The Blacklist 1x21

The Blacklist hätte in seiner Premierenstaffel eine interessante Geschichte erzählen können. Wie wir nun in der vorletzten Episode erfahren, hängen sämtliche Fälle, die Raymond „Red“ Reddington (James Spader) dem FBI vor die Füße geworfen hat, miteinander zusammen. Wer hätte schon gedacht, dass solch vergessenswerte Charaktere wie General Ludd oder Wujing wieder in die Handlung zurückkehren würden?
Hätte, Wenn und Aber
Leider hat sich die Serie jedoch dafür entschieden, uns Zuschauern einen größeren Überraschungsmoment zu liefern statt uns zu Mitverschwörern, Detektiven und Spurensuchern zu machen. Hätte es von Beginn an eindeutigere Zeichen darauf gegeben, dass jeder einzelne Fall einen Hinweis auf das größere Geheimnis enthielt, wäre mein Interesse an der Serie sprunghaft gestiegen. So jedoch irrten wir Zuschauer ziellos von einer Episode zur nächsten, immer in der Hoffnung, doch noch auf etwas zu stoßen, das mehr wäre als nur eine Aneinanderreihung größtenteils langweiliger Kriminalfälle.
Nun wissen wir, dass Red die Bösewichte nur ans FBI ausgeliefert hat, um sich selbst zu schützen. In einer der gelungeneren Sequenzen der Serie klärt uns Liz Keen (Megan Boone) über die Zusammenhänge der einzelnen Operationen auf. Ihre Figur gefällt mir viel besser, wenn sie als zupackend-intelligent charakterisiert wird - und nicht nur als das fragenstellende Dummchen. Auch für den Handlungsbogen um ihre mysteriöse Beziehung zu Red (ich kann es mir einfach nicht anders erklären, als dass er ihr Vater ist - siehe meine Review zur Pilotepisode) hätte spannender gestaltet werden können, würden die Zuschauer nicht völlig alleingelassen im Dunkeln umherirren.
Regielegende Alfred Hitchcock prägte für den Unterschied zwischen simplem Schockmoment und kontinuierlichem Spannungsaufbau einen einfachen Begriff: Suspense. Man stelle sich vor, eine Personengruppe sitze in einem Film an einem Tisch und plötzlich gehe eine Bombe in die Luft. Für einen kurzen Moment wäre man geschockt. Nun stelle man sich das gleiche Szenario vor, mit dem Unterschied, dass der Regisseur vorher die Bombe zeigt, die unter dem Tisch montiert ist. Dies versetzt den Zuschauer sofort in Hochspannung: Wer hat die Bombe dort angebracht? Wer wird sie zünden? Wird sie überhaupt in die Luft fliegen? Die Schaffung ebendieses Suspense-Elements ist viel effektiver als der kurze Schockmoment, da es den Zuschauer sofort an die Leinwand fesselt. Hitchcock war ein Meister darin.

