Mit dem teuer produzierten Historiendrama The Crown gelingt Netflix ein königlicher Volltreffer: Die stilsicher verpackte Auftaktepisode vermittelt einen sehr guten ersten Eindruck der umfangreichen Geschichte, die Serienschöpfer Peter Morgan über Queen Elizabeth II. erzählen möchte.

Claire Foy in „The Crown“ / (c) Netflix
Claire Foy in „The Crown“ / (c) Netflix

Die Briten und ihr Königshaus, das ist schon eine Geschichte für sich. Unsereins kann allein aufgrund des gänzlich andersartigen kulturellen sowie historischen Vermächtnisses nur versuchen zu verstehen, welch bedeutende Rolle die englische Krone auch jetzt noch für die einstige Weltmacht und heutzutage von politischen Bewegungen aufgewirbelte Nation jenseits des Ärmelkanals hat. Dass besagte Krone und ihre Vertreter in der (britischen) Popkultur immer wieder zu einem prominenten Thema gemacht werden, ist hinlänglich bekannt. Die Könige und Königinnen Englands sind eben zumeist hochspannende Persönlichkeiten gewesen, außergewöhnliche Charaktere, ob sie es nun wirklich waren oder von der Institution „Krone“ zu solchen gemacht wurden und diese Rolle eben angenommen haben.

Viele Außenstehende erliegen der Faszination für die fast schon gottgleichen Monarchen, wobei man dies differenziert sehen muss: Die einen wollen schlichtweg mehr über dieses altertümliche Konstrukt wissen und Hintergründe dazu erfahren, die anderen hinterfragen kritisch, wie selbst heutzutage noch ein derartiges Gewese um einen einfachen Menschen gemacht werden kann, der letzten Endes ein extravagantes Kopfstück aufgesetzt bekommt und rein repräsentativ das Zepter schwingt. Wie gerufen kommt nun die neue Netflix-Serie The Crown, die beide Facetten beleuchtet und nebenbei auf hervorragende sowie oft sehr intime und entlarvende Art und Weise aufzeigt, welche Verantwortung, welche Erwartungen und welches Leben mit der Krone einhergeht.

What this nation needs

Filme- und Serienmacher Peter Morgan (als Serienschöpfer hat er alle zehn Episoden der ersten Staffel] von „The Crown“ geschrieben) hat bereits einige Erfahrung bezüglich des englischen Königshauses gesammelt, wie sein Spielfilm „The Queen“ über die amtierende Königin Elizabeth II. aus dem Jahr 2006 gezeigt hat. Nun dreht Morgan die Uhr ein ganzes Stück zurück und macht es sich zur Aufgabe, in „The Crown“ den Aufstieg von Elizabeth of Windsor präzise zu dokumentieren, wie sie im Alter von gerade einmal 26 Jahren den Thron erklomm und bis heute diese Position inne hat. Das Drama folgt dabei nicht nur der von Claire Foy gespielten jungen Regentin, sondern auch den Menschen in ihrem direkten Umfeld, sei es ihr Gatte Philip (Matt Smith) oder der eigenwillige englische Staatsmann und Premierminister Sir Winston Churchill (John Lithgow).

Structural alterations

The Crown“ kann ohne Zweifel als eines der bisher ambitioniertesten Serienprojekte von VoD-Riese Netflix bezeichnet werden. 100 Millionen US-Dollar soll die zehnteilige erste Staffel gekostet haben, die sich über einen Zeitraum von ungefähr acht Jahren erstreckt (von 1947 bis 1955, wobei es auch immer wieder Rückblicke in die Kindheitstage Elizabeths zu sehen gibt) und nur den Anfang einer gewaltigen Erzählung markieren soll. Insgesamt sind sechs Staffeln geplant, die sich ausführlich mit der Person Elizabeths II. und der Krone per se, aber auch mit der Nation Großbritannien und dem (welt)politischen Drumherum befassen werden.

Der kostspielige Schachzug des Streamingdienstes, der unter anderem den amerikanischen Kabelsender FX beim Wettbieten um das Drama ausstach, könnte sich aber auszahlen. Die erste Staffel der Historienserie überzeugt nämlich auf ganzer Linie und dürfte nicht nur diejenigen begeistern, die ohnehin etwas für Geschichte oder das britische Königshaus übrig haben. Auch „royale Muffel“ (ich selbst zähle mich auch dazu) dürfen staunen, wie faszinierend und interessant diese detailierte Aufarbeitung Peter Morgans ist, welche zusätzlich mit fantastischen Schauwerten, einer prachtvollen Ausstattung und einer außerordentlich guten Darstellerriege glänzt.

