The Blacklist 1x22

The Blacklist 1x22

The Blacklist feiert in seinem ersten Staffelfinale ein Festival der Vorhersehbarkeit. Die Autoren scheitern spektakulĂ€r mit ihrem Ansinnen, die Geschichte mit einer ĂŒberraschenden Wendung auszustatten. Die Motivation fĂŒr diese Vorgehensweise bleibt das grĂ¶ĂŸte RĂ€tsel der Serie.

Red (James Spader) - singulĂ€rer Höhepunkt in einer schwachen Auftaktstaffel von „The Blacklist“. / (c) NBC
Red (James Spader) - singulĂ€rer Höhepunkt in einer schwachen Auftaktstaffel von „The Blacklist“. / (c) NBC

Vorweg ein kleiner Tipp an die Autoren von The Blacklist: Wenn man am Ende der Finalepisode eine besonders ĂŒberraschende Wendung einbauen will, dann sollte man die entsprechende Rolle auf gar keinen Fall mit Peter Stormare besetzen. Der geĂŒbte Zuschauer weiß dann nĂ€mlich sogleich, dass diese Figur viel wichtiger sein wird als ein beliebiger Wachmann eines gerade abgestĂŒrzten Gefangenentransports. SĂ€mtliche Ereignisse dieser Abschlussepisode waren fast noch vorhersehbarer als die seit der Pilotepisode offensichtliche Tatsache, dass Raymond Reddington (James Spader) der biologische Vater von Elizabeth Keen (Megan Boone) ist.

Vorhersehbarkeit als Stilmittel?

Es bleibt mir vollkommen unbegreiflich, wie es fĂŒr die Serie möglich war, ĂŒber 22 Episoden ein solch langweiliges „Mysterium“ aufrechtzuerhalten und trotzdem zur neuen Dramaserie mit den höchsten Einschaltquoten der TV-Season 2013/2014 aufzusteigen. Eine ErklĂ€rung könnte sein, dass sĂ€mtliche Konkurrenzprodukte der ĂŒbrigen Sender (und auch von NBC) dramaturgisch und Ă€sthetisch noch weniger zu bieten hatten als The Blacklist. Das Finale und auch die Episoden davor erweckten indes den Eindruck, als wĂŒrden sich die Kreativen auf ihren Quotenlorbeeren ausruhen. Es offenbart keinerlei erzĂ€hlerische Ambition - im Gegenteil: Die Episode reproduziert mehrere HandlungsablĂ€ufe, die schon einmal durchgekaut wurden.

Reddington wird in ein Verlies geworfen, aus dem er angeblich nie wieder wird entkommen können. Wenige Szenen spĂ€ter ist er wieder frei. Ein Episodenbösewicht wird als knallharter, unnachgiebiger Gegenspieler eingefĂŒhrt und verrĂ€t wenige Augenblicke spĂ€ter seine PlĂ€ne. Liz Keen kapiert einfach nicht, dass Reddington ihr Vater ist - selbst nach einem hoch emotionalen ZwiegesprĂ€ch erkennt sie nicht, dass da ihr Vater neben ihr sitzt. Das grĂ¶ĂŸte RĂ€tsel dabei ist, was sich die Autoren von diesem ErzĂ€hlbogen erhoffen. Glauben sie allen Ernstes, dass vor der letzten Einstellung nicht jeder Zuschauer dieses VerwandtschaftsverhĂ€ltnis schon lĂ€ngst durchschaut hat? Schon in der Pilotepisode war dies eindeutig. Aber nein, das doofe Zuschauervieh soll Red natĂŒrlich abnehmen, wenn er seine eigene Tochter ein ums andere Mal anlĂŒgt - es soll ihm gar verzeihen, dass er ihren Adoptivvater Sam ermordet hat und ihr dann verweigert, die IdentitĂ€t ihres biologischen Vaters preiszugeben.