Auf The Blacklist übertragen hieße dies, den Zuschauer von Beginn in einzelne Details der diversen Verschwörungen einzuweihen. Stattdessen wurden wir mit einer vergessenswerten Fall-der-Woche-Struktur abgespeist, die nur für müdes Achselzucken sorgen konnte. Berlin beginnt genau mit einem solchen Fall. Dabei dachte ich zunächst, dass mir nun endgültig der Hemdkragen platzen würde - ein Supervirus, ein verrückter Wissenschaftler? Danke, aber nein, danke!
Schock versus Spannung
Rechtzeitig nimmt die Episode jedoch die richtige Abzweigung und widmet sich dem Zusammenhang zwischen den Blacklist-Einträgen und der mysteriösen Organisation oder Person aus Berlin. Liz Keen entschließt sich auch endlich dazu, ihre Erkenntnisse über ihren Ehemann Tom (Ryan Eggold) an das FBI weiterzutragen. Außerdem lehnt sie jede weitere Kooperation mit Reddington kategorisch ab und reicht gar ihre Kündigung ein.
Natürlich schafft es Harold Cooper (Harry Lennix), sie für „einen letzten Einsatz“ zu überreden (wie oft ist diese Trope eigentlich schon benutzt worden?). Das FBI hat zuvor einen tödlichen Virus entdeckt, der von einem gewissen Dr. Vogel eingesetzt wird, um die Five Horsemen zu willigen Handlangern zu machen. Die betroffenen arbeiten allesamt - unwissentlich - für die sichere Überführung von Mister „Berlin“ in die Vereinigten Staaten. Da es seine Emissäre - darunter Tom Keen - offensichtlich nicht geschafft haben, Reddington den Garaus zu machen, reist er nun höchstselbst an, um den eigenen Auftrag zu beenden.
Angeführt von Liz Keen, schafft es das FBI mit der üblichen „Wir-beenden-die-Sätze-des-jeweils-anderen“-Problemlösungstaktik, den bevorstehenden Angriff als solchen zu identifizieren. Während Liz zu Reddington eilt, um ihn davor zu warnen, verhindert das FBI mit einem Willkommenskommando, dass der Militärtransporter mit „Berlin“ an Bord landen kann. Warum gehen die Agenten nicht in Deckung und nehmen die Zielperson einfach gefangen? Als der Flieger wieder in der Luft ist, greifen die Entscheidungsträger jedenfalls zum äußersten aller Mittel und entschließen sich dazu, den Transporter über einer der dichtbesiedeltsten Regionen Amerikas abzuschießen. Das Flugzeug mit dem mysteriösen Kapuzenmann an Bord geht in Flammen auf und stürzt ab. Wer wettet mit mir, dass „Berlin“ trotzdem die Flucht gelingt?

Der ganze Handlungsbogen folgt der „Blacklist“-Tradition aus tollpatschig-stumpfsinnigen Erzählkonstruktionen. Wenigstens dient all die Unbeholfenheit einem Zweck - sie baut dem endgültigen Showdown im Staffelfinale vor. Ob wir dann auch erfahren, in welcher Beziehung Red und Liz zueinander stehen? Ganz ohne Spaß: Wenn dieser Erzählbogen im Finale nicht aufgelöst wird, werde ich in irre Verzweiflung verfallen.
Alte Schwächen, neue Rätsel
Bevor das FBI - das zwischenzeitlich Reds Immunität aufgehoben hat (geht das so einfach?) - Red verhaften kann, lassen die Agenten ihm und Liz auffallend viel Zeit (der Typ hat einen Revolver in der Hand!), in der sich die beiden gegenseitig versichern können, wie sehr sie einander brauchen. Keen lässt indes die Aussage Reds, wonach es nichts Schlimmeres gebe, als sie zu verlieren, völlig unkommentiert. Wundert sich die junge Dame denn nicht, was dieser alte Flegel in ihr sieht? Wenn doch nur einmal die findige Agenten-Liz nicht von diversen Drehbuchnotwendigkeiten davon abgehalten werden könnte, in den entscheidenden Momenten die richtigen Fragen zu stellen!
Liz drängt Red viel eher dazu, die Flucht zu ergreifen, da er der einzige sei, der ihre offenen Fragen beantworten könne - ja, welche eigentlich? Die FBI-Arbeit interessiert sie schließlich nur minimal, genau wie ihre Beziehung zu diesem Wannabe-Grandseigneur. Der gibt reichlich enigmatisch zurück, dass es ihm ebenso gehe. Auch er brauche sie, um seine Fragen zu beantworten.
Für einen solchen Eiertanz fehlt mir in diesen goldenen TV-Zeiten ehrlicherweise die Motivation. Ich bete inständig dafür, dass im Staffelfinale die größten Rätsel aufgelöst werden. Bitte, Red, erzähl' Liz endlich, dass Du ihr Vater bist! Und bitte, The Blacklist, präsentiere mir eine plausible Geschichte über „Berlin“ - dem Superbösewicht, den selbst „Red“ nicht kennt, vor dem er soviel Angst hat, dass er sich sogar dem FBI ergibt und seine Kooperation anbietet. Ich glaube, wir Zuschauer haben eine Antwort auf diese Fragen verdient.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 6. Mai 2014(The Blacklist 1x21)
Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x21
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