The Fall 1x03

Die im Fazit des Reviews zur Auftaktepisode Dark Descent geĂ€uĂerte Vermutung, Paul Spector (Jamie Dornan) sei ein in sich ruhender Serienmörder, der ohne jegliche Skrupel sein fĂŒrchterliches Werk vollfĂŒhrt, erweist sich nach Sichtung der neuen Episode Insolence & Wine als gĂ€nzlich falsch. Darin nĂ€mlich probiert sich Spector als nachdenklicher Lyriker, indem er ein Gedicht des groĂen T. S. Eliot mit eigenen Worten ergĂ€nzt.
It's like an art form to him
Den Vers „Between the idea / And the reality / Between the motion / And the act / Falls the Shadow“ ergĂ€nzt er mit der eigenen Kreation: „Is it the murder / Or the shadow of that murder / That causes the greatest pleasure / The greatest pain?“ In gewisser Weise versucht er, sich damit selbst zu analysieren. Er stellt sich die Frage, ob ihm nun der Mord an sich oder doch nur die Aussicht auf den nĂ€chsten Mord, die Vorbereitungen darauf, eben der Schatten, den dieser nĂ€chste Mord vorauswirft, die gröĂte Befriedigung verschafft.

Als Ferndiagnose lĂ€sst sich feststellen, dass es wohl eine Kombination von Reiz und eigentlicher Tat ist, die ihn antreibt. Die neue Episode konzentriert sich beinahe ausschlieĂlich auf das Profiling des TĂ€ters durch Chefermittlerin Stella Gibson (Gillian Anderson) und ihren mehr oder weniger fĂ€higen Mitarbeitern. Nachdem auch der stets skeptische Polizeichef Burns (John Lynch) von der Richtigkeit der Serienmördertheorie ĂŒberzeugt werden konnte, bekommt Gibson freie Hand bei der Zusammenstellung einer Taskforce zur Ergreifung des TĂ€ters.
Beim Profiling von Spector machen Gibson und Kollegen anhand der bisher gesammelten Beweise schnelle Fortschritte. Teilweise liegen sie zwar daneben, beispielsweise bei der Charakterisierung Spectors als underachiever, der einen Minderwertigkeitskomplex gegenĂŒber besser ausgebildeten Frauen habe. GröĂtenteils jedoch trifft ihre Analyse zu: „It's about power and control and the thrill. It's like an art form to him.“
Bei der visuellen Umsetzung dieser Prognosen greift der belgische Regisseur Jakob Verbruggen jedoch etwas zu hÀufig zum gleichen Stilmittel. Wenngleich der Einsatz der Parallelmontage gelungen ist, so sollte damit doch etwas spÀrlicher umgegangen werden, um die Faszination dieses Kunstgriffs aufrechtzuerhalten. Bei einem inflationÀren Einsatz kann schnell der Eindruck entstehen, die Produzenten trauten ihren Zuschauern nicht wirklich zu, der Geschichte auch ohne das voice-over von Stella Gibson zu folgen.
The law of diminishing returns
Dabei erreicht die Serie in ihren bisherigen Episoden ihre stĂ€rksten und spannendsten Momente immer dann, wenn sich Paul Spector durch die Schatten fremder Wohnungen schleicht oder sich in der eigenen Wohnung leichtfertig einer möglichen Entdeckung ausliefert. Auch im Schlussabschnitt der aktuellen Episode kommt es wieder zu einem solchen Moment. Da dringt er in die Wohnung seines nĂ€chsten Opfers, Annie Brawley (Karen Hassan), ein und sorgt dafĂŒr, dass sie spĂ€testens am nĂ€chsten Morgen einen gehörigen psychologischen Schock erleben wird. An dieser Stelle muss die Vermutung geĂ€uĂert werden, dass die Vorbereitung auf die schlussendliche Mordtat dem TĂ€ter doch eine gröĂere Befriedigung als das Verbrechen selbst verschafft.

