The Americans 4x12

The Americans 4x12

Als wäre es vom Seriengott persönlich eingeflüstert worden, holt das Kreativteam von The Americans alles, was irgendwie möglich ist, aus seinen verfahrenen Situationen heraus. Belohnt werden wir mit solch herausragenden Episoden wie A Roy Rogers in Franconia.

Der zentrale Familienkonflikt wächst sich immer mehr zu einer Krise aus. / (c) FX
Der zentrale Familienkonflikt wächst sich immer mehr zu einer Krise aus. / (c) FX

Seit genau einem Jahr und zwei Monaten - in realer Zeit, nicht erzählter Zeit - weiß Paige Jennings (Holly Taylor) nun schon, dass ihre Eltern russische Spione sind. Ganze 15 Episoden sind seit der Ausstrahlung von Stingers (3x10) vergangen, und trotzdem liefert diese große Enthüllung den Showrunnern Joel Fields und Joe Weisberg, die das Drehbuch für A Roy Rogers in Franconia verfassten, weiterhin herausragendes dramatisches Material. Sie wären schön blöd, würden sie das nicht ausnutzen.

Think good thoughts

Und wie elegant, wie gekonnt sie es nutzen! Zu oben genannter Enthüllung gesellen sich seit Beginn der vierten Staffel stetig weitere, was angesichts Paiges Aufgewecktheit nicht verwunderlich ist. Am Ende von Dinner For Seven musste sie schockiert dabei zusehen, wie ihre Mutter Elizabeth (Keri Russell) zwei Angreifer in die Flucht schlug und einen davon tödlich verletzte. Dieses einschneidende Erlebnis ist dann auch das größte Thema im Jennings'schen Haushalt, wobei der bemitleidenswerte Henry (Keidrich Sellati) einmal mehr außen vor gelassen wird.

Paige kann kaum fassen, wovon sie da gerade Zeugin geworden ist. Sie weiß gar nicht, wohin mit ihren Gefühlen und fragt Elizabeth, ob es nicht angebracht wäre, die Polizei zu rufen. Überdies will sie wissen, ob es wirklich nötig gewesen wäre, den Angreifer umzubringen. Zufriedenstellende Antworten erhält sie darauf nicht, weshalb sie weiter bohrt. Hat ihre Mutter davor schon einmal getötet, und wenn ja, wie oft? Hatte sie Angst dabei? Diese letzte Frage wird später noch einmal in einem anderen Zusammenhang auftauchen, wenn Paige offenbaren wird, wieviel sie vom Handwerk ihrer Eltern bereits versteht.

Was an ihrer Figur am meisten fasziniert, ist die Gleichzeitigkeit von Eingeschüchtertheit und Kompetenz. Paige verfügt ganz offensichtlich über großes Spionagetalent, ist aber auch mit festen moralisch-ethischen Überzeugungen aufgewachsen, die ihr teilweise von den Menschen eingeimpft wurden, die ihr am nächsten stehen. Dieser ständige Kampf zweier scheinbar widersprüchlicher philosophischer Konzeptionen bricht nun immer öfter aus ihr heraus, wie eine weitere wunderbare Szene zwischen ihr und Elizabeth verdeutlicht.

Nach einer Nacht, in der sie kaum Schlaf gefunden hat, wird Paige von ihrer Mutter abermals zu ihrem Befinden befragt, was sogleich die nächste Runde peinigender Fragen lostritt. Schnell entlarvt sie Elizabeths immergleiche Parolen als Propaganda: „You never answer my questions.“ Niemals erfahre sie die ganze Wahrheit. Also bleibt Elizabeth nichts anderes übrig, als - wie zuvor schon Philip (Matthew Rhys) - ihrer Tochter einen Einblick in die eigene Vorgeschichte zu geben.

It's not logical, it's emotional

Sie erzählt von ihrem Aufwachsen in Smolensk, einer Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört gewesen sei. Sie glaubt, ihren Kampfgeist damals gelernt zu haben, von der Widerborstigkeit der Überlebenden: „I always wanted to be like that, fight back. Dangerous didn't matter.“ Es ist eine Lebensrealität, wie sie Paige niemals kennengelernt hat, die von Elizabeth aber so eindringlich beschrieben wird, dass sie dafür ein Verständnis entwickeln kann. Das geht sogar so weit, dass sie ihrer Mutter ein zurückhaltendes Lächeln schenkt, nachdem die ihr glaubthaft versichert hat, ihr den Ort ihrer Kindheit gerne einmal zeigen zu wollen - was natürlich niemals geschehen wird.

