The Following 1x02

Die zweite Episode von The Following kann mit dem hervorragenden Serienpiloten nicht gänzlich mithalten. Zwischen einigen erfreulichen Entwicklungen haben sich auch weniger überzeugende Elemente eingeschlichen.
Jungfernmord
Der Wachmann Jordan „Jordy“ Ralnes (Steve Monroe) hat sich gut vorbereitet. In einer Polizeiuniform steht er vor dem Eingang des Verbindungshauses von Delta Rho Gamma und nutzt das Vertrauen einer naiven Verbindungsschwester aus. Die Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn, als er dem Mädchen stolz seine Messersammlung präsentiert. Der Follower des Serienkillers Joe Carroll (James Purefoy) muss sich nicht länger mit vierbeinigen Opfern begnügen - Zeit, den Mentoren stolz zu machen!
Jordys Handlungsstrang beginnt zwar stark, weil man seine Nervosität fast physisch zu spüren glaubt. Doch leider setzen im Verlauf der Episode Chapter Two Logikfehler der Storyline des einfach gestrickten Killers zu.
Emma
Das Kindermädchen Denise (Valorie Curry), das von nun an mit ihrem wahren Namen Emma genannt werden soll, hatte ebenfalls ihre Hausaufgaben gemacht. Wir erfahren, dass sie die Wachen, die im Haus der Matthews stationiert waren, mithilfe eines Schlafmittels ausgeschaltet hat, um sich somit ungehindert mit Joey (Kyle Catlett), dem Sohn von Claire Matthews (Natalie Zea), aus dem Staub machen zu können. Das Mädchen mit der Unschuldsmiene ist ein perfektes Beispiel für den besonderen Reiz, den The Following dadurch verströmt, dass nichts - oder besser niemand - sicher ist. So hatte Emma bereits zwei Jahre lang im Hause Matthews gelebt. Entsprechend schockiert ist Claire darüber, nichts von Emmas wahrer Natur und deren Verbindungen zu ihrem inhaftierten Exmann bemerkt zu haben: „I can't be this blind, can I?“
Doch der Ermittler Ryan Hardy (Kevin Bacon), der seiner früheren Geliebten die Selbstvorwürfe ausreden möchte, hat Recht: Es ist nicht Claires Schuld - schließlich könnte insgeheim jeder zu den Jüngern des charismatischen Killers gehören. Was der Spannung generell sehr zuträglich ist, zeigt in Bezug auf die neue FBI-Agentin Debra Parker (Annie Parisse) auch eine Kehrseite.
Debra Parker
Parker tritt in dieser Episode das Erbe ihrer Kollegin Jennifer Mason ( Jeananne Goossen) an. Weil Mason zugelassen hatte, dass Hardy seinem Erzfeind ein paar Finger brach, wurde sie gefeuert. Ihre Nachfolgerin bringt als Sektenexpertin ein besonderes Verständnis für den Kult mit sich. Mit ihren Analyseansätzen verhilft sie der Tatsache, dass sich die Killer nur so um eine Mitgliedschaft in Carrolls Club zu reißen scheinen, zu etwas mehr Plausibilität. Auch ist sich die Agentin der übergeordneten Bedeutung Hardys durchaus bewusst und könnte sich somit als scharfsinnige Stütze für ihn erweisen: „Joe Carroll has cast you as a main character in his psycho-sequel.“
Auf der anderen Seite übertreibt es die Inszenierung besonders bei Debra Parker bisweilen mit dem Anheizen der allgegenwärtigen Paranoia. Als die Agentin bei ihrer Analyse des Kultes sich tief - und nicht ohne eine gewisse Begeisterung - in die Materie hineindenkt, wirkt der Verdachtsmoment zu konstruiert.
Dies wird nur noch dadurch übertroffen, dass Parker Carroll im Gefängnis später persönlich ein Sammelwerk mit Poes Werken überreicht. Vielleicht verfolgt sie dabei insgeheim einen Plan gegen Carroll. Dann wäre die Art und Weise, wie sie zuvor als verdächtig dargestellt wurde, reichlich effekthascherisch vonstattengegangen. Aber auch die Alternative - mit einer Parker als Follower - wirkt zu diesem Zeitpunkt wenig vielversprechend. Man darf gespannt sein.
The Son of God
In seiner Gefangenschaft geht es dem kleinen Joey den Umständen entsprechend - großartig! Das, was dem mörderischen Trio aus Emma, Jacob Wells (fka Will Wilson, gespielt von Nico Tortorella) und Paul Torres (pka Billy Thomas, dargestellt von Adan Canto) in der Vergangenheit bei ihrer Tarnung zugutekam, raubt nun auch dem Kind jeglichen Argwohn: Die drei benehmen sich freundlich, normal und harmlos. Allerdings schwingt in dem Verhalten von Paul bereits jetzt eine gewisse Instabilität mit. Dennoch ist Joey zumindest vorerst in Sicherheit - handelt es sich bei ihm doch um den „Son of God“.
