The Deuce 3x08

© zenenbild von The Deuce: Nichts lässt sich für immer festhalten... (c) HBO
Als David Simon und George Pelecanos vor einigen Jahren den Grundstein für das HBO-Drama The Deuce legten, wussten sie bereits, wie ihre Serie eines Tages enden würde. Rückblickend wirken die drei Staffeln, die insgesamt zustande kamen, nun wie einziges Vorspiel für diesen großen Moment. Allein vor dieser Geduld und Weitsicht will man sich schon verbeugen, doch auch die Umsetzung dieses für diese Showrunner eigentlich so untypischen Ansatzes verdient Applaus. Genau wie damals bei Six Feet Under ließe sich unter Umständen sogar argumentieren, dass es sich tatsächlich lohnen würde, die gesamte Serie nur für diese letzte Szene zu schauen. Ein bittersüßer Schlusssatz einer oft unerbitterlichen Geschichte...
The New New York
Vor allem in den Wochen vor dem Finale, das den passenden Folgennamen Finish It trägt, schlug die Serie noch einmal äußerst düstere Pfade ein. Erst starb Frankie (James Franco) und dann auch noch Lori (Emily Meade). Doch während die Hauptfiguren von The Deuce immer weiter dezimiert wurden, blühte die Stadt New York zusehends auf. Das Alte macht dem Neuen Platz. Die Frage ist nur, ob das Neue mit all seinem Glanz wirklich besser ist als das Alte mit all seinem Charakter. Unabhängig von der Antwort, ist der Lauf der Dinge aber ohnehin nicht abzuwenden. Die Zeit läuft immer weiter.
In dieser einfachen Wahrheit steckt die Essenz der großen Abschlussszene. Von 1985 springen wir dazu ins Jahr 2019. Vincent (Franco) ist inzwischen ein alter Mann, der längst in Florida lebt, aber nochmal für die Hochzeit seines Neffen nach Manhattan reist. Das Leben hat ihn zwar gezeichnet, doch sein Aufenthalt im Marriott beweist, dass er auch nach seiner Zusammenarbeit mit der Mafia weiter sehr gut für sich sorgen konnte. Als er sich einen Drink in der Hotelbar gönnt, stößt er in einer Zeitung auf eine Nachricht, die ihn innerlich zurück in die gute alte Zeit wirft. Es handelt sich um einen Nachruf auf die gefeierte Indieregisseurin Eileen Merrell (Maggie Gyllenhaal), die im Alter von 73 Jahren starb. Am Ende gelang ihr also doch der Durchbruch und sie wurde endlich als echte Künstlerin wahrgenommen. Ein breites Lächeln auf Vincents Lippen.
Gefüllt mit jeder Menge Melancholie macht der alte Mann schließlich einen Spaziergang zum Times Square, der kaum noch wiederzuerkennen ist. Das ist es also, das neue New York, für das Politiker wie Gene Goldman (Luke Kirby) damals viele große Opfer brachten. Im Hintergrund läuft ein Blondie-Cover des Songs „The Sidewalks of New York“. Doch damit nicht genug, während Vincent so spaziert, stehen rechts und links immer wieder alte Weggefährten, die ihm bedeutungsschwere Blicke zuwerfen oder mit denen er sogar kurze Dialoge führt. Alle sind dabei: Lori, C. C. (Gary Carr), Bobby (Chris Bauer), Paul (Chris Coy), Darlene (Monique Fishback) - und wer nicht dabei ist, muss wohl noch am Leben sein...
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Auch mit Eileen, die diese Nostalgieorgie überhaupt erst angestoßen hat, tauscht sich Vincent ganz kurz aus. Die wichtigste Reunion steht ihm aber selbstverständlich noch bevor, nämlich die mit seinem so jung verstorbenen Zwillingsbruder Frankie. Wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass ich beim Anblick eines alten James Franco, der einem jungen James Franco sanft über das Gesicht streicht, heulen würde wie ein Baby, hätte ich vermutlich Tränen gelacht. Zumal ich einer so bodenständigen Serie wie The Deuce einen derart kitschigen Moment nie zugetraut hätte. Als Frankie Vincent dann auch noch in die U-Bahn begleitet, die vielleicht stellvertretend für das Reich der Toten steht, und die Kamera über die chaotischen Menschenmengen schwankt, war es aber endgültig um mich geschehen. Was für ein Finale - und dann auch noch der Blondie-Song!
Time, you know?
Allerdings mischt sich in den Abschied von der Serie und all ihren vielschichtigen, am Ende aber fast immer liebenswürdigen Figuren noch ein weiteres Gefühl: Vielleicht war The Deuce vorerst die letzte HBO-Produktion ihrer Art. Bekanntlich steht der qualitätsversessene Kabelsender derzeit vor einem großen Umbruch, da mit HBO Max ein neuer Streamingservice startet, der wie Netflix, Amazon Prime Video und Co wahrscheinlich eher auf Lautstärke statt auf Geduld setzt. Neustarts wie Watchmen beweisen bereits, dass das Blockbuster-Fernsehen in Zukunft überall zum neuen Standard werden könnte. Und selbst ein David Simon setzt immer mehr auf sensationellere Stoffe, wie etwa die neue Miniserie The Plot Against America zeigt.
In gewisser Weise kann man Frankie also auch als Personifizierung von The Deuce selbst sehen, eine wenig beachtete Nischenserie, die etwas schmuddelig daherkommt, aber so viel Herz zu bieten hat, wenn man genauer hinsieht. Die Geister der Vergangenheit sind in dieser Analogie dann vermutlich The Sopranos, Mad Men, The Americans, The Shield und natürlich auch The Wire. Und der Times Square steht für das neue Streaming-Zeitalter. Die alte Generation des sogenannten Golden Age of Television nickt sich noch einmal zu und verlässt stolz die Bühne - auf der sich nun Superhelden austoben.
Aber man muss ja auch nicht zu viel in all das hineininterpretieren. Dennoch wird an solchen Überlegungen deutlich, dass The Deuce tatsächlich eine Lücke hinterlässt und auf eine Art und Weise verschwunden ist, die einen zum Denken anregt. Der Grund, warum die Serie bei den Kritikerinnen und Kritikern so erfolgreich war, liegt in ihrer Authentizität und darin, dass sie nie zu rührselig erschien, so traurig es häufig auch zuging. All das war nötig, damit das Serienfinale im Kontrast nun einen derart großen Eindruck hinterlassen konnte. Und wir können uns extrem glücklich schätzen, dass wir eine so besondere Serie überhaupt jemals zu Gesicht bekamen. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn sie wirklich keine Erbin finden sollte...
Hier abschließend der Trailer zur 3. Staffel von The Deuce: Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 3. November 2019(The Deuce 3x08)
Schauspieler in der Episode The Deuce 3x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?