweis zu finden!
Alicia (Julianna Margulies) steckt unterdessen in der Vorbereitung der entscheidenden TV-Debatte ihres Wahlkampfs fest. Dabei würde sie viel lieber Cary helfen. Eli (Alan Cumming) versucht alles, um ihre Konzentration auf die bevorstehende politische Auseinandersetzung zu lenken.
Sechs Sterne
Halleluja und gegrüßet seist Du Maria! Hail Mary ist eine Episode, die einen wünschen lässt, dass es bei der Bewertung auf SERIENJUNKIES.DE® sechs Sterne zu verteilen gäbe. Zweimal musste der Rezensent die Wiedergabe der Folge kurz unterbrechen, um Puls und Blutdruck wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. Es gibt Folgen von The Good Wife, die sind großes Drama. Es gibt Folgen, die nehmen es an Komik mit jeder Sitcom auf. Und dann gibt es Hail Mary, eine Episode, die das Gerichtsserien-Äquivalent eines Actionthrillers ist. So rasant und so spannend hat man die Serie wahrscheinlich noch nie zuvor gesehen!
Es ist ganz großes Kino, das die Kings hier abliefern.
Dabei könnte die Folge von der Grundstruktur her kaum simpler sein. Es ist eine ganz schlichte Deadline-Konstruktion, die wir hier präsentiert bekommen: der klassische Wettlauf gegen die Zeit. Über dieses von alters her bewährte dramaturgische Fundament legen sich jedoch gleich mehrere Schichten, welche der Episode emotionale Tiefe, Authentizität und psychologische Finesse verleihen.
Gravitas
Da ist zum einen Cary, der das Knast-Training absolviert. Gemeinsam mit ihm bekommt auch der Zuschauer einen harten und schonungslosen Einblick, was den - eher jungenhaften - Anwalt in der Haft erwartet. Die Episode könnte uns kaum eindringlicher vor Augen führen, welch schwerwiegende Konsequenzen es haben würde, falls Diane und Kalinda bei der Revision von Carys Urteil versagen. Das verleiht der Episode einen zusätzlichen Spannungs-Boost.
Für Cary muss es sich ja wirklich so anfühlen, als ginge sein Leben zu Ende. Der Knast-Trainer drängt ihn dazu, ein letztes Mal in ungesiebter Luft Sex mit seiner Freundin zu haben - und rät ihm, besser nicht darauf zu zählen, dass Kalinda auch nach den mindestens zwei, maximal vier Jahren noch seine Freundin sein wird. So sehr Kalinda selbst auch beschwört, dass sie auf ihn warten wird (was angesichts der Tatsache, dass sie von exklusiver Paarbindung bislang nicht so viel gehalten hat, nun nicht gerade sehr überzeugend auf Cary wirkt).
Wir können so gut nachvollziehen, in welcher Panik er sich befinden muss. Und dass er mit dem Gedanken spielt, doch noch auf Bishops Angebot zurückzukommen - und nach Spanien zu fliehen. Abhauen. Dem bevorstehenden Horror entkommen. Ein absolut begreiflicher Gedanke. Gerade die aufsteigende Verzweiflung Carys, was ihn im Gefängnis erwartet, ist es, was der Handlung der Folge ihre Gravitas gibt.
Achterbahn
Zum anderen ist da die hektische Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Erst glaubt Kalinda, sie schon gefunden zu haben, dann stellt es sich doch wieder als Sackgasse heraus. Es ist ein Auf und Ab, welches Figuren und Zuschauer hier gleichermaßen durchleben. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die noch dadurch intensiviert wird, was The Good Wife hier mit der Figur Kalinda macht.
Sie, die sich weder auf eine Sexualität noch auf einen Partner so richtig festlegen mag, offenbart in Hail Mary in bislang ungeahntem Maße ihre Gefühle für Cary. Und das weniger durch das, was sie sagt, als vielmehr dadurch, was sie bereit ist, für ihn zu tun. Sie begibt sich nicht nur - zum wiederholten Male - in die Gnade und Abhängigkeit des Drogenbarons Bishop. Sie überschreitet auch erstmals in dieser Deutlichkeit das Gesetz. Bereits in der Vergangenheit hat sich Kalinda bei ihrer Arbeit gerne mal im Graubereich der Legalität bewegt. Hier geht sie jedoch hin und fälscht tatsächlich einen Beweis, um Cary zu entlasten. Für eine - allen Ambiguitäten zum Trotz - doch immer sehr ethisch denkende und handelnde Person wie Kalinda ist das schon ein enormer Schritt - und ein Liebesbeweis, wie er deutlicher kaum ausfallen könnte.
