The Good Fight 1x06

© in formidabler Gegner für die Kanzlei: Felix Staples (John Cameron Mitchell). / (c) CBS
Das passiert in der The Good Fight-Folge Social Media and Its Discontents:
Neil Gross (John Benjamin Hickey, Manhattan) hat einen ersten Auftrag für die Kanzlei Reddick, Boseman und Kolsted... äh Kolstad: Zwei Webangebote von Chumhum sind zum Tummelplatz für Mitglieder der sogenannten Alt.Right-Bewegung geworden, die dort ihre rassistischen und frauenfeindlichen Hasskommentare loswerden. Für Gross ist das ein Problem, weil ihm deshalb Werbekunden von der Stange zu gehen drohen, darunter dicke Fische wie Disney. Es muss also etwas passieren und das sehr schnell. Basierend auf den von Chumhum-Moderatoren als problematisch eingestuften Kommentaren soll die Kanzlei neue Geschäftsbedingungen für beide Webseiten aufsetzen. Das, was bei uns auf SERIENJUNKIES.DE® als Netiquette bekannt ist.
Schnell machen die Anwälte jedoch die Erfahrung, dass es gar nicht so leicht ist, allgemein verbindliche und faire Regeln für die Kommunikation im Netz aufzustellen. Wo ist die Grenze der freien Meinungsäußerung erreicht? Wo fangen Beleidigung, Belästigung, ja Bedrohung an? Darüber sind auch die Anwälte keineswegs einer Meinung.
Im Gegenteil: Es kommt zu erregten Diskussionen, in denen Julius Cain (Michael Boatman) die konservative Seite vertritt. Er sieht in den vorgeschlagenen Einschränkungen die Zensurbemühungen hypersensibler linker Kreise. Lucca (Cush Jumbo) ist es schließlich, die mit einem Kompromiss aufwartet: Nach ihrer Vorstellung soll ein Nutzer nach 13 problematischen Kommentaren gesperrt werden, aber die Gelegenheit erhalten, sich vor einer Art Berufungskommission rechtfertigen zu können.
Gesagt, getan: Betroffen von der Umsetzung der neuen Regeln ist als Erstes Felix Staples (John Cameron Mitchell, Girls), ein, wie es scheint, recht prominentes Mitglied der Alt.Right-Bewegung. Die Gelegenheit, vor der Berufungskommission eine ganz große Show abzuziehen, lässt sich Staples nicht entgehen. Genüsslich zelebriert er die Tatsache, dass er so ganz anders ist, als man sich einen Rechtsradikalen normalerweise vorstellt: Er ist jüdisch und schwul - und darüber hinaus mit einer bemerkenswerten Intelligenz und Schlagfertigkeit ausgestattet. Adrian (Delroy Lindo), Diane (Christine Baranski), Barbara (Erica Tazel) und die anderen Anwälte im Panel haben ihre liebe Mühe mit ihm.
Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Die Kanzlei wird selbst zum Ziel von Hasskommentaren im Netz. Dabei fällt Diane allerdings auf, dass die einzelnen Kommentatoren sehr genau darauf achten, dass sie nicht mehr als zwölf anstößige Kommentare posten. Dass sie nach 13 Kommentaren gesperrt würden, dürfte öffentlich jedoch eigentlich gar nicht bekannt sein. Wie es scheint, ist die Information „geleakt“ worden. Jay (Nyambi Nyambi) erhält den Auftrag, der undichten Stelle nachzugehen.
Da er als Schwarzer jedoch kaum unauffällig in der Alt.Right-Bewegung ermitteln kann, nimmt er die Unterstützung von Marissa (Sarah Steele) in Anspruch, die ohnehin sehr begierig darauf ist, sich in die Detektivarbeit zu stürzen. In einem ersten Schritt bringen die beiden in Erfahrung, dass Felix ein Sitzungsprotokoll der Kanzlei vorliegt. Damit scheint sich der Verdacht zu erhärten, dass jemand aus der Kanzlei der Verräter ist. Aber wer? Etwa Julius, der mit der Sache der Rechten sympathisiert?
