The Fall 1x02

The Fall 1x02

Es ist wirklich bemerkenswert: Trotz des gemächlichen Erzähltempos überschlagen sich die Ereignisse in der neuen Episode von The Fall. Gleichzeitig finden Drehbuchautoren und Regisseur Zeit, die Ermittlungsarbeit detailreich auszuleuchten.

Der nächste Mord dürfte Polizeichef Jim Burns (Frank McCusker, r.) von der Serientätertheorie überzeugen. / (c) BBC Two
Der nächste Mord dürfte Polizeichef Jim Burns (Frank McCusker, r.) von der Serientätertheorie überzeugen. / (c) BBC Two

Die neue Episode Darkness Visible der britischen Dramaserie The Fall besticht wie schon die Auftaktepisode durch zurückgenommenes Erzähltempo und eine tiefgründige Charakterzeichnung. Im Gegensatz zur Premiere gerät der Blick auf Protagonisten und Handlung jedoch fast schon dokumentarisch. Hier muss zwangsläufig wieder einmal der Vergleich zum Maßstab aller Polizeiserien, The Wire von David Simon, herangezogen werden.

Ein fast schon dokumentarischer Blick auf die Ermittlungsarbeit

Die Detailverliebtheit von Autor und Schöpfer Allan Cubitt und seinem Regisseur Jakob Verbruggen übertrifft dabei fast schon die der The Wire-Macher. Einzelne Handgriffe der polizeilichen Ermittlungsexperten werden detailreich festgehalten. So geraten kleine Tätigkeiten zu schaurigen Portraits der Ermittlungsarbeit von Polizei und Gerichtsmedizin. Als Beispiel kann hier der Leichentransport der kürzlich entdeckten Sarah Kay (Laura Donnelly) angeführt werden. Die Kamera verfolgt die einzelnen Schritte des Transportvorgangs.

Macht die ersten Fehler: Paul Spector (Jamie Dornan); treu liebender Familienvater und kaltblütiger Mörder. © BBC Two
Macht die ersten Fehler: Paul Spector (Jamie Dornan); treu liebender Familienvater und kaltblütiger Mörder. © BBC Two

Vom Tatort in die Gerichtsmedizin, dort in die Kühlkammer, immer begleitet von mehreren bürokratischen Abnahmevorgängen. Zur Untersuchung wird die Leiche auf einen Metalltisch gehievt, bei diesem Vorgang darf der Zuschauer dem Prozess der Leichenstarre in audiovisuell beklemmender Inszenierung beiwohnen. Hier kommt es zu einer der vielen inszenatorischen Höhepunkte der zweiten Episode von The Fall. Dazu gehört auch die Verfolgung des Notrufs von Sarahs Schwester, als sie deren Leiche entdeckt. Dieser Moment wird fast ausschließlich aus der Sicht der Mitarbeiterin der polizeilichen Anrufzentrale aufgenommen und sorgt so für größtmögliche Intensität.

Neben der vorzüglichen Inszenierung - die Mordszene an James Olson (Ben Peel) gehört dazu - sollte auch die hervorragende Bildkomposition hervorgehoben werden, die dieses TV-Produkt auch zu einem visuellen Erlebnis macht. An der technischen Umsetzung von The Fall gibt es also nach Sichtung der aktuellen Episode wenig auszusetzen. Gleiches gilt für die Geschichte, wenngleich die Handlung trotz bedächtigen Erzähltempos etwas überladen wirkt. Einige Handlungsstränge erscheinen vorerst wenig nachvollziehbar, der Mord am Ende wirkt als Schockmoment recht künstlich.

Auch die schnell im Sande verlaufene Affäre zwischen der zur Chefermittlerin aufgestiegenen Stella Gibson (Gillian Anderson) und ebenjenem Olson bringt die Haupthandlung vorerst kaum voran. Weiterhin erscheint fraglich, warum Serienmörder Paul Spector (Jamie Dornan) im Lichte seiner nahezu perfekt ausgeführten Morde im Privatleben so schlampig mit einer möglichen Entdeckung umgeht.

My baby, my baby

Die Episode Darkness Visible beginnt jedenfalls schon mit einem inszenatorischen Highlight. In einer Parallelmontage wird gefilmt, wie sich Olson auf eine Affäre mit Gibson einlässt und Spector sich gleichzeitig um sein Mordritual kümmert. In aller Ruhe und mit größtem Bedacht wäscht er sein Opfer und die verschmutzte Bettwäsche, lackiert seine Fingernägel, legt es zurück ins Bett, fotografiert die Leiche und entwendet schließlich ihren Ausweis, Schmuck und eine Haarlocke.