Das Vaterproblem ist ein großes Ärgernis - aber es ist nicht das grĂ¶ĂŸte. In der neuen Fernsehwelt, in der die Networks seit Jahren angesichts massiver Konkurrenz durch Kabelsender und das Internet mit sinkenden Quoten zu kĂ€mpfen haben, sparen die EntscheidungstrĂ€ger an den falschen Stellen ein. Offensichtlich wird keine Ausschau nach den begabtesten Autoren gehalten, die ĂŒber 22 Episoden eine kohĂ€rente Geschichte erzĂ€hlen könnten. Vielmehr wird nach einer Möglichkeit gesucht, wie man möglichst gĂŒnstig um die restlichen verbliebenen TV-Zuschauer buhlen kann. Das Konzept könnte so aussehen, dass man einen bekannten und beliebten TV-Schauspieler nimmt und um ihn herum kleine Geschichten konstruiert, die weder Zusammenhang noch logische Nachvollziehbarkeit haben.

Reddington (James Spader) hinter Gittern - ein gewohntes und wenig permanentes Bild © NBC
Reddington (James Spader) hinter Gittern - ein gewohntes und wenig permanentes Bild © NBC

Weil es den Autoren offensichtlich unmöglich erscheint, aus dem vorhandenen Stoff eine schlĂŒssige Geschichte mit interessanten Figuren zu kreieren, werden sogenannte RĂ€tsel und Mysterien so lange ausgewalzt, bis sie jeglichen Reiz verloren haben. Hierzu gehören in The Blacklist: die Frage nach Reds Vaterschaft, die IdentitĂ€t von Fitch (Alan Alda) und der mysteriösen Organisation, der er vorsteht, und die Frage, wie die EintrĂ€ge von Reddingtons schwarzer Liste zusammenhĂ€ngen. Sicher - wir wissen nun, dass Reddington diese FĂ€lle ausgewĂ€hlt hat, um sich selbst vor seinen HĂ€schern zu schĂŒtzen. Aber er weiß ja nicht einmal, wer diese Verfolger ĂŒberhaupt sind.

Peter Stormare - der offensichtliche Bösewicht

DafĂŒr bekommen wir mit „Berlin“ aka Peter Stormare einen neuen Gegenspieler, der wohl sporadisch in der zweiten Staffel auftauchen wird. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich die Autoren angesichts ihres Erfolgs eine Ă€hnliche Strategie fĂŒr kommende Episoden ĂŒberlegen: Am besten, man lĂ€sst IdentitĂ€t und Motivation des Bösewichts immer im Dunkeln. Obwohl - die Motivation von „Berlin“ kennen wir ja schon: Er will sich fĂŒr den Mord an seiner Tochter rĂ€chen. Was Reddington mit diesem Tod zu tun haben soll und wie „Berlin“ aus einer Zelle im tiefsten sibirischen Gulag seine RacheplĂ€ne geschmiedet hat? Auf diese Fragen sollten wir keine schnellen Antworten erwarten.

Mr. Stormare schickt im Finale seinen Adjutanten Milos Pavlokinski auf die Jagd nach den einzelnen Mitgliedern der Reddington-Taskforce. Die sind gerade auf der Suche nach den flĂŒchtigen Insassen des abgestĂŒrzten Gefangenentransports, denn - oh Wunder - das Flugzeug konnte nicht identifiziert werden, verfĂŒgte aber trotzdem ĂŒber eine Passagierliste. Warum? Weil das Drehbuch es so will. Genau wie es das Drehbuch vorschreibt, dass Liz in manchen Momenten die gedankenschnellste, in anderen wiederum die begriffsstutzigste FBI-Agentin ist, die im Serienuniversum derzeit herumstolziert. Die entflohenen HĂ€ftlinge machen sich jedenfalls sofort an die Arbeit. Ihr erstes Opfer ist die zum FBI abgeordnete CIA-Agentin Meera Malik (Parminder Nagra). Sie wird in einem Nachtclub (der am hellichten Tage geöffnet ist) bei dem Versuch aufgeschlitzt, einen verdĂ€chtig aussehenden Typen zu verfolgen.

