The Americans 6x07

© b Philip (Matthew Rhys) noch trauriger werden kann als hier? Wahrscheinlich ja. (c) FX
Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Stan Beeman (Noah Emmerich) weiß, wer seine Nachbarn in Wirklichkeit sind. Aber er kann es noch nicht beweisen. Auf diese Erkenntnis, auf das Licht, das Stan aufgeht, haben wir seit dem Start von The Americans vor über fünf Jahren gewartet. Die lange Wartezeit hat sich gelohnt. Drehbuchautorin Sarah Nolen und Regisseur Stefan Schwartz machen aus der Enthüllung ein packendes Stück Fernsehunterhaltung, wobei lediglich eine leicht fragwürdige Entscheidung getroffen wird: Warum schließt Stans Erkenntnisprozess die Episode nicht ab?
American Dream
Alles beginnt mit einer Ausrede zu viel. Nachdem Philip (Matthew Rhys) am Ende von Rififi beschlossen hat, seiner Ehefrau in Chicago zur Hilfe zu eilen, muss er nun eine weitere Notlüge auftischen und das ausgerechnet an Thanksgiving, einem der seltenen Feiertage, an denen Henry (Keidrich Sellati) zu Hause ist. So viel Vernachlässigung macht Stan stutzig und er versucht es zunächst auf die freundschaftliche Art. Vielleicht hegt er dabei noch gar nicht den Verdacht, der sich am Ende immer weiter erhärten wird. Aber er weiß schon, dass etwas Gravierendes mit dem Ehepaar Jennings nicht stimmt.
Philip findet zunächst eine passende Ausrede, wobei er sein Unglück über den Niedergang seines Unternehmens kurzfristig in etwas Positives umwandeln kann, wenn auch nur für den Moment. Genau für solche Situationen ist er ausgebildet worden, allerdings lässt er wohl ein wenig außer Acht, dass sein Nachbar und Freund nicht minder gut ausgebildet ist. Stans Stärke liegt jedoch auf einem anderen Gebiet, dem leisen Zuhören und den behutsamen Nachfragen. So wird aus dem Verdacht, den er hat, während der Gespräche mit Philip und Henry langsam, aber sicher furchtbare Gewissheit.
Emmerich spielt diese Szenen mit sensationeller Gelassenheit. Überhaupt ist diese Episode ein Wunderwerk der stillen Kompetenz. Jede Kameraeinstellung ist nahezu perfekt modelliert, das Licht fällt immer genau so, wie es gebraucht wird, die Schauspieler bekommen in langen Sequenzen die Gelegenheit, ihr Können auszubreiten. Die Geschichte kommt ohne viele Worte aus, was natürlich eines der Merkmale der größten Fernsehdramen ist. Abgesehen von Stans Gesprächen hätte man die Episode wohl auch gänzlich stumm ausstrahlen können, wir hätten das meiste allein anhand des darstellerischen Mienenspiels verstanden.

Es braucht für Stan noch ein bisschen mehr als nur Philips plötzliches Abreisen und Henrys Offenbarung, seine eigene Familie nicht zu kennen, um aus dem Anfangsverdacht mehr zu machen. Aber der Zufall, dass ausgerechnet in der Zeit, in der Philip und Elizabeth (Keri Russell) nicht da sind, in Chicago der vom FBI observierte russische Agent Harvest stirbt, ist zu groß, um ignoriert zu werden. Also übertritt Stan endgültig die Grenze zwischen Theorie und Faktischem, als er beschließt, ins Haus seiner Nachbarn einzubrechen und sich dort umzuschauen.
Business comes first
Er findet keine konkreten Beweise, hat aber den richtigen Riecher, als er zum Beispiel den Sicherungskasten im Keller abtastet. Wüsste er die richtige Tastenkombination, hätte er bereits alles gefunden, was er für eine Überführung der „Americans“ braucht. So allerdings behält er seine Theorie noch für sich, was momentan noch nachvollziehbar ist, weil er ja wirklich gar keine Beweise hat, sich jedoch nicht allzu lange aufrechterhalten lässt, ohne als plot device identifiziert zu werden. Diesbezüglich genießt das Autorenteam der Serie jedoch mein vollstes Vertrauen.
Die einzige kleine Schwäche der ansonsten brillanten Episode ist die merkwürdige Struktur. Die meisten anderen Serien würden die genialen Parallelhandlungsbögen von Stan und dem Ehepaar Jennings in Chicago an das Ende einer Episode oder gar einer ganzen Staffel setzen - und das zu Recht. Nolen allerdings lässt die Episode mit den Erkenntnissen enden, die Philip und Elizabeth aus der spektakulär schiefgelaufenen - aber meisterhaft inszenierten - Operation in Chicago gewonnen haben. Zwar scheint vor allem Elizabeth sehr froh zu sein, auf Philips Hilfe zählen zu können, aber sie weiß auch genau, dass dies für ihn eine echte Qual ist.
Also beschließt sie, ihrer Tochter Paige (Holly Taylor) einen Ausweg zu bieten. Mehrmals betont sie ihr gegenüber, dass das Agentendasein eine Verpflichtung auf Lebenszeit ist. Für noch wichtiger hält sie die Aussage, dass Philip dahingehend eine schwere Fehlentscheidung getroffen habe. Aber das hätte sich Elizabeth überlegen müssen, bevor sie Paige über Jahre hinweg indoktriniert hatte. Nun ist es zu spät - Paige ist tatsächlich schon felsenfest davon überzeugt, dass sie mit ihrer Arbeit die Welt zum Besseren verändern kann. Philip könnte ihr darüber ein ganzes Liederbuch singen.

