The Blacklist 1x04

Okay, liebe Leute, ich gebe mich geschlagen! Nach dem vierten Teil meines - auch sehr persönlichen - „Procedural“-Experiments will ich einsehen, dass es keinen Wert hat, hartnĂ€ckig auf den immer gleichen Logiklöchern herumzureiten. Diese scheinen untrennbar in die DNA einer solchen Networkserie verwoben zu sein, sie sind lebenserhaltender Bestandteil dieser ganz speziellen Dramaturgie. Dabei ist es unwichtig, ob sĂ€mtliche plot points inhaltlich kohĂ€rent daherkommen, die Nachvollziehbarkeit ordnet sich der dramaturgischen Schlagrichtung unter. Nach Sichtung von The Stewmaker stellte ich mir also zunĂ€chst die Frage, wie mit den kĂŒnftigen Reviews denn nun zu verfahren sei.
The simplest solution is often the right one
Sicherlich wĂ€re es nicht die beste Lösung, weiter im gewohnten Verfahren sĂ€mtliche inhaltliche UnzulĂ€nglichkeiten aufzuzĂ€hlen und die Serie dadurch stĂ€ndig abzukanzeln. Als reine Recaps - also NacherzĂ€hlungen - möchte ich diese Rezensionen jedoch auch nicht auslegen. Deshalb will ich fortan in kurzen Anmerkungen am Ende eines Sinnabschnitts mögliche Logikfehler kurz kommentieren. Ich habe verstanden: „Procedurals“ haben ihre eigene Logik, die nicht immer realistisch sein kann und will. Aber: Wie viele Kommentarschreiber richtig angemerkt haben, sollte „eine Serie in sich passend sein“.

Diese Aussage fĂŒhrt mich zu meinem ersten Kritikpunkt an der neuen Episode von The Blacklist. Die oberste PrĂ€misse der Serie ist, dass der König aller Superschurken, Raymond âRedâ Reddington (James Spader), dem FBI dabei behilflich ist, seinesgleichen zu fassen. In jeder Episode taucht ein neuer Bösewicht auf, der es bislang schaffte, dem obersten amerikanischen Inlandsgeheimdienst zu entgehen. Viele dieser Antagonisten sind dem FBI nicht einmal bekannt. In der neuen Episode wird nun Jagd auf die Nummer 161 auf Reddingtons âBlacklistâ, den âStewmakerâ, gemacht. Ihn umgibt eine solch mysteriöse Aura, dass nicht einmal âRedâ - der bisher eigentlich alles wusste - mehr weiĂ als dessen nom de guerre.
Zum Ende der Episode jedoch, als die Zeit drĂ€ngt, die entfĂŒhrte Elizabeth Keen (Megan Boone) aus den FĂ€ngen des âStewmakerâ zu befreien, da gelingt es sowohl Reddington als auch dem FBI, die wahre IdentitĂ€t ebenjenes dĂŒsteren Psychopathen innerhalb weniger Minuten herauszufinden. Der berĂŒchtigte âStewmakerâ alias Stanley R. Cornish (Tom Noonan), im ersten Leben ein Zahnarzt mit Familie und AusflugshĂŒtte, ist beim „Department of Motor Vehicles“ registriert, seine DNA-Proben befinden sich in der Datenbank der CIA und sogar die Aufenthaltsdaten seines Hundes hat er bei einer zentralen Meldestelle via eingepflanztem Ortungschip hinterlegt. Man könnte nun argumentieren, dass dies eine besonders tollkĂŒhne Form des hiding in plain sight sei. Als international renommierter Krimineller sollte jedoch selbst ein besonders unvorsichtiger Superschurke darauf achten, dass man ihn nicht innerhalb weniger Minuten aufspĂŒren kann.
Genau an dieser Stelle steht die Charakterzeichnung der SerienprĂ€misse also diametral entgegen. Hier schafft es die Serie nicht, „in sich passend“ zu sein. Sie widerspricht vielmehr ihren eigenen Vorzeichen. Der âStewmakerâ ist kein Superschurke, er ist eher ein Amateur mit der geistigen Reife eines AchtjĂ€hrigen, der zwar keine Spuren am Tatort hinterlĂ€sst, dafĂŒr aber nicht weiĂ, wie man eine Gefangene richtig fesselt und knebelt, sich auĂerdem auf ein kĂŒchenpsychologisches GesprĂ€ch mit seinem nĂ€chsten Opfer einlĂ€sst. Abseits all jener RealismusansprĂŒche beraubt sich The Blacklist dadurch seiner GlaubwĂŒrdigkeit, ebenjener inneren KohĂ€renz, derer sich selbst ein Network-Procedural nicht entziehen kann.
The stewmaker is in town. You're going to need a plumber.
So viel erstmal zur Kritik an der neuen Episode. Was passierte eigentlich sonst noch in The Stewmaker? In einer schönen Montage wird zu Beginn der Titelheld gezeigt, wie er den Tatort seines nĂ€chsten Mordes herrichtet. Die Parallelen zu Dexter sind dabei so augenscheinlich, dass ich sicherlich nicht der einzige war, der diese erkannt hat. Die Entsorgungsmethode ist jedoch eine gĂ€nzlich andere. Die SpezialitĂ€t des âStewmakerâ ist es, seine Opfer in einem fiesen Chemikaliengemisch vollstĂ€ndig aufzulösen und einfach den Abfluss runterzuspĂŒlen. Sein jĂŒngster Auftrag kommt von Drogendealer Hector Lorca (Clifton Collins Jr.), der sich eines unliebsamen Zeugen entledigen möchte, damit der Gerichtsprozess gegen ihn in sich zusammenfĂ€llt.