Sämtliche Gegenstände finden spätere Verwendung: Fotografien und Haarlocke zur Selbstbefriedigung, der Schmuck als Geschenk für die verhaltensauffällige Tochter Olivia (Sarah Beattie). Als Zuschauer beobachtet man hier einen monströsen Fetisch, der wohl selbst dem abgebrühtesten Psychologen einen kalten Schauer über den Rücken jagen würde. Dass es sich um eine gewisse Zwangsstörung handeln muss, wird spätestens dann klar, wenn Paul seine Obsessionen nur halbherzig zu verstecken versucht. In der Episode riskiert er mehrmals seine Entdeckung.

Entdeckt die ersten Fehler: Gillian Anderson als begabte Ermittlerin Stella Gibson. Foto © BBC Two
Entdeckt die ersten Fehler: Gillian Anderson als begabte Ermittlerin Stella Gibson. Foto © BBC Two

Der Erzählstrang um den Mörder und seine Jägerin bleibt bis hierher stimmig erzählt, kleinere Rätsel geben jedoch die zwei neuen Handlungsebenen auf. Beide involvieren den schon mehrfach erwähnten Ermittler James Olson. In einem vorerst unverbundenen Mordfall leitet er die Ermittlungen und kommt dabei relativ schnell zu einem Ergebnis. Terry McInturff (Andy Moore) habe aus Eifersucht Michael Lockwood kaltblütig erschossen. Die Beweise erscheinen erdrückend, auch ohne die Kooperation des von Anwalt Kevin McSwain (Gerard McCarthy) vertretenen Hauptverdächtigen.

McSwain wiederum ist ein Kollege und guter Freund der ermordeten Sarah. Als er am Ende der Episode von ihrem Tod erfährt, hat selbst der noch lebende Olson Mitleid mit ihm. Bei seiner Vernehmung nimmt McInturff jedenfalls sein Recht auf Aussageverweigerung wahr. Er lässt sich lediglich eine Warnung gegenüber Olson entlocken: „I know where you live“. Wer hätte da schon geglaubt, dass es sich dabei um mehr als leere Worte gehandelt haben könnte?

Die Affäre Gibsons mit Olson sowie dessen Ermordung erscheinen durch die bisher nicht existente Verbindung zur Haupthandlung etwas überflüssig. Der Mord dient als - zugegeben äußerst gelungener - Schockmoment, die Affäre als Demonstration von Stella Gibsons Gefühlskälte. Beide wollen nicht so recht ins Gesamtbild passen. Ein endgültiges Urteil darüber kann aber wohl erst nach dem Ende der ersten Staffel gefällt werden.

Zu den bereits erwähnten Erzählsträngen gesellen sich noch einige andere, kleinere. Ihre Protagonisten werden aller dramaturgischen Logik folgend wohl für einige zukünftige Spannungsmomente eingesetzt werden. Erstaunlich bleibt dabei, wie stimmig das große Ensemble in den Serienkontext eingebaut wurde.

Fazit

Zu der sowieso schon fesselnden dramaturgischen und atmosphärischen Dichte des bisherigen Handlungsverlaufs kommt in der neuen Episode von The Fall ein faszinierender Detailreichtum hinzu. In fast schon dokumentarischer Ausleuchtung setzen sich Autor und Regisseur mit den kleinsten Elementen polizeilicher Ermittlungsarbeit auseinander.

Ein bisher unentschiedenes Urteil muss dabei über die neuen Erzählstränge rund um Polizist Olson gefällt werden. Das Ensemble wirkt zum jetzigen Zeitpunkt etwas aufgebläht, wobei dem Zuschauer große Konzentration bei der Verarbeitung der einzelnen Geschichten abverlangt wird. Die beiden zentralen Darsteller Gillian Anderson und Jamie Dornan dürfen hierbei erneut besonders herausgehoben werden.

The Fall strebt an, eine umfassende Kriminalgeschichte aus Belfast zu erzählen, wobei die Erzählung auch in jeder anderen Großstadt spielen könnte. Zu der eigentlichen Mordermittlung gesellen sich Portraits mehrerer Familienleben, polizeilicher Korruption und machtorientierter Karrieristen.

Der Charakterzeichnung wird weiterhin viel Raum zugestanden, wobei die ersten Fragen nach inhaltlicher Stringenz auftauchen. Trotzdem schafft die Gegenüberstellung von detailreicher Darstellung und mysteriöser Charaktereinführung eine gewisse Faszination und Vorfreude auf das noch Kommende.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 22. Mai 2013
Episode
Staffel 1, Episode 2
(The Fall 1x02)
Deutscher Titel der Episode
Folge 2
Titel der Episode im Original
Darkness Visible
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Sonntag, 19. Mai 2013 (BBC Two)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 15. November 2015
Autor
Allan Cubitt
Regisseur
Jakob Verbruggen

Schauspieler in der Episode The Fall 1x02

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