The Blacklist 1x06

The Blacklist 1x06

Gina Zanetakos wirbelt in der gleichnamigen neuen Episode von The Blacklist das bisher errichtete dramaturgische Gerüst gehörig durcheinander. Einige Rätsel werden vermeintlich aufgelöst, wobei am Ende weiterhin große Unsicherheit herrscht.

Ein letzter, banger Blick zwischen den Eheleuten Keen vor der Trennung in der „Black Site“ des FBI. / (c) NBC
Ein letzter, banger Blick zwischen den Eheleuten Keen vor der Trennung in der „Black Site“ des FBI. / (c) NBC

Die neue NBC-Dramaserie The Blacklist erhält durch ihre aktuelle Episode größere Brisanz und wird damit deutlich interessanter. Zum ersten Mal zeigt Superschurke Raymond „Red“ Reddington (James Spader) echte Emotionen, nachdem ihm sein Schützling Elizabeth Keen (Megan Boone) ordentlich die Leviten gelesen hat: „The truth is that you're a sick, twisted man.“ Zuvor war Elizabeths Ehemann Tom Keen (Ryan Eggold) durch die Zeugenaussage der Gegenspielerin Gina Zanetakos (Margarita Levieva) von jeglicher Schuld freigesprochen und eine neue Spur zu Reddington selbst gelegt worden. Nach all diesen vermeintlichen Enthüllungen hat Elizabeth für „Red“ nur noch Worte der Abneigung übrig: „Go to hell.

You and I, we're done

Äußerlich versucht Reddington, gelassen zu bleiben und kanzelt die Erklärungen von Zanetakos als Falschaussagen ab. Es bereitet ihm jedoch sichtlich Schwierigkeiten, seinen Emotionen gegenüber Elizabeth keinen freien Lauf lassen zu können. Offensichtlich möchte er sie in seine wahren Absichten ihr gegenüber einweihen, wird jedoch vom eigenen Stolz oder irgendeinem möglichen Versprechen an ihren Vater - oder sonstwen - davon abgehalten. Über den wahren Grund seiner Zurückhaltung können wir zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren. Zum ersten Mal machen mir diese Spekulationen jedoch richtig Spaß.

Ressler (Diego Klattenhoff; l.) und Cooper (Harry Lennix) sind mal wieder auf fremde Hilfe angewiesen. © NBC
Ressler (Diego Klattenhoff; l.) und Cooper (Harry Lennix) sind mal wieder auf fremde Hilfe angewiesen. © NBC

Zu Beginn der Episode trifft sich Zanetakos am deutschen Liepnitzsee mit dem Bombenbauer Maxwell Rudiger (Dikran Tulaine). Um gleich zu Beginn des Reviews die kontroverse Behandlung diverser geographischer Begebenheiten abzuarbeiten: Hier investieren die Autoren einfach zu wenig in die zufriedenstellende Beantwortung von Fragen der Kontinuität. In Rekordzeit jettet Reddington von Amerika nach Deutschland und wieder zurück. Ebenso in Rekordzeit legt das halbe FBI die Strecke zwischen Washington, D.C. (an der amerikanischen Ostküste) und Houston (in Texas) zurück. Die reine Flugzeit zwischen den beiden Metropolen beträgt dreieinhalb Stunden, das FBI schafft es in knappen drei Stunden, inklusive Vorbereitung sowie An- und Abfahrtszeiten. Es ist durchaus begrüßenswert, wenn sich die Autoren fortan nicht mehr auf ihrer bisher praktizierten Gemütlichkeit ausruhen und einfach alle Gegenspieler nach Washington schicken. Als aufmerksamen Zuschauer ärgert es mich trotzdem, dass hier keine halbwegs realistischen Zeitfenster porträtiert werden.

Zanetakos bestellt bei Rudiger eine dirty bomb - eine Bombe mit radioaktivem Material -, die der in ein Fahrzeug einbauen und mithilfe eines türkischen Botschaftsangehörigen nach Amerika verschiffen soll. In einer schwer nach Stammtischparolen klingenden Rede versucht Reddington, seinem Protegé die Augen darüber zu öffnen, wer die Geschicke der Menschheit wirklich lenke: „Multinational corporations and criminals run the world.“ Einem Mann von seinem Format hätte ich den Glauben an solch billige Allgemeinplätze und Verschwörungstheorien nicht unbedingt zugetraut. Immerhin gibt er Elizabeth noch einen Tipp, wie sie die wahre Identität ihres Ehemanns Tom herausfinden könne. Dieser Weg führe ebenfalls über Zanetakos, denn: „She's your husband's lover.

Das alles klingt in der Szene recht hanebüchen, führt jedoch direkt zum interessantesten Konflikt der Episode. Da streiten sich Elizabeth und Tom um Inhalt und Herkunft der mysteriösen Holzkiste, die beide getrennt voneinander im Fußboden gefunden hatten. Liz weiß überhaupt nicht mehr, wo ihr der Kopf steht und als Tom sie wegen ihrer wiederholten Anschuldigungen dazu auffordert, das FBI einzuschalten, lässt sie sich nicht lange bitten. Fortan wird er in einem Verhörzimmer der black site („I don't work at the FBI.“) festgehalten und von Meera Malik (Parminder Nagra) zu seiner möglichen Verwicklung in den Mord am russischen KGB-Spion Victor Folkin in Boston befragt. Er wird jedoch nicht müde, zu beteuern, dass er absolut unschuldig sei.

