The Blacklist 1x03

Was ist nur mit der guten alten Spionagearbeit passiert? Wo ist die Zeit geblieben, in der man Nachrichten mittels eines Fernsprechers und der aktuellen Ausgabe einer internationalen Tageszeitung verschlüsselte? In diese Ära kann man sich nach Sichtung von Wujing nur zurückwünschen. In die Ära von „Three Days of the Condor“ mit Robert Redford oder meinetwegen auch „Spy Game“ von Tony Scott. The Blacklist zerstört in seiner dritten Episode leider wieder all jene Glaubwürdigkeit, die sich die Serie gerade erst aufgebaut hatte.
I prefer to play with myself in private
Dabei fällt es wahrlich schwer zu bestimmen, welches groteske Drehbuchmanöver für dieses Urteil verantwortlich gemacht werden soll. Sind es die unzähligen Wendungen, die teilweise die Handlung in Sekundenschnelle in eine andere Richtung taumeln lassen? Sind es die lieblos gestalteten Bildschirmanimationen der abgefilmten Rechenmaschinen (auf einem dieser Laptops ist doch tatsächlich der Windows-Taskmanager zu sehen!)? Sind es die unglaubwürdigen und für die Handlung völlig irrelevanten Plot Points? Sind es die hanebüchenen Gründe, warum Keen und Reddington jedes Mal aufs Neue zur Zusammenarbeit gezwungen werden? Oder ist es der Ausblick auf ein staffellanges Rätselraten darum, ob „Red“ nun Elizabeth' Vater ist oder nicht, wobei dies jetzt schon mehr als offensichtlich ist?

Die Episode Wujing beginnt jedenfalls schon mit einer wahnwitzigen Aktion. Da wird ein CIA-Agent in Shanghai überfallen, er wird erschossen und die Angreifer entwenden seinen Laptop. Da sie wissen, dass der Zugang zu diesem Computer nur mittels biometrischer Datenerkennung möglich sein wird, schneiden sie ihm mit einem handelsüblichen Küchenmesser die Hand ab - in Rekordzeit! Entweder benutzen sie eines dieser Messer, das man nachts beim Teleshopping erwerben kann - und das sogar durch Metall schneidet! Oder der arme Agent hat als Kind vergessen, seine Milch zu trinken und hat nun die porösesten Knochen aller weltweit lebenden Mittdreißiger. Wenn man eine solche Geschichte erzählen will, warum erzählt man sie dann nicht wenigstens halbwegs realistisch? Man hätte auch einfach auf die Szene verzichten können, schließlich ist sie für den Handlungsfortlauf vollkommen unwichtig.
Die halbstaatlichen chinesischen Agenten scheitern jedenfalls mit ihrem Versuch, die neuartige Verschlüsselungsmethode des Laptops zu knacken und ihr nächstes Ziel auszumachen. Ihr Auftrag ist es nämlich, verdeckt operierende ausländische Agenten ausfindig zu machen und zu eliminieren. Ihr Anführer Wujing (Chin Han) weiß sich fortan nicht anders zu helfen, als Raymond „Red“ Reddington (James Spader) zu kontaktieren und ihn um Hilfe bei der Entschlüsselung zu bitten. Der wiederum ködert Elizabeth Keen (Megan Boone) und das gesamte FBI mit der Aussicht auf den Fang eines der meistgesuchten Cyberkriminellen der Welt.
Wieder einmal bedarf es einiges an Überzeugungsarbeit, um Keen zur Mitarbeit zu bewegen. Dieses Mal soll sie sich als Verschlüsselungsexpertin ausgeben und gemeinsam mit „Red“ den berüchtigten Agentenmörder Wujing dingfest machen. Der befindet sich - oh Wunder! - gerade zufällig in Washington, D.C. So ein Glück aber auch! Das Ende der Episode lässt uns Zuschauer denn zumindest erahnen, warum Reddington seine Missionen nicht einfach selbst durchführt, sondern ständig auf eine Beteiligung Keens drängt. Sie ist wohl seine Tochter, viel Interpretationsspielraum lässt ihre gemeinsame Szene jedenfalls nicht: „I will always do whatever I feel I have to do to keep you alive.“ Somit bewahrheitet sich wahrscheinlich eine der schlimmsten Befürchtungen aus der Auftaktepisode. Vielleicht sollte ich aber auch einfach meine vorlauten Theorien für mich behalten und die Hoffnung auf eine besonders kluge Wendung in dieser Frage nicht aufgeben.
You're smart. But our assistants are smarter.
In einem Bunker tief unter der Erde entspinnt sich dann eine Geschichte, die an hanebüchenen Wendungen kaum zu übertreffen ist. Da Liz kein Satellitensignal empfängt, muss sie einen USB-Stick am Laptop einer der Wujing-Adjutanten anbringen, damit der FBI-Techniker diesen per Fernsteuerung bedienen kann. „Red“ widmet sich also der Ablenkung von Wujing, während Liz das Remote Mirroring Program einsteckt. Ihr beziehungsweise dem von ihr dazwischengeschalteten FBI-Agenten gelingt es, das CIA-Programm (auf diverse Zuständigkeiten dieser beiden Bundesbehörden werde ich hier nicht weiter eingehen) zu entschlüsseln und die Identität des gesuchten Informanten zu enthüllen. Und siehe da: Der Architekt Henry Cho (Andrew Pang) befindet sich auch zufällig in Washington!

