The Blacklist 1x07

The Blacklist 1x07

The Blacklist scheint langsam zu sich selbst zu finden. Dem Fall der Woche wird deutlich weniger Zeit eingeräumt, was Platz schafft für Charakterentwicklung und episodenübergreifende Erzählung. Zudem bleibt Zeit für den kurzweiligen Einsatz diverser Actionelemente.

Der unheimliche Frederick Barnes (Robert Sean Leonard) taucht plötzlich bei der Mutter seines Sohnes auf. / (c) NBC
Der unheimliche Frederick Barnes (Robert Sean Leonard) taucht plötzlich bei der Mutter seines Sohnes auf. / (c) NBC

In der neuen Episode von The Blacklist ist erstmals eine eigene Handschrift der Autoren zu erkennen, welche die Serie zukünftig vom Status eines reinen Action-Procedurals erlösen könnte. Die Formel für diesen Teilerfolg ist denkbar einfach: Weniger Fall der Woche, mehr Konzentration auf Charaktere und übergreifende Handlungsbögen. Erstmals konnten mich die Gefühle von Elizabeth Keen (Megan Boone) berühren, auch Reddington (James Spader) führte seine nuancierte Charakterdarstellung aus der vorherigen Episode fort. Beide Protagonisten bekamen in Frederick Barnes größere charakterliche Tiefe, sie sind fortan als vielschichtige, dreidimensionale Figuren erkennbar.

You're a winter, not an autumn. Stop wearing olive.

Ähnliches gilt mit Abstrichen für den Bösewicht und Titelhelden der Woche, Frederick Barnes. Dessen Rolle ist mit Robert Sean Leonard wieder einmal hochkarätig besetzt. Das Castingteam hat sich bei der Besetzung ihrer Gastrollen bisher absolut keine Blöße gegeben und schon gar keine Kosten gescheut. Sogar eine weitere, weniger zentrale Gastrolle wurde mit einem bekannten TV-Gesicht ausgefüllt. David Zayas spielt einen international bekannten Waffen-, Drogen- und Chemikaliendealer und hat geschätzte anderthalb Minuten Screentime.

Der bisher charakterlich stärkste Episodengegenspieler:Frederick Barnes (Rober Sean Leonard) verrichtet sein Handwerk. © NBC
Der bisher charakterlich stärkste Episodengegenspieler:Frederick Barnes (Rober Sean Leonard) verrichtet sein Handwerk. © NBC

Barnes ist der bisher erste Gegenspieler, dessen Auftritt mich wirklich interessiert hat. Seine Installation in die Geschichte dieser Episode kann durchaus als Kommentar zu einer Frage gesehen werden, die seit Generationen Rechtsphilosophen, Moralisten und Gesetzeshüter bewegt: Darf ein Menschenleben genommen werden, um viele andere zu retten? Mit besonderer Drastik und ausdauernder Permanenz hatte die Actionserie 24 diese Frage gestellt. Jack Bauer (Kiefer Sutherland) entpuppte sich dort als entschiedener Anhänger einer solchen Philosophie. Elizabeth Keen geht dabei reflektierter vor und entschließt sich im entscheidenden Moment dazu, der Zielperson die Flucht zu gewähren, um ihrer Geisel das Leben zu retten.

Folglich bekommt sie von ihren beiden Vorgesetzten Donald Ressler (Diego Klattenhoff) und Harold Cooper (Harry Lennix) dafür einen Rüffel. Offensichtlich - zumindest laut des Skripts von The Blacklist - operieren FBI-Agenten nach der Regel, niemals ihre Waffe aus der Hand legen zu dürfen, selbst wenn sie damit das Leben eines oder mehrerer Unschuldiger gefährden. Ob diese Regel jemals abgewogen und dem betroffenen Agenten zur kurzweiligen Evaluation überlassen werden sollte, wird nicht aufgeklärt. Keen hat sich dieser Vorschrift also widersetzt und muss dafür mit einer offiziellen Revision rechnen. Cooper überliefert die schlechten Nachrichten und verkommt dadurch immer mehr zum grauen Repräsentanten einer gesichtslosen Institution, dessen einzige Aufgabe es ist, sämtliche Regeln zu implementieren und ihre Einhaltung zu überwachen. So weltfremd diese auch sind.

Anhand seiner Figur und - etwas abgeschwächter - der Figur von Ressler könnte man sich zu der Annahme hinreißen lassen, The Blacklist wollte mit seiner neuen Episode eine gewisse Institutionskritik üben. Vielleicht ist dies zu viel der Interpretation, ich nehme jedoch jeden Fetzen, den mir die Serie außerhalb der routinierten Abhandlung ihres wöchentlichen Verfolgungsfalls bietet, mit großer Dankbarkeit an. Genau wie die liebevollere Modellierung des Gegenspielers, welche diese Woche besonders gelungen ist.

