The Blacklist 1x11

„We don't have the luxury of your simple morality.“ In gewisser Weise lässt sich dieser Satz des Episodenbösewichts Karl Hoffman (Frank Whaley) auf die moralischen Grundsätze übertragen, die in der neuen The Blacklist-Episode The Good Samaritan Killer transportiert werden. Die lauten ungefähr so: „Eigentlich hätten es alle Täter häuslichen Missbrauchs verdient, von einem Rächer gefoltert und einem qualvollen Tod überlassen zu werden. Da wir uns jedoch im Rahmen einer freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung befinden, müssen wir solches Rächertum mit allen Mitteln verhindern.“ So weit, so simpel.
Serial killers escalate, this one doesn't
Eine Unterhaltungsserie wie The Blacklist sollte eigentlich die Finger von solch heiklen ethisch-moralischen Debatten lassen, denn sie hat weder Zeit noch Ressourcen, um sich mit diesen Fragen eingehend auseinanderzusetzen. Deshalb hat mich die Ansprache von Elizabeth Keen (Megan Boone) am Krankenbett eines der Opfer Hoffmans geärgert. Ihre Figur offenbart hier genau die „simple Moral“, die ihr einige Szenen zuvor noch vorgeworfen wurde. Diese Kritik wiegt umso schwerer, wenn man die Aktionen Reddingtons (James Spader) in Betracht zieht. Er hinterlässt eine dicke Blutspur auf seiner ganz persönlichen Rachetour, der Suche nach den Häschern, die Anslo Garrick auf ihn angesetzt hatte.
Ansonsten bietet The Good Samaritan Killer hohes Erzähltempo, das Weiterspinnen des staffelübergreifenden Handlungsbogens und eine überraschende Enthüllung. Zu Beginn macht sich Elizabeth Keen auf die Suche nach dem good samaritan killer, nachdem sie ihre privaten Probleme mit Ehemann Tom (Ryan Eggold) erneut auf die lange Bank geschoben hat. Zu diesem Zeitpunkt sollten sich die Kreativen ernsthaft fragen, was sie mit seinem Charakter anfangen wollen. Momentan dient er nämlich nur als hinderliches Plotelement, das zu Beginn einer jeden Episode in der immer gleichen Art abgefrühstückt wird - natürlich wird Keen nicht mit ihrem Ehemann ins Niemandsland nach Nebraska ziehen.
In Washington, D.C. hat die aufstrebende FBI-Ermittlerin schließlich einen riskanten, gefährlichen und gleichzeitig nervenaufreibenden Fall nach dem anderen zu lösen. Der Killer dieser Episode rächt die Opfer häuslicher Gewalt, indem er den Tätern das Gleiche antut, was die ihren Nächsten zugefügt haben. Armbruch wird zu Armbruch, Retinaverletzung zu Retinaverletzung, Lungenpunktion zu Lungenpunktion. Der Unterschied: Hoffman hinterlässt seine Opfer und benachrichtigt den Rettungsdienst, ohne eine genaue Ortsangabe zu machen. So wird es jedes Mal zum Vabanquespiel, ob die Opfer gerettet werden können oder nicht.

