The Americans 6x02

The Americans 6x02

Die zweite Episode der sechsten Staffel von The Americans schlägt ruhigere Töne an, büßt aber nichts von der Intensität des Auftakts ein. Zu den Klängen von Tchaikovsky erhält Paige weitere wertvolle Spionagelektionen von ihrer völlig ausgelaugten Mutter.

Die vielen Gesichter der Elizabeth J. (Keri Russell, r.) - Teil I (FX)
Die vielen Gesichter der Elizabeth J. (Keri Russell, r.) - Teil I (FX)
© ie vielen Gesichter der Elizabeth J. (Keri Russell, r.) - Teil I (FX)

Nach nur zwei Episoden der sechsten und letzten Staffel von The Americans dürfte klar sein, dass Joel Fields und Joe Weisberg nicht vorhaben, ihre ideologisch gefestigste Hauptfigur zu irgendeinem Zeitpunkt vor den Konsequenzen ihrer unzerbrechlichen Überzeugtheit zu bewahren. Elizabeth Jennings (Keri Russell) kennt nur eine Geschwindigkeit: Vollgas für das Vaterland. Was das mit ihrer Gesundheit und ihrem Privatleben anstellt, spielt keine Rolle. Solange Mutter Russland gedient ist, bleibt alles andere nachrangig.

Trying to do the right thing

Es ist ebenjene unverrückbare Ideologie, die Elizabeth weiterarbeiten lässt, während ihr Ehemann Philip (Matthew Rhys) längst Reißaus genommen hat - und das zu keinem Zeitpunkt bereut. Bereits in der Auftaktepisode musste sie einen brutalen Mord begehen, um einen Fehler ihrer Tochter Paige (Holly Taylor) geradezurücken. Nun ist es eine Fehleinschätzung ihrerseits, die abermals dazu führt, dass sie sich mit dem Blut eines ermordeten Fremden besudelt. Vielleicht merkt sie ja bald selbst, dass ihr Arbeitspensum ihre Tatkraft zu übersteigen droht...

Vom Center bekommt sie einen weiteren Auftrag, der sich zu den unzähligen gesellt, die sie miteinander in Einklang zu bringen hat. Dies führt zu einem Wiedersehen mit General Rennhull (Victor Slezak), den wir in der ersten Staffel noch als Colonel kennengelernt hatten. Damals war es Philip, der mit ihm in Kontakt trat, um sich sagen zu lassen, dass die amerikanische Strategic Defense Initiative (SDI) ein aussichtsloses Unterfangen sei, das nur zu einem weiteren Wettrüsten führen werde.

Dieses Mal steht Philip allerdings nicht zur Verfügung - und genau darin liegt das Problem. Da er schon einmal mit Rennhull in Berührung kam, hätte er dieses Mal besser als Elizabeth einschätzen können, wie viel Druck man auf den General ausüben kann. Mit dieser Information hätte eventuell verhindert werden können, dass Elizabeth in eine lebensbedrohliche Situation gerät. Aber für solcherart genaue Vorbereitung fehlt ihr wohl schlicht die Zeit - und auch, wie schon in der vorherigen Episode gesehen, die Konzentration. Ihre körperliche und geistige Niedergeschlagenheit wird langsam, aber sicher zu einer echten Bedrohung.

Die vielen Gesichter der Elizabeth J. (Keri Russell) - Teil II (FX)
Die vielen Gesichter der Elizabeth J. (Keri Russell) - Teil II (FX) - © Die vielen Gesichter der Elizabeth J. (Keri Russell) - Teil II (FX)

Gegenüber Paige kann und will Elizabeth eine solche Schwäche nicht zugeben. Die ehrgeizige Nachwuchsspionin nutzt ihre Freizeit, um sich in Buchhandlungen nach Recherchematerial umzusehen, wobei die Frage aufkommt, ob Sex tatsächlich als Waffe beziehungsweise Verführungsmittel eingesetzt wird. Elizabeth verneint das trotzig, was keine besonders nachhaltige Strategie ist, da Paige eher früher als später die Wahrheit erfahren wird. Hier klopft wohl das Herz der Mutter lauter, die ihre Tochter noch ein wenig länger vor den dunkelsten Kapiteln der Realität verschonen möchte.

End this

Es ist ein seltener Moment, in der Elizabeths undurchdringliche Ideologiefassade einmal aufweicht. Ansonsten geht sie stoisch ihrem Dienst nach, der die Koordination mehrerer Operationen beinhaltet. Zum Beispiel trifft sie sich mit einem Kontaktmann in der Cafeteria des Außenministeriums, weil der sie für eine Mitarbeiterin hält. Beinahe wird sie jedoch vom Wachdienst und einem besonders aufmerksamen Tourguide als Einschleicherin enttarnt - und das nur, um die spärliche Information zu bekommen, dass enge Vertraute von US-Präsident Reagan befürchten, er könne bald senil werden.