Someone is doing this to me

Auch die beiden auf das Ehepaar Keen Angesetzten wissen nicht wirklich, wo Toms Loyalitäten liegen: „Only thing that's clear for me is that he doesn't work for Reddington.“ Leider liefert der mysteriöse Apfelesser keine Erklärung zu dieser Vermutung. Irgendwie scheint alles zusammenzuhängen: Liz entdeckt Zanetakos auf der Fotografie, die Tom an Tag und Ort des Mordes dem Spion Folkin zeigt. Letztgenannter war übrigens zum Überlaufen bereit und befand sich bereits in Verhandlungen mit den Amerikanern. Am Ende übernimmt Zanetakos die Verantwortung für diesen Mord. Ihre Fingerabdrücke befanden sich auch auf der Mordwaffe, die jedoch in der Keen'schen Holzkiste gelagert war.

Am Ende der Episode rechnet Elizabeth Keen (Megan Boone) mit ihrem ungewollten Mentor ab. © NBC
Am Ende der Episode rechnet Elizabeth Keen (Megan Boone) mit ihrem ungewollten Mentor ab. © NBC

Am Ende führen jedenfalls alle Spuren zu Reddington, das Geld aus der Kiste wird einem seiner Konten zugeordnet, sein Adjutant Grey (Charles Baker) wird von Tom als menschliches Ablenkungsmanöver enttarnt und Zanetakos belastet ihn schwer. Er habe den Auftrag zum Mord an Folkin gegeben, um seine Geschäftsinteressen im Tschetschenienkonflikt zu wahren. Sollten sich diese Aussagen bewahrheiten, träfe auf Reddington selbst zu, was er zuvor Elizabeth weismachen wollte. Dabei ging es darum, dass sämtliche Katastrophen auf „deliberate and malevolent actions taken by corporations to protect their interests“ zurückzuführen seien.

Seine Rolle und Motivationen bleiben also weiter zwielichtig, was der Serie nur guttun kann. Momentan lebt sie nämlich von dieser episodenübergreifenden Dramaturgie, wofür maßgeblich auch der Konflikt zwischen Elizabeth und Tom verantwortlich ist. Die Fälle der Woche bleiben so austausch- wie vorhersehbar, die spannendste Frage dabei ist meistens, wer am Ende den Wettlauf gegen die Zeit gewinnt: Ressler (Diego Klattenhoff), Keen oder etwa Cooper (Harry Lennix)?

Fazit

Eigentlich unterscheidet sich die neue Episode von The Blacklist nicht großartig von ihren Vorgängern. Die Gegenspielergeschichte ist nach gleichem Strickmuster hergestellt wie beim „Stewmaker“ oder beim „Courier“. Dadurch, dass den Konflikten zwischen Keen, ihrem Ehemann und ihrem ungewollten Mentor Reddington mehr Spielzeit eingeräumt wurde, fühlte ich mich über weite Strecken jedoch gut unterhalten.

Dabei wird nach der mittlerweile sechsten Episode erstmals deutlich, wie das Ensemble miteinander harmoniert. Spader spielt weiterhin außer Konkurrenz, was auch daran liegt, dass er vom Drehbuch einfach die schönsten Dialogsätze vorgesetzt bekommt. In der Auseinandersetzung zwischen Elizabeth und Tom zu Beginn der Episode wurde jedoch deutlich, dass Megan Boone in ihrem Spiel doch etwas limitiert ist. Ryan Eggold hat in diesen Szenen jedenfalls deutlich größeres schauspielerisches Talent bewiesen.

So schön manche Dialogsätze Reddingtons auch sind, so misslungen geraten diejenigen, die ihm eine „Erklärung der Welt“ zutrauen. Dann verwandelt sich seine staatsmännische Grandezza ganz schnell in kleinteiliges Spießbürgertum à la „Die da oben...“ Solche halbgaren Verschwörungstheorien hat die Serie nicht nötig, denn sie ist immer dann am besten, wenn sie sich vom Makro- auf den Mikrokosmos der Familie, der zwischenmenschlichen Beziehungen rückbesinnt.

Unter dem Review zur letzten Episode war in den Kommentaren angemerkt worden, dass ich bis dahin noch nicht auf die demnach gelungene technische Umsetzung der Serie eingegangen sei. Dies mag vielleicht daran liegen, dass mir die technische Komponente bisher nicht weiter positiv aufgefallen ist. Nach expliziter Betrachtung in dieser Episode muss ich dazu festhalten, dass ich mit dieser Meinung nicht übereinstimmen kann. Weder Kulissen noch Ausstattung, weder Beleuchtung noch Kameraarbeit ragen aus dem üblichen Networkeinerlei heraus. Alles wirkt irgendwie zu glatt, allzu oft verhindert prominentes Product-Placement eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Optik. Als Gegenbeispiel sei an dieser Stelle die letzte Episode der aktuellen dritten Staffel von American Horror Story empfohlen, die tatsächlich neue Maßstäbe bei der technischen Umsetzung von TV-Serien setzt.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 29. Oktober 2013
Episode
Staffel 1, Episode 6
(The Blacklist 1x06)
Deutscher Titel der Episode
Gina Zanetakos (Nr. 152)
Titel der Episode im Original
Gina Zanetakos
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 28. Oktober 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 21. Januar 2014
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Mittwoch, 26. Februar 2014
Autor
Wendy West
Regisseur
Adam Arkin

Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x06

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