The Deuce 1x02

© arlene (Dominique Fishback, l.) will von Fat Mooney (E.J. Carroll, r.) wissen, was mit ihrem Tape passiert ist. / (c) HBO
Hat uns die exzellente Pilotepisode von The Deuce noch mit breitem Pinselstrich ihre sehr spezielle Welt und deren noch spezielleren Bewohner vorgestellt, widmet sich Show and Prove in bester David-Simon-Manier den kleinen Details des täglichen Lebens im beinharten Sex-Geschäft. Langweilig wird es deshalb keinesfalls. Die Drehbuchautoren Richard Price und George Pelecanos - ihrerseits angesehene Romanautoren - offenbaren ein feines Gespür für den Sound der Straße, für die niemals enden wollenden, unendlich unterhaltsamen Dialoge ihrer Player.
How does anyone live?
Nicht nur die größte aller Simon-Serien, The Wire, reckt hier mehrmals ihren Kopf, sondern auch die Serie, die das Baltimore-Epos erst ermöglicht hat: The Sopranos. Möglich macht das der Handlungsbogen um Vince (James Franco), dessen Geschäftsidee aus dem Piloten - die Bedienungen im House of Korea in hautenge Ballerina-Kostüme stecken - den gewünschten Erfolg zeitigt. Zwar bewegt er sich nun ausschließlich „on the wrong side of the river“, wie sein Zwillingsbruder Frankie nicht müde wird zu betonen, allerdings ist er nun beinahe sein eigener Herr.
Auf dem Weg dorthin kann er einen weiteren, wenn auch riskanten Erfolg verbuchen. Als ihm Schwager Bobby (Chris Bauer, erneut als Gewerkschaftsmann, jedem „The Wire“-Fan kommen die Tränen) sein Leid darüber klagt, dass seine Arbeiter nicht schnell genug an das Geld ihrer Lohnschecks kommen, verknüpft er dieses Fremdproblem mit einem eigenen, oder eher dem seines Nichtsnutzbruders Frank. Bei Tommy Longo (Daniel Sauli) beziehungsweise Rudy Pipilo (Michael Rispoli aus den „Sopranos“) ist ja noch dessen Spielschuld zu begleichen.
Hierbei lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Pipilo, Vertreter der New Yorker Mafia-Familie Gambino, stellt gegen eine geringe Gebühr Bargeld bereit, damit der Lohn an die Arbeiter sofort ausgezahlt werden kann. Mit dem daraus erwirtschafteten Gewinn werden Franks Schulden abbezahlt. Everybody wins, right? Momentan sieht es danach aus, jedoch würde es keinesfalls überraschen, würden sich die Zwillingsbrüder damit nur weiteren Ärger einhandeln. Pipilo ist immerhin so angetan, dass er gleich die nächste Geschäftsidee hat: Vince soll die heruntergekommene Schwulenbar „Penny Lane“ auf Vordermann bringen.

Verziert ist dieser Plotfortschritt mit den delikatesten Dialogen, die man sich nur wünschen kann. Als besonderes Schmankerl werden diese obendrein von solch begabten Schauspielern wie Franco (der hier zu voller Pracht erblüht) oder Rispoli vorgetragen. Immer mit einem mal überheblichen, mal jovialen Grinsen auf den Lippen, verhandeln ihre Figuren über ihre gemeinsame Zukunft, was sich - und das weiß vielleicht nur Pipilo - ganz leicht ins genaue Gegenteil verkehren kann, sobald der ausgemachte wöchentliche Mindestbetrag nicht geliefert wird. Ob die Geduld des Mobs dann immer noch so strapazierfähig ist?
We ain't in Duluth no more, Dorothy
Eher zufällig stolpert Eileen aka Candy (Maggie Gyllenhaal) über eine neue Geschäftsidee. Sie wird von Sexarbeiter-Kollegin Loretta (Sepideh Moafi) um die Vertretung bei einem Pornodreh gebeten. Würde Loretta den Produzenten einfach kurzfristig absagen, wäre sie bei ihnen - ich verneige mich vor den Autoren - „person non gratis“. Trotz ihrer Vorhaltungen gegen diesen neuen Geschäftszweig, die sie zu Beginn der Episode gegenüber Darlene (Dominique Fishback), Ruby (Pernell Walker) und Shay (Kim Director) geäußert hatte, erfüllt Eileen ihrer Kollegin diesen Wunsch.
Am Set, einem dunklen Kellerraum, angekommen, wird sie ohne Vorwarnung ins kalte Wasser - oder eher in die kalte Kartoffelsuppe? - geworfen. Gedreht wird der Pornostreifen „Great Dane in the Morning“, der Plot ist schlicht, macht aber auch nichts, es geht ja sowieso nur um die gezeigte Penetration - der Ton wird gar nicht aufgenommen. So würdelos der Vorgang selbst für eine Sexarbeiterin auch ist, so aufmerksam beobachtet Eileen, was dort vor sich geht. Nach Abschluss der Dreharbeiten bekommt sie von der Produktionsassistentin gar einen Grundkurs in Sachen Beleuchtungstechnik.
Mag die Zukunft von Eileen also Neues für sie bereithalten, sieht die familiäre Realität weiterhin düster aus. Noch ist ihr Sohn zu jung, um sich über ihre dauernde Abwesenheit zu wundern, und ihre Mutter Joan (Carolyn Mignini) dazu bereit, für sie zu lügen und dem Kleinen zu erzählen, dass die Mama in Washington als Regierungsangestellte arbeitet. Ein Dauerzustand ist das aber nicht, weshalb zumindest ein Entkommen aus der Sexarbeit schnellstmöglich geboten wäre. Immerhin hat sich nun ein Weg aufgezeigt, wie das zu schaffen sein könnte.