Zu den Klängen des Johnny-Cash-Songs „The Man Comes Around“ macht sich Reddington in einer schönen Montage unterdessen auf die Suche nach seinen Häschern, vor allem dem „Apfelmann“. Dabei geht er mit gnadenloser Präzision und der wenig zimperlichen Ausführung persönlicher Rachegedanken vor. Auch hier stellt sich die Frage, welche Charakterzeichnung die Autoren der Episode im Sinn haben, wenn sie Reddington zum ersten Mal als rücksichtslosen Killer größtenteils unschuldiger Handlanger darstellen. Hier wird einmal mehr der unreflektierte Umgang amerikanischer TV-Produktionen mit Gewalt und Mord offenbar.
... fly you out to Papua New Guinea and have your head stuck on a pole
Der entscheidende Hinweis für die Ergreifung Hoffmans kommt indes wieder einmal von Reddington. Es wäre durchaus eine schöne Abwechslung, kämen Keen oder das FBI einmal selbst auf die heiße Spur des Bösewichts. Die Organisation hat jedoch genug mit sich selbst zu tun. Fieberhaft machen sich Cooper (Harry Lennix) und einige wenige Vertraute auf die Suche nach dem Maulwurf, der es in den letzten beiden Episoden erst möglich gemacht hatte, dass Garrick und Konsorten die black site infiltrieren konnten.
Ein erster - falscher - Verdacht fällt auf den Analysten Aram Mojtabai (Amir Arison), der als Sündenbock zur Schlachtbank geführt werden soll, jedoch auch von Reddington davor bewahrt wird, unter Meera Maliks (Parminder Nagra) enhanced interrogation techniques leiden zu müssen. Hierbei wird die Darstellung Reddingtons als allwissender Superspion noch problematischer, weil sie das FBI immer mehr wie eine Ansammlung völlig inkompetenter Statisten erscheinen lässt.
Reddington findet schließlich einen Verräter in den eigenen Reihen. Sein Assistent Grey (Charles Baker) entpuppt sich als derjenige, der den Gegenspielern Reddingtons unter Zwang geheime Informationen zukommen ließ. Ihn ereilt das gleiche Schicksal, das schon allen anderen zukam, die sich Red - größtenteils unwissentlich - in den Weg stellten: „Look out at the water. Just look out at the water.“

Die mit hohem Erzähltempo abgelaufene Episode geht mit zwei dezidiert wichtigen und schön umgesetzten Szenen zu Ende. In der ersten entpuppt sich Reddingtons Gegenspieler Fitch (Alan Alda) als US-Senator, der großen Druck auf Diane Fowler (Jane Alexander) ausübt, um an Informationen zum Aufenthaltsort Reds zu gelangen. Reddington selbst stattet seinem Schützling Liz schließlich einen Besuch ab, um ihr seine weitere Kooperation anzubieten - auch bei der Suche nach dem FBI-internen Maulwurf: „My house is clean. Yours is not.“
I just wanna be a normal boring couple
Das Lächeln, das Elizabeth dabei über die Lippen huscht, ist ehrlich und aufrichtig. Es ist wahrlich schön zu sehen, wie die Beziehung dieses ungleichen Paares eine neue Ebene erreicht. Ob dort noch Platz für Ehemann Tom ist? Ob sein Charakter sich doch noch als Bösewicht entpuppt? Die Frage ist für mich momentan zweitrangig, denn The Blacklist hat es nach stolprigem Start geschafft, seine dramaturgische Ausgangssituation auf ein glaubwürdiges Fundament zu stellen.
Dies gilt vor allem für den episodenübergreifenden Handlungsbogen. Die einzelnen Fälle und Antagonisten sind zu schnell gelöst und vorhersehbar, als dass sie wirklich interessant und spannend werden könnten. Zudem laufen sie bisher nach der immergleichen Struktur ab, bei der die richtigen Ermittlungsarbeiten erst dann losgehen können, wenn Reddington den entscheidenden Hinweis gibt.
Aufgewertet wird die procedural-Thematik durch die ausgezeichnete Besetzung der jeweiligen Gegenspieler. Jüngstes Beispiel ist der großartige Frank Whaley, der auch schon im letzten Jahr mit seinem mehrteiligen Gastauftritt in Ray Donovan durch gekonnt exaltiertes Spiel zu überzeugen wusste. Hier nimmt er sich ein wenig zurück, trifft aber gleichzeitig den angemessenen Ton zwischen Größenwahn und Mutterkomplex. Auch Spader und Boone werden immer besser, je länger sie ihre Rollen spielen. Sie legen ihre Figuren weniger statisch an, es bleibt mehr Raum für Gefühl. Wenn nur Boones Haare schneller wachsen würden, damit sie endlich diese Perücke abziehen könnte...
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 14. Januar 2014(The Blacklist 1x11)
Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x11
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