The Blacklist 1x05

Während der Sichtung der letzten Episoden von The Blacklist ist mir aufgefallen, dass ich mir währenddessen deutlich mehr Notizen mache als bei meinen sonstigen Reviews. Ich führe diesen Umstand darauf zurück, dass in einem Network-Procedural einfach viel mehr passiert als in einer beliebigen Episode einer Dramaserie aus dem Hause HBO, Showtime und Konsorten. Kein Wunder, stellt ein solches Procedural doch den Anspruch an sich selbst, in jeder Episode eine abgeschlossene Geschichte zu erzählen. Bisweilen kommt es folglich auch zu solchen Entwicklungen wie in der jüngsten Episode The Courier.
There are no people in his life
Darin wird nämlich beinahe die gleiche Geschichte erzählt wie in der Episode zuvor, The Stewmaker. Wieder gilt es am Ende, ein Entführungsopfer zu finden. Wieder ist der Antagonist mit einfachsten psychologischen Mitteln zu überlisten. Wieder sucht er die Flucht an dem Ort, wo als Erstes nach ihm gefahndet werden würde. Wieder gibt es ein zweites kriminelles „Meisterhirn“, das jedoch schnell gebrochen werden kann. Wieder gibt es viele kleine Twists und Wendungen. Nur heißt der Bösewicht dieses Mal „The Courier“ und verfügt über die seltene Gabe, keinerlei Schmerzen zu verspüren. Außerdem ist er laut „Red“ „the perfect middleman for an imperfect world“, was sich ähnlich wie beim „Stewmaker“ als große Farce herausstellt.

Woran liegt es also, dass die von den Figuren verbalisierten Ansprüche an die eigene Dramaturgie so eklatant verfehlt werden? Warum stellen sich die Superschurken im Nachhinein immer als gewöhnliche Kriminelle heraus, die allesamt einen psychologischen Komplex mit sich herumschleppen? Zum einen ist dies wohl dem Umstand geschuldet, dass die Zuschauer von Networkserien austauschbarer sind, dass sie nicht unbedingt von Woche zu Woche einschalten müssen. Verpasst man eine Episode von The Blacklist, kann man in der nächsten Woche umstandslos wieder einschalten und bekommt im „Previously on...“ einen ausreichenden Überblick darüber, welcher übergreifende Handlungsbogen weitererzählt wurde.
Zum anderen haben die Autoren von Networkserien weniger Zeit, um gleichzeitig mehr produzieren zu müssen. Eine gewisse Redundanz lässt sich dabei also nicht vermeiden. Für den Zuschauer, der wirklich wöchentlich einschaltet, ist es jedoch trotzdem ärgerlich, wenn er die gleiche Story mit austauschbaren Charakteren vorgesetzt bekommt. So ist es denn auch mehr als verständlich, dass die Networks seit mehreren Jahren mit sinkenden Quoten zu kämpfen haben, seit ihnen nämlich mit diversen Kabel- und Pay-TV-Sender schärfste Konkurrenz erwachsen ist. Kabelsender wie AMC, FX, der Sundance Channel oder neuerdings sogar History setzen auf kompakt erzählte, aufwendig produzierte Serienformate mit wenigen Episoden, dafür aber hohem Qualitätsanspruch.
Nun soll dies keine Abhandlung zu den Problemen des amerikanischen Networkfernsehens werden. The Blacklist macht durchaus einiges richtig und räumt in seiner aktuellen Episode seinem übergreifenden Handlungsbogen etwas mehr Spielzeit ein als bisher. Hier spitzen sich die Ereignisse in zweierlei Richtungen zu. Zum einen entdeckt Elizabeth Keens (Megan Boone) Ehemann Tom (Ryan Eggold) im Fußbodenversteck die Holzkiste mit den gefälschten Pässen, dem Geld und der Handfeuerwaffe. Zum anderen bekommt Elizabeth von Raymond Reddington (James Spader) die unzensierte Version der Akte zugespielt, welche die Details über die Ereignisse im Angel Station Hotel in Boston enthält.
I always wondered if the stories were true
Dort befanden sich Elizabeth und Tom auf einem Kurzurlaub, während im gleichen Hotel der Russe Victor Folkin ermordet wurde. Die Akte enthält Informationen darüber, dass Folkin möglicherweise ein Spion gewesen sei. Vor allem aber enthält sie eine Fotografie des mutmaßlichen Täters. Elizabeth erkennt sofort ihren Ehemann Tom. Zwar liefert diese Sequenz mehr Details zum Geschehenen, das Verhalten der Charaktere sorgt jedoch eher für noch größere Verwirrung. Tom scheint über seinen Fund nämlich durchaus erstaunt zu sein. Demnach müsste eine dritte Person die falschen Pässe dort verstaut haben. Als mögliche Kandidaten dafür kommen die beiden Unbekannten infrage, die sämtliche Zimmer des Keen'schen Haushalts mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet haben, um eine Rundumüberwachung zu ermöglichen.

