The Blacklist 1x15

The Blacklist 1x15

In The Judge findet The Blacklist die richtige Mischung aus Tiefgang, Handlungsfortschritt und Humor. Die Episode stellt die großen Fragen der Menschheit, nach Schuld und Sühne, Recht und Gerechtigkeit, Glaube und Religion. So macht die Serie ungemein viel Spaß.

Mark Hastings (John Leonard Thompson, l.) wird völlig verwahrlost aufgefunden. / (c) NBC
Mark Hastings (John Leonard Thompson, l.) wird völlig verwahrlost aufgefunden. / (c) NBC

Die neue NBC-Dramaserie The Blacklist experimentiert seit 15 Episoden mit der Suche nach einer eigenen Stimme. In The Judge scheint sie nun eine gelungene Mischung gefunden zu haben. Die Episode ist ebenso unterhaltsam wie Anslo Garrick (1) aus dem letzten Jahr, setzt jedoch auf stärkere Diversifizierung der vorhandenen dramaturgischen Mittel.

The Judge would like to see you

Wo Anslo Garrick (1) durch den kompromisslosen Einsatz von Actionsequenzen glänzen konnte, schlägt diese neue Episode die etwas leiseren Töne an. The Judge beweist, dass man auch in knappen vierzig Minuten die großen Fragen der Menschheit aufwerfen - wenn auch nicht wirklich beantworten, so doch kommentieren - kann. Das alles wird durchsetzt von einigen gelungenen Montagen und Zeitlupenaufnahmen, die gerade genug Pathos erzeugen, um nicht ins Schwülstig-Kitschige abzugleiten.

Am Ende kommt sogar beschwingte Freude auf, als sich Tom Keen (Ryan Eggold) zu den Klängen des Dolly-Parton-Covers „Slow Ass Jolene“ von Good Little Buddy auf den Weg zu ebenjener Jolene (Rachel Brosnahan) macht, um ihr zu verkünden, dass er mit ihr keine Affäre beginnen könne, weil er seine Ehefrau Liz (Megan Boone) zu sehr liebe. In diesem Moment lässt Jolene aka Lucy Brooks die Fassade fallen und verkündet: „Elizabeth Keen is not your wife. She's your target.

Toms Antwort ist ebenso kryptisch: „I told you I was in love with her because that is what I'm supposed to be. That is my job.“ War die bei ihm in der Wohnung gefundene Holzkiste also doch seine? Haben er und Lucy Brooks denselben Auftraggeber? Es ist jedenfalls gut zu sehen, dass Tom nicht nur als besorgter und bedürftiger Ehemann in die Geschichte einführt wurde, sondern zum echten Charakter aufgebaut werden soll. Nun bleibt zu hoffen, dass die Autoren das Rätsel um die wahren Absichten dieser beiden dubiosen Gestalten nicht so einfach auflösen wie das um den mysteriösen Apfelmann.

Elizabeth Keen (Megan Boone; r.) versucht; Informationen über Hastings%26#039; Entführer zu bekommen. © NBC
Elizabeth Keen (Megan Boone; r.) versucht; Informationen über Hastings%26#039; Entführer zu bekommen. © NBC

Zu erwarten ist indes, dass Raymond „Red“ Reddington (James Spader) wieder einmal der Erste ist, der die wahren Identitäten vom Tom und Lucy aufdeckt. Schließlich ist er der Einzige, der darüber Bescheid weiß, dass Jolene aka Lucy ihren eigenen Tod vorgetäuscht hat. Zu Beginn der Episode trifft er sich mit einem Vollstrecker (Hallo, Lance Reddick!), den er damit beauftragt, Informationen über Lucys Vergangenheit zu sammeln. Am Ende erfährt er, dass Lucy ihn verfolgt und all seine Schritte aufzeichnet (außer sie ist gerade mit Tom beschäftigt). Gibt es also eine Allianz der Bösewichte gegen Reddington, die als Auftraggeber von Lucy im Schatten agiert?

Good night, mother

Die Auflösung dieser Frage bleibt spannend, genau wie der neue Fall der Woche. Dieser wird von einem verwirrten Mann eingeläutet, der auf einer verschneiten Landstraße scheinbar orientierungslos herumirrt. Es handelt sich um den seit über einer Dekade vermissten ehemaligen Staatsanwalt Mark Hastings (John Leonard Thompson). Liz erzählt Red davon, woraufhin der sogleich eine Eingebung hat. Er glaubt, es handle sich bei Hastings' Häscher um einen Bösewicht names The Judge („Der Richter“), der nach dem berühmtesten aller biblischen Prinzipien vorgehe: „If freedom or life have been taken unfairly, he demands the same: An eye for an eye.