Ihr Tod ließ mich so kalt wie ein labbriges StĂŒck Toastbrot. Mehr als alles andere steckte hinter ihrem Tod das Ansinnen der Autoren, einen vermeintlichen Schockmoment in die Finalepisode einzubauen. Weil die Figur bisher jedoch lediglich als Stichwortgeberin fungierte, bewirkt ihr plötzliches Ableben keinerlei emotionalen pay off. Auch bei dem sich in Lebensgefahr befindenden Harold Cooper (Harry Lennix), der kurz danach von „Berlin“s AttentĂ€tern ins Visier genommen wurde, muss Liz Keen ĂŒber dessen Kinder schwadronieren, um irgendeine emotionale Reaktion beim Publikum zu provozieren. Am Ende zuckt Coopers Finger im Krankenbett, was den Autoren die Möglichkeit eröffnet, ihn zu Beginn der nĂ€chsten Staffel sowohl ĂŒberleben als auch sterben zu lassen - je nachdem, wie sich die Gehaltsverhandlungen mit Darsteller Lennix gestalten.

Meera Malik (Parminder Nagra) muss im Finale das Zeitliche segnen; weil die Episode einen Schockmoment braucht. © NBC
Meera Malik (Parminder Nagra) muss im Finale das Zeitliche segnen; weil die Episode einen Schockmoment braucht. © NBC

Ich kann ihm nur zurufen: „Harry, hol' schon mal den Wagen und such' so schnell wie möglich das Weite! Mit dieser Serie tust Du Dir keinen Gefallen!“ Er wird mich aus meiner Schreibstube in Berlin schwerlich hören können und so wird es wohl kommen, dass er sich auch in der zweiten Staffel solche brillanten ErklĂ€rungsperlen anhören muss wie die von Aram Mojtabai (Amir Arison) in dieser Episode: „It's a lexical ambiguity. He cut his hand off.“ („Es ist eine sprachliche Zweideutigkeit. Er hat seine Hand abgeschnitten.“)

Sprachliche AmbiguitÀt

Die ErklĂ€rung bezieht sich natĂŒrlich auf die UnfĂ€higkeit der FBI-Agenten, die Aussagen der festgenommenen Flugzeuginsassen richtig zu deuten und daraus abzulesen, dass „Berlin“ (oder: der Kapuzenmann) seine EIGENE Hand abgeschnitten hat - und nicht die Hand seines Bewachers. Selbstredend hat bei den mehrfachen Zeugenbefragungen keiner der Aussagenden auch nur einmal die Formulierung „He cut his OWN hand off.“ verwendet. Schließlich wĂŒrde dann das ganze schöne Drehbuch keinen Sinn mehr ergeben.

Die Finalepisode prĂ€sentiert uns einen Mikrokosmos der gesamten Serie: Zu Beginn stehen viele offenen Fragen, in der Mitte werden die uninteressantesten Teile dieser Fragen beantwortet und am Ende kommen weitere offene Fragen hinzu. So dreht sich The Blacklist seit 22 Episoden immer wieder im Kreis um seine eigenen, hochgradig konstruierten und deshalb triefend langweilen Mysterien. Das FBI glaubt, einen Bösewicht gefangen zu haben, aber es ist der falsche. Red weiß das natĂŒrlich schon lĂ€ngst. Er bittet Liz um Vergebung fĂŒr den Mord an ihrem Adoptivvater, was sie ihm verweigert. Am Ende findet sie aber doch einen Platz in ihrem Herzen, ihm zu verzeihen. Der Zuschauer weiß ĂŒber all diese Entwicklungen viel frĂŒher Bescheid als die Protagonisten - wo bleibt da der Spannungsbogen?

Die Serie geht als NBCs grĂ¶ĂŸter neuer Hit aus der abgelaufenen TV-Season hervor. Der Sender konnte auch dank der Hilfe von The Blacklist nach zehn langen Jahren wieder einmal zum Sieger des alljĂ€hrlichen Quotenrennens der Networks aufsteigen. Da ich mir beim besten Willen nicht zusammenreimen kann, woher dieser Erfolg kommt, soll mein Respekt James Spader gelten, der hier bewiesen hat, dass er ein ganzes Format auf seinen Schultern tragen kann. Er war der einzige Lichtblick.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 13. Mai 2014
Episode
Staffel 1, Episode 22
(The Blacklist 1x22)
Deutscher Titel der Episode
Berlin (Nr. 08) – Teil 2
Titel der Episode im Original
Berlin: Conclusion (2)
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 12. Mai 2014 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 3. Juni 2014
Regisseur
Michael W. Watkins

Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x22

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?