The Blacklist 1x02

Auf in ein neues Abenteuer! Nach einjähriger SERIENJUNKIES.DE®-Zugehörigkeit werde ich nun zum ersten Mal mit der Reviewbetreuung eines Network-Procedurals betraut. 22 Episoden von The Blacklist warten auf ihre Beurteilung. Und siehe da: Nach dem eher mäßigen Auftakt kommt „Blacklist“ mit einer Episode um die Ecke, die bereits den Groove der neuen NBC-Dramaserie gefunden zu haben scheint. Keine Langeweile, ein cooler Soundtrack, Action, Gewalt, sogar eine Prise Selbstironie des überzeugenden Hauptdarstellers James Spader.
Safety First
Andererseits gibt es auch wieder die etwas zu vorhersehbare Wendung, den wenig originellen Haupthandlungsstrang und die zu unreflektierte Betrachtung von Folter im Dienste der Terror- oder Verbrechensbekämpfung. Das Ende der Episode The Freelancer erfreut sich zu sehr an seiner eigenen Montage, in der ebenjener Pathos zurückkehrt, den man über den Verlauf der gesamten Episode so gar nicht vermisst hatte. Die Spezialeffekte können auch nicht wirklich überzeugen, die Frage, ob man wirklich einen Zug entgleisen lassen muss, sollte immer auch eine Frage der Optik und des entsprechenden Budgets sein.

Die zweite Episode eröffnet mit einem musikalischen Evergreen. Zu den Klängen von „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones (das diese Season übrigens auch schon in der Pilotepisode von Sleepy Hollow für angemessen poppige Untermalung sorgte) wird Raymond Reddington (James Spader) von der sichersten aller FBI-black sites, einem Containerschiff, abgeholt. In riesigen Buchstaben prangt „Safety First“ auf dem Führerhaus des Ozeanriesen. Das darf getrost als Anspielung auf die Aufbewahrung Reddingtons auf hoher See verstanden werden. Von dort wird er jedenfalls in seinen Glaskäfig verfrachtet, dessen wahre Nützlichkeit sich mir bisher noch nicht wirklich erschließen wollte.
Reddington hat neue Hinweise auf einen bevorstehenden Terrorakt. Seine Bedingungen bleiben die gleichen: Er wolle weiterhin nur mit Elizabeth Keen (Megan Boone) verhandeln. Gleichzeitig versucht FBI-Agent Cooper (Harry Lennix), seiner Vorgesetzten aus dem Justizministerium, Jane Alexander (Diane Fowler), die Erlaubnis zur Zusammenarbeit mit Reddington abzuringen. Zu diesem Zeitpunkt lässt die Verhandlungsführerin noch keinerlei Bereitschaft erkennen, „Red“ irgendeine seiner Forderungen zu gewähren. Unter dem Eindruck der folgenden Ereignisse stimmt sie jedoch sämtlichen Forderungen zu - außer der wichtigsten, der vollen Immunität. Sie weiß, welche weitreichenden Folgen ihre Unterschrift haben könnte: „One day you and I will be talking about this moment in front of a Senate hearing. God help us.“
Glücklicherweise ist dies das einzige Mal, dass Gott in der neuen Episode angerufen wird. Immerhin als Halbgott wandelt Reddington unter den Normalsterblichen aka den FBI-Agenten, versorgt sie mit Halbwahrheiten und halbgaren Informationen, spricht in Rätseln und haut den einen oder anderen coolen Spruch raus. Er nutzt das FBI, um an die frühere Weggefährtin und jetzige Gegenspielerin Floriana Campo (Isabella Rossellini) heranzukommen. Vordergründig geriert sich Campo als Societylady und Kämpferin gegen Menschenschmuggel, in Wahrheit steckt sie selbst als Anführerin hinter dem ominösen „Eberhard-Kartell“.
Italian dog born with two heads
Reddingtons Plan geht auf, das FBI und allen voran Elizabeth Keen kommen gar nicht schnell genug mit der Aufarbeitung der diversen Verwicklungen hinterher. Deshalb wird den beiden unerklärlicherweise Verbandelten am Ende noch einmal kurze Gelegenheit zur Rekapitulation vergangener Ereignisse gegeben: „We never really know anyone, do we?“ Quasiphilosophisch arbeitet „Red“ also an der weiteren Etablierung seines sagenumwobenen Mythos. Auch für die verwirrende Situation mit Keens Ehemann Tom (Ryan Eggold) hat er einen vermeintlich nichtssagenden Hinweis übrig: „About the situation with Tom. Seems like you have two options. Either you turn him in or you confront him. Or perhaps you have a third option.“

