The Fall 1x05

The Fall 1x05

Die Schlinge zieht sich langsam zu. Um einer möglichen Verhaftung zu entgehen, erfindet Paul Spector neue Lügen, die sein Familienleben in einen Trümmerhaufen verwandeln. Das Finale der ersten Staffel von The Fall ist treffend betitelt: The Vast Abyss.

Bei der ersten Begegnung weiß nur einer von seinem Glück: Gibson (Gillian Anderson) und Spector (Jamie Dornan). / (c) BBC
Bei der ersten Begegnung weiß nur einer von seinem Glück: Gibson (Gillian Anderson) und Spector (Jamie Dornan). / (c) BBC

Ein endloser Abgrund: Hier scheint Serienmörder Paul Spector (Jamie Dornan) hineinzustarren, als er realisiert, dass Chefermittlerin Stella Gibson (Gillian Anderson) ihm auf der Spur ist. Die Finalepisode The Vast Abyss geht da schon ihrem Ende entgegen und als Höhepunkt hat sich Autor Alan Cubitt eine direkt-indirekte Konfrontation zwischen Jägerin und Gejagtem ausgedacht.

Living and breathing moral relativism

Der vom Vater eines Opfers, Ian Kay (B.J. Hogg), gemachte Vorschlag, den Täter mittels öffentlichem Appell anzulocken, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Spector kann sich der Verlockung nicht entziehen, seiner Opponentin Gibson zumindest am Telefon gegenüberzutreten und seine Machtspielchen mit ihr zu spielen. Er glaubt sich in der weit überlegeneren Rolle, bis Stella ihm seine Fehler und ihre bisherigen Ermittlungsergebnisse aufzeigt.

Am neuen Tatort finden Gibson (Gillian Anderson) und Kollegen ein noch lebendes Opfer vor. © BBC
Am neuen Tatort finden Gibson (Gillian Anderson) und Kollegen ein noch lebendes Opfer vor. © BBC

Überhaupt ist es etwas erstaunlich, mit welch großer Hybris Spector in diese Konfrontation geht, ist er doch zuvor nur sehr knapp einer Entdeckung durch die Polizei entkommen. Diese hatte über die Nachrichtensendungen die Aufnahme einer Überwachungskamera veröffentlicht, auf der er zu sehen ist, wie er gemeinsam mit seiner Tochter Olivia (Sarah Beattie) kurz nach seinem zweiten Opfer Sarah Kay (Laura Donnelly) einen öffentlichen Park betritt. Dem Drängen seiner Frau Sally (Bronagh Waugh) folgend, meldet er sich bei der Polizei, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen.

Dort wird er jedoch wie ein Verdächtiger behandelt, auf freiwilliger Basis werden ihm DNA-Proben und Fingerabdrücke abgenommen. Nur Sally hat er es zu verdanken, dass seine wahre Identität nicht auffliegt, denn sie lügt auf Nachfrage der Polizei und verschafft ihm ein Alibi. Damit steht er jedoch vor dem nächstgrößeren Problem. Dieses löst er auf die einzig denkbare Art: Er erfindet eine Affäre zu Babysitterin Katie (Aisling Franciosi). Gleichzeitig schlägt er seiner gehörnten Ehefrau vor, in Schottland einen Neuanfang zu wagen.

An dieser Stelle kommt die bisher sehr schlüssig erzählte Geschichte zum ersten Mal etwas ins Schlingern. Zu glatt, zu einfach gelingt Spector die Windung aus seiner misslichen Situation. Dies dürfte der geringen Episodenzahl geschuldet sein, die eine Zuspitzung der Ereignisse nach nur fünf Episoden erfordert. Die erste Staffel endet zwar mit einem spannungsreichen Cliffhanger, dieser lässt jedoch nicht allzu viel Spielraum für die kommende zweite Staffel.

You're a slave to your desires

Die Polizei unter Führung von Stella Gibson hat nämlich zahlreiche Hinweise auf Spector zusammengetragen und ein recht detailliertes Täterprofil über ihn erstellt. Was sie jedoch in nicht allzu ferner Zukunft auf Spector stoßen lassen sollte, ist das Phantombild, das nach der Beschreibung eines seiner ersten überlebenden Opfer, Rose Stagg (Valene Kane), angefertigt wurde. Darauf ist er eindeutig zu erkennen. Sollte also der ihn vernehmende Ermittler Garrett Brink (Frank McCusker) dieses Bild zu sehen bekommen, dürfte der Aufklärung nichts mehr im Wege stehen.

