The Good Wife 6x10

Das passiert in der The Good Wife-Folge The Trial:
FĂŒr Cary (Matt Czuchry) ist der Tag des Gerichtsverfahrens gekommen. Die Staatsanwaltschaft - nach dem Ausscheiden Finns (Matthew Goode) vertreten von Geneva Pine (Renee Elise Goldsberry) - klagt ihn wegen Beihilfe an: Er soll die Crew von Drogenbaron Lemond Bishop (Mike Colter) bei ihrem illegalen Treiben beraten haben. Gleich zu Beginn des Verfahrens mĂŒssen Cary und Diane (Christine Baranski) eine schwere Niederlage einstecken. Der Richter (David Paymer) lĂ€sst den belastenden Tonbandmitschnitt als Beweismittel zu. Kalinda (Archie Panjabi) versucht unterdessen alles in ihrer Macht Stehende, um den letzten noch lebenden Augenzeugen der Unterhaltung zu finden.
FĂŒr Cary wird die Situation trotzdem immer brenzliger. Und er steht vor einer schweren Entscheidung: Beharrt er bis zum Schluss auf seiner Unschuld - und riskiert eine GefĂ€ngnisstrafe von bis zu 15 Jahren. Oder lĂ€sst er sich auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ein - ein SchuldeingestĂ€ndnis gegen eine deutliche Reduzierung des StrafmaĂes?
Cary hĂ€tte sich mit Bishops Leuten wohl lieber nicht ĂŒber den RealitĂ€tsgehalt von Gangsterfilmen austauschen sollen. Und Alicia (Julianna Margulies) hĂ€tte es wohl besser gelassen, Grace (Makenzie Vega) im Scherz eine Entschuldigung fĂŒr den Sportunterricht mit einem Zitat aus ihrer Lieblingsserie „Darkness at Noon“ zu schreiben. Als diese Notiz nĂ€mlich in die HĂ€nde einer Lehrerin fĂ€llt, taucht sehr bald in der Ăffentlichkeit die Frage auf, ob Alicia tatsĂ€chlich die Sportlehrerin ihrer Tochter hat „abstechen“ wollen. Was natĂŒrlich umgehend zum Problem fĂŒr Alicias Wahlkampf-Team wird.
Das Leben der Anderen
Nach dem kurzen Zwischentief in der vergangenen Woche prĂ€sentiert sich The Good Wife mit The Trial in absoluter Hochform. Dabei treiben die Autoren das komplexe ErzĂ€hlen der Serie auf eine neue Spitze, indem sie ausgerechnet diesen Prozess dazu verwenden, um uns vor Augen zu fĂŒhren, dass die anderen Beteiligten an dem Verfahren auch ein Privatleben haben, welches auf ihr Verhalten vor Gericht reflektiert. So oft haben wir gesehen, wie vor allem Alicia die Doppel- und Dreifach-Belastung als AnwĂ€ltin, Mutter und mittlerweile Kandidatin hĂ€ndeln muss. Wie sie sich gleichzeitig um einen Klienten kĂŒmmert und dabei schon Eli (Alan Cumming) an der Strippe hat, der etwas von ihr will.
Doch hier, in The Trial, sehen wir die Dinge mal ein StĂŒck weit von der anderen Seite. Die Neben-, ja, sogar die Gastfiguren haben auch ein Leben. Da ist der Richter (verkörpert von The Good Wife-Urgestein David Paymer, der schon seit der Pilotfolge immer mal wieder mit von der Partie ist), der den Prozess möglichst zĂŒgig vorantreiben will, weil er unbedingt noch die Konzertkarten fĂŒr seinen Hochzeitstag besorgen muss. Da ist die StaatsanwĂ€ltin, die mitten wĂ€hrend des Verfahrens in einem emotionalen Aufruhr steckt: Sie hat eine AffĂ€re mit dem ermittelnden Polizisten, will ihren Ehemann aber nicht verlassen. Und dann ist da schlieĂlich noch der Juror (Zak Orth, Revolution), der Cary wohlgesonnen ist, nur leider aus der Jury rausfliegt, weil er unter einer seltenen kognitiven EinschrĂ€nkung leidet, durch die er dem Prozess nicht hundertprozentig folgen kann.
FĂŒr Cary geht es um Alles oder Nichts. Alle Aufmerksamkeit sollte bei ihm und dem Fall liegen. Die Statisten sollten einfach nur ihrer Statistenfunktion nachgehen. Doch das tun sie nicht. Weil The Good Wife von Menschen und menschlichen Schicksalen erzĂ€hlt. Und weil genau das ein Teil unseres Lebens, ein Teil der conditio humana ist: In einer Schicksalstunde unseres Lebens treffen wir auf ein GegenĂŒber, fĂŒr den wir nur ein lĂ€stiges Hindernis in seinem Alltag sind. Aus Sicht des Richters ist schlieĂlich Carry nur der Fall-der-Woche; seine Ehe hingegen ist der fortlaufende Handlungsstrang!
Dieser (partielle) Perspektivwechsel ist ein schlicht genialer Kniff, der dem Prozess gegen Cary nicht nur ein Mehr an AuthentizitÀt, sondern auch ein Mehr an Spannung verleiht.
Optionen
Nicht dass es daran einen Mangel gĂ€be. Von der ersten Szene an, in der Cary den leeren Gerichtssaal inspiziert (man fĂŒhlt sich an den Vorabend einer Schlacht erinnert...), ist klar, dass fĂŒr Cary die Stunde der Entscheidung angebrochen ist. Dabei geht es nicht nur um eine Entscheidung, die ĂŒber ihn getroffen wird (vor Gericht), sondern um eine Entscheidung, die er selbst zu fĂ€llen hat. Das ist es, was die Folge nicht zuletzt so packend macht.