Reddington hatte zuvor Keen, die selbst als Zeugin im Prozess hĂ€tte auftreten sollen, angekĂŒndigt, dass ein solches Szenario eintreten wĂŒrde. Diverse Wendungen und plot points spĂ€ter befindet sich Keen selbst in der Gewalt des âStewmakerâ. Dank der im FBI-Training erlernten Verhandlungstaktiken gelingt es ihr jedoch, sich Zeit zu verschaffen und ihrem HĂ€scher sogar zu entkommen - bis schlieĂlich Reddington selbst der Nr. 161 den Garaus macht. An dieser Stelle wird noch einmal thematisiert, was schon in der Episode Wujing angedeutet wurde: âRedâ ist in keiner Weise daran interessiert, seinen Gegenspielern mit rechtsstaatlichen Mitteln zu Leibe zu rĂŒcken. FĂŒr ihn sind Rache und ein kurzer Prozess immer noch die höchsten Formen von âGerechtigkeitâ.
Weiterhin entfernt Reddington aus dem makabren Album des âStewmakerâ das Bild eines seiner zahllosen weiblichen Opfer. Offensichtlich kannte âRedâ die darauf abgebildete junge Frau. Noch gibt diese Aktion jedoch genauso viele RĂ€tsel auf wie die mysteriöse Nummer, die âRedâ am Ende der letzten Episode zugespielt wurde. Eventuell sammelt er bis zum Ende der ersten Staffel mehrere Artefakte zusammen, die dann zusammen ein schlĂŒssiges Mosaik ergeben könnten. Der ĂŒbergreifende Handlungsstrang um Elizabeths Ehemann Tom (Ryan Eggold) wird ebenfalls weitergefĂŒhrt. Er lĂ€dt seine gestresste Herzdame zu einem Kurzurlaub ein - ausgerechnet in das Hotel, dessen Adresse in einer gröĂtenteils zensierten Akte verzeichnet war.
Fazit
LĂ€sst man sich auf die ErzĂ€hlstruktur eines „Procedurals“ ein, so kann man an The Blacklist durchaus Gefallen finden. Ărgerlich wird es dabei nur, wenn Charakterzeichnung und SerienprĂ€misse zu weit auseinanderlaufen, was in The Stewmaker leider der Fall ist.
Vielleicht sollte aber auch das als „Procedural“-internes Dilemma angesehen werden. SchlieĂlich muss in jeder Episode einer dieser Superschurken aufgespĂŒrt und gefangengenommen werden. AbzĂŒglich Einleitungs- und Schlussteil und der obligatorischen Nebengeschichte bleiben da nur wenige Minuten, die der AufspĂŒrung der Gesuchten gewidmet werden können.
Technisch ist auch die neue Episode wieder routiniert umgesetzt. In den bisherigen Reviews hatte ich noch keine Gelegenheit, den Vorspann zu loben: kurz, prĂ€gnant, angemessen dĂŒster. AuĂerdem werden die Episodentitel eingeblendet, was Ă€uĂerst selten vorkommt bei amerikanischen Serienproduktionen. Weniger gefallen haben mir in dieser Episode wieder einmal die Spezialeffekte. Wenn man unbedingt eine Explosion haben muss, dann könnte man dafĂŒr doch wenigstens etwas mehr Geld ausgeben.
Einsparen könnte man diese Produktionsmittel beim Cast. Viele Schauspieler sind nicht mehr als Staffage. Reddingtons Securitylady Luli (Deborah S. Craig) hatte zum Beispiel seit der EinfĂŒhrung ihrer Figur in The Freelancer gefĂŒhlte zehn Sekunden Sprechzeit und taucht dennoch in allen Anfangscredits auf. Zur Ehrenrettung der Schauspieler eilt wieder einmal James Spader heran. Wie essentiell seine Rolle fĂŒr diese Serie ist, muss an dieser Stelle nicht noch einmal betont werden. Dabei sollte man jedoch beachten, dass sich die Drehbuchautoren bei der Modellierung seiner Figur offenbar besondere MĂŒhe geben. Kostprobe gefĂ€llig? „I have to keep up appearances. I'm a criminal. The minute I stop being one I become quite useless to you.“
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 21. Oktober 2013(The Blacklist 1x04)
Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?