Immerhin wird dabei bestätigt, dass Reagan die SDI immer noch für eine gute Idee hält, was ja schon Jahre vorher von Rennhull verneint wurde. Der Versuch, von ebenjenem General einen sogenannten lithium-based radiation sensor zu erpressen, mündet jedoch in bereits erwähntem Chaos. Paige wird dabei erstmals zur Zeugin der ganzen Bandbreite der mörderischen Fähigkeiten ihrer Mutter. Zwar war sie schon einmal bei einem Mord dabei, aber der geschah aus reiner Notwehr und hatte nichts mit den Spionageaktivitäten zu tun. Elizabeths blutverschmiertes Gesicht dürfte da schon einen nachhaltigeren Eindruck bei Paige hinterlassen.

Wir steuern gnadenlos auf das Endspiel der Serie zu, und Elizabeth trägt daran mit Abstand am schwersten. Wie Kollege Sepinwall ganz richtig beobachtet, hat selten jemand beim Rauchen so unglamourös ausgesehen wie die nun dauermüde Spionin. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie für solch schnöde Dinge wie die schönen Künste keinen Nerv übrighat, wenngleich sie daran wohl auch in ruhigeren Zeiten kein Interesse hätte. Tchaikovsky ist eben nur was für schöngeistige Waschlappen.

Die vielen Gesichter der Elizabeth J. (Keri Russell) - Teil III (FX)
Die vielen Gesichter der Elizabeth J. (Keri Russell) - Teil III (FX) - © Die vielen Gesichter der Elizabeth J. (Keri Russell) - Teil III (FX)

Entsprechend irritiert schaut Elizabeth in den luftleeren Raum, als Claudia (Margo Martindale) eine Schallplatte des russischen Jahrhundertkomponisten auflegt und einen kleinen Einblick in dessen traurigen Lebensweg gibt: „His mother died when he was young and his life was full of loneliness.“ Das ist eine schöne Spiegelung von Elizabeths Wunsch aus einem früheren Zeitpunkt der Episode, Claudia möge Paiges Ausbildung fortsetzen, sollte ihr etwas zustoßen. Ihre Ideologiefestigkeit reicht eben bis über den eigenen Tod hinaus.

That's a new one

Weniger dramatisch geht es derweil bei Philip zu, der sich lediglich mit einem verlorenen Stammkunden auseinandersetzen muss. Von der Kontaktaufnahme mit Oleg (Costa Ronin) hört man hier nichts mehr, auch gegenüber seiner Ehefrau macht er keinen weiteren Versuch, davon zu erzählen, obwohl sie ihm mit ihrer Entschuldigung ob ihrer brüsken Zurückweisung aus der letzten Episode eine Chance dazu gibt. Vielleicht hat er sich ja überlegt, dass es doch erst mal besser wäre, eine etwaige Kooperation mit dem ehemaligen Kollegen geheimzuhalten. Vielleicht ist deswegen seine Stimmung gegenüber seines Mitarbeiters Stavos (Anthony Arkin) so gereizt.

Immerhin schafft es Henry (Keidrich Sellati), seinen Vater ein wenig aufzumuntern. Ob er der einzige ist, der die Serie lebend übersteht? Und ob er bis zum Schluss nichts von der wahren Herkunft seiner Eltern erfährt? Bislang lassen sich Fields und Weisberg diesbezüglich nicht in die Karten schauen, ähnlich wie bei Stan (Noah Emmerich) und dem neuen Chef der FBI-Spionageabwehr Aderholt (Brandon J. Dirden), deren Operation rund um Sofia (Darya Ekamasova) und Gennadi (Yuri Kolokolnikov) zu platzen droht, weil sie sich scheiden lassen will.

Die Hoffnung bleibt bestehen, dass dieser Handlungsbogen irgendwie mit dem um die übrigen Hauptfiguren in Verbindung gebracht wird. Alleine kann er nämlich nicht genug interessantes Material hervorbringen, wie wir bereits in der fünften Staffel feststellen konnten. Bis auf diese kleinen Schwächen, die sich ja noch in Stärken wandeln können, hat die sechste Staffel mit den ersten beiden Episoden aber einen glänzenden Start hingelegt, der schon jetzt kaum noch Raum für ein positives Ende offenlässt. Aber damit dürfte sowieso kaum jemand gerechnet haben.

Trailer zu Episode 6x03 der US-Serie „The Americans“, „Urban Transport Planning“:

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 5. April 2018

The Americans 6x02 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 2
(The Americans 6x02)
Titel der Episode im Original
Tchaikovsky
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 4. April 2018 (FX)
Autoren
Joel Fields, Joseph Weisberg
Regisseur
Matthew Rhys

Schauspieler in der Episode The Americans 6x02

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