Der Herr mit dem göttlichen Anspruch selbst kann auch in dieser Episode wieder begeistern: Es gibt wohl kaum Worte, die aus seinem Munde noch bedrohlicher klingen könnten als das „I will always love you“, das Carroll seiner Exfrau Carrie im Gefängnis aufzwingt. Sowohl Zea als auch Purefoy sorgen durch ihr authentisches Spiel in dieser Sequenz für Gänsehaut. Während Carrie in ihrer Nervosität sämtliche guten Vorsätze vergisst und von „ihrem“ Sohn spricht, verfolgt Joe insgeheim nur den Plan, die Affäre seiner Frau mit Ryan Hardy auch dem stumpfsinnigsten Beteiligten deutlich zu machen.
We've got more bodies
In Form einer Rückblende erhält der Zuschauer am Beispiel von Emma Einblicke in das entgleiste Realitätsbild der Serienkillerfraktion. Der Anhängerin Carrolls geht es weniger um die Lust am Töten. Sie scheint im Tod vielmehr eine besondere Schönheit zu erkennen: „In death she found hope.“ Der Schriftsteller Carroll war für die junge Frau bereits im Jahr 2004 ein schillerndes Vorbild. Dank seiner Menschenkenntnis hat der Literat bei Emma sofort ein bislang unerfüllte Bedürfnis erkannt, das der Mangel an ernstzunehmenden Bezugspersonen hinterlassen hat: „The only way to truly live is to kill.“
Wer hat Angst vorm Kopf von Poe?
Die Nachbildungen von Edgar Allan Poes Kopf erwecken auf Anhieb einen unheilvollen Eindruck. Doch obwohl man es eigentlich hätte kommen sehen müssen, überrumpeln einen die Macher von The Following dann doch wieder mit einem hinterhältigen Erschreckmoment: Ein maskierter Follower namens Rick schlägt Hardy nieder, um dann unerkannt zu entkommen.
Nach dem Schreck kommt der Auftritt des überzeugten Hundefreundes Mike Weston (Shawn Ashmore) sehr gelegen. Mit seinem „Good news - no dead puppies“ gönnt er dem pochenden Herzen des Zuschauers eine kleine Verschnaufpause. Doch lange darf man sich nicht entspannen. Wie sich herausstellt, hatten sich alleine in Emmas früherem Haus mindestens neun Follower gesammelt.
Kritik
Die Figur von Emmas promiskuitiver Mutter ist zu überzeichnet dargestellt, um glaubhaft zu sein. Ihr Tod war als Teil von Emmas düsterer Emanzipation unumgänglich - und dementsprechend vorhersehbar. Auf der anderen Seite gibt er den Anlass zu einer von Valorie Currys überzeugendsten Szenen: Nachdem Emma ihrer Mutter das Messer in den Rücken gerammt hat, besticht sie durch eine gelungene Mischung aus kindlichem Staunen und diabolischem Tatendrang.
Jordys viel zu problemloses Eindringen in Claires Haus wirkt ebenso unplausibel wie die Tatsache, dass der Beamte, den er dabei katzengleich überrumpelt, sich stumm seinem Schicksal fügt. In jedem Fall wirft Jordys Einbruch ein sehr schlechtes Licht auf die verantwortlichen Polizisten.
Dafür ist es umso gewitzter, wie Hardy durch seinen Kollegen trickreich mit einer Pistole ausgestattet wird, während er sich mit dem früheren Wachmann unterhält. Und dass die Pistole nicht zum Töten benutzt werden musste, könnte dem Mastermind Joe Carroll noch so manchen Strich durch die Rechnung machen.
Fazit
Die Episode Chapter Two ist nicht immer schlüssig und der Handlungsstrang mit dem einfältigen Jordy hätte ebenso besser gelöst werden können wie die Spiegel-lastigen Erschrecksequenzen.
Gleichzeitig begeistert die Dreieckskonstellation aus Emma, Jacob und dem unberechenbaren Paul. Es ist interessant zu sehen, dass auch ein vermeintlich herzloses Monster zu Gefühlen wie Eifersucht tendiert. Wird die Emotion auf Seiten von Paul gar die manipulativen Kräfte des Carroll außer Kraft setzen? Überhaupt wäre es wünschenswert, in Zukunft noch stärker auf die individuellen Motivationen einzugehen, die die Juniorkiller dazu bringen, ihr komplettes Selbst einem Mann wie Joe Carroll unterzuordnen. Das Internet kann ja nicht an allem schuld sein...
Aus der Riege der Darsteller sticht besonders Natalie Zea als Claire hervor. Wenn sie haltsuchend nach Hardy greift, gelingt es der Schauspielerin vorzüglich, die Unsicherheit einer Frau nach außen zu tragen, die einmal zu oft hintergangen worden ist.
Trotz aller Makel büßt die Serie (noch) nicht ihren verlockenden Charme ein, wozu nicht zuletzt die Bilder eines Mannes beitragen, der von Rick in seiner Poe-Maske wie nebenbei in Brand gesteckt wird. Mit diesem verstörenden Vorgeschmack auf zukünftige Perversionen entlässt The Following seine Zuschauer bis zur nächsten Episode in die bange Ungewissheit.
Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 29. Januar 2013(The Following 1x02)
Schauspieler in der Episode The Following 1x02
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