Im Grunde hat Cary vier Optionen: Erstens, er kann gegen Bishop aussagen. Damit wĂŒrde er vor Gericht straffrei ausgehen, mĂŒsste aber stets damit rechnen, dass Bishop ihn ermorden lĂ€sst. Zweitens, er kann Bishops Angebot annehmen und nach Barcelona fliehen. Damit bliebe ihm zwar das GefĂ€ngnis erspart, er wĂ€re jedoch de facto ein Leibeigener Bishops. AuĂerdem mĂŒsste er mit seinem ganzen bisherigen Leben (der Kanzlei, Kalinda...) brechen. Es ehrt Cary, dass sein erster Gedanke der Kaution gilt, welche die Kanzlei fĂŒr ihn bezahlt hat - und die dann ebenfalls futsch wĂ€re.
Drittens, Cary kann sein GlĂŒck vor Gericht versuchen, muss aber damit rechnen, dass er zu 15 Jahren GefĂ€ngnis verurteilt wird. Viertens, er kann auf das Angebot der Staatsanwaltschaft eingehen, gegen ein SchuldeingestĂ€ndnis ein reduziertes StrafmaĂ zu erreichen. Als rechtskrĂ€ftig verurteilter StraftĂ€ter hĂ€tte er jedoch keine Chance, jemals wieder als Rechtsanwalt praktizieren zu können.
Ausweglose Lage
NatĂŒrlich favorisieren wir als Zuschauer Option Nr. 3. Wir wollen sehen, dass Cary kĂ€mpft - und von allen VorwĂŒrfen freigesprochen wird. Ein Freispruch erscheint gegen Ende von The Trial jedoch unwahrscheinlicher denn je. Kalinda hat ihr Blatt ĂŒberreizt. Ihre Drohung, dass das Jugendamt ihm seinen Sohn wegnehmen könnte, beantwortet Bishop umgehend mit dem Auftritt und der Falschaussage des Augenzeugen. Damit hat sie Cary versehentlich sogar noch tiefer in den Schlamassel geritten. Und Cary bleibt gar nichts anderes ĂŒbrig, als ĂŒber die weniger verlockenden Optionen nachzudenken.
Er steckt in einer unmöglichen Situation. Das ist es, was die Folge so spannend macht. Und uns mehr als je zuvor mit Cary mitfĂŒhlen lĂ€sst. Dazu leistet natĂŒrlich auch die Glanzdarbietung von Matt Czuchry ihren Anteil, der in seinem Spiel eine atemberaubende IntensitĂ€t erreicht. Er spielt einen Cary, der seine Fassung zu wahren versucht, wĂ€hrend sein ganzes Leben um ihn herum implodiert. Seine Verzweiflung ist eine stille Verzweiflung. Er spricht leise, kĂ€mpft gegen die TrĂ€nen an. Als er am Ende aus dem Aufzug tritt, gibt er Cary dagegen einen fast schon gelöst erscheinenden Anstrich. Cary hat seine Entscheidung getroffen. Und damit ist eine groĂe Last von seinen Schultern gefallen.
Der Zuschauer kann sich in diesem Moment noch nicht ganz sicher sein, ob Cary das Angebot von Bishop wirklich ausgeschlagen hat. Das ist erst mit seinem „Schuldig!“ vor Gericht der Fall. So oder so ist seine Szene mit Alicia ungemein berĂŒhrend. Sie zeigt, wie nahe ihr sein Schicksal geht. Ăhnlich wie Alicia schieĂen auch uns Zuschauern die TrĂ€nen in die Augen, als sie ihm verspricht, ihn im GefĂ€ngnis zu besuchen.
O Cary, wie wird es bloĂ mit Dir weitergehen?
âWas darf Satire?â
FĂŒr etwas Aufheiterung sorgen unterdessen die Kabbeleien zwischen John (Steven Pasquale) und Eli („die zwei Reiter der Apokalypse...“) in Alicias Wahlkampf-Team. Und natĂŒrlich die Farce rund um die Kreise, die Alicias „Darkness to Noon“-Streich zieht. Sehenswert ist dabei vor allem, wie Eli gleich zweimal der Kiefer förmlich zu Boden fĂ€llt (das erste Mal, als der Journalist ihm davon erzĂ€hlt; das zweite Mal, als ihm klar wird, dass Alicia die Zeilen tatsĂ€chlich geschrieben hat...).
Bitter ist hingegen die Einsicht, die sich in The Trial durchzusetzen scheint, dass auch Kandidaten mit den besten Intentionen nicht den Mechanismen des Wahlkampfs entkommen können, was gröĂtenteils daran zu liegen scheint, dass beide, sowohl Alicia als auch Frank (David Hyde Pierce), nicht wirklich die Kontrolle ĂŒber das haben, was mit ihnen geschieht. Sie machen nicht Wahlkampf, der Wahlkampf wird mit ihnen gemacht.
Keine schönen Aussichten. Auch wenn Alicia sich ĂŒber einen Gleichstand in den Umfragen freuen darf.
Fazit
The Good Wife entlĂ€sst uns mit einer in jeder Hinsicht spannenden und emotional ergreifenden Episode in die US-Weihnachtspause. The Trial besticht durch einen schönen erzĂ€hlerischen Kniff. Und ĂŒberzeugt als das Emmy-Bewerbungsvideo von Matt Czuchry.
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 25. November 2014(The Good Wife 6x10)
Schauspieler in der Episode The Good Wife 6x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?