Er hingegen nutzt die Stille im Haus, durch das kurze Zeit vorher noch sein bester Freund und ärgster Feind gestreift war, um an bessere Zeiten mit Elizabeth zurückzudenken, ihre geheime Hochzeit nämlich. Der Gesichtsausdruck, den er dabei aufträgt, legt jedoch nahe, dass er keine echte Möglichkeit mehr sieht, an diesen glücklicheren Ort zurückzukehren. Das dürfte sich sowieso bald erledigt haben, wenn er nämlich bemerkt, was Stan gerade verstanden hat. Geht jetzt alles ganz schnell? Oder bekommen wir noch eine Verschnaufpause vor dem großen Showdown?
What are you afraid of?
Wie es auch kommen mag - es müsste wahrlich mit dem Teufel zugehen, würden mich die ausstehenden drei Episoden nicht so glücklich machen wie die bisherigen der exzellenten sechsten Staffel. Besonders schön an dieser Episode sind die vielen callbacks an weit zurückliegende Ereignisse, zum Beispiel an das Finale der ersten Staffel, in dem Elizabeth von Stan angeschossen wurde und dann zur angeblichen Tante Helen aufbrach, um nicht enttarnt zu werden. Oder der alte Fall aus der Episode Gregory (1x03) um die verschwundene Ehefrau eines ermordeten illegals, den Stan nun wieder aufrollt.
Oder die letzten Worte von William Crandall (Dylan Baker) im Finale der fünften Staffel, die Stan wieder einfallen, als er durchs Jenning'sche Haus streift. Der einem tödlichen Virus erliegende russische Spion sprach damals von einer typisch amerikanischen Familie, deren weibliches Oberhaupt besonders hübsch sei. Das kann natürlich auf unzählige Zielpersonen zutreffen, aber in Stans immer enger werdendem Theorierahmen wäre das ein weiterer zu großer Zufall. Darin genügt es zum Beispiel auch schon, zu erfahren, dass die beiden Haupttäter in Chicago eine weiße Frau und ein weißer Mann waren, um einen weiteren Hinweis zu verbuchen.
Über die brillante Inszenierung von Regisseur Stefan Schwartz habe ich bereits geschrieben, eine Szene soll trotzdem noch gesonderte Erwähnung finden, weil sie die grausamste und schwerverdaulichste ist, seit Philip einem Leichnam die Knochen brach, um ihn in einen Koffer zu quetschen. Dieses Mal schlägt er der toten Agentenkollegin Marilyn (Amy Tribbey) mit einer Axt Hände und Kopf ab, damit sie nicht identifiziert werden kann - inklusive aller grausiger audiovisueller Details, die zu einem solchen Horrorakt gehören. Auf Elizabeths Gesicht ist dabei deutliche Erleichterung zu erkennen, dass sie nicht diejenige sein muss, die die Axt schwingt.
Die Episode Harvest, auf die wir jahrelang gewartet haben, hält alles, was die Serie versprochen hat. Nun wünsche ich mir nichts sehnlicher, als sofort die letzten drei Folgen sehen zu können. Die hohe Qualität der Abschlussstaffel von The Americans schmeckt allerdings bittersüß: Allzu schmerzlich wird uns bewusst, dass bald eine der ganz großen Dramaserien der Fernsehgeschichte abtritt.
Trailer zur nächsten Episode von „The Americans“, „The Summit“ (6x08):
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 10. Mai 2018The Americans 6x07 Trailer
(The Americans 6x07)
Schauspieler in der Episode The Americans 6x07
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?