Derweil erhält Maia (Rose Leslie) eine Einladung von ihrem Vater (Paul Guilfoyle). Er würde gerne mit ihr sprechen. Ihr Onkel Jax (Tom McGowan) warnt sie davor hinzugehen. Er ist überzeugt davon, dass sein Bruder bei der Unterredung ein Mikrofon tragen wird, um Maia dazu zu verleiten, etwas Belastendes über ihren Onkel, über die Kanzlei oder sogar über sich selbst zu sagen. Maia traut ihrem Onkel zwar nicht über den Weg, so ganz geheuer ist ihr die Einladung ihres Vaters aber auch nicht. Hilfesuchend wendet sie sich an Elsbeth (Carrie Preston), die ihr einen gewagten Vorschlag unterbreitet. Falls ihr Vater sie nach ihrer Arbeit befragt, soll Maia ihm ein Lügenmärchen auftischen...
Hasskommentare
Mit Social Media and Its Discontents wagt sich The Good Fight an ein ebenso aktuelles wie schwieriges Thema: Hasskommentare im Netz. Erst in der vergangenen Woche hat Bundesjustizminister Heiko Maas einen Gesetzentwurf vorgelegt, welcher zum Teil erhebliche Geldbußen für das Verfassen und Verbreiten strafbarer Kommentare im Netz vorsieht. Die Aktualität des Themas ist also keineswegs nur auf die Vereinigten Staaten beschränkt.
Nebenwirkungen
Für The Good Fight ist das Thema gleich in doppelter Hinsicht eine schwierige Angelegenheit: Zum einen, weil es auf die Frage, wie man mit Hasskommentaren im Netz umgehen soll, keine leichten Antworten gibt, was die Serie in gewohnt souveräner Art problematisiert.
Nahezu jeder Ansatz bringt unerwünschte Nebenwirkungen mit sich: Zensiert man einfach nur blind irgendwelche Wörter, dann trifft das die Frau, die sich über „slut shaming“ beschwert genauso wie den Mann, der eine Frau als „slut“ beschimpft. Wörter stehen, wie uns die Serie lehrt, immer in einem Kontext. Ein weiteres Problem besteht darin, dass so ziemlich jede Zensurmaßnahme natürlich über kurz oder lang ausgehebelt werden kann (wie es die Rechten vormachen, als sie das „N-Wort“ kurzerhand durch „Neil Gross“ ersetzen).
Bei SERIENJUNKIES.DE® sind wir mit dem Problem hinlänglich vertraut: Nach zahlreichen Verstößen gegen unsere Netiquette sperren wir einen User - und noch am selben Tag meldet er sich einfach mit einem neuen Profil an. Es ist, als würde man Hase und Igel spielen.
Herausforderung
Zum anderen ist das Thema „Hasskommentare im Netz“ aber auch noch in anderer Hinsicht für eine TV-Serie ein dickes Brett zu bohren: Wie bringt man Internetkommentare schließlich auf den Bildschirm? Es gibt visuell kaum ein größeres No-Go, als über längere Zeit hinweg Computermonitore abzufilmen. Ergo müssen die Kommentare vorgelesen werden, was aber auch sehr schnell monoton werden kann.
The Good Fight greift deshalb zu einem sehr interessanten Stilmittel (welches möglicherweise auch schon andernorts Verwendung gefunden hat): Die Serie lässt die Kommentare von einer Gruppe von Stellvertreterfiguren direkt in die Kamera sprechen. Das macht die Sache auf jeden Fall schon mal deutlich lebendiger. Der Zuschauer wird allein dadurch bereits gezwungen, sich intensiver mit den Inhalten zu befassen, weil er selbst derjenige ist, der sich nun auf einmal angesprochen fühlen muss.
Das unerwartete Gesicht der Rechten
Darüber hinaus gibt die Serie den Hasskommentaren auch in Gestalt von Felix Staples ein Gesicht. Staples ist unverkennbar Milo Yiannopoulos nachempfunden, einem - wenn auch mittlerweile in Ungnade gefallenen - Star der rechten Szene in den USA, der gerade durch seine widersprüchliche Persönlichkeit großes mediales Interesse hervorgerufen hatte (siehe hier zum Beispiel einen nicht unumstrittenen Auftritt von Yiannopoulos in der Sendung von Bill Maher). Auch in dieser Hinsicht ist The Good Fight ganz nah am Puls des Zeitgeschehens.