Kaum anders lĂ€sst sich auch der Abschnitt interpretieren, in dem Spector sich eine verlassene WaldhĂŒtte aussucht, um dort eine Schaufensterpuppe im Stil seiner Opfer herzurichten. Genau wie die beinahe unrealistisch anmutenden Szenen, in denen er leichtfertig eine Entdeckung in den eigenen vier WĂ€nden riskiert. Seine Tochter Olivia (Sarah Beattie) hat sowieso schon mitbekommen, dass etwas mit ihrem Vater nicht stimmt, jedoch fehlen ihr die kognitive FĂ€higkeit und die richtigen Worte, um ihrer Mutter Sally (Bronagh Waugh) davon zu berichten.
In Schwierigkeiten bringt ihn auch sein Besuch bei einer Patientin. Liz Tyler (Seainin Brennan) ist so verzweifelt ĂŒber den Verlust ihres Sohnes und die UnfĂ€higkeit ihres Ehemannes Jimmy (Brian Milligan), ihr Trost zu spenden, dass sie Spector darum bittet, sie einfach nur festzuhalten. Nachdem er ihr zuvor von seiner Denkschule berichtet hat („There's no closure, no recovery“), stimmt er ihrem Anliegen zu. Dies bringt ihm natĂŒrlich einen unfreundlichen Besuch von Jimmy ein, der sich sofort in wĂŒsten Drohungen ergeht: „You stay away from my wife or I'll fuckin' kill you.“
Die Motive Schuld, SĂŒhne, Schmerz und Leid sind beinahe omniprĂ€sent in der neuen Episode vertreten. Sie durchziehen nahezu jeden einzelnen ErzĂ€hlstrang. Spectors BeschĂ€ftigung damit wurde bereits thematisiert, aber auch Stella Gibson muss sich mit diesen stark religiös anmutenden Themen auseinandersetzen. Zum einen, als sie mit einer Medienexpertin die Kommunikationsstrategie bespricht („Virgins and Vamps. Angels or Whores.“), zum anderen, als sie sich selbst erklĂ€ren muss in Bezug auf ihren One-Night-Stand mit dem noch in der gleichen Nacht ermordeten Ermittler James Olson (Ben Peel).
Der Handlungsstrang rund um den Mord an Olson und die darin möglicherweise verstrickten Personen wird in der neuen Episode nicht fundamental weitererzĂ€hlt. Auch bleibt weiterhin unklar, wohin die kurzen Ausschnitte der jugendlich wirkenden Mutter auf der FrĂŒhchenstation des Krankenhauses hinfĂŒhren sollen. Die um das Leben ihres Neugeborenen bangende Jungmutter fasst im Gebet mit einem Priester das allgemeine Sujet dieser faszinierenden Dramaserie treffend zusammen: „There is no true love without suffering. There is no gift of life without pain.“
Fazit
So dĂŒster die Handlung von The Fall auch erzĂ€hlt wird, in der neuen Episode Insolence & Wine gönnen die Macher sich und den Zuschauern erstmals einige humoristische Atempausen. Das mit dem Klingelton âIn da Clubâ des Hip-Hoppers 50 Cent ausgestattete Handy des verspĂ€teten Polizeiermittlers Glen Martin (Emmett Scanlan) oder der leicht fiese Seitenhieb gegen die crowd-pleaser-Bands Genesis und U2 geben der Serie und vor allem ihrer Protagonistin Stella Gibson in gewissen Momenten eine unerwartete Leichtigkeit.
Vor allem die teilweise zu professionell wirkende Gibson erhĂ€lt dadurch ein etwas menschlicheres Antlitz. Ăberhaupt erstaunen die Parallelen zwischen den beiden Hauptcharakteren. Beide gehen absolut akribisch vor, sind Perfektionisten auf ihrem Feld, wenngleich sich Spector durch die selbst erwĂ€hlte Leichtsinnigkeit mehrmals schon der Entdeckung preisgegeben hat.
Ansonsten sind beide: kĂŒhl, arrogant, abgeklĂ€rt. Etwas mehr GefĂŒhl wĂŒrde der Serie jedoch ganz guttun, vor allem eine BeschĂ€ftigung mit Spectors Motiven wĂ€re, wenn schon nicht notwendig, so doch durchaus interessant. Im Zentrum von The Fall steht aber nach wie vor die Jagd nach dem Serienmörder und das dazugehörige Duell zwischen den beiden Hauptcharakteren. Spannender könnte dies derzeit nicht sein.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 29. Mai 2013(The Fall 1x03)
Schauspieler in der Episode The Fall 1x03
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