Getrübte Freude
Grandios ist die tragische Ironie, welche die Autoren hier einflechten: Es hätte des gefälschten Beweises überhaupt nicht bedurft. Ein Anwaltskollege in der Kanzlei findet einen anderen Weg, um die Staatsanwaltschaft in die Bredouille zu bringen. Doch Kalinda kommt zu spät; sie kann nicht mehr verhindern, dass Diane (nichtsahnend) den gefälschten Beweis vor Gericht präsentiert. Und während sich alle Welt über Carys Freispruch freut und in den Armen liegt, kann Kalinda nur zerknirscht dem Polizisten (John Ventimiglia) hinterherschauen, dessen Karriere sie gerade zerstört hat. Ganz zu schweigen von dem Risiko, dem sie jetzt selbst ausgesetzt ist, sollte jemals die Wahrheit ans Licht kommen.
Was ein kitschiger Hollywood-Moment hätte sein können - der zu Tränen gerührte Cary nach dem Freispruch -, wird durch Kalindas Sündenfall zu einem emotional reichhaltigen Augenblick widerstrebender Gefühle der Freude (mit Cary) und des Bedauerns (mit Kalinda).
Sparring
Cary und Kalinda sind ganz klar die Figuren, die in Hail Mary im Vordergrund stehen. Aber auch die eigentliche Hauptfigur von The Good Wife wird nicht vergessen. Alicia fehlt wegen des Prozederes um Cary die nötige Konzentration für die Vorbereitung der Debatte (auch so eine Art Knast-Training, wenn man so will...).
Das ändert sich erst, als sie zunächst mit Finn (Matthew Goode) und dann mit Peter (Chris Noth) zwei Sparringspartner auf Augenhöhe serviert bekommt, die das Beste aus ihr herauskitzeln. Vor allem im Duell mit ihrem Gatten mutiert Alicia zu einer engagierten, leidenschaftlichen Wahlkämpferin. Dabei fliegen zwischen den (Pro-Forma-) Eheleuten so viele Funken (und das keineswegs im positiven Sinne), dass Eli sich genötigt sieht, die Trainings-Debatte zu unterbrechen, weshalb es wiederum zwischen ihm und Johnny (Steven Pasquale) zum großen Knall um die Vorherrschaft und die Zielsetzung im Wahlkampf kommt.
Bisweilen kann man als Zuschauer den Eindruck haben, als stünde die gesamte Folge einfach nur unter Strom. Starkstrom.
Heimlicher Helfer
Zu den vielen famosen Volten in The Good Wife gehört natürlich die Szene, in der Alicia Peter um einen Gefallen wegen Cary bittet. Peter soll bei der Gefängnisverwaltung intervenieren, um sicherzustellen, dass Cary in den Niedrig-Sicherheitsbereich (mit den weniger gefährlichen Straftätern) kommt. Peter sagt, dass er das nicht tun könne. Was er Alicia jedoch verschweigt: Dass er bereits einen eigenen Plan in Gang gesetzt hat, um Cary zu helfen (auch wenn dieser Plan am Ende scheitert - und Cary sogar beinahe noch zum Verhängnis wird, als der Richter das von Peter initiierte Ablenkungsmanöver durchschaut).
Ein Küsschen in Ehren...
Das I-Tüpfelchen der Episode ist derweil der Schluss. Freudestrahlend empfängt Alicia die Nachricht, dass das Urteil gegen Cary revidiert worden ist. Sie jauchzt geradezu vor Freude. Und zeigt sich im nächsten Augenblick regelrecht enthemmt, als sie ihren Wahlkampfberater Johnny einfach mal so mir nichts dir nichts abknutscht. Eine halbe Staffel lang hat uns The Good Wife aufkeimende Gefühle zwischen ihr und Finn erzählt. Mir persönlich hat das nie so richtig geschmeckt, weil mir Finn viel zu sehr als „der neue Will“ herüberkam. Dass mit Johnny nun möglicherweise ein neues, gänzlich unerwartetes Liebes-Dreieck entsteht, kann ich daher nur sehr begrüßen! Ich hab mich über den Kuss auf jeden Fall, gerade auch in seiner Spontaneität, sehr gefreut!
Fazit
Eigentlich kann man nach Hail Mary nur eines tun (sobald sich die Vitalfunktionen wieder auf Normalniveau befinden): sich huldvoll vor Robert und Michelle King verneigen - und Danke sagen. Das war ein selbst nach den Maßstäben von The Good Wife außerordentlich mitreißendes Vergnügen!
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 6. Januar 2015(The Good Wife 6x11)
Schauspieler in der Episode The Good Wife 6x11
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