The Americans 6x06

© lizabeth (Keri Russell, l.) begutachtet einen kurzfristig ausgeheckten Plan. (c) FX
Es ist bemerkenswert, mit wie viel Selbstvertrauen die The Americans-Showrunner Joel Fields und Joe Weisberg ihre Geschichte in der sechsten und letzten Staffel zu Ende erzählen. Nach den vermeintlich revolutionären Umwälzungen der letzten Episode schicken sie in Rififi ihre Autoren Stephen Schiff und Justin Weinberger vor, um eine Episode zu lancieren, die so gar nicht dem entspricht, was die vorherige erahnen ließ. Sie ist ruhig, fokussiert auf die Hauptfiguren, emotional aufwühlend, aber überhaupt nicht turbulent.
Not great
Das mag angesichts der geringen Anzahl ausstehender Folgen überraschend sein - aber nur, wenn man die Serie für etwas anderes hält als in den ersten fünf Staffeln. Ihr Interesse lag meist eher auf den Charaktermomenten, auch wenn die vielen spektakulären Actionszenen, die tolle Musik und die wunderbaren Perücken davon ablenken konnten. Dementsprechend hätte man durchaus erwarten können, dass sich Philip (Matthew Rhys) und Elizabeth (Keri Russell) fortan nur noch spinnefeind sein werden. Ihre Beziehung ist aber weit komplexer als das - sie sind vorrangig nicht Kollegen, sondern Ehepartner.
Das führt zu der irre widersprüchlichen Entscheidung, die Philip am Ende der Episode trifft. Über deren Verlauf hat er zwar vieles getan, um die Tätigkeiten seiner Ehefrau zu unterminieren. Als sie jedoch in tödliche Gefahr gerät, muss er nicht lange überredet werden, um sie aus dieser misslichen Lage zu befreien. Daraus entsteht unendlich packendes Dramafernsehen, wie wir es auf emotionaler Ebene kaum jemals gesehen haben. Dort spielen sich auch die innerfamiliären Konflikte mit den beiden Jennings-Kindern ab, die ihren vorläufigen, tragikomischen Höhepunkt bei Stans Thanksgiving-Party finden.
Stan (Noah Emmerich) steckt dank seines Kollegen - und Freundes, obwohl das im Büro kaum zu spüren ist - Aderholt (Brandon J. Dirden) wieder knöcheltief in der Spionageabwehr. Der gewaltsame Tod von Gennadi und Sophia durch Elizabeth war eventuell gar nicht völlig umsonst. Bei Gennadi hat das FBI nämlich ein Teil gefunden, das bei der Konstruktion der Sensoren verwendet wird, nach denen der Center so lechzt. Diese Spur hat die Ermittler nach Chicago geführt, zu einem illegal mit dem Codenamen „Harvest“. Stan soll in Washington nun eintönige Fleißarbeit erledigen, um dort ähnlich operierende Schläfer zu finden.

