The Flash 2x21

Manchmal tun Serien ganz gut daran, sich ein wenig zu entschleunigen. Auch The Flash profitierte in der Vergangenheit immer wieder davon, wenn die Macher etwas auf die Bremse drückten, Superschurken Superschurken sein ließen und sich mal wieder etwas mehr auf die Charaktere und ihr emotionales Innenleben konzentrierten. In den letzten Wochen ging es in dem Superheldendrama von The CW immer wieder heiß her, was in Rupture mit dem vermeintlichen Ende von Barry (Grant Gustin) seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Wie effektiv dieser Cliffhanger letztendlich war, darüber lässt sich streiten. Fakt ist, dass sich die Ereignisse in „The Flash“ zuletzt nahezu überschlagen haben - mit gemischten Resultaten, wohlgemerkt - und die Verantwortlichen nun vielleicht gut beraten wären, vor dem Staffelfinale etwas Ruhe einkehren zu lassen.
Und genau dies tun sie. Unter Anleitung von Gastregisseur Kevin Smith, bekannter Filmmacher und Chefnerd vom Dienst (UPDATE: Schande über mein Haupt, dass ich den Gastauftritt von „Clerks“-Kumpel Jason Mewes unter den Tisch gefallen lassen habe), präsentiert man uns in dieser Woche eine angenehm entschleunigte Episode von „The Flash“, in der uns einige der emotionalsten Momentaufnahmen der gesamten Serie geboten werden. Für unsere Hauptfigur stellt „The Runaway Dinosaur“ vielleicht sogar einen der wichtigsten Schritte in seiner Charakterentwicklung dar, was eindringlich und bisweilen extrem ergreifend dargestellt wird. Als Beobachter knüpft man nicht nur persönliche Verbindungen zu der Erzählung, man ist letzten Endes auch emotional vollkommen involviert. Da stört es kaum, dass die „Metahuman der Woche“-Geschichte (zwar besser als noch in der Vorwoche) etwas abfällt oder ein paar wissenschaftliche Erklärungen am besten einfach nur hingenommen werden sollten.
Alive
Im Kern ist „The Runaway Dinosaur“ einzig und allein Barrys Episode, der - wer hätte es gedacht - natürlich nicht das Zeitliche gesegnet hat, sondern in die mysteriöse „Speed Force“ hineingezogen wurde. Sein Team in Central City hat nach einer Vision Ciscos (Carlos Valdes) die Hoffnung noch nicht aufgegeben, muss sich aber gleichzeitig mit einem alten Bekannten herumärgern. Wer sich jedoch von der Episode etwas mehr Klarheit von dem Konzept „Speed Force“ erhofft hat, wird wohl enttäuscht werden. Die geheimnisvolle Macht und Quelle für Barrys Superkräfte ist nicht wirklich zu erklären und dient vielmehr als ein Mittel, um Barrys Charatkerentwicklung voranzutreiben und ihn an einem Punkt seiner Persönlichkeitsentwicklung ankommen zu lassen, der von großer Wichtigkeit ist.

The center of the storm
Seit dem tragischen Tod seiner Mutter hatte Barry stets ein Problem damit, Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind. Dies zeigt sich in seinem Dasein als Superheld, wenn er nicht akzeptieren kann, dass er nicht immer jedem helfen kann, dass er manchmal einfach machtlos ist, aber deswegen auch nicht gleich seine Wertigkeit einbüßt. Besonders schwer wiegt aber nach wie vor das Ableben seiner Mutter auf seinem Herzen, vor allem, weil er es selbst hätte verhindern können, es aber nicht tat. Barry hat bis zum heutigen Tage nicht akzeptieren können, dass er seine Mutter verloren hat, obwohl er die Chance hatte, sie zu retten. Diese Schuld ist wie ein schweres Gewicht, das ihn immer wieder runterzieht.
„The Runaway Dinosaur“ bietet unserem jungen Helden nun aber endlich einen Abschluss. Die Speedforce manifestiert sich zu mehreren wichtigen Personen in seinem Leben und bringt ihn auf den Pfad, der ihm das gibt, was er unterbewusst schon so lange benötigt. Natürlich hat er bis dato zahlreiche Heldentaten verbracht und etliche Opfer gebracht. Aber irgendetwas hat ihn stets beschäftigt, irgendetwas hat ihn nie wirklich zur Ruhe kommen lassen. Immer wieder hieß es „Run, Barry. Run.“ Zeit also für etwas Ruhe und Selbstreflexion. „Sit, Barry, sit“, heißt es hingegen gleich mehrfach in dieser Episode. Nimm Platz, setz' dich. Ruh' dich kurz aus und werde das los, was dich bedrückt, um dann stärker als jemals zuvor zurückzukehren.