Dabei stellen sich erneut die Fragen, die schon in der Auftaktepisode keine Antwort erhielten. Wozu braucht Reddington das FBI überhaupt? Hätte er Campo nicht einfach selbst ermorden können? Schließlich ging es ihm in diesem Fall nur um Rache für deren menschenverachtende Untaten. Was ist sein Ziel? Ist es wirklich nur die Erlangung der Immunität? Oder zieht er eine dunkle Faszination aus der Tatsache, dass er die staatlichen Strafverfolgungsbehörden nach eigenem Gusto an der Nase herumführen kann? Was ist seine Verbindung zu Elizabeth? In den letzten genannten Punkten bin ich durchaus bereit, mich erst am Ende der Staffel aufklären zu lassen. Eine Frage stellt sich trotzdem noch - und die stellt Reddington in einem gigantischen Anflug von Selbstironie gleich selbst: „What is it with you and hotel rooms and pens in people's necks?“
Eine gelungene Pointe und ein schönes Gegenstück zur sonst immer coolen und unantastbaren Facon des Superschurken. Am Ende der Episode wacht Tom dann aus seinem künstlich induzierten Koma auf und stellt Elizabeth vor die Frage, wie mit ihm weiter zu verfahren sei. Sie entschließt sich, die mysteriöse Holzkiste erst einmal wieder im Esszimmerboden verschwinden zu lassen und wird sofort für ihre Gutgläubigkeit belohnt. Auf einem Video für die Adoptionsvermittlung spricht Tom in höchsten Tönen von seiner Ehefrau. „What if I were to tell you that all the things you've come to believe about yourself are a lie?“ Tja, kleine Elizabeth, was denn nun glauben?
Fazit
Die zweite Episode von The Blacklist findet die richtige Mischung zwischen Drama, Action, Mysterium und Humor. Spader gibt seinen Reddington weiterhin als coolste Socke unter der Sonne, bekommt von den Drehbuchautoren dieses Mal jedoch auch wirklich ein paar coole Sprüche in den Mund gelegt. Die Begrüßung seiner angeforderten Sicherheitstruppe gerät sehr europäisch, FBI-Agent Donald Ressler (Diego Klattenhoff) wird von „Red“ gewarnt: „Watch yourself with her, Donald. She hates men.“
Die Serie krankt zwar weiterhin an typischen Network-Procedural-Kleinigkeiten. Wie schon in der Auftaktepisode wird zu viel gesprochen und erklärt. Die Schauspieler bekommen kaum Gelegenheit, mit ihren darstellerischen Fähigkeiten zu überzeugen, sondern sind ständig damit beschäftigt, auch dem letzten Zuschauer zu erklären, was gerade vor sich geht. Ärgerlich ist weiterhin, dass mit der Folterproblematik so nonchalant umgegangen wird. Der Zweck heiligt eben nicht immer die Mittel, das sollte auch in einer politisch anspruchslosen Serie wenigstens angedeutet werden.
Wettgemacht werden diese Mängel in The Freelancer durch ausgefeiltere Dialoge und ein hübsches Zusammenspiel zwischen Spader und Boone. Auch die Nebencharaktere bekommen Gelegenheit, ihr Profil zu schärfen, allen voran Harry Lennix als Harold Cooper. Außerdem taucht Isabella Rossellini auf. Und immer dort, wo Rossellini auftaucht, ist schauspielerische Qualität zugegen.
Abgesehen von den wenig überzeugenden Spezialeffekten kann die Episode mit ihrer technischen Umsetzung punkten. Die Actionsequenzen sind entsprechend des modernen Standards mit einer nervösen Handkamera eingefangen, die Ausstattung wirkt weniger glatt als in der Auftaktepisode. Und Spader im Dreiteiler macht eine außerordentlich gute Figur. Er trägt die Serie und wird dies auch in Zukunft tun.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 17. Oktober 2013(The Blacklist 1x02)
Schauspieler in der Episode The Blacklist 1x02
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