Zunächst hat es den Anschein, als habe er darauf wenig Lust, was unter anderem zu der grandiosen Szene mit dem mail robot führt, in der Emmerich und Dirden ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen. Am Thanksgiving-Tisch holt Stan aber überraschend zu einer Wutrede gegen die Kommunisten aus, die sowohl seine Aufrichtigkeit wie auch seine Naivität entlarvt. Er mag ein stolzer Patriot sein, der beinhart davon überzeugt ist, für die richtige Seite zu kämpfen - ein besonders guter FBI-Agent ist er aber leider nicht. Uns beschert das uns immerhin eine weitere urkomische Szene.
Nothing new to report
Die Tischgesellschaft teilt sich ziemlich genau in prorussische und proamerikanische Kräfte auf, mit ein paar Graustufen dazwischen. Philip hat sich beispielsweise größtenteils aus dem Agentendienst zurückgezogen und opponiert nun in zunehmendem Maße gegen die eigene Ehefrau. Paige (Holly Taylor) hingegen steht erst am Beginn ihrer Agentenkarriere, muss in ihrem Eifer aber schon oftmals von ihrer Mutter zurückgepfiffen werden. Über Renee (Laurie Holden) wissen wir noch nichts Entscheidendes, aber es käme mittlerweile einer faustdicken Überraschung gleich, würde sie nicht bald als russische Agentin enttarnt.
Aufseiten derjenigen, die ihre wahre Identität nicht verschleiern müssen, sitzen Stan, die Aderholts und Henry (Keidrich Sellati), der eine besondere Rolle in dieser Episode einnimmt. Größtenteils in Abwesenheit von uns Zuschauern hat er sich zu einem bemerkenswerten jungen Mann entwickelt, der genau zu wissen scheint, was er will - und der auch nicht davor zurückschreckt, es sich auf eigene Faust zu besorgen. Für Philip bedeutet dies eine kleine Demütigung, weil sein Sohn überall davon erzählt, wie schlecht es um seine Firma steht. Er könnte ja aber auch ein bisschen stolz auf Henrys Eigenständigkeit sein.
Für dieses Gefühl ist im Repertoire von „sad Philip“ aber momentan offensichtlich kein Platz. Sein Nervenkostüm ist so fragil, dass er bei einer Carrera-Partie öffentlich ausflippt (wobei die Serie einen der zwei im Kabelfernsehen limitierten „fucks“ der Episode verbrät). Henry wundert sich darüber nicht sonderlich, schließlich kennt er seine Eltern ja. Die haben für ihn wohl nie das allerglücklichste Paar abgegeben, was vielleicht auch daran liegt, dass sie ihn stets haben links liegen lassen. Im Gegensatz zu Paige hat er deshalb nie sonderlich um ihre Anerkennung gebuhlt.

Als ihm solche Aufmerksamkeit plötzlich doch zuteil wird, horcht er auf. Den wahren Grund von Elizabeths Anruf kennt er natürlich nicht, aber er ist auch nicht der wahre Adressat ihrer Worte, was die ganze Angelegenheit noch ein wenig trauriger macht. Ja, Elizabeth hat sich auch an ihren Sohn gewandt, um ein letztes Mal mit ihm zu sprechen, bevor sie bei der gefährlichen Operation in Chicago möglicherweise ihr Leben verliert. Vorrangig geht es ihr aber darum, Philip zu stecken, dass sie Unterstützung gebrauchen könnte. Ebendiese bekommt sie am Ende der Episode.
Grateful for everything we have
Es wird wohl nicht dazu kommen, dass Elizabeth oder Philip in Chicago ums Leben kommen. Allerdings könnte es sein, dass sie dort enttarnt werden - oder eben durch Stans mühsame Kleinarbeit. Auffällig ist angesichts nur noch vier ausstehender Episoden auch die Tatsache, dass mit Elizabeths Umgarnung des Senatorenpraktikanten Jackson (Austin Abrams) ein weiterer neuer Handlungsbogen eingeführt wird. Dieser könnte durchaus im dramaturgischen Nichts versanden, aber das ist eigentlich nicht der Stil der Serienmacher. Langsam rennt ihnen allerdings die Zeit davon.
Angesichts der zurückliegenden Episoden dieser sechsten Staffel bin ich leicht zwiegespalten, was ich mir für die letzten vier wünsche. Soll es ein atemloses Finale werden, wie zum Beispiel in Breaking Bad? Oder sollen unsere Lieblingsagenten auf das Ende des Kalten Krieges zusteuern, ohne sich jemals gegenseitig zu enttarnen? Wäre es ein Affront, würde Stan auf alle Ewigkeit in der Ahnungslosigkeit belassen werden? Oder ist das Autorenteam richtiggehend dazu verpflichtet, uns an der Enttarnung von Ehepaar Jennings teilhaben zu lassen?
Unabhängig davon, wie all diese Fragen beantwortet werden, steht für mich bereits fest, dass The Americans einen Platz im Olymp der Dramaserien sicher hat. Vielleicht ist sie auch die letzte ihrer Art, der letzte Vertreter einer aussterbenden Zunft, die möglich gemacht wurde durch die „Sopranos“, durch Walter White, die Mad Men und The Wire. Sollte dem so sein, müssen wir nicht traurig zurückblicken, sondern können - in den Worten Stans - ganz einfach dankbar sein.
Trailer zu Episode 6x07 der US-Serie „The Americans“, „Harvest“:
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 4. Mai 2018The Americans 6x06 Trailer
(The Americans 6x06)
Schauspieler in der Episode The Americans 6x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?