The Bridge (US) 1x02

The Bridge (US) 1x02

Die zweite Episode von The Bridge (US) legt ein gemĂ€chliches ErzĂ€hltempo an den Tag. Über die beiden Protagonisten hinaus werden dabei auch eine ganze Reihe von anderen Figuren beleuchtet. Dieses riskante Konzept bewĂ€hrt sich in Calaca.

Die Polizistin Sonya Cross (Diane Kruger) in „The Bridge“. / (c) FX
Die Polizistin Sonya Cross (Diane Kruger) in „The Bridge“. / (c) FX

Der Titel der zweiten Episode von „The Bridge“ lĂ€sst in seiner Übersetzung aus der spanischen Umgangssprache ins Deutsche nichts Gutes erwarten. So bedeutet Calaca nichts anderes als „Skelett“. Doch wĂ€hrend die ursprĂŒngliche Bedeutung sich zumeist auf die Figuren beziehen, die im Rahmen der FestivitĂ€ten des DĂ­a de los Muertos („Tag der Toten“) eine Rolle spielen, geht es in der Serie gleich an mehreren SchauplĂ€tzen tatsĂ€chlich um Leben und Tod.

Ein hartes Portrait des Lebens

Die Episode Calaca verzichtet nicht darauf, die Charakterzeichnung der beiden unterschiedlichen Helden Sonya Cross (Diane Kruger) und Marco Ruiz (Demian Bichir) zu vertiefen. Doch der Fokus des Formates weitet sich - wie bereits in der Pilotepisode angedeutet - auf die gesamte Grenzregion zwischen El Paso und Juarez aus. An der Seite von einem Trupp aus gebeutelten Mexikanern wird dem Zuschauer das Elend vor Augen gefĂŒhrt, das mit der illegalen Immigration einhergeht. Wie Vieh werden die Verzweifelten in einem Transporter von ihrem Coyote - ihrem Menschenschmuggler - durch die feindliche Landschaft gelotst - und dann am Ort herausgeworfen.

Den tristen Bildern wohnt dabei zu jeder Zeit eine tiefe Traurigkeit inne, in der sich die verzweifelte Lage der Gruppenmitglieder widerspiegelt. Nach einem krĂ€ftezehrenden Marsch unter der FĂŒhrung einer sehr tĂŒchtigen und intelligenten Frau endet die Reise gen American Dream fĂŒr die Mexikaner im Tod. Ein Mann, bei dem es sich allem Anschein nach um den unbekannten Strippenzieher handelt, der bereits die FrauenhĂ€lften auf der BrĂŒcke positioniert hatte, hat Wasserkanister an einer strategischen Stelle positioniert. Dem giftigen Inhalt der BehĂ€lter fallen alle Mexikaner - bis auf ihre noch namenlose AnfĂŒhrerin - zum Opfer. Im Anschluss wird ein neues mitreißendes Element in die Handlung eingefĂŒhrt, indem die Überlebende von einem Autofahrer aufgegriffen wird...

Der unheilvolle Tunnel

Im Handlungsstrang um die Witwe Charlotte Millwright (Annabeth Gish) wird das Geheimnis gelĂŒftet, was sich hinter der verborgenen TĂŒr auf ihrem Anwesen befindet. Zwar darben dort - zum GlĂŒck fĂŒr die ehemalige Hostess Millwright - keine entkrĂ€fteten Mexikaner. Doch auch der dĂŒstere Tunnel in das sĂŒdliche Nachbarland der USA, der sich stattdessen auftut, birgt Gefahr. So erscheint bald der Rechtsvertreter Monty P. Flagman (Lyle Lovett) auf der BildflĂ€che. ZunĂ€chst beweist Charlotte zwar noch den Mut, sein Bestechungsangebot energisch abzulehnen. In Anbetracht von Flagmans kriminellen Auftraggebern scheint es jedoch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Millwrights Prinzipien auf eine harte Probe gestellt werden.