Home
Mit Kevin Smith, selbst ein großer Fan von The Flash, hat man anscheinend genau den richtigen Mann für den Regieposten gefunden, um diesen Aspekt der Episode hervorragend herauszuarbeiten. Smith nimmt uns mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, die ihren Höhepunkt im Aufeinandertreffen von Barry und seiner Mutter findet. Diese ist nicht real und nur eine Illusion der „Speed Force“, die Szenen fühlen sich für Barry sowie für uns dennoch unglaublich echt an. Wir bekommen hier aufrichtige Emotionen zu sehen, die zu Herzen gehen und außerdem starke Darbietungen von Grant Gustin und Gastdarstellerin Michelle Harrison. Diese stehen dafür, dass es eben nicht immer einen großen Knall geben muss, sondern dass auch wunderbare Charaktermomente die Serie auf ein anderes Niveau heben können.
Einige Zuschauer dürften sich am Rande der Tränen wiederfinden, was auch daran liegt, dass man sich sehr gut in Barry und seine Leidensgeschichte hineinversetzen kann. Wie würde man sich selbst verhalten, wenn der eigenen Mutter etwas zustoßen würde und man es hätte verhindern können? Würde man in der Lage dazu sein, einfach so damit abzuschließen? Gleichzeitig ist es aber auch gut, wie am Ende an Iris' (Candice Patton) persönlicher Familiengeschichte deutlich gemacht wird, dass nicht jeder so glücklich sein kann, eine Mutter zu haben, die für einen da ist. Und wenn doch, dann sollte man seine Dankbarkeit dafür vielleicht öfter als nur an einem Tag im Jahr zeigen - Stichwort Muttertag.
A rare and precious gift
Barrys Mutter war immer für ihn da und die kleine, rührselige Geschichte aus seinem alten Kinderbuch zeigt, wie stolz sie doch wäre, würde sie noch leben. Doch wenn sich Barry nicht von seinen Schuldgefühlen löst, dann wird er noch weiter von diesen aufgefressen werden. Seine Mutter liebt ihn aber so oder so und diese Gewissheit sowie seine neue Fähigkeit, akzeptieren zu können, dass er nicht jede Tragödie vereiteln kann und dafür auch nicht die Schuld auf seine Schultern nehmen darf, geben ihm neue Kraft, zum Beispiel im Kampf gegen Zoom. Sein Besuch am Grab seiner Mutter, wofür er stets eine Ausrede fand, ist ein Abschluss für ihn. Er wird sie nicht vergessen, aber er hat ihr Schicksal akzeptiert. Barry erhält seine Geschwindigkeit zurück, weil er seinen ärgsten Widersacher zur Strecke bringt: sich selbst.

Run free
Für mich persönlich geht dieser sehr prominente Handlungsstrang in The Runaway Dinosaur außerordentlich gut auf, weil es zum einen ein Leichtes ist, sich mit unserem Protagonisten zu identifizieren und zum anderen dieser Entwicklungsschritt von Barry genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. Der „neue“ Barry könnte Zoom (Teddy Sears) gewachsen sein und das liegt nicht an irgendwelchen tollen Erfindungen oder leistungssteigernden Experimenten, sondern an einem sehr persönlichen Faktor, dessen Bewältgung ungeahnte Kräfte freisetzen könnte. Diese werden wohl auch bitter benötigt, zeigt man uns am Ende der Folge doch Zoom vor einer ganzen Armee an Metahumanhandlangern, mit denen er nun Earth-1 unterjochen will.
Mal ganz davon abgesehen, dass man in „The Runaway Dinosaur“ Zoom und Caitlin (Danielle Panabaker) nicht wirklich vermisst, ist dies zumindest ein gelungener Vorgeschmack auf die letzten beiden Episoden der zweiten Staffel von „Flash“.
Pünktlich zum bevorstehenden Schlussakt berappelt sich Team Flash wieder, auch wenn es erst einmal ein Tal der Tränen zu durchschreiten gilt. Der Verlust von Barry nimmt vor allem seinen Vater Henry (John Wesley Shipp) mit, doch auch Joe (Jesse L. Martin) und Wells (Tom Cavanagh) sorgen sich um ihren Nachwuchs, was eine interessante Parallele zwischen den drei Vaterfiguren der Serie darstellt, die alle drei für den Moment arg hilf- und ratlos wirken.