Die beiden geben ebenso Rätsel auf wie Superschurke Reddington selbst. Am Ende dieser Episode erhielt er kein Artefakt wie in den beiden vorangegangenen, doch dieses Mal ließ er tief in seine Seele blicken. Zum Beispiel, als er sich zu Beginn und zum Abschluss gegenüber seinem Protégé Elizabeth öffnete. Er bedankt sich für ihre Ehrlichkeit und zeigt sich ansonsten von seiner verletzlichen Seite. Jedoch nur gegenüber „Lizzie“, wie nur er sie verniedlichend nennt. Alle anderen bekommen den coolen, allzeit kalkulierenden, stets informierten „Red“ zu Gesicht, wie wir ihn kennen- und manche sogar lieben gelernt haben. Zwischendurch macht er allen Beteiligten unmissverständlich klar, wer am längeren Hebel sitzt: „Let me put your mind at ease: I never tell you everything.“ Oder reminisziert über vergangene Lebenserfahrungen: „I died once in Marrakesh. Two and a half minutes. You wouldn't believe what I saw on the other side.“
Das soll witzig sein und ist es auch - und ist gemeinsam mit der fortschreitenden Erzählung um Elizabeth das Sehenswerteste an der neuen Episode. Der Fall der Woche regt nämlich eher zum Abschweifen an. Dieser ist vollgestopft mit den üblichen Wendungen, Zufällen, unerklärlichen Erkenntnissen und überraschenden Einsichten. Wieder einmal stellt sich der Antagonist - Robert Knepper als schmerzbefreiter „The Courier“ - als wenig versierter Gegenspieler heraus, der genau wie seine Co-Verschwörerin Laurence Dechambou (Barbara Schulz) mit einfachsten psychologischen Mitteln zu bändigen ist. Sein Entführungsopfer wird in letzter Sekunde gerettet, er stirbt, „Red“ ist der Held, Cooper (Harry Lennix) und Ressler (Diego Klattenhoff) sind die Trottel. Alles beim Alten also.
Fazit
Wenngleich die neue Episode von The Blacklist eine beinahe exakte Kopie der vorherigen war, so war sie doch technisch anspruchsvoller umgesetzt. Die Verfolgungsjagd zu Beginn der Episode war durchaus sehenswert, genau wie der Kühlschrankfriedhof am Ende. Was in bisherigen Reviews etwas zu kurz kam, ist außerdem der gelungene Musikeinsatz. Niemals seicht, eher poppig und treibend kommt der Soundtrack daher und verleiht den Geschehnissen somit eine leicht aggressive Note.
Zudem überzeugen die Gastdarsteller. Kaum ein Bösewicht kann die Rolle des hundsgemeinen Ekelpakets so überzeugend ausfüllen wie Robert Knepper, vielen Lesern sicherlich bekannt als T-Bag in Prison Break. Sogar Charles Baker hat einen kleinen Auftritt. Er bleibt unvergessen als dauerzugedröhnter Oberjunkie Skinny Pete aus Breaking Bad. Ehrlich gesagt habe ich drei Anläufe gebraucht, um ihn in der aktuellen Episode zu erkennen, so ganz ohne Mütze und Hoodie.
Natürlich kommt es auch in dieser Episode wieder zu einigen logischen Ungereimtheiten, allen voran das Messgerät, das es offensichtlich nicht schafft, weitere subkutane Verstecke des „Courier“ ausfindig zu machen. Natürlich stellt sich auch die Frage, warum er genau an seinen Geburtsort zurückkehrt, wo natürlich als Allererstes nach ihm gesucht werden dürfte - und wo sich gleichzeitig auch das Versteck seines einzigen Faustpfandes befindet.
Diese Problematik hatten wir jedoch schon im letzten Review ausführlich besprochen. Was uns jetzt natürlich Zeit verschafft, über solche wichtige Fragen nachzudenken wie: Welche Faszination geht von der dauernden Darstellung gebrochener Knochen aus? Oder: Warum bekommen wir ständig in Wunden herumpulende Finger vorgesetzt? Für den Handlungsfortlauf ist die Beantwortung dieser Fragen natürlich von keinerlei Relevanz, also lassen wir sie einfach mal so im Raum stehen.
Für die ansehnlichen Actionsequenzen, die spannende musikalische Untermalung, den hübschen Wortwitz und den vorangetriebenen Handlungsbogen gibt es einige Pluspunkte. Die Tatsache, dass uns in der neuen Episode eine beinahe komplett abgekupferte Geschichte vorgesetzt wird, lässt diesen vorsichtigen Optimismus jedoch ganz schnell wieder zusammenschmelzen. „I'm betting on the long play. The future.“ Etwas anderes bleibt uns Zuschauern auch nicht übrig.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 22. Oktober 2013(The Blacklist 1x05)
Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x05
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