The Blacklist 1x08

In der neuen Episode liefern die Autoren einen weiteren Hinweis darauf, wo sie ihre Serie hinfĂŒhren wollen. Die FĂ€lle der Woche werden interessanter, weil sie den wöchentlichen Gegenspielern tiefere Charakterisierung zuteil werden lassen. Gleichzeitig bleibt das Spannungslevel niedrig, da man sich als Zuschauer sicher sein kann, dass der Bösewicht am Ende immer auch geschnappt wird. Eine weitere positive Entwicklung ist die nĂ€here Beleuchtung der Keen'schen Familiengeschichte, in die Raymond âRedâ Reddington (James Spader) zu einem nicht unwesentlichen Teil involviert zu sein scheint.
Today marks the beginning of a war
Die Figur des Schurken ist dieses Mal Ă€uĂerst ambivalent angelegt - bis jetzt konnte ich mich nur noch nicht entscheiden, ob dies Absicht der Autoren war oder lediglich das Resultat ihrer eingeschrĂ€nkten Weltauffassung. Justin Kirk aus Weeds spielt den Tausendsassa Nathaniel Wolff, der in der Ăffentlichkeit unter seinem Nom de Guerre General Ludd auftritt. Sein vorgebliches Ziel ist es, die amerikanische Finanzindustrie in die Knie zu zwingen. Bis zum Schluss werden seine wahren Absichten jedoch nicht eindeutig ersichtlich. Ist er nun der moderne Robin Hood fĂŒr die Opfer eines entfesselten Finanzkapitalismus oder doch nur ein selbstsĂŒchtiger Profitgeier, der sich die Maske eines militanten RevolutionĂ€rs aufsetzt?

Eines steht am Ende jedoch fest: Wolff ist einer der wenigen Bösewichte, die eine Episode ĂŒberleben und nicht von Red ins Jenseits befördert werden. Man hĂ€tte schon frĂŒher annehmen können, dass Harold Cooper (Harry Lennix) Reddington dazu animiert, die diversen Superschurken nicht sofort umzubringen, sondern sie zur weiteren Befragung dem FBI zu ĂŒbergeben. Wie die neue Episode jedoch wieder einmal deutlich zeigt, ist Cooper gegenĂŒber Reddington machtloser als der deutsche BundesprĂ€sident. Da Red immer wieder mit dem Totschlagargument ankommt, nur er könne die entscheidenden Hinweise auf den jeweiligen TĂ€ter geben, steht Cooper jedes Mal mit heruntergelassenen Hosen da.
Die neueste Forderung Reds: Zugang zur FBI-Datenbank „Violent Criminal Apprehension Program“, kurz ViCAP. Was er dort sucht, wird erst am Ende der Episode aufgelöst, nachdem Platz geschaffen wurde fĂŒr neue RĂ€tsel. Die Nummer, die Red am Ende einer vergangenen Episode erhalten hatte, fĂŒhrt in dem System zu einer gewissen Lucy Brooks, von der wir bisher rein gar nichts gehört oder gesehen hatten. Eine Spekulation meinerseits erĂŒbrigt sich an dieser Stelle, weil es keinerlei Anhaltspunkte gibt. Wer glaubt, sich trotzdem auf einer heiĂen Spur zu befinden, der hinterlasse seine Vermutung bitte in den Kommentaren.
ZurĂŒck zu Mr. Wolff mit den unzĂ€hligen Decknamen. Sein Pseudonym âGeneral Luddâ leitet sich ab von einer der ersten Protestbewegungen gegen den modernen Industriekapitalismus. Zwischen 1811 und 1817 - die industrielle Revolution stand in ihrer vollsten BlĂŒte - bildete sich in England eine militante Gruppierung. Diese demonstrierte mit Gewalt dagegen, dass immer mehr menschliche Arbeitskraft durch die EinfĂŒhrung von Maschinen wegrationalisiert werden sollte. Die Etymologie des Namens ist bis heute ungeklĂ€rt, eine populĂ€re These behauptet jedoch, er gehe auf Ned Ludd zurĂŒck, einen Jugendlichen, der im Jahre 1779 damit begann, Webrahmen zu zerstören.
The storm has come
Erstmals bekommen die Zuschauer von The Blacklist also eine kleine Geschichtsstunde, was meinerseits auf groĂe Zustimmung trifft. So nachvollziehbar die politischen Positionen - nicht etwa die Anwendung von Gewalt - dieser Luddisten denn auch sind, so undurchsichtig sind die Ambitionen der Autoren. Offensichtlich bekamen sie von NBC die Vorgabe, bloĂ keine eindeutige Stellung zu beziehen. Eine positivere Darstellung der Ziele General Ludds hĂ€tte wohl die Werbepartner und Sponsoren des Senders verunsichert. Angesichts der Stimmung in der Bevölkerung und den Ereignissen rund um die „Occupy“-Bewegung sollte sie jedoch gleichzeitig auch nicht zu sehr verteufelt werden.