Wer ist nur der Auftraggeber des undurchsichtigen Monty P. Flagman (Lyle Lovett)? © FX
Wer ist nur der Auftraggeber des undurchsichtigen Monty P. Flagman (Lyle Lovett)? © FX

Die Journalisten

Jetzt, da er nicht mehr um sein Leben fĂŒrchten muss, findet der Journalist Daniel Frye (Matthew Lillard) schnell wieder zu seinem selbstgefĂ€lligen, unnahbaren Selbst zurĂŒck. Der Alkoholiker beharrt gegenĂŒber den Ermittlern Cross und Ruiz vehement darauf, nichts mehr mit dem Mord an der Richterin Gates zu tun haben zu wollen. Eine intime KamerafĂŒhrung kĂŒndet jedoch von seinen wahren Intentionen: Nachdem Frye sich hektisch den Wortlaut der Botschaft des großen Unbekannten in seinem Notizblock vermerkt hat, veröffentlicht er die anklagenden Worte - gemeinsam mit seiner ambitionierten Kollegin Adriana Mendez (Emily Rios). Als der Journalist anschließend eine weitere Nachricht des Killers erhĂ€lt, verbindet sich sein ErzĂ€hlstrang mit dem der vergifteten Mexikaner: Der Anrufer gibt so den Fundort der Leichen preis. Sowohl Frye als auch Mendez werden in verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurzer Zeit auf gelungene Weise in die Handlung integriert und formieren sich zu einem verheißungsvollen Gespann.

Inszenierung

Die Inszenierung von „The Bridge“ zeichnet aufgrund von einheimischen KlĂ€ngen und einigen prĂ€gnanten Luftaufnahmen ein authentisches Bild. AuffĂ€llig ist an dieser Episode der rasche Wechsel zwischen den einzelnen Szenen. Dabei werden gelegentlich kleine Ausschnitte in den Handlungsfluss „eingeschoben“ - wie die Wasserkanister - die man nicht sofort platzieren kann. Ähnlich wie im Falle des berĂŒhmten pinken Teddys aus Breaking Bad wird der geduldige Betrachter am Ende mit dem grausigen Gesamtbild - hier dem Giftanschlag - belohnt.

Differenzen, die sich ergÀnzen

Sonya Cross steht die Anspannung, die die Zusammenarbeit mit ihrem neuen Partner fĂŒr sie bedeutet, ins Gesicht geschrieben. Die Autistin tritt seinen menschlichen Anwandlungen mit einer Mischung aus UnverstĂ€ndnis und einem Hauch von Faszination entgegen: „His wife called while we were working just to hear his voice. It seems like such a waste of time.“ Das Staunen, das selbst die grundlegenden empathischen Handlungen in der regelaffinen Polizistin auslösen, kann Kruger dabei ebenso ĂŒberzeugend in Szene setzen, wie ihr blankes Entsetzen darĂŒber, im Umgang mit Frye einen Fehler begangen zu haben: Ein Tadel resultiert bei ihr in dem schuldbewussten „Melden“ eines verunsicherten Schulkindes. Sonyas kulinarische PrĂ€ferenz fĂŒr „Spagetti ohne alles“ und ihr gradliniges Sex-Ultimatum fungieren in Calaca als gelungene humoristische Atempausen, ohne ihre Figur dabei jedoch der LĂ€cherlichkeit preiszugeben.

Cross treibt die Ermittlungen dank ihrer kompromisslosen Zielstrebigkeit weiterhin in hohem Tempo voran. Der einfĂŒhlsame Menschenkenner Marco Ruiz gibt sich ihr gegenĂŒber stets geduldig und ĂŒbernimmt in diesem Sinne ein StĂŒck weit die Rolle ihres Mentors Hank Wade (Ted Levine). Überhaupt wird Ruiz in dieser Episode erneut als „der Gute“ prĂ€sentiert - ohne, dass sein Charakter dabei jedoch an Glaubhaftigkeit einbĂŒĂŸen mĂŒsste. Erst als Sonya auch in dem tĂŒckischen Terrain des mexikanischen Polizeiapparates kein FeingefĂŒhl entwickelt, zeigt sich seine andere, harsche Seite. Neben der gekonnt vorangetriebenen Charakterzeichnung wird im mexikanischen Revier geschickt angedeutet, dass die schrecklichen Geschehnisse aus der Grenzregion den erzĂ€hlerischen Rahmen von „The Bridge“ sprengen wĂŒrden.

Aus Daniel Frye (Matthew Lillard) und Adriana Mendez (Emily Rios) formiert sich gezwungenermaßen ein Team. © FX
Aus Daniel Frye (Matthew Lillard) und Adriana Mendez (Emily Rios) formiert sich gezwungenermaßen ein Team. © FX

Der Killer?