Small disease means small profits

Frederick Barnes war im früheren Leben ein begabter Wissenschaftler, der sich bei einem Rüstungsunternehmen zum anerkannten Experten für biologische und chemische Kampfmittel hocharbeitete. Nachdem sein einziger Sohn, den er mit einer ehemaligen, verheirateten Kollegin gezeugt hatte und zu dem er keinen Kontakt hatte, an der lebensbedrohlichen, aber extrem seltenen Kerr's Disease erkrankte, wandelte er sich vom unbescholtenen zum manischen Wissenschaftler. Da kein Pharmaunternehmen bereit war, Forschungsgelder für die zu selten auftretende Krankheit lockerzumachen, beschloss er, seine Nachforschungen auf eigene Faust und - viel schlimmer - an lebenden Objekten durchzuführen.

Geld spielt keine Rolle: Red (James Spader) in seinem Elternhaus; das er teuer kauft; um es danach niederzubrennen. © NBC
Geld spielt keine Rolle: Red (James Spader) in seinem Elternhaus; das er teuer kauft; um es danach niederzubrennen. © NBC

Um den patient zero zu finden, der gegen eine Exposition der Krankheitsviren immun ist, suchte er sich fortan Anschlagsorte, wo ein Durchschnitt der Bevölkerung zusammenkam. Nach seinem zweiten Giftgasanschlag in einem Gerichtsgebäude macht er ein Opfer ausfindig, das dem Angriff nicht erliegt. Er entkommt dem FBI und schafft es schließlich, der Patientin eine Knochenmarkspende zu entnehmen, mit der er - in Rekordzeit - ein potentielles Gegenmittel für die Krankheit seines Sohnes entwickelt. Kurz bevor er seinem Sohn das Mittel spritzen will, kommt ihm Keen dazwischen und erschießt ihn - die Worte Donald Resslers hallen unheimlich nach.

Elizabeths Charakter entwickelt sich über den Verlauf der neuen Episode schneller als in allen vorherigen Episoden zusammen. Sie nimmt zwei unausweichliche Wahrheiten in ihre Lebensrealität auf. Erstens akzeptiert sie Resslers Vorgabe, wonach ein Mensch geopfert werden müsse, um weitere Menschenleben zu retten. Zweitens akzeptiert sie Reddington als Teil ihres (Berufs-)Lebens, denn sie weiß: Ohne ihn wären bisher sieben Kriminalfälle nicht gelöst oder gar verhindert worden. Und das macht die neue Episode überdeutlich. Ohne Reddington läuft nichts, nicht einmal die einfachsten Zusammenhänge werden erkannt. Ein kleiner Wermutstropfen in der bisher gelungensten Folge von The Blacklist.

Fazit

Die neue NBC-Dramaserie The Blacklist macht in ihrer neuen Episode vieles richtig. Da werden Figuren mit größerer Charaktertiefe ausgestattet, da wird ein vielschichtiger Gegenspieler installiert, da werden bei besonders wohlwollender Betrachtung gar Kommentare zu gesellschaftlich-politischen Themenkomplexen abgegeben.

An einigen Ecken und Enden läuft es trotz dieser positiven Entwicklung immer noch nicht wirklich rund. Reddington nutzt seine Übersoftware dazu, das Handy von Frederick Barnes innerhalb von Sekunden zu orten und ihn somit ausfindig zu machen. Später in der Episode kommt keiner mehr darauf, Barnes einfach durch eine simple Handyortung wiederzufinden.

Die Autoren machen es sich wieder einmal zu einfach, wenn sie solche offensichtlichen Fragen einfach der Spekulation der Zuschauer überlassen. Einige Kommentarschreiber werden hier nun ihre Theorien präsentieren und sich damit solche plot holes zurechtbiegen. Ich empfinde es jedoch als schlicht faul, wenn die Autoren die Beantwortung zentraler Fragen einfach der Phantasie ihres Publikums überlassen.

Diese ständig wiederkehrenden - das Handy war nicht der einzige - kleineren Logikfehler sollen bei der Bewertung fortan jedoch keine tragende Rolle mehr spielen. Ich habe sie schlichtweg als Realität einer Serie mit Procedural-Charakter akzeptiert. Etwas schwerer fällt hingegen ins Gewicht, dass das FBI ohne die Hilfe Reddingtons völlig aufgeschmissen zu sein scheint und nicht mal die einfachsten Zusammenhänge erkennen kann. Wie zum Beispiel, dass das nächste Ziel des verrückten Wissenschaftlers das einzige überlebende Opfer seines Anschlags sein könnte und dieses deshalb besonderen Schutzes bedarf.

The Blacklist entwickelt sich mit seiner neuen Episode jedoch in eine sehr begrüßenswerte Richtung. Zum ersten Mal fühlte ich mich durchgehend gut unterhalten. Weiter so!

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 5. November 2013
Episode
Staffel 1, Episode 7
(The Blacklist 1x07)
Titel der Episode im Original
Frederick Barnes
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 4. November 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 28. Januar 2014
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 26. Februar 2014
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Mittwoch, 5. März 2014
Autor
J.R. Orci
Regisseur
Michael W. Watkins

Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x07

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