Im Umgang mit Staples finden Diane und ihre Kollegen am Ende eine sehr simple Lösung: Sie heben seine Kommentarsperre einfach wieder auf - und entziehen ihm damit die Bühne des Berufungsverfahrens. Einem Narzissten wie Staples könnten sie kaum etwas Schlimmeres antun, als ihm die Aufmerksamkeit und Beachtung zu entziehen.
Diane merkt darüber hinaus noch an, dass die Dinge, die er vom Stapel lässt, nun mal das sind, was sie - die freie Gesellschaft - aushalten müssen. Dann schickt sie ihn weg wie einen kleinen, unartigen Jungen. Um mit Staples fertigzuwerden, ist das offenkundig das richtige Rezept. Fraglich ist nur, inwieweit man diesen Ansatz verallgemeinern kann. Wer wie Maia täglich mit Hassnachrichten konfrontiert wird, für den sind aushalten oder keine Beachtung schenken kaum gangbare Optionen.
Der Verdacht
The Good Fight greift in Social Media and Its Discontents gleich mehrere Elemente aus früheren Folgen auf: Einerseits die Hassmails, mit denen Maia infolge des Finanzskandals ihres Vaters zugeschüttet wird, andererseits das Jobangebot der konservativen Kanzlei, deren Karte Julius noch im Schreibtisch verwahrt hat. Nachdem er einzig und allein aufgrund der Tatsache, für Trump gestimmt zu haben, in Verdacht geraten ist, der Verräter zu sein, beschließt Julius, seinen Abschied zu nehmen. Die politischen Gräben in den USA - sie reißen immer weiter auf, wofür diese Episode Zeugnis ablegt.
Elsbeth
Im Vergleich zur Vorwoche gerät der Handlungsstrang mit Elsbeth ein bisschen an den Rand. Das ist zwar schade. Die Zeit, die sie auf dem Bildschirm ist, wissen die Autoren aber sehr gut zu nutzen. Sei es in ihren Unterredungen mit Maia, sei es im Gespräch mit der Führung der Kanzlei. Elsbeth hat sich nämlich einen ebenso gewagten wie raffinierten Plan ausgedacht, wie sie Mike Kristeva aufs Glatteis zu führen hofft. Den Kanzleichefs wird jedenfalls ganz anders zumute, als die quirlige Anwältin ihnen darlegt, was sie da in Gang gesetzt hat. Einfach köstlich, wie Adrian nach Worten ringt!
Für Maia kann es einem allerdings Leid tun, als sich am Ende herausstellt, dass die Geschichte, die sie ihrem Vater erzählt hat, tatsächlich ihren Weg zur Staatsanwaltschaft gefunden hat...
Die Beziehung
Das erfahren wir beziehungsweise Lucca durch Colin (Justin Bartha), der in der Staatsanwaltschaft die Aufsicht über alle Fälle von Reddick, Boseman und Kolstad übertragen bekommen hat - vermutlich, ohne offenzulegen, dass er mit einer der Anwältinnen von dort ins Bett geht. Die Beziehung zwischen Lucca und Colin gehört zu den Dingen an The Good Fight, die mir noch ein bisschen Bauchschmerzen bereiten.
Manches an der Beziehung gefällt mir, etwa das gefühlschaotische Verhalten von Lucca, die einerseits keine ernsthafte Beziehung mit Colin eingehen will, aber andererseits von seinem Mangel an Eifersucht verletzt scheint, als sie mit einem anderen Mann ausgeht. Dann sind da aber auch wieder Elemente, die einen mit dem Kopf schütteln lassen, wie etwa die - huhu, wir stehen auf die Gefahr! - Knutscherei während der nächtlichen Autofahrt, die wie ein missglückter Versuch wirkt, hier einen auf „Fifty Shades of Grey“ zu machen.
Vielleicht werde ich mit den beiden ja noch warm...
Fazit
Mit Social Media and Its Discontents zementiert The Good Fight seinen Anspruch, die Gegenwartsserie schlechthin zu sein. Wie kaum eine andere Produktion dramatisiert und diskutiert The Good Fight die aktuellen gesellschaftlich-politischen Themen der Zeitgeschichte - und das auf einem Niveau und mit einer Vielschichtigkeit, die die meisten politischen Talkshows alt aussehen lässt. Unterhaltsam ist das Ganze darüber hinaus auch noch.
Was will man mehr?
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 21. März 2017(The Good Fight 1x06)
Schauspieler in der Episode The Good Fight 1x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?