The Fall 1x04

Die Episode My Adventurous Song lĂ€sst seine Zuschauer atemlos zurĂŒck, was nicht nur an den Actionsequenzen am Ende liegt, sondern auch an der allgemeinen Dramaturgie der Folge. Drehbuchautor Allan Cubitt und Regisseur Jakob Verbruggen schaffen es, mit einfachen Mitteln aus einer scheinbar normalen Kriminalgeschichte eine ErzĂ€hlung von ungeheurer IntensitĂ€t und emotionaler Wucht zu generieren. Ein groĂes Verdienst kommt dabei den beiden Hauptdarstellern zu, die mit ihrem Spiel fĂŒr ebenjene IntensitĂ€t sorgen.
Do you have any idea of the effect you have on men?
Dabei bleibt die Kamera sehr nah an ihren Protagonisten, vor allem Paul Spector (Jamie Dornan) rĂŒckt sie eng zu Leibe, als wĂŒrde sie sich davon erhoffen, in die Gedanken des Serienmörders eindringen zu können. Dessen Psychogramm wird immer verworrener, kaum mehr lesbar. Sein Auftreten changiert zwischen stark irrationalem, fast schon kindlichem und abgebrĂŒhtem, klar durchdachtem Verhalten. Er scheint einem klaren Wertemuster zu folgen, welches jedoch auch in der neuen Folge nicht eindeutiger definiert wird. Dass er sich Anleihen aus Literatur und Philosophie holt, mag neu sein, ĂŒberrascht aber keineswegs.

Zum ersten Mal vermischen sich in dieser Episode PrivatsphĂ€re und Berufsleben der Hauptprotagonisten deutlich. Dadurch wird unterstrichen, wie utopisch die gesellschaftlich allgemein anerkannte Maxime von der Trennung der beiden SphĂ€ren eigentlich ist. Sowohl bei Chefermittlerin Stella Gibson (Gillian Anderson) als auch bei Spector gibt es auf geistiger Ebene keine solche Trennung, lediglich an der Ă€uĂersten Grenze zur ĂŒbrigen Gesellschaft schaffen sie es, ein subjektiv normales Verhalten an den Tag zu legen. Ihre Gedanken jedoch kreisen stĂ€ndig um die gleichen Fragen. Dies ist ihr Fluch.
Als kurzen Einschnitt und kleine Atempause fĂŒr den Zuschauer portrĂ€tiert The Fall einige weitere ErzĂ€hlstrĂ€nge, die mit der Jagd nach Spector vorerst nicht zusammenhĂ€ngen. Da wird die Geschichte von Rob Breedlove (Michael McElhatton) erzĂ€hlt, der vermeintlich korrupte Polizist, der innerhalb weniger Stunden seine gesamte Existenz zu verlieren droht: „A man, eaten up with guilt. In fear for his life. About to lose his job, his reputation, his freedom.“ Er wĂ€hlt den einzigen, fĂŒr ihn denkbaren Ausweg und hinterlĂ€sst seinen schockierten Befrager Matthew Eastwood (beeindruckend gespielt von Stuart Graham).
Der Fall reicht bis in die höchsten Etagen der PolizeifĂŒhrung. Der oberste Polizeiaufseher Morgan Monroe (Ian McElhinney) gerĂ€t in einen Sog aus Prostitution, Drogenmissbrauch und zwielichtigen GeschĂ€ftspraktiken. Inwieweit er selbst in den Skandal verwickelt ist, wurde bisher nicht ersichtlich, sein Sohn Aaron Monroe (Eugene O'Hare) steht jedenfalls im Zentrum des Sturms, wird aber bislang von der Polizei nicht behelligt. Das ganze AusmaĂ dieser Entwicklungen dĂŒrfte in der letzten noch ausstehenden Episode nicht aufgedeckt werden. Die Zuschauer mĂŒssen sich demnach wohl auf einen - oder mehrere - Cliffhanger einstellen, schlieĂlich ist die nĂ€chste Staffel von The Fall schon bestellt „50032“.
Don't talk to strange men
Ob in dieser neuen Staffel weiterhin nach Paul Spector gefahndet wird, bleibt abzuwarten. Der bisherigen Dramaturgie entsprechend wĂŒrde dies jedoch eindeutig Sinn ergeben. Zu vielschichtig, zu uneindeutig, zu komplex wurde dieser Charakter entworfen, um ihn nach nur fĂŒnf Episoden einer GefĂ€ngniszelle zuzufĂŒhren. Dies gilt im Ăbrigen auch fĂŒr den Charakter der Stella Gibson. Beide bekommen in der neuen Episode einige zusĂ€tzliche Facetten. Gibson offenbart gegenĂŒber Danielle Ferrington (Niamh McGrady) ihr Interesse fĂŒr Anthropologie und Ethnologie. Ihr Vortrag ĂŒber das Volk der Musuo gibt einen tieferen Einblick in ihr Welt- und vor allem MĂ€nnerbild.

