The Fall 1x01

The Fall 1x01

Die Prämisse der neuen britischen Dramaserie The Fall ist denkbar einfach: Polizistin jagt Serienmörder. Doch eine gelungene Charakterzeichnung, exzellente Schauspieler und eine äußerst unaufgeregte Erzählweise lassen auch dieser uralten Geschichte neue Faszination abgewinnen.

Einfache Idee, exzellente Umsetzung: Stella Gibson (Gillian Anderson) jagt Paul Spector (Jamie Dorman). / (c) BBC Two
Einfache Idee, exzellente Umsetzung: Stella Gibson (Gillian Anderson) jagt Paul Spector (Jamie Dorman). / (c) BBC Two

Es passiert nicht viel in der Auftaktepisode der neuen britischen Dramaserie The Fall. Die Autoren geben in Dark Descent sogleich die Marschrichtung der ersten Staffel vor. Sie konzentrieren sich dabei auf eine ausführliche Charakterzeichnung, geben ihren Protagonisten viel Raum und Zeit zur Entfaltung und erzählen ihre Geschichte in äußerst bedächtigem Tempo.

No one knows what's going on in someone else's mind

Der Familientherapeut Paul Spector (Jamie Dornan) ist in seinem zweiten Leben ein Serienmörder. Seine dunkle Nebenbeschäftigung kaschiert er perfekt mit einem vordergründig harmonischen Familienleben. Er führt eine glückliche Ehe mit Sally-Ann (Bronagh Waugh) und hat zwei aufgeweckte Kinder, Liam (David Beattie) und Olivia (Sarah Beattie). Seine dunkle Obsession mit äußerlich sehr ähnlichen Frauen scheint ihn jedoch dazu zu zwingen, akkurat geplante Morde zu begehen.

Meister seines Fachs: Jamie Dorman als Serienmörder und Familienvater Paul Spector © BBC Two
Meister seines Fachs: Jamie Dorman als Serienmörder und Familienvater Paul Spector © BBC Two

Dabei folgt er einem ausgeklügelten und seiner Faszination entsprechenden Ritual. Zuerst verfolgt er seine zukünftigen Opfer, um minutiös ihre Tagesabläufe festzuhalten. Dann folgt ein Einbruch in die Wohnung, wobei er Fotografien anfertigt, die Unterwäsche inspiziert und ein Arrangement hinterlässt. Später fertigt er Zeichnungen von den Frauen an, mit teilweise erotischem, teilweise gewalttätigem Einschlag. Danach kommt es zu einer ersten Kontaktaufnahme. Seinem sympathischen Äußeren kann er verdanken, dass er sich leicht einen vertrauenswürdigen Zugang zu seinen späteren Opfern verschaffen kann.

Den letzten Akt vor dem eigentlichen Mord beginnt er mit einer kurzen, nackt durchgeführten Trainingseinheit. Danach streift er seine Tatkleidung über und überfällt das Opfer in dessen Zuhause. Der Mord wird stets durch Erwürgen durchgeführt, wobei spätere Obduktionen der Leichen ergeben, dass sich der Erstickungsprozess bis zu einer Stunde hinziehen kann, was von einer gewissen Faszination des Täters für den Prozess zeugt.

Trotz seiner akkuraten Vorbereitungen stößt Spector jedoch bei zwei seiner drei bekannten Taten auf Schwierigkeiten. Sein mutmaßlich zweites Opfer, Fiona Gallagher, wurde in einem Wandschrank verstaut gefunden, was dafür spricht, dass er bei seinem Akt plötzlich überrascht wurde. Auch sein neuestes Opfer, Sarah Kay (Laura Donnelly), kommt beinahe mit dem Leben davon, denn zwei aufmerksame Polizisten kehren zu ihrem Haus zurück, um noch einmal den Einbruchstatort zu inspizieren. Auch hier schafft es Spector jedoch, sein Opfer rechtzeitig stumm zu stellen.

He had things entirely under his control

Was der Zuschauer gegen Ende der Episode also längst weiß, muss dem Chef der Belfaster Polizei, Jim Burns (John Lynch), erst in mühevoller Überzeugungsarbeit beigebracht werden. Wenngleich Stella Gibson (Gillian Anderson) nicht für diese Aufgabe von London nach Belfast beordert wurde, stößt sie doch schnell auf den Zusammenhang in den Mordfällen Alice Monroe und Fiona Gallagher. Spätestens in der zweiten Episode Darkness Visible dürfte jedoch auch der karriereorientierte Burns von der Verbindung zwischen den Ritualmorden überzeugt werden.