Zur grandiosen Melange der beiden scheinbar widersprüchlichen Gefühlslagen kommt es, als Matthew Beeman (Danny Flaherty) vorbeischaut, um mit Henry Videospiele zu spielen. Während Elizabeth PB&J-Brote zubereitet, horcht ihre Tochter den Nachbarsjungen aus, der zufällig Sohn eines FBI-Anti-Spionage-Agenten ist. Der Blick, den Paige währenddessen ihrer Mutter zuwirft, ist ein ebenso vielsagender wie gruseliger: Wie alle anderen Kinder sucht sie damit die Bestätigung eines Elternteils - mit dem feinen Unterschied, dass sie nicht etwa Sport treibt oder ein Musikinstrument spielt, sondern spioniert.

Das alles ist brillantes dramatisches Fernsehen, wobei der Höhepunkt dieser Episode noch gar nicht erreicht ist. Zwischen Paige und Matthew hat sich nämlich mehr entwickelt als eine rein platonische Freundschaft, wobei nicht ganz auszuschließen ist, dass Paige diese Gefühle nur vortäuscht, um noch besser im Spionieren zu werden. In einer grandios witzigen Szene küssen sich die beiden schüchtern, was Paige hernach in knappstmöglicher Form kommentiert: „Okay.“ Dem erstaunten Matthew bleibt da nicht viel anderes übrig, als mit der selben Kurzaussage zu antworten.

Zurück im Elternhaus findet Paige ihre Sprache wieder, wobei sich die ganze Schizophrenie ihrer momentanen Existenz Bahn bricht. Wie es zu ihrer vermeintlichen Pflicht geworden ist, berichtet sie, dass Stan (Noah Emmerich) seit zwei Tagen nicht mehr zu Hause war. Schon zuvor hatte Elizabeth befürchtet, dass ihre Tochter den nie verliehenen Job viel zu ernst nimmt, weshalb sie und Philip nun deutliche Worte finden: „Don't do anything because of us.“ Hier wechselt Paige wieder in den renitenten Modus: „You always say we'll get through this but you never say how.

Do you trust me or not?

Ihre Renitenz zeitigt die gewünschte Wirkung. Nachdem Philip einen Anruf angenommen hat, der ihm die Übergabe des gefährlichen Lassa-Virus signalisiert, erzählt er Paige auf deren Drängen hin, was nun passieren wird. Ihr Kommentar dazu ist ebenso knapp wie niederschmetternd: „Great.“ In dieser Szene kulminieren sämtliche Handlungsbögen der Episode, wobei gleichzeitig ein Cliffhanger für die erwartbar atemlosen Ereignisse des Staffelfinales ausgebreitet wird. Fields und Weisberg können sich zu einem weiteren Geniestreich gratulieren.

Im Zentrum der übrigen Erzählstränge stehen Figuren, denen das Leben in diesem erdrückenden Berufsfeld zuviel geworden ist. William (Dylan Baker) gibt zu Beginn gegenüber Philip ganz ehrlich zu, dass er es nicht schaffe, das Lassa-Virus aus dem Labor zu schmuggeln, nur um kurze Zeit später vom unnachgiebigen Gabriel (Frank Langella) mit der mittlerweile berühmten „one last thing“-Ansprache zu ebenjener Aktion überredet zu werden. Baker spielt die verzweifelte Gebrochenheit seiner Figur hervorragend.

Stan Beeman erhält indes einen wertvollen Tipp von Oleg Burov (Costa Ronin), dessen eigene Verzweiflung über den gesamten Verlauf dieser Staffel behutsam aufgebaut wurde und nun, mit dem Abschied seiner Kollegin und Geliebten Tatiana (Vera Cherny) und der Erkenntnis, dass die russische Technologie mit der amerikanischen nicht mithalten kann, ihren Höhepunkt erreicht. Für Stan könnte dieses Kooperationsangebot zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen, ist er doch damit beschäftigt, den mail-robot-clusterfuck aufzuräumen.

Nun, da das FBI weiß, wer William wirklich ist, und sich dieser auf dem Weg zu einem Treffen mit Philip befindet, können wir davon ausgehen, dass es in der Finalepisode besonders heiß zugehen wird. Vielleicht hat es Martha, deren Eltern von Gabriel per Telefon ein kurzes, leidenschaftsloses Update über ihr Wohlbefinden erhalten, ja doch gar nicht so schlecht getroffen. Für uns Zuschauer gilt hingegen: Je tiefer The Americans ins Schlamassel rutschen, desto besser für uns.

Trailer zu Episode 4x13: 'Persona Non Grata'

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 2. Juni 2016

The Americans 4x12 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 12
(The Americans 4x12)
Deutscher Titel der Episode
Lassafieber
Titel der Episode im Original
A Roy Rogers in Franconia
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 1. Juni 2016 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 29. September 2017
Autoren
Joel Fields, Joseph Weisberg
Regisseur
Chris Long

Schauspieler in der Episode The Americans 4x12

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?