Aaron Monroe (Eugene O%26#039;Hare; r.) bekommt von seinem Vater Morgan (Ian McElhinney) die Anweisung zur Flucht ins Ausland. © BBC
Aaron Monroe (Eugene O%26#039;Hare; r.) bekommt von seinem Vater Morgan (Ian McElhinney) die Anweisung zur Flucht ins Ausland. © BBC

Auch die Flucht von ihm und seiner Familie nach Schottland dürfte seine Ergreifung nur minimal hinauszögern. Natürlich weiß er nichts von dem Phantombild und kann sich in der abschließenden Konfrontation mit Gibson noch siegessicher gerieren: „I called to say it's over.“ Hat sich die Spannung der ersten Staffel also aus den zahlreichen Parallelmontagen zwischen Jägern und Gejagtem gespeist, sollte in den neuen Ausgaben die Suche nach einem bekannten Flüchtigen im Vordergrund stehen.

Neben der Zuspitzung der Spector-Jagd wird auch der Erzählstrang um die politisch-kriminellen Verwicklungen des Monroe-Clans vorangetrieben. Ermittler Eastwood (Stuart Graham) eröffnet Polizeichef Burns (John Lynch) seine Ergebnisse. Danach haben die beiden toten Polizisten James Olson (Ben Peel) und Rob Breedlove (Michael McElhatton) Einzahlungen auf ihr Konto erhalten. Absender: das Unternehmen von Aaron Monroe (Eugene O'Hare).

Der aufgeweckte Eastwood hat schon Durchsuchungs- und Haftbefehle für Monroe Jr. organisiert, da wird er von Burns zurückgepfiffen. Aus Rücksicht auf die Trauerfeier für die ermordete Alison Monroe sollten diese Befehle erst am folgenden Tag exekutiert werden. Sein wahrer Beweggrund ist ein anderer - zumindest wird dies stark angedeutet: Burns braucht Zeit, um Patriarch Morgan Monroe (Ian McElhinney) vor den bevorstehenden Polizeiaktionen zu warnen. Der gibt seinem Sohn sogleich die Anweisung, sich ins Ausland abzusetzen. Als Eastwood von diesen Vorgängen erfährt, kann er sich gegenüber seinem Vorgesetzten Burns nicht mehr zurückhalten: „You are a weak man, sir.

Fazit

Schwache Männerfiguren wurden in der ersten Staffel von The Fall in nicht geringer Anzahl porträtiert: korrupt, feige, mörderisch. Doch nur über eine von ihnen wird ein echtes Psychogramm erstellt: Paul Spector. In der Finalepisode erfährt der Zuschauer weitere Details über seinen Werdegang. Er ist in diversen Pflegeheimen aufgewachsen, hat keine Ahnung von seiner Herkunft und keinerlei bekannte Verwandte.

Dies realisiert auch seine Ehefrau Sally, als sie versucht, mit seinem angeblichen Ehebruch zurechtzukommen: „I never thought you'd hurt me.“ Dieses biografisch doch recht schwerwiegende Detail hilft aber nur minimal beim Verständnis seiner Taten. Schließlich kann es niemals einen direkten Zusammenhang zwischen der Erziehung und den späteren Verbrechen eines Menschen geben.

Und damit stößt die Serie - und das Drama an sich - an eine Grenze, die unüberwindbar erscheint, denn niemand, keine Theorie, keine Analyse vermag es, die Motivationen und Antriebe eines Serienmörders wirklich zu verstehen. Größte Faszination geht davon aus, dem Täter bei der Ausübung seines abnormalen Triebes zuzuschauen, größte Spannung wird aus der Jagd nach ebendiesem Täter generiert.

Aber Verständnis und Erkenntisgewinn? Nein, dazu ist keine fiktionale Serie und selbst die Psychologie und Psychoanalyse kaum fähig. Trotzdem gelingt es The Fall, eine mitreißende Geschichte zu erzählen, die sich von den allermeisten Serienmördererzählungen unterscheidet, da sie ebenso viel Sympathien für den Täter wie für dessen Verfolger aufbringt.

Lobend hervorzuheben ist neben den großartigen Hauptdarstellern Anderson und Dornan auch die technische Umsetzung des Stoffs. Die Kamera bleibt stets ruhig und nah an ihren Protagonisten und gibt ihnen Zeit, ihr ganz eigenes Bild des Charakters zu zeichnen. Die Belichtung wird zurückhaltend eingesetzt, auf grelle Effekte verzichtet. Das Sounddesign und der Score komplettieren diese unwahrscheinlich dichte Erzählatmosphäre.

Außerdem konnte vor allem die Spannung über alle fünf Episoden aufrechterhalten werden. Den Machern von The Fall bleibt nur zu wünschen, dass ihnen dies auch in der neuen Staffel gelingt.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 14. Juni 2013
Episode
Staffel 1, Episode 5
(The Fall 1x05)
Deutscher Titel der Episode
Folge 5
Titel der Episode im Original
The Vast Abyss
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Sonntag, 9. Juni 2013 (BBC Two)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 29. November 2015
Autor
Allan Cubitt
Regisseur
Jakob Verbruggen

Schauspieler in der Episode The Fall 1x05

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