Meisterin ihres Fachs: Gillian Anderson als Mordermittlerin Stella Gibson © BBC Two
Meisterin ihres Fachs: Gillian Anderson als Mordermittlerin Stella Gibson © BBC Two

Seine Figur erinnert stark an die von den Ermittlern in The Wire so liebevoll gehassten bosses, die einer ordentlichen Ermittlung eher im Wege stehen, statt diese zu fördern. Anderson porträtiert ihre Stella im Gegensatz zu den brillanten, aber problembehafteten detectives aus dem Baltimore-Epos als hochprofessionelle und erfahrene Ermittlerin, die alle anderen Belange ihrem Beruf unterordnet.

Die Detective Superintendent (DSI) wurde nach Belfast gerufen, um die Ermittlungen im Monroe-Fall zu überprüfen. Am Pranger steht dabei der leitende Ermittler Jerry McIlroy (Simon Delaney). Gemeinsam mit Garrett Brink (Frank McCusker) beleuchtet Gibson also jedes vermeintlich unwichtige Detail der bisherigen Ermittlungen. Schnell stößt sie denn auch auf die mögliche Verbindung zu den anderen Fällen. Die Jagd auf Paul Spector beginnt. Nebenher gilt es, die neugierige Presse abzuschütteln: „... but really and truly: you should fuck off now.

Eindeutig für eine Mordserie spricht auch die Tatsache, wie professionell die Tötungen durchgeführt wurden. Stella erkennt sofort, dass der Täter die Geschehnisse unter seiner totalen Kontrolle hatte. Vollkommen kontrolliert wirkt Spector denn auch in seinem Scheinleben: Als Familientherapeut widmet er sich schwierigen Fällen wie dem Verlust eines Kindes und muss sich nicht selten mit tiefgreifender Verzweiflung und Handgreiflichkeiten auseinandersetzen. Seine äußere Gefasstheit ist dabei überaus verblüffend, ähnlich wie die Fassade, die er seiner Familie gegenüber aufgebaut hat: Während er seiner Tochter beim spielerischen Tanz zuschaut, schreien seine Gedanken förmlich nach dem nächsten Mord. Dorman spielt dies grandios.

Fazit

Während die aktuellen amerikanischen Serienmörderformate (Hannibal, Bates Motel, The Following) vor allem auf blutige Effekte und äußerste Brutalität setzen, schlägt The Fall eine gänzlich andere Richtung ein. Die britische Dramaproduktion, die mit ihrer Auftaktepisode Dark Descent den erfolgreichsten Dramaserienstart bei BBC Two seit fünf Jahren feiern konnte „49663“, setzt auf leise Töne, auf lange Einstellungen und die Schaffung komplexer und undurchsichtiger Charaktere.

Was die Autoren mit der Hinwendung auf diese soft skills des episodischen Erzählens erreichen, wird schon nach wenigen Minuten offensichtlich: Die große dramaturgische und atmosphärische Dichte saugt den Zuschauer förmlich in die Geschichte hinein. Neben dem ausgezeichneten Drehbuch sorgen zwei weitere Faktoren für diesen Effekt: die Soundgestaltung und die Schauspieler.

Jamie Dornan spielt die innere Zerrissenheit seines Charakters mit einer solchen beängstigenden Gefasstheit, dass man sich als Zuschauer fragen muss, ob diese Zerrissenheit bei ihm überhaupt existiert. Seiner Darstellung würde man sofort abnehmen, dass er ein in sich absolut ruhender Serienmörder ist, der es schafft, seine negativen Gefühlsausbrüche mit den positiven zu vereinen.

Die von Gillian Anderson porträtierte Stella Gibson trägt ihr Herz da schon viel offensichtlicher auf der Zunge. Sie kann keine perfekte Fassade aufbauen wie Spector und lässt die meisten der ihr begegnenden Protagonisten schnell wissen, wen sie für die Überlegene hält: natürlich sich selbst. Trotzdem schwelt unter ihrer kühlen, professionellen Maske eine bewegte Vergangenheit, vielleicht gar eine größere seelische Verletzung.

Dies alles wird niemals ausgesprochen, nur angedeutet, impliziert, in die Handlung eingebettet. Ein wahres Zeugnis meisterhaften dramaturgischen Könnens!

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 14. Mai 2013

The Fall 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(The Fall 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Folge 1
Titel der Episode im Original
Dark Descent
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Sonntag, 12. Mai 2013 (BBC Two)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 15. November 2015
Autor
Allan Cubitt
Regisseur
Jakob Verbruggen

Schauspieler in der Episode The Fall 1x01

Darsteller
Rolle
Gerard McCarthy
Niamh McGrady
Bronagh Waugh
Frank McCusker
Simon Delaney

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