Beacon
Über Ciscos Vibe-Fähigkeiten ist man aber schnell im Bilde, dass Barry doch noch nicht verloren ist, während Wally (Keiynan Lonsdale) nach der Explosion des Teilchenbeschleunigers 2.0 relativ schnell wieder auf den Beinen ist. Um Jesse (Violett Beane) sieht es da schon etwas schlechter aus, trotz Henrys ärztlicher Fürsorge. Sie kann jedoch letzten Endes von Barry und seiner „Speed Force“ aus ihrem eigenartigen Koma aufgeweckt werden, das das Team an Barrys Gesundheitszustand nach der ersten Teilchenbeschleunigerkatastrophe erinnert. Bei Wally scheint es so, als würde er keine besonderen Kräfte erhalten haben (Joes patentierter „Tassentest“ schafft Abhilfe), bei Jesse sieht es derweil ein wenig anders aus. Wie kann es sein, dass sie durch Barrys „Speed Force“ erwacht? Vielleicht, weil die „Speed Force“ bereits in ihrem Körper ist? Hier lassen die Autoren noch einige Fragen offen, was natürlich die Spekulationen anheizt.
Reichlich wenig zu spekulieren gibt es indes an der Beziehungsfront zwischen Iris und Barry, zwischen denen es am Ende der Folge zu einem schönen Moment kommt, in welchem Barry ihr seine Liebe gesteht. Auch wenn ich lange Zeit skeptisch war, dieser Augenblick fühlt sich für beide Charaktere verdient an. Und Iris ist wohlgemerkt auch längst nicht mehr die mitunter etwas nervige Figur wie noch in Staffel eins, was The Runaway Dinosaur uns noch einmal deutlich vor Augen führt. Sie ist eine Frau der Tat und präsentiert sich sehr proaktiv sowie entschlossen, in Abwesehenheit Barrys dem wiederbelebten Tony „Girder“ Woodward das Handwerk zu legen. Candice Patton steht diese Powerfrauattitüde („You get behind me!“) sehr gut, diese Iris möchte man sehen: Nicht nur ein simpler love interest, sondern ein eigenständiger Charakter.
Young Frankenstein
Die „Rückkehr“ von Girder ist derweil ein ordentlicher Einfall. Es handelt sich hierbei um eine Art Frankenstein-Geschichte, ist der Metahuman doch eigentlich schon lange tot und dessen Leiche im schauderlichen Labor des alten Harrison Wells verstaut. Durch die erneute Teilchenbeschleunigerkatastrophe erwacht er nun zu neuem Leben, jedoch als eine Art Zombie - eine charmante Anspielung in Richtung iZombie, wo Darsteller Greg Finley in der zweiten Staffel eine größere Rolle übernimmt. Die Comicserie von The CW wird von Cisco sogar noch einmal direkt genannt. Dieser leistet sich darüber hinaus den einen oder anderen Glanzmoment, was für ein bisschen Auflockerung an genau den richtigen Stellen sorgt. Carlos Valdes und Tom Cavanagh geben im Übrigen erneut ein herrliches Duo ab, das sich gekonnt die Bälle zuspielt.

Girder, komplett auf sein altes Objekt der Begierde, Iris, fokussiert (trotz eingeschränkter Gehirnkapazitäten), ist von Barry dann recht zügig aus dem Weg geschafft. Das war zu erwarten, doch thematisch passt der Ausgang dieser Geschichte (auch Girder war im übertragenen Sinne ruhe- und rastlos, genau wie Barry) recht gut in das Gesamtbild, das die Episode zeichnet. Sicherlich kann man sich über die erneut schwammigen, letztlich extrem nebensächlichen Exkurse über wissenschaftliche und technische Abläufe oder die „Speed Force“ an sich aufregen. Doch in The Runaway Dinosaur stand diese Woche nun einmal unsere Hauptfigur im Mittelpunkt und der Plot legte eine kleine Pause ein, um mal wieder die Gefühlswelten unserer Figuren zu ergründen. Eine ausgezeichnete Entscheidung, wie sich herausstellt.
Fazit
Das Finale der zweiten Staffel von The Flash ist bereits in Sichtweite, doch anstatt den zuletzt etwas unbefriedigenden Zoom-Plot hektisch voranzutreiben, gehen die Serienmacher einen anderen Weg - und das macht sich bezahlt. In The Runaway Dinosaur wird das Erzähltempo heruntergefahren und sich auf die Stärken der Superheldenserie als Charakterdrama besonnen. Grant Gustin sticht dabei besonders hervor, Barrys neuerliche Entwicklung ist äußerst emotional verpackt und ein bedeutender Meilenstein für unseren Protagonisten. Die Episode trifft einen gleich mehrfach mitten ins Herz und die Nebenplots funktionieren trotz kleinerer Probleme ebenfalls gut. „The Runaway Dinosaur“ ist darüber hinaus eine wunderbare Erinnerung daran, dass „The Flash“ nicht nur actionreicher, aufregender Bombast ist, sondern ebenso gut eine sehr gefühlvolle, bewegende Geschichte zu bieten hat.
Verfasser: Felix Böhme am Mittwoch, 11. Mai 2016The Flash 2x21 Trailer
(The Flash 2x21)
Schauspieler in der Episode The Flash 2x21
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