Hier taucht die Episode früh ein in das Thema, das fortan das bestimmende sein wird: Die Frage nach dem richtigen Umgang mit Schuld, nach dem Unterschied zwischen Rechtsprechung und Gerechtigkeit. Der „Judge“ sehe sich in der Tradition des jüdischen Fabelwesens „Golem“ oder der griechischen Göttin „Adrastia“, doziert Reddington. Er sorge dort für Gerechtigkeit, wo staatliche Institutionen versagten. Wie wir später sehen werden, landen in den Verliesen der „Richterin“, Ruth Kipling (Dianne Wiest), tatsächlich nur Mitglieder der staatlichen Strafverfolgungsbehörden, die zweifelhafte Urteile ausgesprochen haben.

The Blacklist wagt dabei sogar einen Kommentar zu einem der meistdiskutierten Themen in der politischen Kultur Amerikas, der Legitimität der Todesstrafe. Die Serie traut sich zwar nicht, eindeutig Stellung zu beziehen. Trotzdem ist es wichtig, dass auch eine von Quoten und Werbekunden abhängige Networkserie den Mut beweist, politisch heikle Themen aufzugreifen. Die Autoren belassen es nicht einmal bei der Thematisierung der Todesstrafe, sie wagen sich auch auf das ebenso heikle Feld der Legitimität von Folter vor. Hier verwischen sie ihre wahre Intention jedoch vollends, die verschiedenen Reaktionen und Handlungen legen sogar nahe, dass die Folter als Instrument der Kriegsführung gerechtfertigt werden soll. Zu nonchalant geht der beschuldigte FBI-Abteilungschef Harold Cooper (Harry Lennix) mit der eigenen Verantwortung um.

Ruth Kipling (Dianne Wiest) hat sich selbst zur Richterin über Leben und Tod ernannt. © NBC
Ruth Kipling (Dianne Wiest) hat sich selbst zur Richterin über Leben und Tod ernannt. © NBC

Am Ende schafft es Reddington, die „Richterin“ Kipling zur Aufgabe und zu Coopers Freilassung zu überreden, indem er seine Tat mit der des zuvor exekutierten Überläufers Alan Ray Rifkin (Trevor Long) aufwiegt. Der hatte angeblich mit einer Gruppe Taliban-Kämpfern ein Massaker in einem afghanischen Dorf angerichtet, aus Frust über die misslungene Festnahme eines Informanten der amerikanischen Streitkräfte.

A war is coming

Rifkins Beteiligung an diesem Massaker rechtfertige nachträglich den Einsatz von Gewalt durch Cooper und seinen damaligen Auftraggeber, den Staatsanwalt Tom Connolly. Dabei konnte Cooper damals gar nichts von dem Massaker gewusst haben, schließlich wurde es vom Militär unter Verschluss gehalten. Und selbst wenn Cooper über diese Informationen verfügt gehabt hätte, warum bringt er dies nicht zu seiner Verteidigung vor? Ob mit oder ohne Wissen über das Massaker - Foltermethoden sollten niemals in die Rechtsauslegung eines Staates aufgenommen werden. Die Frage nach Gerechtigkeit, Schuld und Sühne steht indes auf einer ganz anderen Seite.

The Blacklist darf also dafür belobigt werden, dass es sich an schwierige und sperrige Themen herantraut. Wenngleich die getroffenen Aussagen nur sehr bedingt mit meiner Weltsicht korrelieren, so bin ich doch froh darüber, dass sich die Serie aus der Deckung wagt und den Anspruch an sich selbst erhöht. Sie will offensichtlich nicht länger im Strom der unterhaltsamen, aber mittelmäßigen, weil kaum relevanten Serien mitschwimmen. Alleine diese Ambition ist begrüßenswert.

Unterstützt werden die Autoren von soliden Leistungen ihrer diversen Hauptdarsteller, einer erneuten Glanzleistung James Spaders und dem Geschick ihrer Castingverantwortlichen, für die meisten Gastauftritte überaus fähige Darsteller zu finden. Die handwerkliche Umsetzung von The Judge bedarf ebenso lobender Erwähnung: Diverse Montagen, Musikeinsätze und Zeitlupenaufnahmen werten den teilweise etwas generischen Look der Serie auf. Vielleicht geht es ja bis zum Ende der ersten Staffel so weiter. Ich hätte viel Spaß daran.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 4. März 2014

The Blacklist 1x15 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 15
(The Blacklist 1x15)
Deutscher Titel der Episode
Der Richter (Nr. 57)
Titel der Episode im Original
The Judge
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 3. März 2014 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 15. April 2014
Autoren
Jonathan Shapiro, Lukas Reiter
Regisseur
Peter Werner

Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x15

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?