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For better or for worse

Wolferton Splash, die Pilotepisode von The Crown, gibt uns einen sehr gelungenen ersten Eindruck von der Serie, die einen hier erwartet. Ja, das Erzähltempo erscheint mehr als einmal sehr gemächlich und in sich ruhend, während das Thema durchaus speziell ist und nicht jeden anlocken wird. Mit klarer Marschroute und viel Feingefühl zieht Peter Morgan jedoch effektvoll, wenn auch langsam den Vorhang ein kleines Stück zurück und öffnet gerade mal einen Spalt weit die Türen zu einer Welt, die bisweilen so künstlich, so antiquiert, so absurd wirkt - aber gleichzeitig so spannend, aufregend und aufwühlend emotional sein kann.

Den Anfang der Geschichte macht die Verlobung der Prinzessin Elizabeth mit Philip Mountbatten, eine Hochzeit, die im Umkreis Elizabeths mit gemischten Gefühlen aufgenommen wird. Währenddessen ist der aktuelle König George VI. (Jared Harris) gesundheitlich schwer angeschlagen, was hinter den Kulissen für Aufruhr sorgt. Georges älteste Tochter muss eventuell früher als erwartet seine Nachfolge antreten, was die Frage aufwirft, ob sie überhaupt bereit dafür ist. Behutsam werden wir als Zuschauer in die Mechanismen am Königshof eingeführt. Gleichzeitig wird aber bereits früh deutlich, dass hier mehr Schein als Sein zu sehen ist, handelt es sich bei der Königsfamilie doch auch „nur“ um Menschen. Menschen mit einer großen Verantwortung, wie sich zeigt, deren Erfüllung einen bis an die Grenzen der Belastbarkeit führen kann.

Regina Gloriana

Auch wenn die Handlung gelegentlich ein klein wenig lahmt, gelingt es Drehbuchautor Peter Morgan in Zusammenarbeit mit seinem Regisseur Stephen Daldry („Billy Elliot“, „Der Vorleser“) ein bisweilen unfassbar packendes erstes Kapitel dieser Serie auf die Beine zu stellen. Der geschickte Einsatz schwermütiger, orchestraler Musikstücke (ungemein passend, wird so die Last auf den Schultern unserer Protagonisten nur noch greifbarer) und perfekt eingefangener, mehrdeutiger Aufnahmen (so zum Beispiel eine Bootsfahrt in eine Nebelbank als Symbol für den Schritt ins Ungewisse, was Elizabeth für eine Königin sein wird) machen „The Crown“ immer wieder zu einem audiovisuellen Genuss. Ähnlich wie bei den Darbietungen der Schauspieler und Schauspielerinnen lassen sich in den hier gezeigten Bildern wunderbare Nuancen finden, die das Seherlebnis bereichern und extrem aufwerten.

Utterly divine

Der Pilotfolge wird dabei auch die Aufgabe zuteil, die wichtigsten Figuren einzuführen, was für manch einen eine kleine Herausforderung sein kann, tritt hier doch eine ganze Reihe an illustren Charakteren auf. Den Überblick verliert man dennoch nie, und all denjenigen, die doch ein paar Probleme mit den zahlreichen Charakteren haben, sei versichert, dass in den kommenden Episoden ebenso viel Aufmerksamkeit auf die Titelfiguren wie auf die facettenreichen, komplexen Nebenfiguren mit ihren ganz persönlichen Problemen gelegt wird. Insgesamt liegt der Fokus aber natürlich auf Claire Foys Charakter Elizabeth, die in der Auftaktepisode noch am ehesten in den Hintergrund rückt. Dies hindert Foy aber keineswegs daran, sehr früh ihr großes Talent zu zeigen, welches in späteren Folgen noch großartig zum Vorschein kommen wird.

Claire Foy (Wolf Hall) ist dabei aber nicht die einzige, die mit einer ungemein nuancierten, tiefblickenden und vielschichtigen Darbietungen brilliert. Im Auftakt spielt allen voran auch Jared Harris als King George VI. groß auf, ebenso wie John Lithgow in seiner Rolle als Sir Winston Churchill, eine derartig spezielle Persönlichkeit für sich, der man problemlos eine eigene Serie widmen könnte. Morgan und sein Team kitzeln hier aus der Darstellerriege am Fließband die allerfeinsten Momente heraus, in denen oft mehr mit ambivalenten Gesichtsausdrücken als mit Worten gearbeitet wird. Der hochtalentierten Besetzung beim Schauspiel zusehen zu dürfen, ist eine Freude, insbesondere, wenn sich die Charaktere über mehrere Episoden entfalten und sich immer wieder neue Facetten und Schichten bei ihnen offenbaren. Dies, die fabelhafte Ausstattung, der enthüllende und ehrliche Einblick in eine fremde, nahezu surreale Welt sowie eine makellose Inszenierung machen The Crown zu einem absoluten Hingucker. Und einer der besten Serien, die Netflix bis dato produziert und herausgebracht hat.

Trailer zu „The Crown“:

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