Wujings Schergen und das FBI befinden sich nun also auf der Suche nach Cho in einem Wettlauf gegeneinander. Beinahe gleichzeitig kommen sie auf der sehr baufälligen Baustelle an, auf der Cho gerade seinen Sohn herumführt. Einige nette Actionszenen später haben es Donald Ressler (Diego Klattenhoff) und Meera Malik (Parminder Nagra) geschafft, die Angreifer zur Strecke und Familie Cho in Sicherheit zu bringen. Doch das ist noch nicht Happy End genug, denn nun hat auch endlich das als Nikotinpflaster getarnte Ortungsgerät seinen großen Auftritt. Als Red und Keen von Wujing mitten in der Stadt abgesetzt werden, gelingt es ihr, das Pflaster am Geländewagen der Bösewichte anzubringen. Sekunden später befinden diese sich in Polizeigewahrsam.
Unterdessen geht das Rätsel um Tom Keen (Ryan Eggold) weiter. In einer schlaflosen Nacht hatte Elizabeth die in der Holzkiste befindliche Waffe abgefeuert und die Patrone zur Untersuchung dem FBI übergeben. Zurück bekommt sie nur eine Akte mit zensierten, weil streng geheimen Informationen. Ressler und Cooper (Harry Lennix) sehen hingegen den wahren Inhalt der Akte, enthalten dies jedoch dem Zuschauer. Zum wirklich schönen Abschlusssong sehen wir dann immerhin noch einmal den mysteriösen Apfelliebhaber, der sich die Geschehnisse in der verwanzten Keen-Wohnung zu Gemüte führt.
Fazit
Die Szene, in der die Wanzen in Elizabeth' Wohnung angebracht werden, fanden in der Review noch gar keine Erwähnung. Vielleicht, weil diese Szene in all ihrer Redundanz einfach zu viel des Guten war. Oder erzeugte sie bei irgendeinem Zuschauer etwa Spannung? Viel eher fühlte sie sich an wie ein Lückenfüller der übelsten Sorte: nicht spannend, nicht witzig, absolut überflüssig.
So wie weite Passagen von Wujing überflüssig waren. Dieser Umstand lässt sich bei einem Procedural, das 22 Episoden füllen muss, noch entschuldigen. Für eine einzelne Episode sind die zahlreichen Wendungen jedoch nicht zu erklären. Es muss doch möglich sein, eine Spionagegeschichte ohne sekündlich wechselnde Vorzeichen zu erzählen.
Wir dürfen jedenfalls gespannt sein, wie sich The Blacklist weiterentwickelt. In der zweiten Episode wurde ja bereits ansatzweise bewiesen, dass es möglich ist, eine stringente, nachvollziehbare, in sich geschlossene Handlung abzubilden. Wujing hat bei diesem Unterfangen - wenn es denn ein solches überhaupt je gegeben hat - auf ganzer Linie versagt. Die Episode verliert sich in Belanglosigkeiten, künstlich erzeugten Spannungsmomenten und hanebüchenen Plot-Twists. Ich fragte mich danach in Analogie zu Elizabeth Keen: „Why me?“
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 18. Oktober 2013(The Blacklist 1x03)
Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x03
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