Handelt es sich bei dem wortkargen Steven Linder (Thomas M. Wright) um den Serienmörder, der jedes Jahr wieder viele junge Mexikanerinnen ermordet? Obwohl diverse Anzeichen - wie die PlastiksĂ€cke, die allem Anschein nach die Überreste von Eva Guerra enthalten - dafĂŒr sprechen, lĂ€sst es die Inszenierung zu diesem frĂŒhen Zeitpunkt noch nicht zu, sich ein eindeutiges Urteil zu bilden - und das sorgt fĂŒr gespanntes Mitfiebern auf Seiten der Zuschauer.

Der JĂ€ger

In einem weiteren ErzÀhlstrang offenbart sich, dass sich ein gefÀhrlicher Mann auf der Suche nach der Vermissten befindet. Auch an dieser Stelle offenbart sich nicht zweifelsfrei, ob er dem MÀdchen wohlgesonnen ist. Sein eiskaltes Betragen lÀsst es jedoch unwahrscheinlich erscheinen, dass es sich bei ihm um einen RÀcher der Entrechteten handelt. Von seiner entschlossenen Suche nach Guerra wird er nur kurz durch Linders couragierte Nachbarin abgebracht, die sich in einer sehr gelungenen Szene unerwartet auf ihn wirft.

Fazit

In der Calaca werden derartig viele HandlungsstrĂ€nge belebt, dass es eine aufmerksame Haltung der Zuschauer erfordert. Diejenigen, die sich von einem gedrosselten ErzĂ€hltempo und scheinbar losen dramaturgischen Enden nicht abschrecken lassen, werden jedoch mit einer mitreißenden Geschichte belohnt, die ĂŒber die schlichte KlĂ€rung eines Mordfalles hinausgeht.

Why is one dead white woman so much more important than so many across the bridge?

Aus der rhetorischen Frage des Unbekannten lĂ€sst sich eine gesellschaftskritische Haltung, ja beinahe ein gewisser Idealismus des Urhebers ablesen. Doch wie kann eine aus tiefer Überzeugung heraus agierende Person sich des vielfachen Mordes an hilflosen Mexikanern schuldig machen?

Fest steht, dass der Mörder seine Taten bereits seit mindestens drei Jahren plant. Die Perlen, die er an signifikanten Stellen positioniert, verweisen auf einen ĂŒbergeordneten Zusammenhang und verleiten zum angeregten Spekulieren ĂŒber den Fortgang der Handlung.

Den beiden Protagonisten wird in „The Bridge“ sehr viel Zeit eingerĂ€umt, um sich in all ihren Facetten zu prĂ€sentieren. Sowohl Marcos Familienleben als auch Sonyas One-Night-Stand sind stimmig ausgearbeitet und tragen einen großen Teil dazu bei, die Figuren zum Leben zu erwecken. Dank eines ĂŒberzeugenden Aufgebots an Schauspielern werden auch die Figuren, die - allem Anschein nach - kleinere Rollen innehaben, schnell greifbarer. So bleibt einem trotz der Vielzahl an Figuren beispielsweise der schnurrbĂ€rtige Tim Cooper (Johnny Dowers) in Erinnerung, der in seiner texanischen Art wieder einmal als unaufdringlicher Comic Relief herhĂ€lt.

Der Handlungsstrang um die unwissende Witwe die sich (noch) dagegen strĂ€ubt, das schmutzige GeschĂ€ft ihres Mannes weiterzufĂŒhren, wirkt zwar noch etwas konstruiert. Doch Annabeth Gish leistet gute Arbeit, und man darf darauf gespannt sein, ob - oder eher wie - sich ihre Geschichte mit den Ermittlungen von Ruiz und Cross verbinden wird.

Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 19. Juli 2013
Episode
Staffel 1, Episode 2
(The Bridge (US) 1x02)
Deutscher Titel der Episode
Der Tunnel
Titel der Episode im Original
Calaca
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 17. Juli 2013 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 25. Juli 2013
Regisseur
Sergio Mimica-Gezzan

Schauspieler in der Episode The Bridge (US) 1x02

Darsteller
Rolle
Demian Bichir
Ted Levine
Thomas M. Wright
Matthew Lillard
Emily Rios

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?