Gerade erst in die Sexarbeit taucht Lori (Emily Meade) ein, wenngleich sie behauptet, in Minnesota bereits zahlreiche Erfahrungen gesammelt zu haben. Wie weit das jedoch von der Wahrheit entfernt ist, bekommt sie schmerzlich zu spüren. Nur das entschlossene Eingreifen ihres Zuhälters CC (Gary Carr) verhindert, dass sie von einem dämonischen Biologielehrer entführt wird. Davor und danach darf sie sich rehäugig all die hochtrabenden Pläne anhören, die CC angeblich für sich und sie hat. Dass das alles Humbug ist, wird für sie wohl bald zu einer weiteren schmerzhaften Erfahrung.
Like sweepin' leaves on a windy day
Die systemtheoretische Lupe richten David Simon und seine Autoren dieses Mal auf die polizeiliche Praxis, die der Episode nicht nur ihren Titel, sondern auch einen dramaturgischen Rahmen verleiht. Die Sexarbeit ist zu dieser Zeit illegal, jedoch würde sich die Polizei völlig übernehmen, wenn sie sämtlichen Straftaten nachgehen würde. Also hat sich eine Praxis etabliert, die analog zum Alkoholverzehr in der Öffentlichkeit funktioniert („The Wire“-Fans kennen das als 'brown paper bag'). Dabei werden die Sexarbeiterinnen zwar regelmäßig verhaftet, müssen hernach für 48 Stunden aber keine weitere Verfolgung fürchten, sofern sie einen Voucher vorzeigen können: Show and Prove.
Wie alltäglich diese Praxis entlang The Deuce ist, das zeigen mehrere wunderbar geschriebene Szenen. Beim Eintreffen im Polizeirevier scherzen die Sexarbeiterinnen völlig ungezwungen mit Schichtleiter Rizzi (Michael Kostroff, der Winkeladvokat Maury Levy aus „The Wire“) über dessen (nicht vorhandenes) Sexleben. Hernach nimmt Alston (Lawrence Gilliard Jr.) ihre Bestellungen beim Chinesen auf. Schließlich wird gemeinsam im Hinterhof gegessen, wobei Alstons Lebensratschläge zum Beispiel bei Loretta auf taube Ohren stoßen.
Wie sehr die Straßenarbeiterinnen von der Güte der Polizisten abhängig sind, zeigt die letzte Szene der Episode. Da werden Alston und Flanagan (Don Harvey) so lange von Zuhälter Rodney (Method Man) gereizt, bis sie kurzfristig beschließen, den Voucher dieses Mal für ungültig zu erklären. Eine Machtdemonstration, wie sie im Buche steht - und wie sie übrigens auch die Zuhälter ständig vornehmen. Bestes Beispiel dafür ist Larry Brown (Gbenga Akinnagbe), der Darlene unmissverständlich zu verstehen gibt, dass sie sich von der neugierigen Journalistin, die er für eine knausrige Homosexuelle hält, fernzuhalten hat.
Es ist eine komplizierte Welt, die uns David Simon hier mit all seinem Talent näherbringt. Ob auch Abby (Margarita Levieva) bald darin eintauchen wird? Die Möglichkeit besteht jedenfalls, nun, da sie selbst für ihren Unterhalt sorgen muss. Wie dem auch sei, der bisher mit einem Schmuddelimage versehenen Sexarbeit wird mit dieser neuen Serie ein wichtiger Dienst erwiesen, indem die darin Verwickelten eben nicht als gesichtslose Asoziale ausgegrenzt, sondern mit komplexen persönlichen Geschichten ausgestattet werden. Die Moralkeule sucht man hier vergebens. So humanistisch kann Fernsehen sein.
Trailer zu Episode 1x03: 'The Principle Is All'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 18. September 2017The Deuce 1x02 Trailer
(The Deuce 1x02)
Schauspieler in der Episode The Deuce 1x02
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