Darin wird der Mann als bedrohliche und zu kontrollierende Spezies wahrgenommen. Sie ist bekennende AnhĂ€ngerin der matrilinearen Gesellschaftsstruktur dieses sĂŒdwestchinesischen Volkes, wobei sie einzelne Praktiken bereits ihrem eigenen Leben inkorporiert hat, wie die âBesuchsbeziehungâ, einer Art One-Night-Stand. Einen solchen vermutet sie auch als Grund fĂŒr die Schwangerschaft von Sarah Kay (Laura Donnelly), einem von Spectors Opfern. Als ebenjener davon erfĂ€hrt, verfasst er einen Brief an den Vater Ian Kay (B.J. Hogg), worin er sein Bedauern ĂŒber das Töten ungeborenen Lebens, nicht jedoch die Tat an sich ausdrĂŒckt.
An dieser Stelle und in seiner Behandlung des Taylor-Falls von hĂ€uslicher Gewalt offeriert Spector eine weitere Spezifizierung seines Charakters. Er scheint einem rigiden moralischen Kodex zu folgen, der ihm unter bestimmten Bedingungen das Morden erlaubt. Welche diese sind, bleibt weiterhin im Unklaren. Eine ehemalige UniversitĂ€tsbekanntschaft hilft Stella Gibson jedoch dabei, das aufgestellte Psychogramm Spectors zu verfeinern. NatĂŒrlich weiĂ sie noch nicht, dass es sich dabei um den Serienmörder handelt, die Ahnung erhĂ€rtet sich jedoch schnell.
Wenngleich sich der Kreis um Spector also immer weiter zu schlieĂen scheint, hĂ€lt ihn dies nicht davon ab, seine nĂ€chste, bereits vorbereitete Mordtat zu begehen. Zum wiederholten Male stöĂt er dabei jedoch auf massive Probleme. War er beim Mord an Sarah Kay schon nur mit viel GlĂŒck der Entdeckung entgangen, muss er sich nun mit dem mutigen Bruder seines nĂ€chsten Opfers Annie Brawley (Karen Hassan), Joseph (Will Willoughby), sprichwörtlich herumschlagen. SchlieĂlich ermordet er ihn auf brutale Weise, wĂ€hrend er an Annie sein ĂŒbliches Mordritual vollzieht. Die actiongeladenen Szenen sind mit reichlich skurriler Musik unterlegt: „You got to show me love.“
Fazit
Das Thema Liebe beziehungsweise die Abwesenheit ebenjener fĂŒr die Protagonisten wird in The Fall niemals offen thematisiert. Im Kern ist die Dramaserie ein realistisches und lehrreiches KriminalstĂŒck, dem aber mehrere Subtexte eingenĂ€ht wurden: Psychologie, Lyrik, Philosophie. MĂŒĂig zu erwĂ€hnen, dass die Liebe im Zentrum all dieser Disziplinen steht.
Woher bezieht Paul Spector das GefĂŒhl, geliebt zu werden? Braucht er es ĂŒberhaupt? Findet er nicht vielmehr die einzige Befriedigung darin, einem Menschen das Leben zu entreiĂen? „What could be more intimate than squeezing the life from another human being?“, fragte sich schon Stella Gibson in der Episode Insolence & Wine. Diesen Fragen nĂ€hert sich The Fall behutsam an, in beinahe beĂ€ngstigender Weise liefert die Serie Einblicke in die Psyche eines Serienmörders, ohne jemals definitive Antworten geben zu wollen.
Drehbuchautor und Regisseur gelingt es weiterhin, ein MeisterstĂŒck der Serienkunst anzufertigen. Sie schaffen es, den Zuschauer am Schicksal Spectors teilhaben und sogar bei seinen Morden mitfiebern zu lassen. Diese Errungenschaft darf ohne Weiteres als höchste dramaturgische Schwierigkeitsstufe angesehen werden. Cubitt, Verbruggen und Dornan ĂŒberspringen sie spielend.
Die neue Episode My Adventurous Song wendet sich nach der etwas aufgelockerten dritten Episode wieder dem vollkommenen Ernst der fiktionalen Situation zu. Die Kombination aus Actionsequenzen, ĂŒberraschenden Momenten und prĂ€ziser Polizeiarbeit verleiht dem Format ein authentisches Flair, wie es nur selten bestaunt werden kann.
Gibson spricht dabei wiederholt vom âperfekten Mordâ: „Remorse, that his perfect kill had been tainted.“ Dies ist einer der wenigen Punkte, bei denen sie falsch liegt. Spector geht es nicht darum, möglichst sauber zu töten. Es ist der Vorgang an sich, der ihn erregt, der ihn antreibt. Die totale Macht ĂŒber einen anderen Menschen. Totale Kontrolle. Ein kranker Geist. Grandios!
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 4. Juni 2013(The Fall 1x04)
Schauspieler in der Episode The Fall 1x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?