Diese Unentschiedenheit verströmt die Episode aus allen Poren, was wegen des interessanten und politisch brisanten Themas sehr Ă€rgerlich ist. Die Autoren vergeben die Chance, ein Statement abzugeben, eine Episode abzuliefern, die auch nur den Hauch politisch-gesellschaftlicher Relevanz verströmt. Aber nein, sie verharren in ihrem DuckmĂ€usertum und legen dem beinahe grenzdebil anmutenden Agent Ressler (Diego Klattenhoff) SĂ€tze in den Mund, wie zum Beispiel: „They wanted us to ground those plains. Cripple the economy.“ Dazu fĂ€llt mir ein Satz ein, der dazu beitrug, Bill Clinton 1992 ins PrĂ€sidentenamt zu hieven: „It's the economy, stupid.“ Hierin spiegelt sich der unbedingte Glaube der meisten Amerikaner an das Heil einer gesunden Wirtschaft, eines unregulierten Marktes wider. Auch hier kann ich mich nicht entscheiden: Sollte Ressler mit diesem und anderen DialogsĂ€tzen in positivem oder eher in dĂŒmmlichem Licht erscheinen? Wirklich schade, dass die Autoren diese Chance verpasst haben.
Weiterhin lassen sie die Gelegenheit aus, etwas mehr Licht in das Mysterium um Elizabeth Keens (Megan Boone) FamilienverhĂ€ltnisse zu bringen. Zwar lernen wir in der neuen Episode ihren todkranken Adoptivvater Sam (William Sadler) kennen. Er wird jedoch - bevor er Liz' Vergangenheit weiter beleuchten kann - von Red mit einem Kissen erstickt. Warum bringt Red den alten Mann um? Weil er ihm ein schmerzhaftes Ende ersparen will? Oder etwa, weil er fĂŒrchtet, Sam könnte seiner Adoptivtochter Geheimnisse verraten, die sie nicht wissen soll?
Fazit
Die Autoren von The Blacklist haben sich mit den Spekulationen rund um den echten Vater von Elizabeth Keen in eine Sackgasse geschrieben. Die Serie kam nun schon mehrmals an einen Punkt, an dem es offensichtlich war, dass Red der leibliche Vater sein wĂŒrde. Beide zukĂŒnftigen Optionen können also nur EnttĂ€uschungen sein. Ist Red wirklich der Vater, ist dies viel zu vorhersehbar - schlieĂlich kursiert die Vermutung seit der Auftaktepisode.
Ist Red nicht der Vater, sorgt jede ErklĂ€rung fĂŒr sein gesteigertes Interesse an ihr fĂŒr eine EnttĂ€uschung. Eigentlich kann nĂ€mlich nur die Liebe eines leiblichen Elternteils so stark sein wie die von Red portrĂ€tierte Zuneigung zu Elizabeth. Aber wer weiĂ, vielleicht zaubern die Autoren ja noch eine ErklĂ€rung aus dem Hut, die keiner fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte.
Besonders optimistisch bin ich dabei jedoch nicht. SchlieĂlich haben ebenjene Autoren in der neuen Episode wieder einmal eindrucksvoll bewiesen, wie man ein eigentlich interessantes Thema in Beliebigkeit und Unentschlossenheit untergehen lĂ€sst. Die politischen Ideen, die als UnterfĂŒtterung der „Occupy“-... ÀÀÀhm, korrigiere... „General-Ludd“-Bewegung dienen, werden stellvertretend von Ressler als eindimensionaler Antikapitalismus abgewatscht. Dadurch erfahren sie eine Nichtbeachtung, die diese höchst interessanten und teilweise validen Ansichten einfach nicht verdient haben.
Die Behandlung dieses Themas bestĂ€tigt die Annahme, dass es sich Networkserien aufgrund ihres Finanzierungsmodells - sprich: ihrer AbhĂ€ngigkeit von Werbekunden aus der GroĂindustrie - einfach nicht erlauben dĂŒrfen, abweichende politische Ansichten angemessen objektiv zu portrĂ€tieren. Das alles hat wenig Biss, zeigt keinen Mut, ist weichgespĂŒlt und belanglos. Red bringt es auf den Punkt: „Unlike you, I happen to like capitalism.“
Klappe zu, Affe tot.
Trailer zu âThe Blacklistâ (1x09):
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 12. November 2013The Blacklist 1x08 Trailer
(The Blacklist 1x08)
Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?